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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-05 · 18 (5.5.1893) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
18 (5.5.1893)
Date
1893-05-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Svte 338 Oesterrrichifchr Wochenfchrip Nr. 18 über beide habe ich mich gelegentlich wohl scharf genug ausgelassen, . aber mich zum Antisemiten stempeln wollen, kann nur Dummheit oder \ Bosheit wollen. Oder glauben Sie, lieber Herr Crohn, daß es überhaupt einen Menschen geben könne, der bei einem anderen in schrecklichster Noth Hilfe sucht und demnächst ihn seines Glaubens halber verunglimpft, statt ihm lebenslängliche Dankbarkeit entgegen zu tragen? Also, geehrter Herr Crohn, fasten Sie bezüglich meiner Angelegenheit einen Entschluß. Wollen Sie mir Helsen, dann beschleunigen Sie die Sache, so gut es geht. Erlaubt es ihre Zeit nicht und stehen Sie der Sache nicht sympatisch gegenüber, so muß ich mich auch fügen. Nur daß Verleumdung mir bei Ihnen schaden solle, würde mir leid thun. Sollten Sie mir helfen, so werden Sie doch nicht von mir verlangen, daß ich das geringste gegen meine Ueberzeugung thun soll, aber das verspreche ich Ihnen auf Ehrenwort, und das halte ich auch, wenn Sie sich von mir wenden: jede religiöse Intoleranz bekämpfe ich bis zum letzten Athemzuge! Wie Ihre Entschließung auch ausfallen möge, die Versicherung kann ich Ihnen geben, daß Ihre Freundschaft, wie ich sie seit acht Jahren genoß, einer der schönsten Lichtblicke in meinem sonst ziemlich düsteren Leben sein wird. Besten Gruß H. Ahlwardt." Aus den uns vorliegenden Schriftstücken und Briefen der Folgezeit ergibt sich, daß Herr Crohn zusammen mit fünf anderen Herren christlicher und jüdischer Confession ein Comite bildete, um durch „vertrauliche Bitte an edle Menschenfreunde" (dieser Aufruf dattrt vom 3. Februar 1885) eine Summe zusammenzubringen zu dem Zweck, Ahlmardt von Wucherschulden zu befreien. In einem späteren Briefe vom 14. October 1885 bekundet Ahlwardt dem Adressaten, daß „jetzt Gott sei Dank!" seine Angelegenheiten definitiv ihre Erledigung finden. Er ruft in dem Brief die Verwendung des Adressaten für einen Freund an. (?) Denn es^ sei ihm ja mehr als ausreichend bekannt, daß für den Adressaten das Leben nur insofern Werth habe, als er seinen Mitmenschen nützen könne. „Ist doch meine und der Weinigen Rettung auch Dein Werk." Der Brief schließt; „Ich hoffe, daß Du bald iy Berlin sein wirst, um Dich an dem Glücke, daß ich durch Dich bereits erlangt habe, und was ich für meinen Freund durch Dich erhoffe, zu erfreuen, da ja die Freude an einem vollbrachten guten Werke von jeher Dein einziger Lebensgenuß gewesen ist. &■ "’ Mit herzlichem Grüß Dem H. Ahlwardt." SorialdemoKraten und Antisemiten. Im deutschen Reichstage geriethen am 28. v. M. Socialdemokraten und Antisemiten gelegentlich der Berathung des Wuchergesetzes hart aneinander. Von socialdemokrarischer Seite wurde durch Anführung einer Reihe folgender Thatsachen der Nachweis geführt, daß der Wucher eine von gewissen antisemitischen Kor-yphaen sehr geschätzte Institution ist und von denselben schwungvoll betrieben wird. Die Herren L ir b ermann von Sonnenberg und B ö ck e l, welche durch diese Angriffe direct betroffen erscheinen, gaben ihrer Wuth durch die gemeinsten Schimpfereien Ausdruck, die der Präsident nur mühsam einzudammen vermochte. Der Ahlwardtismus macht Schule. Der deutsche Reichstag ist in Gefahr, daß die Antisemiten in demselben den gleichen Ton schamlosester Rohheit und Gemeinheit einbürgern, der im österreichischen Parlament durch die Herren Lueger, Geßmann und Schneider schon längst eingeriffen ist. Im Nachfolgenden geben wir die bemerkenswerthesten Episoden aus der Debatte wieder: Der socialdemokratische Abgeordnete Stadthage» constatirt, daß der Abgeordnete Lieber mann von Sonnenberg sich ebenso scharf gegen den christlichen wie gegen den jüdischen Wucher wende. Aus antisemitischen Kreisen sei noch nicht das geringste Vernünftige hervorgegangen; Herr Liebermann von Sonnenberg hat zwar seiner Zeit den Gedanken vertreten, ein Zinsfußmaximum festzusetzen, er wisse aber noch nicht, wie verkehrt solche Vsrkehrsbeschränkungen stets gewirkt haben. Er hat damals ausdrücklich erklärt, daß er sich in erster Linie gegen den jüdischen Wucher wende, positive Vorschläge zur Bekämpfung des Wuchers habe er nicht gemacht Mit der ihm eigenen Furcht vor Wahrheitsliebe behauptete er gestern — Vicepräsident Dr. Baumbach: Ich kann nicht zugeben, daß einem Mitglied des Hauses Furcht vor Wahrheitsliebe vorgeworfen wird. (Heiterkeit.) Abg. Stadthagen (sortfahrend): Herr Liebermann hat auch bei der Berathung dieses Gesetzes keine Vorschläge gemacht, er hat überhaupt nicht gesprochen, da darf man doch wohl sagen, daß es eigenthümlich ist, daß die Antisemiten so gewaltig gegen den Wucher predigen und hier kein Wort zu sagen wissen. Die Antwort, die mir Herr Liebermann auf meine Frage gab, wie man denn die Juden erkennen könne, verdient keine Erwiderung, sie muß! einfach tiefer gehängt werden. Wenn Herr Liebermann v. Sonnenberg von seinem berühmten Namen spricht, so mag er ja vielleicht alte Documente darüber haben, ich könnte neuere über den Gegenstand aus den Tisch des Hauses niederlegen (Heiterkeit), aber ich will nicht in den Fehler verfallen, von Documenten zu reden, die man zu Hause hat, aber nicht zeigen will. Der Abgeordnete hat gestern vom Stamm Israel gesprochen. Ich weiß nicht, was das mit dem Wuchergesetz zu thun hat, noch weniger klar ist mir, was er mit seiner Statistik beweisen will. Wer Statistik treibt, soll sie erst verstehen lernen. In den statistischen Arbeiten des Herrn v. Scheele ist ein ganz anderes Resultat geboten; da zeigt cs sich, daß eben ein größerer Procentsatz Juden als Christen Handel treiben und daß, wenn man die Zahl der wucherischen Kaufleute vergleicht, noch einige Christen mehr als Juden h erauskommen. Die Bestimmungen des Gesetzes kann ich nicht ganz billigen, speciell der § 302 6 sollte auch den Antisemiten bedenklich sein, denn er erlaubt unter Umständen die Verfolgung wegen Wuchers gegen denjenigen, der in den Versammlungen gegen 20 Pfennig Entree spricht unter Benützung der Unersahrenheit oder des Leichtsinns Andrer. Was beweist denn das Material der Antisemiten? Ich habe darüber einige Nachforschungen. angestellt, dabei wurde mir an einem -gesagt.: LVärLU.Sie>.uitr. 14. Tagk.-früher Hekommw,4$) hätten Sie einen Wucherer aus Frankfurt gefunden; dieser Wucherer trug denselben Namen, wie der Abg. Böckel. (Abg. Böckel: Das ist eine Gemeinheit!) Vicepräsident Dr. Baumbach i Herr Abg. Böckel, ich muß Sie für diesen Zwischenruf zur Ordnung rufen. Abg. Böckel: Ich kann die Ehre meines Vaters nicht beleidigen lassen, wer das thut, der ist ein Schuft. Vicepräsident Dr. Baumbach: Ich rufe Sie für diesen Ausdruck zum zweitenmal zur Ordnung. Abg. Stabthagen (fortsahrend): Wenn Wucher die Ausbeutung der Nothlage ist, so müßte man es auch als Wucher bezeichnen, wenn ein Mädchen, das sich hingegeben hat, nicht die entsprechende Gegenlei st ung empfängt und die Alimente ersteinklagenmuß. (Heiterkeit bei den Socialdemocraten.) Soll man da erst sagen, ein solcher Wucher ist nur strafbar, wenn das gewerbsmäßig passirt? Wohin würden wir z. B. kommen, wenn eine derartige Ausbeutung der Nothlage erst dann strafbar würde, wenn sie üblich wird! Wohin würde man z. B. kommen, wenn man in Marburg allgemein dieser Auffassung huldigte (Heiterkeit), wo es ja auch vorgekommen sein soll, daß Jemand die eigene Frau hinschickte, um die Vertheidigung im Alimenten proceß zu führen. (Hört! hört!) Herr Dr. Böckel hat mir vorgeworfen, ich hätte die antisemitische Partei bezichtigt, Wucher zu treiben. Ich wäre gern bereit, auf alle Fälle, nicht nur in Berlin, sondern auch in Steglitz, Lichterfelde u. s. w. einzugehen und einige Herren zu nennen, die mit der antisemitischen Partei Fühlung haben. Ich habe nur gesagt, ich würde es lebhaft bedauern, wenn im Hause, abgesehen von der antisemitischen Partei, irgend Jemand wäre, der den Wucher nicht nach jeder Richtung hin verurtheilt. In der That wäre es sehr bedauerlich, wenn ein anständiger Mensch nicht den Wucher in jeder Form verurtheilt. Ich kann allerdings irgend eine Empfindung.

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