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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-05 · 18 (5.5.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
18 (5.5.1893)
Date
1893-05-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 336 Vesterreichischr Wochenfchrifl Nr. 18 des erwähnten Gesetzentwurfes an die vorherige Genehmigung der Krone gebunden. Die Anerkennung der treuen, patriotischen Haltung der Juden in Ungarn entspricht demnach durchaus den Anschauungen unseres erhabenen Monarchen. Kaiser Franz Joses ist ein gerechter und edelsinniger Herrscher. Vor Jahren schon, gelegentlich eines Empfanges einer Deputation der Temesvarer israelitischen Gemeinde, hat der Kaiser den hingebenden Patriotismus, die opferwillige Vaterlandsliebe der Juden anerkannt mit den Worten: „Ich weiß, daß die Juden gute Patrioten sind." Das Gesetz über die Reception der Juden in Ungarn codificirt nur einen chatsächlich schon bestehenden Zustand. Unsere Glaubensgenossen jenseits der Leitha erfreuen sich de Facto der vollsten Gleichberechtigung mit den anderen Consessionen in allen Belangen des öffentlichen Lebens. Es bestand nur die einzige Ausnahme, daß der Uebertritt vom Christenthum zum Judenthum nicht gestattet war, weil das letztere nicht zu den recipirten Religionen gehörte. Auch dieser einzige Vorbehalt wird nunmehr schwinden. Es ist begreistich, daß die Reception der Juden unsere ausbeuterischen Antisemiten mit grimmer Wuth erfüllt und daß sie die hochherzigen Absichten der ungarischen Regierung in der niedrigsten Weise zu verdächtigen suchen. So behauptet das „Deuffche Volksblatt", daß das Receptionsgesetz deshalb vor dem Gesetze über die allgemeine Religionsfreiheir eingebracht worden sei, weil die Juden eine Prüfung ihrer Glaubensdogmcn um jeden Preis verhindern wollten. Der Einwurf ist zu läppisch, als daß er einer ernsthaften Widerlegung bedürfte. Man kann allenfalls den Talmud verdächtigen, weil die antisemitischen „Gelehrten" ihn nicht zu lesen wissen, die Glaubenslehre der Juden aber ist aller Welt bekannt, sie gipfelt in der Anerkennung eines einen und einzigen Gottes und in dem von der christlichen Religion adoptirten Zehngebot. An dieser Lehre vermöchte nicht einmal ein Areopag von Antisemiten etwas auszusetzen. Das Zeugniß des Monarchen und das Zeugniß der ungarischen Regierung sprechen für die Inden. Dieses Zeugniß besagt, daß unsere Glaubensgenossen sich den Dank des Vaterlandes verdient haben, daß ihr Patriotismus über jeden Zweifel erhaben sei. An diesem lapidaren Ausspruch vermag die antisemitische Lumpenbande nicht zu rütteln und nicht zu deuteln, wenn sie nicht die Krone selbst unlauterer Gestnnungen zeihen will. Regrerungsrskh Prof. Dr. Johann Schnitzler. Die tief erschütternde Nachricht von dem jähen Hinscheiden des Regierungsrath es Prof. Schnitzler verbreitete sich heute in der Mittagsstunde rasch in ärztliche und andere gesellschaftliche Kreise, überall Ueberraschung und innige, wahre Trauer hervorrufend. Vor wenigen Tagen noch in vollster Thätigkeit, ein Bild männlicher Kraft, liegt der berühmte Arzt nunmehr aus der Bahre. Das freundliche Antlitz, das gutmüthige Auge, es soll uns nicht mehr begegnen, die Freundeshand nicht mehr gereicht werden. Die vielen Pläne, die seinen lebhaften Geist stets beschäftigten und alles Gute und Schöne förderten, sollen unausgeführt bleiben. Denn so viel auch der Verblichene geleistet zu haben .sich rühmen konnte, größer noch war das Streben nach neuen Erfolgen, nach neuen Zielen, rerum novarum cupidus. Warum wir in diesen Blättern dem College» und Freunde in Dankbarkeit und Anerkennung vorliegende Zeilen zum Scheidegruß nachsendeil? Weil wir hier die Prinzipientreue, die Anhänglichkeit an seine Familie und an seine Glaubensbrüder hervorheben, weil wir hier ausdrücklich anführenwollen, daß Regierungsrath Schnitzler trotz derbeneidenswerthen socialen Stufe,die er erklommen, trotz der ausgezeichneten Stellung, die er in hohen und höchsten Kreisen einnahm, sein Judenthum hochhielt, diesem stets zur Ehre gereichen wollte. In einer Zeit, wo die Spitzen der Intelligenz aus nichtigen oder gar Bequemlichkeits- oder Utilitatsgründen dem alten Glauben untreu werden, wo der Uebertritt oft nur als Modethorheit, als Sport angesehen wird, da wollte er erst recht als Jude gelten und seine Zugehörigkeit zum Judenthum declariren. Bei seiner Stellung und bei seinen mannigfachen socialen Beziehungen war Schnitzler in der Lage, in seiner Person die Ehre des Judenthums. zu wahren. Schon im Jahre 1863 war er klinischer Assistent bei Meister Oppolzer, vielleicht der erste Jude an der hiesigen medicinischen Schule. Daß er als,-ausgezeichneter Arzt sich einen weitverbreiteten Ruf verschaffte, der seinen Namen in der ganzen civilisirten Welt bekannt machte, daß er als. Mann der Wissenschaft diese nach vielen Richtungen hin förderte, daß er alZ langjähriger Herausgeber eines medicinischen Blattes viel zur Popularisirung der Medicin und zur Hebung des-ärztlichen Standes beitrug, daß er als Lehrer an der Universität eine große Anzahl von Schülern aus aller Herren Ländern heranbildete, wollen wir nur nebenbei anführen. Eines seiner wesent-' lichsten Verdienste aber, bildet die Gründung der allgemeinen Poliklinik, deren Director er im letzten Decennium war. Die Geschichte von der Gründung der Poliklinik, von der nothwendig gewordenen Errichtung einer solchen, verdiente hier eine ausführliche Mittheilung. Doch möge nur eine kurze Andeutung genügen. Einige junge Docenten, die sich in der ärztlichen Praxis und in der Wissenschaft einen Namen erworben, standen vor dem gemeinschaftlichen Mangel eines passenden Locales für ihre gut besuchten Vorlesungen und Experimente. Docendo discimus. Je häufiger die Vorlesungen unterbleiben mußten, desto stärker trat der Forscherdrang und desto mehr der Wunsch nach Entfaltung regelmäßiger Lehrthätigkeit hervor. Die Professoren, welche Hörsäle und Kliniken innehaben, die heati possidentes, gestatten nicht jedem Docenten, dieselben zu ihren Vorlesungen zu benützen. Aus welchen Kreisen diese Zurückgesetzten sich recrutirten, bedarf hier keiner weiteren Erörterung. Kein Wunder, daß sie sich eines Tages zusammenthaten, einen Salon des refiises, eine allgemeine Poliklinik eine Humanitäls- und Lehrstätte zu errichten. Der Wurf gelang. Die früher obdachlosen Docenten entfalteten eine rege wissenschaftliche Thätigkeit, das Institut blühte, und die Träger desselben -erweiterten ihr Wissen, waren zielbewußte Förderer ihrer Wissenschaft und vielgesuchte Aerzte. Sie waren unparteiisch, suchten und fanden Talente, die sie nach jeder Richtung hin zu stützen sich bemühten, und errangen trotz mannigfachen Kampfes Erfolg auf Erfolg, es entwickelte sich allmählig eine Schule für gewisse medicinische Fächer. Am 12. Juni 1884 wurde Schnitzler zum Director der Poliklinik gewählt. Hiebei war sein Organisationstalent, sein Jdeenreichthum, seine bisherigen Leistungen, maßgebend. Man erkannte/ daß nur er imstande sein wird, das Schisflein auf offener, stürmischer See zu lenken, das Institut, das--er mitbegründete, zu Glanz und Ehren zu bringen. . Und seitdem Schnitzler seine Stelle als Director antrat, machte die Anstalt ungeahnte Fortschritte. Nur zwei Decennien sind seit der Gründung jenes kleinen Vereines verflossen, und jetzt erhebt sich in der Mariannengasse ein stolzer Bau, eine glanzvolle Stätte für Unterricht und Humanität, ein Werk, düs Zeugniß ablegt für Energie und Einigkeit, für humanen Sinn und Mildthätigkeit, eine großartige Anstalt, die bisher blos als Muster dient, aber noch in keiner Stadt erreicht wurde. Die Thatkraft des Directors Schnitzler/ freilich im Vereine mit einigen arbeitwilligen College», feiert hier einen wahren Triumph. Daß allüberall, wo Wohlthätigkeit und Humanität geübt wird, unsere Glaubensgenossen in erster Reihe stehen, ist allbekannt. Auch die Jahresberichte der Poliklinik führen ganze

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