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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-05 · 18 (5.5.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
18 (5.5.1893)
Date
1893-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ar. 18 X. Jahrgang. Men, 5. Mar 1893» V- Centralorgan für die gesammten Interesten des Iudenthums. - f K. k. Postspminjflmamt Clraringvrrkrtzr Nr. 810.076. Drdsrtton und Adniinistralion: Wien Frsnr Josefs-Nnsi Nr. 8. Telephon>Nr. 6535. — Eigrnihümrr: Reichsraths-Abgeordneter Dr. Kloch. Erscheint jeden Freitag. Man sdonnirt bei allen Postanstattrn dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigru; Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Die Regierung und die Jungczechen. — Treue Patrioten. — Regierungsrath Professor Dr. Johann Schnitzler. — ° Generalversammlung der „isr Allianz" in Wien. — Ahlwardts Ehrenwort. — Socialdemocraten und Antisemiten. — Ein sechshundertjähriger Gedenktag. — Freiheit, Liebe und Menschlichkeit. — Basedow und der Unterricht bei den Juden in Frankreich und Deutschland im 13. Jahrhundert. — Correspondenzen: Wien, Tarnow, Kolin, Svetla, Kuttenberg, Ung.-Hradisch, Berlin. — Vermischtes: Wien, Ischl, Neudek, Buczacz, Raudnitz a. E., Bukarest, Kairo. — Feuilleton: Emigration III. — Fürstengunst V. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Me Regierung und die Iungrzechen. Am letzten Montag haben sich im hiesigen Josefstädter Theater empörende Scandalscenen abgespielt. Ein Haufe deutsch-nationaler Antisemiten hatte in den Logen, im Parterre und aus den Galerien Platz genommen und suchte durch Pfeifen, Johlen und Stampfen die Eröffnungs-Vorstellung der czechischen National-Truppe zu stören. Unter den lautesten Tumultuanten, von denen bei 40 verhaftet wurden, befanden sich auch zwei antisemitische Redacleure. Der antisemitische Character des Scandals ist damit zur Genüge erwiesen. Während nun die Anhänger des „Deutschen Volksblattes" in Wien, angeblich zur höheren Ehre des Deutschlhums, czechische Schauspieler ausgepfiffen und verhöhnten, reiste der Abgeordnete Schneider, der Freund Vergani's und der gehätschelte Liebling des „Deutschen Volksblattes", in Böhmen umher, um, wie er in offener Landtagssitzmn angekündigt hatte, im Vereine mit Genossen Vasaty's die czechische Bevölkerung gegen die Juden auszuhetzen. Der Antisemitismus ist nicht wählerisch, er sucht seine Bundesgenossen, wo er sie findet, — heute unter den Wiener Burschenschaftern, morgen unter den czechischen Sokolisten. Selbst baar jeder ethischen Empfindung, ist ihnen das nationale Gefühl Mittel zum Zweck und Herr Schneider escamotirt Deutschthum und Czechenthum mit derselben Gewandtheit, wie er Stimmzettel und Stampiglien fälscht. In der „freisinnigen" jungczechischen Partei sitzen neben philosemitischen Mitgliedern auch Freunde des Meister Stampiglius friedlich beisammen; der Parteileitung kommt diese Zusammensetzung zu Gute, — für die jüdischen Altczechen die jungczechischen Antisemiten als Ruthe, für die jüdischen Jungczechen der Philosemitismus einiger Parteigenossen als Belohnung. Vor acht Tagen veröffentlichten wir eine Unterredung des Abgeordneten Doctor Z a l u d mit dem Eigenthümer der „Narodni listy", Herrn Julius Gregr, in welcher dieser erklärte, daß er in seinem Blatte der Judenhetze in Kolin entgegentreten werde, zugleich aber erwarte, „daß die Juden ihre Pflicht gegenüber dem Lande, in welchem und dem Volke, unter welchem sie leben, erfüllen werden." Die Jungczechen betrachten demnach die Judenfrage ausschließlich vom nationalpolitischen Standpunkte aus. Sie sind die Freunde derjenigen Juden, welche sich ihnen anschließen, und sie bekämpfen jene Juden, welche auf Seite der Altczechen stehen. Der Antisemitismus bildet eine jungczechische Parteipeitsche. Zu diesem Zwecke verschreibt man sich aus Wien den Ernst Schneider, veranlaßt man Judenhetzen, wie die in Kolin und erklärt sich bereit philosemitisch zu werden, wenn die Juden endlich „sich dem Volke anjchließen". Fast muß es scheinen, daß den böhmischen Juden kein anderer Ausweg bleibt, als für die Gunst der Jungczechen den gewünschten Preis zu zahlen, nachdem von keiner maßgebenden Seite den Hetzern das Handwerk gelegt wird. Die Polizei hat die Ruhestörer im Josefftädter- Theater mit anerkennenswerther Energie dingfest gemacht, Ernst Schneider aber darf seine Hetzereien in Böhmen ungestört betreiben. Die Erfahrung hat gelehrt, daß eine derartige Agitation unabsehbare Folgen nach sich ziehen kann. Mit einer Frivolität sondergleichen hat Schneider im Voraus bekannt, zu welchem Zwecke er sich nach Böhmen begebe. Gesetzt beit Full, der Koliner Bezirk wäre ein Herd der socialisiiscyen Propaganda und irgend ein socialistischer Agitator würde im Vorhinein ankündigen, daß er dahin reise, um dort die Anarchie zu entfesseln und friedliche Staatsbürger an Gut und Leben zu bedrohen, würde die Regierung eine solche Reise ruhig zugelassen haben? Gewiß nicht! Sie würde mit der Macht eingeschritten sein und ein solches Vorhaben verhindert haben. Ernst Schneider aber bleibt unbehelligt. Der jungczechische „Polaban" in Kolin darf ungestraft Brandartikel gegen die Juden veröffentlichen. Wenn der Abgeordnete Julius Gregr die Gesinnungen seiner Landsleute richtig gekennzeichnet hat, dann laufen nur die alt czechischen Juden Gefahr, geprügelt zu werden. Es sind also gerade die treuesten Anhänger der Regierung, die Mitglieder einer Regierungspartei, gegen welche sich die von Schneider betriebene Hetze richtet. Und dennoch sieht die Regierung diesem Treiben mit verschränkten Armen zu, statt den Mann, der längst für einen anderen Sitz, als jenen eines Abgeordneten reif ist, in Flagranti zu fassen und nach Gebühr mit ihm zu verfahren. „Treue Patrioten." Der Motivenbericht zu dem von der ungarischen Regierung soeben eingebrachten Gesetzentwurf über die Reception der Juden, enthalt den bedeutsamen Ausspruch, daß „die Juden in Ungarn im Laufe der letzten 35 Jahre sich als so treue Patrioten erwiesen und sich auf allen Gebieten der nationalen Cultur in so hervorragender Weise ausgezeichnet haben, daß dieses Gesetz nur eine Dankesschuld abträgt, indem es auch den jüdischen Glaubensgenoffen die gleichen Rechte mit den übrigen recipirten Religionen einräumt." Auf Grund des Programmes, mit welchem das Ministerium Wekerle ins Amt getreten ist, war die Einbringung

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