Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 17 (28.4.1893)
- Date
- 1893-04-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 17 Vesterreichifche Wockzenfchrift Seite 331 Dank für die großen, unschätzbaren Dienste auszusprechen, die Sie mir und der Armee, die ich zu commandiren die Ehre hatte, erwiesen." „Gnädigster Prinz!" erwiderte Wertheimer sich tief verbeugend. „ich danke unterthänigst für diese huldreiche Anerkennung. Ich will es offen gestehen, ich glaube meine Pflicht mit der Anspannung aller meiner Kräfte erfüllt zu haben; — aber höchst Sie überschätzen denn doch meine Leistungen". „Wenn Sie nicht eine falsche äußere Bescheidenheit, die ich nicht liebe und die ich von Ihnen nicht erwarte, diese Worte sprechen läßt, so unterschätzen Sie sich und Ihre Wirksamkeit. Ich liebe erheuchelte Bescheidenheit nicht, sie ist ebenso wie jede andere Unwahrheit verwerflich. Ich setze eine unparteiische Beurtheilung, sei es der eigenen oder feemder Thaten, über Alles. Ich beurtbeile mich selbst nicht milder und nicht strenger, als ich einen Andern beurtheile und ich würde nicht meine wahre Ansicht aussprechen, wenn ich es läugnen wollte: daß ich durch des allmächtigen Gottes Hilfe, vor Belgrad eine That vollbracht, wie sie in der Kriegsgeschichte nicht oft erzählt wird; — ich habe mit vierzigtausend Mann eine fünfmal stärkere Armee geschlagen und das Heer das mir gegenüberstand, war nicht nur zahlreicher, es bestand auch aus tapfern, kriegsgewandten Truppen und dessen Feldherr, der Groß-Vezir, ist ein Held, wie es deren wenige gibt und gab; aber trotzdem, sage ich Ihnen und habe es auch dem Kaiser und sämmtlichen Ministern gesagt — Sie Oberkriegsfactor Wertheimer, haben, auf mein fürstlich Wort, mehr zu dem Siege der kaiserlichen Waffen deigetragen als ich . . ." „Euer Durchlaucht belieben zu scherzen" warf Wertheimer dazwischen. „Nein, nein, nein!" ries der Prinz fast heftig und mit der Degenscheide auf den Fußboden stoßend, „es ist dies mein vollster Ernst. Einer meiner Vorgänger im Amte als Hoskriegsraths-Präsident und Generalissimus. Graf Montecucoli, einer der gefeiertesten Helden, den Oesterreich besessen, hatte schon im vorigen Jahrhunderte an den Kaiser geschrieben: Sire, zum Kriegführen braucht man vor Allem drei Dinge; erstens Geld, zweitens Geld und endlich drittens wieder Geld. Geld ist der Zauberstab, mit dem man Armeen aus der Erde stampfen kann, Geld ist das Mittel eine Armee gut zu bewaffnen, mit Munition zu versehen, gut zu ernähren, die Soldaten und Offiziere guten Muthes zu erhalten, sie freudig und zuversichtlich in den Kampf zu führen ... Man lernt den Werth des Geldes erst dann recht kennen, wenn man es nicht besitzt. Es ist ja weltbekannt in welchem erbärmlichen Zustande sich die Armee befand, an deren Spitze ich gestellt wurde. Als mir mein gnädigster Herr und Kaiser ven Befehl ertheilte, mich an die Spitze des Heeres gegen die Osmanen zu stellen, hatte ich es, wie es einen treuen Diener ziemt, allerhöchst ihm vorgestellt, daß es mir nicht als ein halbes, daß es mir als ein ganzes Wunder erschiene, mit einem so kleinen, schlecht bewaffneten Heere,, ein so mächtiges zu besiegen, aber ich bin stets dem Rufe meines obersten Kriegsherrn, dem Rufe der Pflicht gefolgt. Ich ging ohne jede Hoffnung nach dem Kriegsschauplätze; allein was ich dort fand übertraf bei Weitem meine traurigsten Erwartungen. Ich traf die Armee in völligster Desorganisation. Man war seit langer Zeit den Soldaten und den Offizieren die Löhnung schuldig, die Leute desertirten massenhaft, kurz vor meiner Ankunft waren an einem Tage zweihundert Mann fahnenflüchtig geworden. Die Spitäler waren von Kranken überfüllt, aber es fehlte nicht nur an Arzneien, sondern auch an den Geldmitteln, solche zu beschaffen; die Mannschaft der durch Fahnenflucht und Krankheiten decimirten Regimenter, machte einen Entsetzen erregenden Eindruck. Die Leute sahen weit eher verhungernden Bettlern und wandelnden Leichen, als kriegstüchtigen Soldaten ähnlich — es fehlte an Waffen, an Munition, an Pulver und Blei, die Cavallerie war züm Theil unberitten, bei den Kanonen fehlte die Bespannung, die vorhandenen Pferde waren aus Mangel an Futter kraftlos und versagten den Dienst. Manche Offiziere hatten ihre Seitengewehre verpfändet um sich vor Hunger' zu schützen. Hätten die Türken damals einen kräftigen Vorstoß geführt, der letzte unglückselige Rest des österreichischen Heeres wäre widerstandslos vernichtet, zu Staub zerdrückt worden. . . Ich schrieb verzweiflungsvolle Briefe an den Conferenz- und den Hofkriegsrath, ich forderte Geld zur Auszahlung der rückständigen Löhnung, Geld zum Ankäufe von Mundvorräthen für Menschen und Thiere, Nachsendungen von Verstärkungen und Anwerbung frischer Rekruten und fremder Soldtruppen. Man antwortete mir — zu alledem fehle es an Geld; — endlich schrieb ich an des Kaisers Majestät selbst, einen beweglichen Brief. Ich stellte ihm vor, daß wenn diese Armee, die ich gegen den übermächtigen Feind führe, geschlagen würde, sich der Str"m der türkischen Kriegsvölker mit reißender Schnelligkeit über ganz Ungarn verbreiten und ohne jeden Widerstand bis Wien Vordringen und sich der Groß-Bezir dann ohne jeden Zweifel der kaiserlichen Residenz bemächtigen, die längst befürchtete Vernichtung Oesterreichs zur traurigen Thatsache werden würde. Ich rieth dem Kaiser an den Patriotismus seiner Völker zu appelliren, Anlehen von dem Adel, der hohen Geistlichkeit, den reichen Bürgern zu erbitten, allein statt daß sich Capitalisten gemeldet hätten, die dem Staat ihr Geld anvertrauen wollten, drängten alle Gläubiger in der Furcht alles zu verlieren, um Bezahlung und selbst die höchstgestellten derselben, der Markgraf von Baden, und der Curfürst von Mainz, erboten sich, wenn sie sofort zur Zahlung gelangten, zn riesigen Nachlässen. Alle Bemühungen in Holland und England ein Anlehen, wenn auch unter den ungünstigsten Bedingungen, anfzutreibeu, blieben vergeblich; — auch für das Versprechen von 24 Procent Zinsen wollte Niemand dem härtest bedrängten Staate einen Gulden borgen. Man trat mit den unverschämtesten Anträgen heran. Ein Kammerrath Baron Andlow wollte einen kleinen Betrag unter der Bedingung vorstrecken, daß ihm nebst Wucherzinsen, statt der halben Pension lebenslänglich die ganze ausbezahlt würde. Principe Don Leon Odescalchi forderte als Gegenleistung für ein von ihm angebvtenes Darlehen von 200.000 Ducaten, eine von ihm angestrebte „noch unbekannte Dignität". Selbst die kaiserlichen Kameralbeamten entblödeten sich nicht für die Beträge, die sie dem Staate vorschossen, 12 Procent Zinsen zu nehmen. Der Kaiser in der äußersten Noth und Bedrängniß. wollte um ein Anlehen von 300.000 Gulden zu erlangen, seine Geschmeide verpfänden, aber es gab aufdem ganzen Erdenrunde keinen Wechsler, der das schwer verkäufliche Pfand belehnen wollte. Alle diese Umstände thaten dem Ansehen des Kaiserhauses den höchsten Eintrag und ermuthigten seine Feinde, welche auf nichts so sehr als auf die Geldnoth. die bei ihrem Gegner herrschte, ihre Hoffnungen bauten. Ich schrieb an seine Majestät dem Kaiser: Sire, allerhöchst Sie haben keine gehörig ausgerüstete Armee, dem Gegner die Spitze zu bieten, es ist daher unerläßlich, die nothwendigen Geldmittel herbeiznschaffen, indem ich sonst vor Gott, vor Eurer Majestät, vor dem durchlauchtigsten Erzhause, vor der ganzen Welt, die Verantwortung dafür ablehnen müßte, wenn — was Gott gnädigst verhüten möge — allerhöchst dieselben der Kaiserkrone verlustig würden, die ganze Monarchie verloren ginge. In dieser verzweiflungsvollen Lage traten Sie, Herr Oberkriegsfactor als Retter Oesterreichs aus. Obwohl Sie von den vielen Millionen, die Sie dem Staate vorgeborgt noch gar nichts zurückerhalten hatten und sich selbst Geld zu den höchsten Wucherzinsen von fremden Capitalisten, die zu Ihnen weit mehr Vertrauen als zu dem Kaiserstaate besaßen, erborgen mußten, liehen sie doch dem Staate riesige Summen Baargeld; sandten Waffen, Pulver, Blei, Getreide, Ochsen. Pferde; — alles das was eine Armee zu ihrer Existenz unerläßlich bedarf — und Sie mußten ja wissen, daß wenn ich geschlagen würde, die Türken unaufhaltsam bis Wien Vordringen und Sie nie einen Kreuzer von den fünfundzwanzig Millionen, die Ihnen der Staat schuldet, Wiedersehen, daß Sie nicht nur ärmer als ein Bettler, das Sie nicht nur Ihr Vermögen, sondern auch Ihre Ehre verlieren würden . . . Herr Oberkriegsfactor. Sie haben eine That verübt, die meine volle Bewunderung hervorrnft, Sie haben weit mehr gethan als ich. Wäre ich, bevor ich das Commando in Ungarn übernahm, gestorben, hätte Starhemberg, Heister oder ein Anderer an meine Stelle treten können; — aber außer Ihnen gab es keinen zweiten auf der Welt, der Oesterreich so große Summen creditiren mochte. Sie, Herr Oberkriegssactor haben weit mehr gethan und viel mehr riskirt als ich. — I ch hatte in der That nichts zu verlieren. Wäre ich dem fünffach stärkeren Feinde erlegen, hätte mir kein Mensch auf Erden einen Vorwurf machen können; — eine Schlacht vor Belgrad verloren hätte meine frühem Erfolge nicht zu verdunkeln vermocht; — ein Sieg unter solchen Umständen aber, war beispiellos in den Annalen der Kriegsgeschichte — Sie Herr Oberkriegsfactor Sie konnten Alles verlieren und hatten nichts zu gewinnen; — Sie konnten bei dem riskanten Geschäfte nicht einmal einen Profit machen, denn es ist allgemein bekannt, daß Sie Ihren Sublieferanten die höchsten Preise, den Kapitalisten die höchsten Zinsen bewilligen mußten.