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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-28 · 17 (28.4.1893) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
17 (28.4.1893)
Date
1893-04-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 17 Österreichische Wochenschrift Seite 329 dem Rentierthum des dritten Luther beziehungsweise zweiten I Stöcker ist es also für diesmal nichts gewesen, so daß das ein- ' trägliche Abhalten von Versammlungen gegen hohes Eintrittsgeld voraussichtlich auch fernerhin zu den Speeialitäten des Ahlwardt gehören wird. Berlin, 16. April. Herrn Siegfried Zadig, Wilhelmstraße 16, ist auf seine Jmmediat-Eingabe an den Kaiser folgende Antwort geworden: „Berlin, 10 April 1893. Ihre Jmmediat-Eingabe vom 15. März d. I., betreffend die Verhinderung der Verbreitung antisemitischer Druckschriften auf den hiesigen Straßen, ist auf Allerhöchsten Befehl zur Prüfung nnd Bescheidung an mich abgegeben worden. Euer Wohlgeboren eröffne ich demgemäß ergebenst, daß, wie längst Jedermann wahrnehmbar den Ausschreitungen der mit antisemitischen Druckschriften Straßenhandel betreibenden Personen polizeilicherseits mit Strenge entgegengetreten wird, soweit die geltenden Gesetze hierzu eine Handhabe bieten. Was die von Ihnen erwähnten Vexirbillets „Nach Jerusalem hin aber nicht zurück" betrifft, so hat sich ergeben, daß dieselben zum großen Theile den Bestimmungen des § 6 des Gesetzes über die Presse vom 7. Mai 1874 nicht entsprechen; insoweit dies der Fall, sind diese Druckschriften beschlagnahmt worden. Der Polizeipräsident. Gezeichnet v. Richthofen." Altona, 21. April. Nach zwölsstündigec Verhandlung verurtheilte heute das Schwurgericht die Antisemitenführer, Manufacturwaarenhändler August und Emil An- , dersen'aus Altona wegen betrügerischen Bankrotts und Wechselfälschung zu 2»/, beziehungsweise 1^ Jahren Zuchthaus. — Hamburg. 14. April. Der hier lebende antisemitische Schriftsteller W. Marr sendet der „Freis. Ztg." folgende Erklärung mit der Bitte um Veröffentlichung zu: „Auch ich — an Kampfjahren der älteste antisemitische Schriftsteller unserer Zeit! — sage mich los von der antisemitischen Bewegung. Faktisch und stillschweigend habe ich es schon seit Jahren gethan. Die Motive zu diesem Schritt wird man in meinem „literarischen Nachlaß" nach meinem Tode ersehen". Marr, der lauteste Rufer im beginnenden Streite, verstand es, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen und zwar zu einer Zeit, als dem Publicum die Bezeichnung „Antisemitismus" noch fremd war als der im Verscheiden begriffene Liberalismus sein verklärendes Licht warf auf die Wesenheit eines freisinnigen Bürgerthums. Wenn Marr es unternimmt, sich vom Antisemitismus demonstrativ abzuwenden — notabene in Form eines Schreibens an das verhaßte Organ der „Judenschutztruppe" — werden Andere seinen Spuren folgen. Amsterdam. Am 7. Tage des Passahfestes hielt dwOberrabbinep von Amsterdam, Dr. Dünner eine Predigt, deren Thema'der Zusammenhang zwischen Gottesglauben und Loyalität gegen das Herrscherhaus bildete. Der Herausgeber des Centraal Blad voor Israeliten sandte einen prachtvoll ausgestatteten Abdruck dieser Rede an die Königin Regentin, welche eben mit der jungen Königin ihren alljährlichen officiellen Besuch in Amsterdam abstattete Die Königin-Regentin nahm diesen Abdruck huldvollst entgegen und bemerkte, daß es ihr ein besonderes Vergnügen mache, bei vielen Gelegenheiten erfahren zu haben, wie ergeben und loyal die Juden der Niederlande gegen sie und die Königin gesinnt seien. Paris. Ein früherer französischer Officier, der im Dienste des Großfürsten Nicolaus in Petersburg steht, wollte einem hiesigen Israeliten, der einen selten schönen Hund besitzt, denselben für den Großfürsten, der ein großer Hundeliebhaber ist, abkaufen. Nachdem man Handeleins geworden, stellte der Israelit folgende Bedingung: „Nur wenn mein Hund wie ein Hund und nicht wie ein Jude behandelt wird, verkaufe ich ihn nach Rußland." — „Sie haben Recht, mein Herr," sagte der Officier, „die Hunde erfreuen sich bei uns einer besseren Behandlung, als die Juden. — Vero, non trovato. Paris. Letzten Samstag verschied hier Madame Javal, eines der angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Die Verstorbene war Witwe nach dem ehemaligen Deputirten M. Javal und Mutter des hervorragenden Oculisten Dr. Javal und des Expräfecten und gegenwärtigen Directors des Taubstummen- Institutes M. Javal. Belgrad. 21. April. Der König empfieng gestern eine Abordnung der spaniolischen Judengemeinde. Er erwiderte ans die Ansprache des Präsidenten Jacob Alkalay, daß wie die serbische Judenschaft seinen Vorfahren ans dem Throne so auch seinem Herzen wegen ihres bewährten Patriotismus sehr nahe stehe. Wiewohl ihre Rechte durch die Verfaffung geschützt werden, versichere er sie noch seines besonderen Wohlwollens und ersuche sie, allen ihren Religionsgenossen seinen königlichen Gruß zu entbieten. Sofia. Das Hochzeitsgeschenk, welches die Juden Bulgariens dem Fürsten Ferdinand überreicht haben, besteht in einem prächtigen Album, welches mit Brillanten, Rubinen und Smaragden geschmückt ist. Der Wert desselben beläuft sich aus fl. 130.000. Algier. Die Herren Brüder Rothschild in Paris, haben dem Oberrabbiner von Algier 10.000 Frcs. für Unterstützung, der unter der Hungersnot in Algier leidenden Familien überschickt. Eine Emigration. Erzählung aus der jüngsten Vergangenheit von Leo Hrrzbrrg-Fränkel. (Fortsetzung.) Gewalt? Und wenn sie mißlänge, wenn das Kloster umstellt, durchsucht, der vermißte Knabe doch nicht gesunden und die bewaffnete Macht unverrichteter Sache abziehen würde? Die heiligen Männer da oben in den geweihten Räumen stünden da als Märtyrer der Berläumdung und auf ihn, den Störer ihrer Ruhe und Andacht fiele der Zorn der Regierung, der Haß der Priester, der Unwille des Volkes! Wassil Wassilowitsch dachte und dachte wieder. Es lag dem Beamten viel weniger daran, den vermißten Judenjungen vor der gewaltsamen Taufe zu bewahren, als in einem so eclatanten Falle seine bekannte Energie und Findsamseit abermals zu bewähren. Es galt ihnt als Ehrensache, daß in seinem Bereiche ein Diebstahl, oder ein Raub, oder ein sonstiges Verbrechen, kaum begangen, auch schon entdeckt wurde. Zuerst wollte er den Kinderraub aufdecken, dann an die Auffindung jener Verbrecher gehen, welche im Hause des Abraham Eisenstock geplündert. Er saß lange in Gedanken, stand dann auf, schritt mehrere Male durch das Zimmer, stellte sich zum Fenster, blickte in die Straße hinunter, die in Folge des Ereignisses des Abends trotz später Stunde noch immer belebt war und den Character einer gewissen Aufregung trug, und zum Kloster hinauf, von dem einige noch erleuchtete Fenster in die Stadt hinunter schauten. Mitternacht war längst vorüber, aber noch wimmelte die Vorhalle des Polizeigebäudes von Gendarmen und minderen Beamten, die auf ihre Entlassung, theils leise plaudernd, theils laut schlafend, warteten. „Ist der Pristaw*) Gregor Jwanowitsch da?" frug Wassil Wassilowitsch. die Thüre in das Wartezimmer öffnend. „Nein Euer Gnaden", erwiderte ein Mann, sich kerzengerade aufrichtend, die Hand am Czako. „Man suche ihn, wenn er nicht zu Hause; man rufe ihn, wenn man ihn findet; man wecke ihn, wenn er schläft." Die Thüre schloß sich wieder, öffnete sich aber nach einigen Augenblicken vor einer eintretenden Ordonanz. „Ein Bauer, Herr Polkownik**) wünscht sie dringend zu sprechen." „Einlasfen!" Ein halb betrunkener Bauer mit einem Packet unter dem Arm, die Pelzmütze in der Hand, trat ein, eine tiefe Verbeugung machend. Der Polizeimeister schaute ihn scharf an. musterte ihn vom Kopfe bis zur Zehe und rief dann voller Verwunderung: „Gregor Jwanowitsch!" In der That war es der leibhaftige Pristaw im echtesten Bauerncostüm, vom ungeordneten Haar angeiangen bis zum schmierigen Hemd und den kothigen, unförmigen Stiefeln. „Man macht Carriere! lachte der Pristaw, Morgens Polizeibeamter. Abends schon Bauer und welch' Einer! Ich hätte mich, wie ich in der Spelunke vor einem Zinnbecher voll Fuselschnapses in Gesellschaft unlauteren Gesindels sah, verhaften J mögen; aber, was wollen Sie, Wassil Waffilowitsch, unser er- *) Ein Pristaw bedeutet ungefähr Polizeiiuspector. **) Polkownik bedeutet Obrist. Der Polizenneister, wie man den Polizeichef in Rußland nennt, hat O.brist-, mweilen auch Generalscharakier.

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