Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 17 (28.4.1893)
- Date
- 1893-04-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 17 Vesterreichische Wochenfchrist Seüe 331 entrollt, sie waren der Erguß innigster Herzensr ende und Beweis der Liebe und Anhänglichkeit an die heilige Sache! Du hast den Kampf um's Leben ausgenommen, hast manche schwere Prüfung überstanden, hast Dich in allen Lagen des Lebens als Mann von Character bewährt, hast Ehren und Auszeichnungen verdient und auch erlangt, nun hast auch Du ansgekämpft, nachdem Du mannhaft mit dem Tode selbst gerungen, der Dich zuletzt, wenn auch im glücklichen Greisenalter, dennoch zn friifj überwunden hat. Eine Lücke hast Du znrückgelassen, die wir tief empfinden werden. Wir bewahren Dir ein ehrend Andenken. Ruhe sanft, ruhe in Frieden, die Erde sei Dir leicht 1" Wiederholt übermannte die Rührung den Redner und kein Auge blieb thränenleer, als er geendet. Nunmehr sprach Herr Dr. Schmiedl Namens des Humanitäts- Vereines Nachlat Jeschurum und würdigte den Dahingeschiedenen als Präsident des Vereines, dem er durch 25 Jahre vorgestanden und zu Erfolg und Ansehen geleitet. Damit endete die imposante Trauerfeier; Michael Winkler, der unermüdliche, arbeitsreiche, der im Leben nie gerastet ... Er war ein! stiller Mann geworden!" General-Versammlung der Gesterreichisch:israelitischen Union. Unter zahlreicher Betheiligung seitens seiner Mitglieder hielt dieser Verein Samstag, den 22. April d. I. im Restaurant Kühner sein VII. ordentliche Generalversammlung ab. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Präfidenten, Cultusvorsteher Dr. Josef Grünfeld, nahm Bice-Präsident Herr Dr. Marcus Spitzer das Wort und hielt dem verewigten Dr. Adolf Fischhof einen warm empfundenen Nachruf. Der Redner bemerkte unter Anderem, daß er einige Worte der Erinnerung diesem Manne widmen wolle, der seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhofe in Wien gefunden, und fuhr dann weiter fort: Wenn es im alten jüdischen Sprichwort heißt: „Nicht der Ort ehrt den Menschen, sondern der Mensch den Ort", so ist das Grab, das die irdischen Ueberreste Fischhofs umschließt ein Ehrengrab im eminentesten Sinne des Wortes, geweiht und geheiligt für alle. Zeiten. Fischhof habe für seine Glaubensgenossenschast gewirkt: denn wer für Freiheit und Fortschritt, für Humanität wirkt, die doch das Endziel aller Cultur bildet, der wirkt allein im Sinne des Judenthums. Denn Humanität ist der Boden, in welchem das Judenthum wurzelt, die Quelle, aus welcher es stets neue Kraft und ewige Jugend schöpft. Als die Kunde von dem Hinscheiden Fischhof's zu uns drang, da verstummten die Gegensätze, schwiegen alle Parteileidenschaften, schien der heiß ersehnte Friede in unsere Stadt einzuziehen und es war uns, als leuchtete der Glanz jenes Morgenrotes, das den Völkern eine bessere Zukunft verhieß, in unsere düstere Gegenwart hinein. Wenn auch die Strömungen in der Gesellschaft geeignet sind, uns mit tiefer Beunruhigung und lebhafter Besorgnis zu erfüllen, so können wir doch mit Zuversicht in die Zukunft blicken, denn ein Volksstamm, aus dem ein Mann von der Charactergröße, dem Lebenswandel und der Selbstlosigkeit Fischhof's hervorgegangen, trägt zweifellos die Gewähr seines Bestandes in sich.. Die Namen" der Feinde und Verfolger unserer Glaubensgemeinschaft werden längst vergeffen, die Spuren ihres Erdenwallens längst verwischt sein und die antisemitische Bewegung nur ein Object der Volkspsychiatrie bilden; — Fischhof's Namen jedoch wird leuchten und strahlen bis in die fernste Zukunft, — ist er doch eng verknüpft mit einer gewaltigen Epoche der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Den Worten Dr. Spitzer's folgte stürmischer Beifall und ehrte die Versammlung über Aufforderung des Redners das Andenken an den Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen. Hierauf verlas Secretär Fuchs folgenden Rechenschaftsbericht : Geehrte Versammlung! Wie alljährlich beehrt sich der Vorstand der Oesterr. Jsr. Union Ihnen über seine Thätigkeit im abgelaufenen Bereinsjahre Bericht zu erstatten. Von dem Wunsche beseelt, die zu Beginn dieses Vereinsjahres eingetretene Wahlpause dazu zu benützen, unsere weitaus größte Aufmerksamkeit der Pflege jüdischer Wissenschaft zu widmen, trat der Vorstand in die neue Vereinsperiode ein. Der Beginn derselben traf mit dem Verluste eines um die liberale Sache hochverdienten Mannes zusammen. Der Abgeordnete der inneren Stadt, Herr Dr. Eduard Herbst starb und unser Augenmerk richtete sich sofort auf einen Mann, der stets für unsere Rechte eingetreten, und der in der verflossenen Wahlperiode mit seltener Ausdauer in einem Vorstadtbezirke den Kamps gegen die Reaction aufnahm, ein Kampf, der von vorneherein einem verlorenen Posten galt! In einer vom Borstande ad hoc einbernsenen Vertrauensmännerversammlung sind wir in entschiedener Weise für die Aufstellung der Kandidatur des Herrn Magistrarsrathes Tr. Ferdinand Kronawetter eingetreten und constatiren wir mit lebhafter Genugthuung, daß unsere Anregung in dieser Versammlung sofort aus fruchtbaren Boden siel und daß dessen Eandidatnr einstimmig angenommen wurde. Wir können uns daher schmeicheln, mit diesem unserem Vorgehen diese Wahl gefördert und somit diesem unermüdlichen Kämpfer für Freiheit und Brüderlichkeit eine Ehrenschuld abgetragen zn haben. — lim die von uns geschaffene Institution d>r Vertheilung von Handstipendien an arme Schüler der hebr. Sprach- und Bibelschule, sowie der Talmud-Thoraschule auch für die Zukunft zn sichern, haben wir uns entschlossen, ein Werk zn gründen, dessen jährlicher Reinerlös die Basis für diese Institution bilden soll. Es ist dies unser „Kalender für Israeliten", mit dessen Herausgabe wir zugleich einem längst empfundenen Bedürfnisse der Wiener Judenschaft entsprochen haben. Der Kalender wurde ob seines gediegenen Inhaltes, sowie seiner äußerlichen Ausstattung überall mit Wohlwollen ausgenommen und geben wir uns der Hoffnung hin, den hiedurch angestrebteu Zweck auch zu erreichen. Wir benützen diese Gelegenheit, um Herrn Tr. Eduard Mahler, welcher sich um das Zustandekommen dieses Werkes besondere Verdienste erworben, unseren wärmsten Dank zu sagen. HabtN wir nun durch die Ereirung der Handstipendien für das geistige Fortkommen armer jüdischer Kinder gesorgt, so begrüßen wir mit aufrichtigster Freude eine andere, ebenfalls im Schoße unseres Vereines entstandene Institution, nämlich die einer jüdischen Ferienkolonie, durch deren Schaffung für das körperliche Wohl armer jüdischer Kinder gesorgt werden soll. Mit einer bewunderungswürdigen Ausdauer und einer wahrhaft mütterlichen Hingebung arbeitet Frau Dr. Sophie Grünfelo in Verbindung mit anderen hochherzigen edlen Damen an dem von ihr geschaffenen Samaritanerwerke, das bereits so weit gediehen ist, daß im heurigen Sommer nahezu 150 Kinder die Wohlthat eines gesunden Landaufenthaltes werden genießen können. Konnten wir im vorjährigen Rechenschaftsberichte mit Befriedigung die bevorstehende Errichtung eines Seminars für jüdische Wissenschaft zur Heranbildung von Rabbinern und Religionslehrern constatirm, so erfüllt es uns heuer mit besonderer Freude, daß die hierauf bezughabenden Vorarbeiten soweit gediehen sind, daß der Eröffnung des Seminars im Oktober dieses Jahres mit Bestimmtheit entgegengesehen werden kann. Die Namen und der Ruf jener Männer, aus welchen das Euratorium zusammengestellt ist, wie auch jener ausgezeichnete Gelehrten, welche auserwählt wurden, die Anstalt zu leiten und den Unterricht an derselben zu ertheilen, geben uns die sichere Bürgschaft, daß jene Hoffnungen sich verwirklichen werden, die wir in das segensreiche Wirken einer solchen Institution gesetzt haben. Diese Thatsache kann uns mit umso größerer Befriedigung erfüllen, als durch dieselbe ein in unseren Statuten ausgesprochener Wunsch seine Erfüllung in glänzendster Weise gefunden hat. Es ist selbstverständlich, daß wir, so weit es in unserer Kraft und in unserem Wirkungskreise steht, die Entwicklung dieser Anstalt fördern werden, und dieser Intention ist auch der von unserem Vorstandsmitgliede Herrn B. Kanitz in der am 24. Februar d. I. abgehaltenen Vereinsversammlung gestellte Antrag entsprungen. Dieser Antrag ging dahin, daß unser Verein einen Ausruf ergehen lasse, in welchem an die Besitzer von Bibliotheken um lleberlassung jüdischtheologischer Werke für das Wiener Rabbiner - Seminar gebeten werden soll. Dieser Aufruf war von einem seltenen Erfolge begleitet: wir constatiren mit aufrichtiger Freude, daß demselben in reichem Maße durch Einsendung zahlreicher Bücher Rechnung getragen wurde und sind die '.n unserem Bereinsburean gegenwärtig befindlichen Werke bereits zu einer stattlichen Bibliothek angewachsen. Sobald das Seminar installirt sein wird, werden wir die eingesandten Bücher ihrer Bestimmung zuführen. In dem abgelausenen Vereinsjahre hielt die Vereinsleitung 1k Ausschuß-Sitzungen und 9 Vereins-Versammlungen ab, in welch' letzteren folgende Herren Vorträge hielten: Am 3. Oktober 1892: Herr Magistrats-Rath Dr. Ferdinand Kronawetter: „Heber die bevorstehende Reichsraths-Wahl." Am 12. November 1892: Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Schmiedl: „Die Bibel nicht nur als unversiegliche Quelle des Guten, sondern auch des Schönen." Am 7. December 1992: Herr Landtags-Abgeordneter und Stadtrath Constantln Noske: „Der Strike der Antisemiten." Am 14. Jänner 1893: Herr Dr. Theodor Hertzka über: „Semitischer und arischer Geist."