Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 17 (28.4.1893)
- Date
- 1893-04-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17 Oestcrrrichischr Wochenschrift Seite 319 sogenannten „deutschen Treue". Nicht die Thatsache allein, daß jeder Germanen-Fürst unter seinen nächsten Angehörigen aufräumt, sondern, daß die Ermordung meistens meuchlings unter Eid- und Treubruch geschieht, macht dieses Bild so abschreckend. Aber nirgends begegnet uns ein Mann, der das Mordgebahren geißelt, mit der sittlichen Kraft eines hebräischen Propheten auf das Haupt der Schuldigen das göttliche Strafgericht ruft. Das Gewissen ist stumm, es hat kein Organ, durch welches es spricht. Das Volk spielt und trinkt. In dieser Leidenschaft des Spielens, bei welchem oft Weib und Kind den Einsatz bilden, und des Trinkens, welches eine Nationaltugend geworden, erträgt es nicht blos die Sclaverei, sondern auch die Verworfenheit seiner Fürsten, welche nichts anderes als die Mörder auf dem Throne sind. Das Biertrinken ward allmählig das vornehmste Charactermerkmal der Deutschen. Als Konrad, Sohn des Herzogs Konrad III. von Glogau und Sagan, 1303 zum Erzbischof von Salzburg gewählt wurde, leistete er freiwillig auf das Bisthum Verzicht und kehrte nach Schlesien zurück, weil er in seiner Residenz Salzburg kein Steinauer Bier gefunden. (Die Deutschen in den ältesten Zeiten, im Mittelalter und in der neuesten Epoche, von L. F. Schulz. Seite 204.)- Solcher Art sind Die vorhandenen Materialien für eine „deutschnationale Bibel", solcher Art die an Stelle der hebr. Erzväter und Erzmütter zu setzenden neuen Vorbilder für eine sittliche Gestaltung des Lebens, für eine Heiligung des Sinnes, für eine tiefere Würdigung von Menschenrecht und Menschenwürde, für eine innigere Erfassung der Pflichten gegen Gott und Menschen. Die „arisch-germanische Bibel" gemahnt an die „keusche Susanna von' der Blumauergasse" des trefflichen VolksängerZ Hirsch; und sie wird eine Quelle der Volksmoral bilden, wie sie unsere biedern Antisemiten sich nur wünschen können. Die Schlacht bei Kolm. Nach der großen Niederlage, welche österreichische Tapferkeit Friedrich dem Großen beigebracht hatte, und die trotz späterer Wechselfälle des verheerenden Krieges doch Oesterreich's Rettung bedeutete, war der gewaltige Gegner Maria Theresia's bis zur Verzweiflung niedergeschlagen, sein sonst sieggewohntes Heer entmuthigt. Der preußische Feldprediger Küster erzählt nun: „Am nächsten Sonntag kam der ganz von Treue und Sorge fiir den König entbrannte Liebling, Oberst Balby, auf mich eiligst zugeritten mit dem königlichen Befehle, daß ich alle vernünftigen Gründe der Religion anwenden sollte, den durch die Koliner Niederlage gesunkenen Muth wieder aufzurichten-" Auch in diesen Tagen hat Oesterreich einen Sieg in dem Treffen von Kolin zu verzeichnen. Obwohl der Schmach und Schande, des Schadens und des Unheiles genug zu bedauern ist, so konnte doch ein Corfu in neuer Auflage, wie es in der Absicht der Urheber und Feinde Oesterreichs lag, nicht durchgesetzt werden. Die Pflichttreue guter Oesterreicher, wahrheitsliebender Patrioten hat es verhütet, hat es nicht zum völligen Auflodern des böswillig gelegten Brandes kommen lassen. So sehr die Menschheit ob der Koliner Vorfälle zu trauern berechtigt ist, so viele unschuldige und harmlose Menschen ihren Ruin auch davon tragen mögen; das Endziel der Verbrecher ist nicht erreicht, prompt und rasch hat der Culturstaat Oesterreich seine Oberherrlichkeit bewährt. Noch mehr! Das tausendjährige Räthsel ist gelöst! Das Geheimniß, über welches auch schon die Wissenschaft brütete, wurde in unzweideutigster Weise enthüllt. Der psychologische Untergrund, auf welchem sich die unvernünftigste aller Schauermären bis tief in das Zeitalter der Civilisation und Äufklärung erhalten konnte, ist in erschreckender Klarheit an die Oberfläche gekommen. Der Verdacht gegen die Juden war hier nicht in entferntesten begründet. Ein Selbstmord, wie er zu den täglichen Vorkommnissen gehört, ohne jede Spur eines gewaltsamen Todes, bot die Gelegenheit und. die Möglichkeit, um die ungeheuerlichsten Gerüchte mit Erfolg zu verbreiten und alle Juden aller Orten, aller Zeiten in unheimlichster. Weise anzuklagen. Der Tod der Ertrunkenen war es keineswegs, welcher die saubere Sippschaft so sehr erregte; alle diese Herzlosen könnten zwanzigmal so ein junges Leben aushauchen sehen, ohne wesentlich auch nur erschüttert zu werden. Jeder einzelne Jude hat gewiß mehr Mitgefühl für das traurige Ende der jungen Maria Kawlina empfunden, als diese Ruhestörer allesammt. Es war nur die nackte Speculation vorherrschend, einige, wohl situirte Menschen, die doch nur Juden sind, zu ruiniren, zerfleischen zu lassen und den Dorn aus den mißgünstigen Augen wegzuschaffen. Einfache Speculation war es, und war es auch immer. Das ist des großen Räthsels allereinfachste Lösung. Es galt nur, den Pöbel daran glauben zu machen, und dafür gab es den noch immer leicht verfangenden Köder — Plünderung! Wer glauben will, dem wird der Glaube schrecklich leicht beigebracht; die Wissenschaft hat gar nicht nöthig, sich weiter um Erklärungsgründe zu bemühen. Diese Erregung entstammt keineswegs der edlen Entrüstung eines empörten Volkes, sie ist die Wuth der Bestien, die mit Gier in das Gebiet wehrloser Lämmer einreißen wollen. Im Mittelalter mag ein solcher grauenhafter Anschlag immerhin für die übrige Welt noch ziemlich ungefährlich gewesen sein, wenn er auch gelang. Der Jammerruf der gepeinigten Juden mußte ja endlich verhallen, und das Rad der Weltgeschichte konnte ungestört in altehrwürdiger Weise weiterrollen. So harmlos wäre es heute wenigstens in Mittel-Europa keineswegs. Hart neben solchen Speculanten stehen jetzt Gewehr bei Fuß auch Socialislln, Anarchisten, verhetzte Arbeiter und harren der günstigen Gelegenheit. Da sei uns nur eine Frage gestattet. Haben diese an solchen Speculanten nicht die prächtigsten Lehrmeister und Wegweiser? Wozu noch des gefährlichen Dynamits, der Bomben und Petarden, die ohne jeden Vortheil zerstören, vor welchen selbst der niedrigste Pöbel noch scheu zurückweicht? Sieh' ein Märchen, eine künstliche Erregung, noch so weit hergeholt, noch so unbegründet, die Aussicht auf Plünderung, ein Beispiel von der Ohnmacht des Staates, das sind Dynamitbomben, die in Speicher, Kornkammern, Waarenlagern, Geldschränke dringen und deren Inhalt hinaus schleudern um ihn den Gierigen preiszugeben, die Gegner, ob Jude oder Christ, ob Fürst oder Bauer niederschmettern. So etwas darf nie gelingen, es gelänge sonst oder würde wenigstens allzu oft versucht. Darum muß auch nach diesem Treffen von Kolin den Geistlichen, deren Seelsorge nun einmal diese Speculanten überantwortet sind, ähnlich wie damals zugerufen werden: „Eure heiligste Mission ist es alle vernünftigen Gründe der Religion anzuwenden, damit ähnliche fromme Schafe eurer Heerden zu solchen bestialischen Anschlägen sich nie mehr hinreißen lassen mögen!" Es ist überaus tröstlich und erhebend constatieren zu können, daß der edle katholische Priester in Kolin diese Aufgabe sofort begriff und ihr in rühmlichster Weise auch nachkam. Dr. M. L. Stern. Adolphe Frank. Dem Judenthume in unserem Jahrhundert war es beschieden, zur vollen Klarheit über sich selber zu gelangen. Strenge genommen, hat Alles, womit der menschliche Geist in der Gegenwart sich beschäftigt, eine neue Beleuchtung erfahren und das Judenthum bildet, was die Aufhellung seines Wesens und seiner Elemente betrifft, keine Ausnahme. Allein dessen dürfen wir uns rühmen, daß die Beleuchtung nicht von Außen kam, nicht von Männern, die, um in voller wissenschaftlicher Freiheit sich bewegen zu können, im Vorhinein von aller Religion sich lossagen, sondern es erprobte sich von Neuem, daß wie in den Tagen des Maimonides, so in jedem Zeitalter aus dem Boden des Judenthums die Lampe des Wissens angezündet werden kann im Tempel des Glaubens, ohne daß jene Conflicte entstünden, die der Gegensatz zwischen Wissen und Glauben zu erzeugen pflegt. Aus der Mitte des Judenthums kam das Licht für das Judenthum und zu Denjenigen, die in dieser Richtung ungewöhnliche Verdienste sich erworben haben, zählt der am 12. 3lpril in Paris verstorbene Adolphe Frank. Unter seinen Landsleuten den Franzosen, hat er, was die wissenschaftliche Erforschung des Judenthums betrifft, überhaupt nicht seines Gleichen. Der Senator und ehemalige Minister Jules Simon widmet im „Journal des Debats" dem verstorbenen