Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 17 (28.4.1893)
- Date
- 1893-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 318 Oesterredtzifüre Wochenschrist Nr. 17 sie sind blos 2000 Jahre jünger als die Ereignisse, über welche sie sabuliren. Das alte Egypten mit seinen Schriftdenkmälern war längst zu Grunde gegangen, und woher sollten zu den griechischen Autoren die Nachrichten gekommen sein über Geschehnisse, die sich 2000 Jahre vorher zugetragen linr'en? Hingegen über die vielgepriesene Schlacht im Teutoburger Walde berichten die römischen Geschichtsschreiber als Zeitgenossen. Man lese einmal bei Dio Cassius und Vellejus das Vorgehen He rrm ann's gegen V a ru s gezeichnet, und man schaut ein Bild von List und Verschlagenheit, von Heuchelei und Ränke, wie es die Antisemiten lügnerisch den Hebräern anlügen. Wer bei diesen Schriftstellern liest, wie Herrmann ihn listig unter Vorspiegelung der Freundschaft vom Rhein an die Weser gelockt, wie. er mit der Miene der Treue die Verschwörung in der Seele, sich zu des Darus' Mahl gesetzt und alle Künste arglistigen Betruges angewendet, um das Vertrauen des Feldherrn irrezuleiten, durch heuchlerische Bitten um eine Besatzung zur Sicherung der Wege ihn ein und das anderemal veranlaßte, Theile des Heeres zu entfernen um es zu schwächen, dann unter der Vorspiegelung eines Aufstandes in einem fernen Grenzland ihn mit dem gebliebenen Rest seiner Truppen in den dichten Urwald hineinlockte; wie der Römer in's Verderben ging, weil er trotz der zahlreichen Wärmungen nicht glaubte und nicht glauben wollte, daß Herrmann und seine Germanen mit ihrer unablässigen Betheuerung der Treue und Freundschaft heucheln und lügen: wer diese Zeichnung liest, der mag die Thaten Herrmann's bewundern, mit seinem Character wird er sich schwerlich befreunden. Die gefangenen Römer wurden den Göttern zum Dank für die errungene Freiheit geopfert, die Köpfe der Gefallenen und Geopferten ließ man an Baumstämme befestigen, die Leichen aber unbeerdigt liegen. Am schlimmsten erging es den Advocaten, denen man wie Florus berichtet, die Augen ausgerissen, die Hände abgehauen hatte. Einem derselben schnitt ein deutscher Krieger die Zunge aus, verschloß ihm den Mund und rief in gräßlichem Scherz: „Jetzt, Natter, höre auf zu zischen." Diese Anwälte und Schreiber hatten den Deutschen römisches Recht gelehrt und wurden nun in dieser Art dafür bestraft. Unseren deutsch-nationalen Juristen, von denen einige nicht minder römisches Recht lehren, wäre diese Erneuerung der altdeutschen Sitte begreiflicherweise nicht sehr angenehm. Nach dem Cherusker-Fürsten Herrmann, ist es vorzüglich Theodorich, der Gründer des Ostgothen-Reiches, und Alboin, der Gründer des Langobarden-Reiches, welche als germanische Helden die Aufmerksamkeit aus sich lenken und deren Thaten die neue Bibel zu zeichnen hätte. Von dem Zweiten erzählt die Geschichte: In der Trunkenheit eines Gelages hatte er seine Frau Rosamunde, die Tochter des von ihm erschlagenen Gepidenkönigs Kunimund, gezwungen, aus dem Schädel ihres Vaters, der nach germanischer Sitte als Trinksch ale kreiste, zu trinken. Rosamunde rächte diese Grausamkeit, indem sie um den Preis des Genusses ihrer Reize einen Mörder erkaufte, welcher den König im Schlafe überfiel und tödtete. Der Ostgothe Theodorich ist als Dietrich von Bern einer der vornehmsten Helden in der Nibelungen-Sage. Wir sehen ihn im Kampf gegen den Rugierfürsten Odoaker, den er in einer Feldschlacht besiegt und in Ravenna einschließt. Nach dreijährigem Widerstand ergibt sich Odoaker seinem Gegner gegen die eidliche Zusicherung von Leben und Freiheit. Nach wenigen Tagen lud Dietrich von Bern seinen ehemaligen Gegner zu einem Gastmahle ein und ermordete i(n mit eigener Hand. Sein Sohn Tehlancs, sein ganzes Haus, sowie das Gefolge erlitt dasselbe Schicksal. Dagegen ist Theodorich sittlich entrüstet, weil sein Schwiegersohn, der Burgundenkönig Sigrmind, seinen ältesten Sohn Sigerich, dem Zureden seiner Frau zuliebe, bei Seite geschafft hat. Er verband sich mit dem Frankenkönig Clodomar, welcher richtig Sigmund und die ganze Sippe ermorden ließ. Nach d^m Tode Theodorichs übernahm seine Tochter Amalaswinta für den minderjährigen Athalarich die Regierung, sie reichte ihrem Vetter'Theodat die Hand gegen das eidliche Versprechen, blos den Königstitel 311 führen. Der edle Germane hielt das Versprechen derart in deutscher Treue, daß er sie bald darauf im Bade erwürgen ließ. Alles aber überboten die Frevelthaten der germanischen Königsweiber Fredegunde und Brunhilde -— zwei Frauengestalten der zukünftigen germanischen Bibel — an welchen die menschliche Natur gezeigt hat, was sie in kolossaler Lasterhaftigkeit zu leisten vermöge. Brunehilde, die Tochter Athanagilds, Königs der Westgothen, war mit Siegebert vermählt; ibre Schwester, Gaileswinthe, mit König Chilperich, seinem Bruder, wofür dieser seine Maitresse Fredegunde verstoßen sollte. Er that's zum Schein, rief sie aber bald wieder zurück, nachdem Gaileswinthe tobt im Bett gefunden wurde. Brunhilde reizte ihren Gemahl den Tod ihrer Schwester zu rächen Fredegunde aber war früher aufgestanden, schneller und hurtiger in der Tugend und ließ König Siegebert durch Meuchelmörder erstechen. Die Witwe Brunehilde, von Chilperich in Rouen bewacht, ersah dessen eigenen Sohn Merwig, aus einer früheren Ehe mit der nun verstoßenen Audovera, zum Werkzeug ihrer Rache, ließ sich von ihm entführen und sogar mit ihm trauen. Auch diesen wußte Fredegunde' aus dem Wege zu schaffen, da er durch Verrätherei seinem Vater in die Hände gefallen war. Sogar ihr eigener Gemahl Chilperich wurde auf ihr Anstisten ermordet, weil sie wegen verbotenen Umgangs mit einem seiner Diener für ihr Leben besorgt war. Brunehilde hatte von Siegebert einen minderjährigen Sohn, Childebert; Fredegunde einen kaum 4 Monat alten von Chilperich, Namens Clotar, den sie sich jedoch erst mit 300 Eidhelfern als echt bewähren mußte. Dessen ungeachtet wurde Childebert von König Guntram von Burgund allein zum Erben eingesetzt. Childebert starb, hinterließ 2 Söhne Theodebert und Theodorich. Brunhild, die Großmutter, zerfiel mit der Gemahlin Theodeberts Liliehilde und hetzte seinen Bruder gegen ihn zum Krieg, ^tach mehreren blutigen Treffen wurde Theodebert gefangen und ermordet, seinem Sohne Merwig aber auf Theodorichs Befehl die Hirnschale an einem Felsen zerschlagen. Nach dem Tode Theodorich's aber riefen die Großen König Clotar herbei, welcher die achtzigjährige Brunehild 3 Tage martern, dann auf einem Kameel durch's Lager führen, endlich mit den Haaren, mit einem Arm und Fuß an den Schweif eines wilden Pferdes binden und die zerrissenen Glieder endlich verbrennen ließ. Carl der Große hatte nacheinander vier Gattinnen, neben ihnen aber sechs Genossinnen, deren eine in die Würde der Gattin vorrückte. Von ihnen allen hatte er achtzehn Kinder, von denen fünf in zarter Jugend und von den übrigen wenigstens alle Söhne bis auf einen einzigen und zwar den unfähigsten, der ihm nachfolgte, (Ludwig der Fromme), in reiferem Alter vor ihm starben. Von Carl's Töchtern erbten zwei, Rotrud und Bertha, das Temperament des Vaters; denn beide lebten in unrechtsmäßigen Liebesbünden. Chlothacher I. hatte zugleich zwei Schwestern, Jngunde und Arlgunde, zu Frauen. Charibert verstieß seine Frau, weil sie seine beiden Buhlerinnen nicht dulden mochte, heiratete eine der Letzteren und nahm noch eine weitere Frau dazu. Chilperich hatte bereits mehrere Weiber, als er um Gaileswintha warb. Ja noch in späterer Zeit hatte Dagobert I. drei Ehefrauen nebeneinander, Nantechildis, Wulfgundis und Berchildis, welche alle den Titel von Königinnen trugen (!), und daneben noch eine ungezählte Menge von Kebsweibern. Diesen Gestalten würde die deutsche Jugend eine größere Liebe und erhöhteres Wohlgefallen entgegenbringen als der Rahel oder der Rebekka, die offenbar allzu zimperlich waren. Den Erzählungen von den Schicksalen der deutschen Frauen würde die Jugend mit größerer Andacht lauschen, sich daran erbauen und aufrichten zu allen nationalen Tugenden. Wer in den Annalen der Könige und Helden der Germanen blättert, der gewinnt ein eigenartiges Bild von der