Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 16 Orstrrreichifchr Wochenschrift Seite 303 machend, das ganze Osterfest, die ganze Weihe des Osterabends total zerstörend! Ein heilloses Geheul, ein Lärmen und Schimpfen und Fluchen erhoben sich von allen Seiten gegen den verhäugnißvollen Jungen, der erschrocken vor der Verwirrung, deren Ursache er nicht kannte und den drohenden Geberden, denen er allseitig begegnete, aus dem Hause rannte, als ob es ihm das Leben gälte. Laufend erinnerte er sich an sein zurückgelassenes Brod, an seine vergessene Mütze, an den unbelohnt gebliebenen Löschungsdienst und rannte und heulte noch mehr. So kam er aus der stillen Judengasse in eine belebtere Straße wo sich ein Haufen Neugieriger um ihn sammelte. „Was gibt es? Was ist geschehen?" tönte es von allen Seiten. „Die Juden haben mich umbringen wollen!" schrie und weinte der Bursche. „Umbringen?!" „Sie haben mir inein Brod, meine Mütze geraubt, sie haben mich über den Tisch strecken und ermorden wollen!" heulte der Junge. „Wer? Wer?" „Dort! Dort in jener Gasse, im gelben Hause!" „Dort wohnt der reiche Holzhändler Eisenstock" sagte Einer aus der immer noch wachsenden Gruppe —" war es Er?" „Er er", erwiderte der Bursche, ohne den Namen und den Mann zu kennen" er und Alle; sie haben mich ausgeraubt, sie haben mir meine Kleider und mein Geld genommen, sie haben mich geschlagen, sie haben mich ermorden und abschlachten wollen!" — Und immer lauter wurde das Geheul, immer größer der Pöbelhaufen, dem sich die Knechte und Mägde der umstehenden Häuser, von ihrer Arbeit heimkehrende Taglöhner, Handwerker, Neugierige und sogar einige Popen anschlossen, von denen Einer, der die ganze Menge kopfhoch überragte, die Masse besonders entflammte und bemüht war, Oel in die Flammen zu gießen. „Väterchen, riefen ihm die Leute zu, „ist es wahr, daß die Juden diesen braven Christenknaben ansgeraubt, ausgezogen, gemißhandelt haben und ihn abschlachten wollten?" „So ist es!" „Ihr wißt es, Väterchen?" „Freilich; es ist ja heute die Osternacht der Juden, an der sie ihre ungesäuerten Kuchen mit dem Blute unschuldiger Kristenkinder bestreichen, erwiderte der fromme Mann." „Fluch, Fluch über die Juden!" schrien hundert Stimmen und, sie alle übertönend, kreischte ein sich durch die Menschenmenge mühselig durcharbeitendes Weib: „Maxim, Maxim, wo ist mein Sohn Maxim! Die Leute sagen, daß er ermordet ist, das theure Kind!" „Fast todt, arme Mutter", rief ein anderes Weib, „mit Mühe dem Messer der Juden entzogen!" In wildem Schmerze riß das Weib das Kopftuch vom Haupte und wühlte verzweiflungsvoll im ungekämmten Haare. „Mein Kind, mein liebes Kind!" schrie sie dem Jungen zu, ihn emporhebend und geräuschvoll küssend, „ich werde ihnen die Augen ans dem Kopfe reißen und die Leele aus dem Leibe stampfen! Ich werde sie brennen, braten; ich werde — zu den Juden! zu den Juden! Wer will zu den Juden gehen, Leute?" Hundert Stimmen antworteten und ein zahlreicher Schwarm von Menschen setzte sich in Bewegung, meist zerlumpte Gestalten, unsauberes Gelichter mit schwieligen Fäusten, Menschen, die wie die Raben da gerne erscheinen, wo Unheil ist, kreischen, wo andere sprechen, und sich am Unglücke Anderer sättigen. Nur wenige blieben an der Stelle zurück, wo der Haufen sich zusammenrottete. „Es kann ein Unglück geben", sagte ein alter Mann und die ruhigen Bürger zerstreuten sich kopfschüttelnd, während die Masse dem Weibe in die Judengasse folgte, zum Hause des Abraham Eisenstock, der, von seiner Familie umgeben, noch rathlos dastand an der gestörten Tafel, unentschlossen, ob er und die Seinen irgendwo zu Gaste gehen sollten, und vollständig ahnungslos des Lärmes, der draußen entstand, des Gerüchtes, das man verbreitete und des Sturmes, der heranrollte, bis derselbe an's Haus schlug. Je näher der Wohnung des alten Mannes, desto mehr wuchs die Menge, desto lauter das Getöse, desto drohender die Rufe. Wie ein Wildbach stürzte das Gesindel zu Thüre herein, Einander fast erdrückend, denn Jeder wollte der Erste auf dem Schauplatze der Bestialität und des Raubes sein. Voran selbstverständlich, ihr Vorrecht behauptend, die Mutter des, von der Judenfamilie Eisenstock zum Opfer erkorenen Kindes, die Erste auch die die Hand erhob zur Mißhandlung und Plünderung. Es entstand eine Scene — gräulich und abscheulich. Das hell erleuchte Zimmer, die blinkenden Gläser, die vollen Flaschen, die glänzenden Silbergeschirre, die reich geputzten Frauen mit Schmuck an Kopf, Hals und Armen, blendeten die Horde und machten sie begehrlich. Gekommen, um sich an einem Raufhandel zu erlustigen, konnte sie sich an einem Raubhandel betheiligen, legitim in ihren Augen durch das Verbrechen, dessen der Jude angeschuldigt wurde. Der Schmuck der Frauen, das Service der Tafel, die silbernen Leuchter wurden rasch die Beute räuberischer Hände; zwischen die Schmerzens- und Hilferufe der Beraubten, das Jamm.rn der erschrockenen Kinder, das Wuthgebrülle der plündernden Männer und Weiber, mischte sich das Krachen von Gläsern, Tellern, Scheiben und Stühlen, das Gejohle der trunkenen Trinker, welche die vollen Weinflaschen leerten, wobei sich das früher so festlich erleuchtete Zimmer verfinstetre, in dem nur noch wenige trübe Kerzen den wüsten Schauplatz beleuchteten, auf welchem eine zügellose, bis zur Raserei entfesselte Canaille ihre Orgie feierte. In diesem wilden Lärm drangen nun plötzlich von Außen die Rufe: „Der Polizeimeister! Der Polizeimeister!", eine Wirkung und einen Schrecken hervorbringend, wie sie jäher nicht gedacht werden könne. Wie die wilden Buben in der Schule einen Moment aufsichtslos gelassen, auf Bänke, Tische und Schränke steigen, jubeln, zanken und balgen, aber beim Herannahen des Lehrers sich rasch und lautlos in ihre gewohnten Plätze drängen, so suchten nun Jene, welche einen Augenblick zuvor am schlimmsten gewüthet, am ärgsten gehaust und am eifrigsten geplündert hatten, schleunigst den Ausweg durch Thür und Fenster, Alles über den Haufen werfend, was ihre Flucht hinderte so daß beim Erscheinen des Polizeimeisters und seiner Ordonnanzen das arg verwüstete Zimmer fast leer geworden und die wenigen Personen, die da zurückgeblieben, theils Mitglieder der unglücklichen jüdischen Familie, theils unschuldige Neugierige waren, welche ver Lärm herangezogen, ohne daß sie ihre Hände am Raube besudelt hätten. Ein großer, starker Mann in silbergestickter Uniform, mit dicken Epaulettes und mehreren Ordenskreuzen auf ver breiten Brust, den glänzenden Helm auf dem graumelirten Haupte, aus dem, unter buschigen Brauen zwei stechende Augen hervorblickten, das lebende Bild der Kraft und Energie, trat ins Zimmer. Es war ein gefürchteter Mann, von weit verbreitetem Rufe, ohne jede Rücksicht und Schonung, wo es dem Verbrechen und dem Verbrecher galt; erfinderisch und wenig wählerisch in seinen Mitteln bei ihrer Verfolgung; unermüdlich und unbestechlich in seinem Dienste, von unbeugsamen Willen und raschem Entschlüsse der Trost der Einen und der Schrecken der Andern. Man erzählte ihm tausend Anekdoten nach, wie er räthselhafte Verbrechen aufdeckte und die Urheber entlarvte. Erst neulich alarmirte ein Raubmord die Bevölkerung des Ortes; der Verbrecher war verschwunden, die ganze Polizei auf der Suche und ihr Cher selbst verschmähte es nicht, die dunkeln Gassen und Gäßchen und all die Spelunken, wo man den Missethätern aufzulauern pflegte, in voller Uniform unter gewöhnlicher Escorte zu besuchen. In einem dieser Trinkhäuser saßen um einen Tisch vor ihren Trinkbechern mehrere Fuhrleute und unter ihnen Einer mit weißem Hemd, sauberer als die anderen Kameraden. Sofort stand vor ihm der gefürchtete Polizeimeister. „Weißt Du, welchen Tag wir heute haben?" frug er ihn, ihn scharf fixirend. „Mittwoch, gnädiger Herr". „Und wie kommt es, daß Du Mittwoch ein so schönes, weißes Hemd anhast?" frug er weiter. „Ich habe das frühere beschmutzt", stotterte der Fnhrknecht erbleichend. „Das weiß ich wohl", lachte der Polizeichef „und ich kann Dir sogar sagen womit!" Einen Augenblick später war dec Mann verhaftet und eine Stunde später geständig, den Raubmord an dem Kaufmann verübt zu haben. Eines frühen Morgens, wird weiter erzählt, stürzte ein angesehener Juwelenhändler in das Cabinet des Polizmeisters, bleich, verstört stammelnd. Es wurde in sein Gewölbe einge-