Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020970--02349-3026433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 304 Oesterreichifche Wochenschrtst Nr. 16 brochen, eine solide Steinwand durchbohrt, der Laden geplündert und der gestern noch reiche Mann zum Bettler gemacht. Der Beamte folgte dem Unglücklichen in sein Haus, vor welchem sich eine zahlreiche Gruppe von Neugierigen versammelt hatte und mitleidsvoll das Ereigniß besprach. Aufmerksam betrachtete Wassil Wassilowitch das Bohrloch in der Waud, die Schutthaufen zu beiden Seiten derselben, die aufgerissenen Schränke, die verstreuten leeren Schmucketuis, er besah und prüfte Alles auf das genaueste, dann winkte er dem Kaufmann in das nächste Zimmer zu treten. „Ist der Schaden groß?" „Nahe sechstausend Rubel". „Haben Sie Schulden?" „Ich schulde wohl fünfzig Tausend und bin nun ein Bettler, unvermögend, meine Gläubiger zu befriedigen." „Es ist nicht so arg, lächelte der Polizeigewaltige, ich habe den Dieb!" „In der That? Gott sei gelobt!", rief der Beschädigte und er zitterte heftig vor Freude oder Angst. „Er steht vor mir", ewiderte Jener ruhig, während der Kaufmann fast zusammenbrach und unzusammenhängende Worte lallte. In der Stadt wunderte man sich, daß trotz der großen Befähigung des Polizeichefs, die Juwelendiebe nicht eingefangen wurden, mehr noch, daß der bestohlene Kaufmann trotz erlittenen Verlustes seine Gläubiger vollständig befriedigte — ein Verdienst, das dem Polizmeister zukam und ein Räthsel, das erst später nach erfolgter Auswanderung des Juwelenhändlers gelöst wurde. Wassel Wassilowitsch sah sich im Zimmer um, er betrachtete die Verwüstung, die darin angerichtet worden, die heillose Unordnung, die verstörten, leichenhaften Gesichter der Hausleute, die ängstlichen Mienen der fremden Menschen, die sich beim Eintritte des Polizeibeamten deshalb nicht geflüchtet, um nicht verdächtigt zu werden, obschon sie ungern die Gegenwart des gefürchteten Mannes theilten. „Wir sind unschuldig, Herr Polizeimeister, rief der greise Hausherr, sobald ec nur sprechen konnte, so wahr uns Gott helfe, unschuldig. Die Räuber, die Mörder schrieen, wir hätten einen Christenknaben ermorden wollen — es ist nicht wahr, nicht wahr, nicht wahr!" „Ich weiß es. Sagt mir, was ist hier geraubt worden?" „Alles, was da war, Alles; Silber-, Porzellan-, Glasgeschirr —" „Kennt Ihr die Leute?" „Ach Gott, jammerte der Mann, uns ist ja finster vor Augen geworden, mir' schwindelten alle Sinne. Flüche, Püffe, Geklirre, Gekrache; das Haus bebte, Scheiben und Spiegel wurden eingeschlagen, die Möbel flogen durcheinander, die Lichter wurden ausgelöscht und was da lag und stand, liegt und steht nicht mehr — Alles ist hin!" „Beruhigt Euch und sagt mir, ob Ihr gar Niemanden kennt, auch nicht einen Emzigen?" „Keinen. Es waren so viele und so wilde Menschen, Kopf an Kopf, Männer, Weiber, Kinder, Soldaten und Mönche. —" „Auch Mönche?" „Auch Mönche. Ich bemerkte zwei; der Eine klein und dick, der Andere sehr lang und hager, mit schwarzen, langen, struppigen Haaren bis zur Schulter." „Das genügt. Sind Verletzungen vorgekommen? „Meine Tochter ist im Gesichte verwundet. Komm her Rebecca. Wo. ist Rebecca?" Des alten Mannes älteste Tochter war nicht da, sie lief durch alle Zimmer, nach ihrem Kinde zu suchen, einem etwa eilfjährigen Knaben, der vorhin mit dem Alten das Sofa theilte, den sie vermißte. Als die Menge sich verlief und die Anwesenheit der Polizei die zu Tod erschreckte Familie einigermaßen beruhigte, sah sich die arme, aus dem Gesichte blutende Mutter unbekümmert um ihre, übrigens leichte Wunde, nach ihren Kindern um. Der ältere Knabe, der sich während der Schreckensscene an sie geklammert und dann durch die herandrängenden, tobenden und verwüstenden Menschen von ihr getrennt worden, fehlte. Sie lief durch die Zimmer, in die Küche, in den Hof, auf die Straße, abermals durch die Zimmer, den Knaben zu s ichen; sie lief, sie ries, sie schrie — Senderleb zeigte sich nicht, Niemand hatte ihn gesehen, seit der Trouble vorüber war! Die ganze Familie gerieth in die größte Bestürzung, man dehnte die Recherchen auf die benachbarten Häuser, auf die nächsten Straßen aus, man schickte zu Bekannten, ob sich der Knabe nicht dorthin geflüchtet — nirgends! Der Polizeimeister ließ zwei seiner Leute zur Bewachung vor dem Unglückshause zurück und begab sich auf den großen Marktplatz der Stadt, wo noch immer zahlreiche Gruppen in lauten Gesprächen standen. Es fanden sich gleich viele dienstbeflissene Leute, die Alles genau wissen und erzählen wollten; er hörte sie Alle, frug nach Kreutz und Quer und erfuhr, von welcher Richtung der Krawall ausging, wer die Menge entflammte, welche Geistliche im Volköhaufen gesehen wurden. Die Mutter des zum Osteropfer auserkorenen Jungen wurde ebenfalls eruirt und Wassil Wassilowitsch ließ sie in sein Bureau bringen. Es war schon späte Nacht, aber es mußte gehandelt werden. Todtenbleich erschien die Migäre vor dem gewaltigen Beamten; fast brach sie unter seinem stechenden Blick, der lange auf ihr ruhte, zusammen. „Antworte mir kurz und wahr," rief er ihr endlich zu, „jede Lüge bringt die Knute." „Euer Gnaden —". „Du hast nicht zu sprechen, sondern zu antworten und wehe Dir, wenn Du anders antwortest als wahr ist. Ein Enkel des Juden Abraham Eisensiock ist verschwunden — weißt Du, wo der Knabe hingekommen? „Nein, gnädiger Herr". „Zwei Soldaten sollen eintreteu!" rief der Polizeimeister in das Vorzimmer hinaus. Zwei Kosaken erschienen auf der Schwelle. Die Blässe des zitternden Weibes wurde aschfahl. „Du hast also den Knaben gar nicht gesehen?" frug der Beamte langsam, mit Betonung der einzelnen Worte. „Ja, gesehen," antwortete das Weib schnell. „Wo?" „Dort im Hause, beim Juden!" „Also, Du warst dort?" Das Weib stockte bestürzt; sie kämpfte zwischen Angst und Schrecken. „Also Du warst dort; das ist abgemacht. Hast Du den Knaben entführt?" „Nein." „Wer denn? Du weißt es!" „Ein Mönch vom Kloster Swienty Ina," lispelte die Frau. „Sein Name?" „Ich weiß ihn nicht." „Wohin ist der Knabe gebracht worden?" „Ich weiß es nicht." Das Weib sprach die Wahrheit Angesichts des gefürchteten Beamten und der zwei Soldaten, die kerzengerade an der Thüre standen. „Führt die Frau in das Gefängniß, trug ihnen der Chef auf und bringet sie morgen Früh wieder her." Wassil Wassilowitsch blieb allein; es war spät, doch dachte er nicht an Schlaf. Ein Mann eherner Thatkraft, stand er jetzt vor einer Aufgabe, die er so rasch, als nur möglich lösen wollte. Ein Mönch hatte den Knaben entführt, gestand das Weib, und das Weib schien die Wahrheit zu sagen, da sie in jenem Momente nicht den Muth zur Lüge und Verstellung hatte. In diesem Falle konnte der geraubte Junge nur dort oben in dem castellartigen Kloster verborgen worden sein, das von seiner steilen Höhe stolz und gebietend, wie eine gewaltige Ritterburg früherer Zeiten in das Thal hinunterschaute. Dort wäre der Knabe zu suchen — doch wie? Eine Haussuchung auf Grund der Aussagen eines in Untersuchung gegangenen Weibes, durfte er bei all seiner Kühnheit und seinem selbstständigen Wesen denn doch nicht gut in einem Kloster wagen, welches einen Wallfahrtsort bildete, zu dem selbst die russischen Czaren pilgerten und wohin halb Rußland seine Beter und Büßer sendete und dessen Mönche fast heilig gehalten wurden. Ueberdieß war der Erfolg in so ausgedehnten Baulichkeiten mit ihren Capellen, Sacristeien, Gallerien, Gängen, Zellen, Catakomben und geheimen Verließen um so zweifelhafter, als das Kloster stets geschlossen und der Pförtner aus seinem Fenster lange zuvor die Besucher hinaufsteigen sehen mußte, bevor sie an dem Pförtchen läuteten. (Flrisetzung folgt.)