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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-21 · 16 (21.4.1893) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 302 Oestrrreichistlre Wochenfchrist Nr. 16 Personen, den verschiedensten Gesellschaftskreisen angehörig, von den höchsten Staatsbeamten bis zum Bettler herab, in sein Palais strömten und dcr Lieutenant, der die aus zehn Grenadieren bestehende Wache vor seinem Hause befehligte, hatte von dem Oberhoffactor den Auftrag, jedermann, auch den ärmlichst Gekleideten, einzulassen. Samson Wertheimer war soeben von einer Audienz bei dem Hofkammerpräsidenten Grafen Starhemberg in sei-, Arbeitszimmer zurückgekehrt. Er befand sich noch in voller Gala, die goldene Gnadenkette des Kaisers hing noch an seinem Halse die Brust herab, an der Seite trug er einen zierlichen Degen, ein Zeichen, daß er eine Hofcharge bekleidete. Er war sechzig Jahre, allein die Sorgenlast der langen, schweren Kriegsjahre, in welchen er unter den schwierigsten Verhältnissen mit Bekämpfung unglaublicher Hindernisse, die Riesensummen, die das Erzhaus zur Bekämpfung seiner zahlreichen äußeren Feinde und der ungarischen Rebellen bedurfte, herbeischaffen mußte, hatten ihn frühzeitig gealtert und er schien die Siebzig schon lange überschritten zn haben. Er war etwas unter Mittelgröße, sein Haupthaar und sein lang herabwallender Bart, der ihm ein höchst ehrwürdiges Aussehen verlieh, waren schneeweiß, sein etwas dunkel gefärbtes Gesicht war von zahllosen Fältchen durchfurcht und anstrengende Arbeiten und Sorgen hatten schon scharfe Linien in seine hohe Denkerstirne gegraben. Dagegen waren die Lippen seines kleinen, schön geformten Mundes noch immer frisch und roth und unter buschigen Augenbrauen blitzten zwei große, glänzende Augen, die jedermann bis in den Grund der Seele zu dringen schienen. Sein ältester Sohn Wolf, erhob sich bei seinem Eintritte, ging ihm entgegen und küßte ihm ehrerbietig die Hand. „Bist Du mit dem Resultate Deiner Conferenz mit dem Hofkammerpräsidenten zufrieden, lieber Vater?" frug Wolf. „Da ich mäßige Anforderungen stellte und gleichzeitig die Mittel augab, diese zu beftiedigen, haben wir uns rasch über mehrere Punkte geeinigt. Starhemberg wird sie dem Conferenzrathe empfehlend vorlegen, ohne Zweifel werden sie von diesem genehmigt und von dem Kaiser bestätigt werden. Ich kann Dir, da m-ine Sprechstunde beginnt und wir voraussichtlich bald unterbrochen würden, nichts Näheres darüber berichten, allein wir haben die Punkte, über die wir uns geeinigt, zu Papier gebracht. Graf Starhemberg hat mein Brouillon, ich seines unterfertigt. „Da hast Du jenes" und so sprechend überreichte er seinem Sohne ein.n beschriebenen Bogen Papier. Wertheimer wurde unterbrochen. Schon während seiner letzten Worte hatte Wolf gehört, daß die Wache vor dem Hause in's Gewehr gerufen und die Trommel gerührt wurde, jetzt wurde die Thüre hastig anfgerissen und ein Commis berichtete: „Prinz Eugen ist soeben in seiner sechsspännigen Galaequipage vor unserem Hause vorgefahren. Er hat den Bedienten heraufgeschickt und fragen lassen, ob der Herr Oberkriegsfactor, dem er einen Besuch abstatten will, zu Hause ist, da wir dies bejahten, wird er wohl sofort hier erscheinen." „Ah!" rief Wertheimer angenehm überrascht, „so hohem Besuche muß ich wohl entgegengehen." Allein bevor er noch seine Absicht auszuführen vermochte, wurden in dem Vorzimmer rasche Schritt«.- hörbar und wenige Secunden später betrat der gefeierteste Held Europas das Arbeitszimmer des Oberhoffactors. Wolf wollte mit einer tiefen Verbeugung rasch das Kabinet verlaffen, aber der Prinz sprach höflich aber trotzdem i» dem Tone eines Mannes, der keinen Widerspruch gewohnt ist. „Bleiben Sie! Ich weiß es, Ihr Herr Vater schätzt Sie hoch und hat kein Geheimniß vor Ihnen, überdicß ist das, was ich dem Herrn Oberkriegsfactor zu sagen habe, nichts weniger als ein Geheimniß, es wäre mir lieb, wenn es ganz Europa hörte!" Wertheimer rollte rasch einen kostbaren Lehnstuhl herbei, in den sich der Prinz warf und sprach. „Welches Glück, höchst Sie, mein gnädiger Prinz, bei mir zu sehen. Ich hätte mir schon erlaubt, vor' Euer Durchlaucht zu erscheinen und meine unterthänigsten Glückwünsche zu dem ruhmreichen Siege abzustatten; allein ich glaubte höchst dieselben würden die ersten Tage nach höchst Ihrer Ankunft zu beschäftigt sein, um mir einige Minuten Dero kostbare Zeit zu schenken." „Sie sind mir immer willkommen!" erwiederte der Prinz. Es enstand eine kleine Pause. (Fortsetzung folgt. Eine Emigration. Erzählung aus der jüngsten Vergangenheit von Leo Herzberg-Fränkel. Das jüdische Osterfestbrach an. Bon der Decke bis zur Diele, Alles, was in Küche und Stube stand und hing, war blank getüncht, gescheuert und geputzt; nicht ein Gegenstand und nicht ein Winkel in dem weiten Gemache, an dem nicht die fleißige Hand der frommen Hausfrau und ihrer Gehilfen gerührt. Staub, Schmutz und Rost, die fast ein Jahr lang unangefochten geblieben, mußten nun dem Gebote der Religion weichen, das für Ostern die allerpeinlichste Sauberkeit fordert — eine Wohlthat für Jene, die das Jahr über, gegen dieselbe sündigen. Unter einem zwölfarmigen Messingleuchter steht eine lange, schneeig gedeckte Tafel, die unter blinkenden Silber- und Glasgeschirren seufzt und umgeben ist von festlich geputzten Gestalten, Männern und Frauen in Seidengewändern. Jene in ihren Zobelmützen, diese inperlengellickien, diomantenfunkelnden Hauben, selbst die kleinen Kinder, die sonst zu dieser Stunde den Schlaf suchen, sitzen munter in ihren besten Anzügen an der schwer beladenen, eigenthümlich arrangirten Tafel An der oberen Seite derselben steht ein mit weichen Pölstern und Decken üppig belegtes Sofa und auf demselben thront ein Greis, in einem Weißen, brockatverbrämten Gewände, auf welches der lange, graue Bart niederwallt und neben ihm — die Zukunft neben der Vergangenheit — ein junges Kind, der Lieblingsenkel des alten Mannes, der den Bewegungen Großväterchens folgt, wie er das Gebetbuch hält, wie er darin liest und singt, sich bewegt, aufsteht und niedersetzt. Eine große Silberplatte trägt die Symbole des Osterfestes. Drei ungesäuerte Brode zur Erinnerung an die Flucht aus Miz'raim, ein Stück gebratenen Fleisches als Zeichen ehemaligen Festopsers, Meerretig, Symbol der Bitterkeit — zur Erinnerung an die bittern Jahre, die die Juden in der egyptischen Gefangenschaft zubrachten, eine Schale mit Salzwasser — als Mahnung an die wunderbare Ueberschreitung des rothen Meeres und endlich daneben ein mächtiger Pokal, gefüllt mit Wein bis zum Rande, bestimmt für einen hohen, aber für das menschliche Auge unsichtbaren Gast, den Profeten Elias, der am Osterabend geisterhaft durch die Wohnungen frommer Juden schwebt, von dem ihm kredenzten Weine nippt und seinen Segen zurückläßt. Die Gläser sind gefüllt, die Gebetbücher sind geöffnet, denn der fromme Jude, der sich die Ueberlieferungen und religiösen Vorschriften seiner Vorfahren bewahren will, setzt nicht ein Glas Wasser an den Mund, beißt nicht in sein Brod, hört nicht den Donner rollen, oder eine Todesnachricht, tritt nicht vor das Antlitz des Monarchen, geht an keinen wichtigere Handlung ohne Gebet, ja selbst jeder Brief, welchen Inhalts immer, wird mit einem „Gelobt fei der Ewige" eingelcitet. — Die Gläser stehen also gefüllt, die Gebetbücher sind abgeschlagen, der Pattiarch an der Spitze der Tafel erhebt sich, die ganze Tischgenossenschaft folgt rasch seinem Beispiel, aber, o Unglück! während dieser allgemeinen Erhebung stürzt in Folge der Erschütterung eine Kerze aus einem der Tafelleuchter und brennt liegend auf der weißen Decke! Ein allgemeiner Aufschrei folgt diesem kleinen Unfälle, der folgenschwer werden soll, doch keine Hand streckt sich, um die Kerze aufzuheben, keine Lippe spitzt sich, um sie auszublasen — denn es ist nicht allein Osteres ist auch Sabat, an dem die Berührung von Feuer und Licht verboten ist! Der Diener und die Magd eilen hinaus, eine nichtjüdische Hand zu suchen, die brennende Kerze aufzuheben, welche bereits das Tischtuch ergriffen, ohne daß Jemand den Frevel begehen wollte, sie auszmöschen und den beginnenden Brand zu ersticken. Die vorzugsweise von Juden bewohnte Straße war zur Stunde leer und es dauerte viele peinliche Minuten, bis endlich ein armer, zerlumpter Christenjunge herbeigebracht wurde. Zehn Hände deuten ihm gleichzeitig auf die Feuerstelle, rasch hebt er die Kerze auf, wirft ieine Kopfbedeckung ans das brennende Tischtuch und erstickt glücklich d'e Flamme — doch o Schrecken und allgemeines Entsetzen — ein Stück Brod, das der Junge bei seinem Kommen in der Hand hieltt und beim Löschen des kleinen Brandes auf den Tisch warf, liegt da mitten zwischen den ungesäuerten Broden, den Eß- und Trinkgefäßen, Alles entweihend, entheiligend, unbrauchbar und ungenießbar

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