Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-21 · 16 (21.4.1893) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020970--02336-3026420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

'Jtr. 16 VellerreiAzifche WochrnschrM <seih' 3<>7 Ein nLmizehnhundert Jahre altes Lehrduch für den ifraetit. Retigivns- Unterrirlzt. Es dürfte in der heutigen Zeit, wo die Frage des Reift givnsuuterrichtes an den Schulen eine brennende geworden, wo es an geeigneten, dein Zeitgeiste entsprechenden Lehrbüchern gar sehr mangelt, nicht ohne Interesse sein, zu zeigen, in welchem Sinne und mit welcher Methode inan vor nahezu zwei Jahr tausenden — wo allerdings die Verhältnisse nicht unähnlich den heutigen waren — wo der Tempel noch stand, die Schulen Hillel's und Schamais' erst im Aufblühen begriffen waren, in der gebildeten Welt Religion lehrte und Religions bücher verfaßte. Im Folgenden geben wir Proben ans einem solchen vor 1900, sage n e n n z e h n h u n d e r t Jahren, von einem weltberühmten, in der Religionswissenschaft bahnbrechend ge wesenen jüdischen Gelehrten abgesaßten Religionsbüchlein und gestalten uns hiebei an die maßgebenden Kvrpe rs ch a f t en und Pädagogen die Frage zu richten, ob sie glauben, daß die Methode und der Geist der hier in knappen Zügen vorgetragenen Quintessenz der mosaischen Lehren veraltet, und heute überwunden, oder ob sie nicht vielmehr noch heute befruchtend aus die Gernüther unserer in religiöser Beziehung arg vernachlässigten Jugend wirken könnten? Wir gestatten uns die weitere Frage, ob dieses jüdische Denkmal aus der v o r ch r i st l i ch c n Z e i t, welches vor dem Evangelium geschrieben und von einem Marine, dessen Autorität und dessen außerordentliche Verdienste um die Religionswissenschaft und die Philosophie auch von christlicher Seite n i e m als a n g e t a st et wurde n, nicht eher verdient — und dies schon in Rücksicht aus die Anfeindungen, welche das Judenthum neuerdings zu erdulden hat — in unzähligen Exemplaren verbreitet zu werden, als neue von keiner Autorität getragene, denen man noch überdies die Absicht anmerkt. Hier die Proben: 1. M o s e s. In diesem Buche soll von der Menschenliebe, der Zwillingsschwester der Frömmigkeit die Rede sein, welche von unserem Gesetzgeber, wie von keinem Zweiten, gebegt und gepflegt wurde. In der Ueberzeugung, daß sie allein zur Heiligkeit führe, empfahl er allen seinen Untergebenen die Pflege der Freundschaft und Gemeinschaft und gestaltete sein eigenes Leben zu einem herrlichen, rein ausgeprägten nachahmungswürdigen Vorbilde. Was nun sein ganzes, dem Heile seines Volkes gewidmetes öffentliches und Privatleben anbelangt, so haben wir dieses bereits in den früheren Büchern klar gelegt, hier mag nur noch der eine oder andere erwühnenswerthe Zug ans seinem Lebensende Platz finden, von denen jeder Zeugnis von seiner unerschöpflichen Güte ablegen wird, welche Gott selbst seiner reinen und heiligen Seele eingepragt hat. — Am Ziele seiner irdischen Laufbahn angelangt und durch das göttliche Wort an seine bevorstehende Abberufung gemahnt, benahm er sich nichtz wie sich Fürsten oder Privatleute bei solchen Gelegenheiten zu benehmen pflegen, deren ganzes Sinnen und Trachten nämlich dahin zielt, ihre Kinder als die Erben ihrer Hinterlassenschaft zurückzulassen, sondern unterdrückte seine väterlichen und verwandtschaftlichen Gefühle und erklärte keinen seiner beiden Söhne zu seinem Nachfolger. Wollte man aber den Grund dieses Borgehens in der Unfähigkeit seiner Kinder finden, nun dann hätte er ja noch immerhin die Söhne seines Bruders, die doch schon des Priesteramtes würdig befunden worden waren, zu seinen Nachfolgern ernennen können. — Allerdings scheint er dieses entweder deshalb nicht gethan .zu haben, weil er sie ihrem Priesteramte nicht entziehen wollte, indem er der Ansicht war, daß einer und derselbe unmöglich die weltliche und priesterliche Herrschaft gut verwalten könne, da ja die Pflege der Religion andere Anstrengungen erheische, als die Leitung und Führung eines Volkes; oder aber, weil er über eine so wichtige Sache nicht selbst zu entscheiden sich getraute und dies lieber dem allmächtigen, Herz und öfteren prüfenden Gott überlassen wollte. Die Richtigkeit dieser Behauptung scheint folgender Umstand zu bestätigen: Er hatte einen Freund und Hausgenossen Josua mit Namen. Dieser lebte von Kindesbeinen auf stets um ihn, und eine nicht durch alltägliche Künste erzeugte, reine himmlische Liebe verband in der Folge den Meister und den Jünger. Der letztere war stets in unmittelbarer Nähe des Propheten, wenn dieser nicht die Einsamkeit aussuchle, um sich mir der Gottheit berathen zu können, arbeitete mit ihm und vertrat ihn häufig in wichtigen Dingen. Obgleich nun Moses diesen Josua als einen in Wort und That erprobten Mann und was die Hauptsache ist, seine Hingebung für das Volk kannte, so wagte er doch nicht, ihn: die Führerschaft zu übertragen, aus Furcht, 'ein menschliches Urtheil könnte ibn doch täuschen, und flehte lieber zu Gott, der allein die unsichtbare Seele zu durchschauen und die Geheimnisse des Herzens zu durchdringen vermag, daß er aus dem Vorzüglichsten einen Würdigen aussuche, welcher das Volk n:ir väterlicher Sorgfalt leite. Und so erhob er denn seine reinen und sozusagen jungfräulichen Hände zum Himmel und betete also: „Möge Gott, der Herr der Geister und alles Fleisches, einen Mann ansersehen, der dieses Volk führe und leite, damit es nicht ausschweise, wie eine der Fürsorge des Hirten beraubte Öecrbe.;j!j — Wer nun in ächte nicht, erstaunt über ein solches Gebet, ausruseu: Herr, roas thust Du? Hast Du nicht selbst Kinder? Hat nicht Tein Bruder welche? Sind diese denn rächt schon von der Statur zu Erben bestimmt? Waru:u willst Du also nicht diese oder jene zu Deinen Nachfolgern bestellen? Hältst Du aber weder Deine noch Deines Bruders Kinder einem solchen Amte gewachsen, und liegt dir die Sorge um Dein Volk mehr an: Herzen, als jene um Deine Familie, so bleibt Dir ja immer noch eine Wahl. Du hast ja einen tadellosen Freund, der selbst allen Deinen hoben Anforderungen vollkommen entspricht. Warum willst Tu nicht diesen, wenn hier ilicht die Geburt, sondern die Befähigung deu Ausschlag gibt, zu Deinem Nachfolger bestellen? Aus solche Fragen jedoch würde er ungefähr so antworten: Wenn man schon im Allgemeinen nicht vorschnell im Urtheil sein darf, so darf inan es am allerwenigsten da sein, wo es sich r.m das Wohl oder Wehe von Tausenden handelt. Und sowie es zu ciner glücklichen Schiffahrt eines guten und tüchtigen Schifileiters bedarf, so ist zur Erhaltung eines wohlgeordneten Gemeinwesens ein umsichtiger und weiser Leiter nörhig. Nun aber steht es keinem anderen als Gott oder einem sonstigen reinen mit der Weisheit sehr vertranten Wesen zu, über diese, welche nicht vlos als ich, sondern als die ganze Welt älter ist, ein Urtheil abzugeken. Ueberdies habe ich schon ehedem an mir selbst gezeigt, daß man auch andere, wie tüchtig sie immer sein mögen, zur Herrschaft nicht berufen dürfe. Tenn nicht ans eigenein Antriebe habe ich die Bolksleitung übernommen, bin auch nicht durch irgend eines Menschen Empfehlung zum Fürsten erhoben worden, vielmehr durch unzweideutige göttliche Orakel wiederholt dazu gedrängt worden, und mußte endlich, wie sehr ich mich auch gegen die Uebernahme eines so verantivortungsreichen Amtes sträuben mochte, dem göttlichen Willen mich fügen. Wäre es also nicht sträflich, wenn ich jetzt meinem Principe untren würde, indem ich ans eigener Machtvollkommenheit, ohne auch nur den Volks willen zu befragen, mir einen Nachfolger bestellte, mährend ich selbst ans keiner anderen als aus Gottes Hand die Herrschaft empfangen wollte? Zumal als es sich hier nicht um die Leitung eines gewöhnlichen, sondern mächtigen Volkes handelt, eines Volkes^ das noch überdies im Besitze der erhabensten Religion ist, indem es das höchste Wesen, den Schöpfer mtb Vater des Weltalls verehrt. Denn was die Verehrer der Philosophie — und mag diese auch die vorzüglichste sein — ans ihr schöpfen, das fließt den Juden aus ihren Gesetzen und Einrichtungen, den Vermächtnissen des höchsten Gottes zu, seitdem sie den Glauben an falsche geschaffene Götter fahren gelassen. Was geschaffen ist, kann nimmer eine wirkliche Gottheit sein, wenn auch die menschliche Phantasie es zu einer solchen macht; denn eine Gottheit muß ohne Anfang und Ende sein. — Dieses nun ist ein unumstößlicher Beweis seiner ausgezeichneten Liebe und Anhänglichkeit zu seinem Volke. — Hier ein zweiter, dem ersten nicht nachstehender: Nachdem nämlich sein Schüler und Nacheiserer Josua wegen seiner vorzüglichen Eigenschaften zum Volksoberstcn ernannt war, war Moses, weit entfernt, bestürzt über die Hinransetzung seiner und seines Bruders Söhne zu sein, vielmehr von einer unbeschreiblichen Freude erfüllt, da er überzeugt war, daß durch diese Wahl in ausgezeichnetester Weise für das Volk gesorgt sei; denn das wußte er, daß ein von Gott erwählter Fürst alle Eigenschaften, das ihm anvertraute Volk zu beglücken, besitzen 0 dlmll. XXVII. 15, 16, 17.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.