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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-21 · 16 (21.4.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 296 Oesterreichischr Wortzenfchrist Nr. 16 Liebknecht über den Antisemitismus. Wien, 15. April. Vorgestern Abends sprach, wie die „Münchener Neuesten Nachr." berichten, in München in einer socialdemocratischen Versammlung, welche von ungefähr 6000 Personen besucht war, Reichstags-Abgeordneter Liebknecht über das Thema: „Socialdemocratie und Antisemitismus". Der Redner, welcher bei seinem Erscheinen mit betäubenden Hochrufen empfangen wurde, führte ungefähr Folgendes aus: „Hundertzwanzig Jahre sind es her, daß einer der größten und kritischesten Geister Deutschlands, Lessing, seinen „Nathan" veröffentlicht hat. Darin ist der edle Gedanke niedergelegt, daß es bei der Beurtheilung des Menschen lediglich darauf ankommt, wie er handelt, nicht was er glaubt, oder welchem Stamm und Volk er angehört. Ein Schurke ist ein Schurke, ob er ein Christ oder ein Jude ist! Wenn damals gesagt worden wäre, in dem Lande, in welchem dieses Gedicht erschien, da wird nach mehr als hundert Jahren eine Bewegung entstehen, welche dahin geht, die ganzen Gräuel und Rohheiten des Mittelalters wieder aufleben zu lasten, das würde Lessing nicht geglaubt haben. Das hätte er, obwohl er ein großer Skeptiker war, seinen Landsleuten nicht zugetraut. (Stürmischer Beifäll.) Wenn damals Jemand gesagt hätte, Agitatoren werden das Land durchziehen und sagen: „Alles sociale Elend ist auf die Juden zurückzuführen," da hätte man ihn reif für's Irrenhaus erklärt. Die Dinge sind aber so gekommen. Deßhalb ist unsere Cultur nicht zurückgeschritten, aber es ist ein Beweis, daß unsere heutige Gesellschaft, die kapitalistische, welche die schlimmsten Mittel der Barbarei zur Hilfe nimmt, nicht mehr im Stande ist, den Aufgaben der Cultur zu genügen, sondern in die wildeste Barbarei zurückversiukt. Für uns gibt es keine Judenfrage, weder nach der religiösen noch nach der Stammesfrage hin. Uns kommt es lediglich darauf an. was der Mensch ist. Glaube und Nationalität sind zufällig. Ein Schurke ist ein Schurke, ob er Christ, Muhammedaner oder Jude ist, ob Franzose, Amerikaner oder Deutscher. (Stürmischer Beifall.) Wir kennen nur den Maßstab der Gleichheit für Alles, was Menschenantlitz trägtt Und wenn da ein Agitator im Lande herumzieht und sagt: „Der Jude ist kein Deutscher", so sage man diesem Mann, „Du bist ein elend unwissender Demagoge, du weißt gar nicht, daß die Menschheit immer gewandert ist. Du weißt nicht, daß wir Deutsche auch gewandert sind und ein Mischvolk sind. Wir finden, daß es sich mit den sogenannten reinen Nationalitäten verhält wie mit den Elementen der Chemie. Man entdeckt später, daß sie keine sind. Das deutsche Volk hat das Blut der verschiedensten Völker in sich, und das gilt fast von allen Culturvölkern. Wenn wir sagen, die Juden haben kein Recht in Deutschland, weil sie eingewandert sind, so sollten wir auch sagen, die Deutschen haben auch kein Recht. Was ist der sogenannte Antisemitismus eigentlich? Professor Mommsen, ein Fortschrittler, hat (in der Wiener Deutschen Zeitung) das wunderbare Wort gesprochen: „Der Antisemitismus ist eine Krankheit, die man nicht begreifen und nicht heilen kann." Wir können diese Krankheit schon begreifen. Sie liegt in dem Fäulniß- und Zersetzungsproceß, in welchem sich die heutige bürgerliche Gesellschaft befindet." Nach einer längeren Polemik gegen das kapitalistische System schloß der Redner mit folgenden Worten: „Die antisemitische Bewegung hat ihren Höhepunkt erreicht. Gerade die Excesse eines Ahlwardt werden dafür sorgen, daß in einflußreichen Kreisen der Meute zurückgepfiffen wird. Ist es auch möglich, daß diese schmähliche Bewegung in einigen Theilen Deutschlands weitere Fortschritte macht, unsere Stellung ist in unserem Programm gekennzeichnet: Uns gilt nur der Mensch! Wir beurtheilen in dem Geiste eines Lessing den Menschen nach seinen Handlungen. Ein Schurke ist ein Schurke, ein Edler ein Edler, o!b er Deutscher oder Franzose, ob er Christ oder Jud ist." (Stürmischer Beifall, vereinzelter Widerspruch.) Fychhof in Kremster. Im Jahre 1848 lenkte die bis dahin weder durch historische Denk-, noch durch architectonische Sehenswürdigkeit berühmte Hannastadt Kremsier die Augen ganz Europas auf sich, denn wegen des gestörten Zustandes der gesetzlichen Ordnung in der Hauptstadt, welcher dem Reichstage die Fortsetzung seiner Berathung unmöglich machte, wurde dieser vom Kaiser Ferdinand I. nach Kremsier berufen. Zur festgesetzten Zeit, am 21. November 1848, wurde er auch wirklich in seinen Mauern unter großem Festgepränge eröffnet. Die Sitzungen fanden im prächtigen Refectorium des erzbischöflichen Palastes statt. Nach einer Schilderung des hier unvergeßlichen Fischhof waren die Wände oieses großen Saales nicht mit Heiligenbildern, sondern mit mythologischen Figuren geschmückt: „So wenig wie der Magen werden in diesem Raume die Augen kasteit". Selbst der Stall im fürsterzbischöflichen Gebäude sieht einem griechischen Tempel gleich, während das Volksschulhaus äußerlich einem Stallgebäude gleich sieht". Die erste, aus 383 Mitgliedern bestehende Reichsversammlung zählte fünf jüdische Abgeordnete. Es waren dies nämlich: Die beiden für die Wiener Vorstädte Matzleinsdorf und Schottenfeld gewählten Med. Dr. Ad. Fischhof und Jos. Goldmark; der Großhändler Abraham Halpern aus Stanislau, der aus einem mir unbekannten Grunde vom Reichstag ausschied und dessen Spuren ich nicht erforschen konnte; der Prediger Js. Noa Manheimer für Brodi und der Rabbiner Ber Meisels für Krakau. Obwohl dieser niemals im Rcichsrathe sprach, genoß er wegen seines nationalen Strebens und freisinnigen Wesens eine ungewöhnliche Verehrung und Hochachtung bei seinen polnischen Landsleuten, die vor jedem wichtigen Beschlüsse früher seine Meinung anhörten. Wenn er in den Sitzungssaal eintrat, verbeugten sich Alle vor ihm. Berühmt ist das geflügelte Wort, welches kr den Präsidenten Smvlka soll erwidert haben, als, dieser ihn freundlich in polnischer Sprache begrüßte und ihm einen Sitz auf der Rechten anwies. „Wir Juden haben keine Rechte". Wenn auch in religiöser Beziehung ganz entgegengesetzter Ansicht, nahm Mannheimer wegen derselben politischen Ueberzeugung ebenfalls seinen Sitz auf der Linken, mit der er auch stimmte. Der Vorstand der Gemeinde Wiens, das unter dem Drucke des Belagerungszustandes war, fürchtete, daß die Haltung M.'s nachtheilige Folgen für diese haben könnte, ließ dem Prediger durch Werthcimer und L. A. Frankl manche Weisungen zukommen, welche auf seine Umstimmung hinwirken sollten. In humoristischer Weise äußerte er sich einst, auf einen Fleck an der rechten Seite seines Beinkleides weisend, dem Letzteren gegenüber: „Sagen Sie dem Vorstande, Sie hätten sich durch Augenschein überzeugt, daß ich auf der Rechten sitze". Nach einer brieflichen Mittheilung Fischhof's sprach Mannheimer, welcher während der vorberathenden Sitzung des ersten constituirenden Reichstages als Alters-Bice-Präsident fungirte, blos ein einziges Mal und zwar bei der Berathung über die Glaubensfreiheit. Augenzeugen berichten mir jedoch, daß er über die Abschaffung der Todesstrafe eine zu salbungsvolle und deshalb nicht beifällig aufgenommene Rede gehalten hätte, in welcher er seinen Standpunkt gegenüber dem biblischen „Zahn um Zahn" rechtfertigte. Auch auf die hiesige Gemeinde, in welcher damals reges Leben herrschte, indem hohe Würdenträger und Rangspersonen in jüdischen Häusern Wohnung nahmen, wollte Mannheimer reformatorisch einwirken. An einen geregelten Gottesdienst, gewöhnt, mißfiel ihm das unruhige, geräuschvolle Benehmen der Tempelbesucher. Ec nannte die Juden eine verschleimte Nation. Nur eine Einrichtung von ihm hat sich behauptet, daß nämlich der Aufgerufene allein laut die Hafthora vorträgt. Wegen des Markttages unterblieb fein bereits angekündigter Bortrag zum Beginne des Chanukafestes. Bon allen hier anwesenden Rabbinern sprach blos der L. K. Hirsch zum Abschnitte Wajchi über den Text „chasak — chasak“. Die meisten Sympathien in den Kreisen der Abgeordneten sowohl als auch der Bevölkerung genoß Fischhof, welcher nebst dem wegen seines rastlos treibenden Wesens weniger gefälligen Goldmark im Constitutions-Ausschusse zum Referenten über die Grundrechte gewählt wurde. Mit Begeisterung sprechen noch heute Alle, die ihn kannten und liebgewonnen, von der Reinheit seines Characters. Gewiß wäre es nicht zum geringsten Theile seinem persönlichen Einflüsse und Verdienste zuzuschreiben, wenn es, wie er optimistisch glaubte, im Kremsierer Reichstage keine Conflicte bezüglich der confessionellen Gleichberechtigung gab, welche damals als selbstverständlich erschien. So schreibt er nämlich: „In den §§ 11 bis inclusive 15 ist die Gleichberechtigung vollständig gewährleistet. So heißt es im § 11: „Den österreichischen Staatsbürgern ist die Freiheit des Glaubens gewährleistet", rc.

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