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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-21 · 16 (21.4.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Oeflrrreichifche Wochrnschrifl Seite 293 man mit dem aus der Etsch gezogenen Kindeskörper seine heilige Gauckeley angefangen / und weilen er eben nach der Juden Ostern gesunden worden / öffentlich ausgerusfen / wie das Kind von den Juden / um mit dessen Blut den Teig zu den ungesäuerten Oster-Kuchen anzuknetcn / sey ermordet worden / und ward der tobte Leib so zugerichtet daurit er dessen einige Zeichen an sich hätte. Es ist auch die Sach nach allem Wunsch und Verlangen ange-gangen". Ganganelli, später Papst Clemens XIII., konnte als Cardinal in seinem berühmten Gutachten, in der Sache des Knaben Simon, auf die Autorität des Papstes Sixtus IV. und auf die Autorität des Dogen von Venedig Pietro Mocenigo sich berufen. Ueber den Knaben Andreas von Rinn aber schreibt S t e u b „Altbayerische Culturbilder": In's Jahr 1462 wird der Martertod des kleinen Andreas von Rinn, des Heiligen von Judenstein bei Hall, verlegt, eine Erfindung, deren Ruhm nach jetziger Meinung dem Haller Damenarzt Hypolit G u a r i n o n i, einem 1654 verstorbenen Italiener gebührt. Die Wahrheitsliebe, Gründlichkeit und genaue Sachkenntnis Steub's wird man auch von antisemitischer Seite nicht anzweifeln können. Ganganelli findet cs auffallend, daß die Diöcese von Bressanone fast 300 Jahre, bis 1754 hat warten müssen, bevor die Verehrung des Knaben Andreas von der römischen Kirche erlaubt wurde. Daran dachte der ermähnte Haller Damenarzt nicht, daß, wenn er seine Geschichte um zwei Jahrhunderte zurückverlege, die späte Heiligsprechung einigermaßen räthselhaft erscheinen möchte. Und diese Tiroler Geschichten sie fuhren hinüber nach der böhmischen Stadt Kolin und die Judenhetze in dieser Stadt steht mit den Tiroler Geschichten in unmittelbarem Zusammenhänge. In Büchern für die Jugend, in populär gehaltenen Broschüren, in Tractätlein für die Wallfahrer, werden diese Geschichten a u f g e f r i s ch t und verbreitet. Das ist die Saat, und die Frage, wer die Schuld trägt an den Excessen in Kolin, beantwortet sich von selber und wir können uns jede weitere Bemerkung ersparen. Man lese doch das Tractätlein über Andreas von Rinn (Innsbruck 1887 kleinstes Format und größter Druck) und man wird finden, daß von den Juden ganz unmögliche Dinge erzählt werden. Sie setzen sich den größten Gefahren aus, nur um ein Kind in ihre Gewalt zu bekommen. Durch eine Reihe von Wundern wird das Verbrechen entdeckt, wird der Leichnam des Kindes aufgefunden. Die Juden aber gehen leer aus, sie werden nicht mit Namen genannt, sie werden nicht gerichtlich verfolgt und die Gerichte setzen sich überhaupt nicht in Bewegung. Die Geschichte bleibt in einem mystischen Nebel gehüllt trotz der Frakturschrift des Traetätleins. Daneben werden photographische Bilder von diesem Heiligen verbreitet, auf dem Bilde sieht man die Juden mit dem großen Schächtmesser das arme Christenkind abschlachten. Und so geschah es in Kolin. Eine Magd verschwindet in der Osterzeit, eine Magd aus einem Judenhause. Da steht es ja gedruckt, man weiß ja, was mit der Magd geschehen ist. Die Juden in Kolin sind plötzlich in Acht und Bann erklärt. Man begegnet ihnen mit mißtrauischen Blicken, man murmelt ihnen leise Verwünschungen nach und läßt sie die Feindseligkeit fühlen. Endlich wird die Leiche der verschwundenen Magd in der Elbe gefunden. Die Gerichtsärzte constatiren, daß hier ein Selbstmord vorliegt, daß an der Magd keine Gewaltthat verübt wurde. Aber das nützte Alles nichts; es kam zu Straßenexcessen, welche nur mit Hilfe des Militärs unterdrückt werden konnten. Die Juden wurden bedroht und selbst Fremde, die in der Stadt ankamen, wurden mißhandelt. Es ist constatirt, daß das Dienstmädchen, Marie Kavlina, nur deswegen in den Tod gegangen ist, weil sie außerhalb des elterlichen Hauses -nicht leben wollte. Der Fall ist vollkommen aufgeklärt. Aber es herrscht doch ein unheimliches Treiben in Kolin. Die antisemitischen Agitatoren haben sich dort eingefunden. Man boykottirt die Juden und man droht mit dem 1. Mai. Ist das Maß ein gleiches? Wenn wir zur Abwehr schreiten, sind uns die Hände durch das Gesetz gebunden. Und doch hat die Majorität nie Etwas zu fürchten, auch wenn Vertreter der Minorität etwas leidenschaftlicher vorgehen. Bei den Angriffen gegen die Juden aber weckt man die Bestie im Menschen und es kann zu bedenklichen Excessen kommen, wie wir es ja jetzt erlebt haben. Das „Kauft nicht bei Juden" oder „Kauft nur bei Christen", das ist der Anfang; die Blutlüge, die man unter den verschiedensten Formen und Vorwänden wiederholt, das ist die Fortsetzung. Straßenexcesse und Judenverfolgungen, das ist noch nicht das Ende. Denn der Antisemitismus wird Eonsequenzen haben, bei denen die Juden nich: mehr in's Mitleid gezogen sind als andere Institutionen und Interessen. In Wort, Schrift und Bild, wie in den Photographien vom Judenstein bei Hall, wird gegen die Juden gehetzt und der militärische Schutz, wenn die Leidenschaften überschäumen, der Schutz gegen brutale Ausschreitungen, der reicht nicht aus für Bürger, die sich mit allen anderen Bürgern gleichberechtigt fühlen, die fi'iedlich und wohlgesinnt im Staate leben wollen. Man schütze uns gegen eine den Gesetzen hohnsprechen.de Agitation und nicht erst dann, wenn die Sturmglocken läuten. Wer ist Michael Esvlirs? In unserem vorwöckentlichen Artikel haben wir das Attentat auf den Fürstprimas von Ungarn als eine Frucht der von antisemitischer Seite betriebenen Ausreizung aller verbrecherischen Jnstii cte bezeichnet und von dem Attentäter- Michael Csolics gesagt, derselbe wäre „in Wien ein Bundesgenosse der Partei Lueger und Liechtenstein" gewesen. Diese Behauptung hat ein streitbares antisemitisches Gemüth in Harnisch gebracht, und zwei Tage nach Erscheinen der letzten Nummer flog uns ein Schmähbrief — selbstverständlich ein anonymer — in's Haus, in welchem wir nach bekanntem Muster beschimpft und Michael Csolics als ein Werkzeug der Juden und Judenknechte hingeftellt wurde, in deren Auftrag er den höchsten kirchlichen Würdenträger Ungarns hätte ermorden sollen, weil dieser ein Gegner der Juden sei. Es hätte uns Wunder genommen, wenn der Antisemitismus nicht auch diesen Anlaß benützt hätte, um den Juden etwas am Zeuge zu flicken. Es geschieht ja kaum noch irgend ein bemerkenswertes Verbrechen in der Welt, für welches nicht flugs den Juden die Thäterschaft, Mitwissenschaft oder doch wenigstens die moralische Verantwortung aufgebürdet würde. In dem vorliegenden Falle aber sind wir in der Lage, ein classisches Zeugnis für die von uns behauptete Zugehörigkeit Csolics' anzuführen. In seiner Morgenausgabe vom 14. d. M. enthielt das „Deutsche Volksblatt" eine Correspondenz aus Gran, der Residenzstadt des Fürstprimas V a s z a ry, welche auf die wahren Motive und die wirklichen Urheber des Attentates scharfe Streiflichter fallen läßt. Nach dieser Correspond enz hat Csolics den Mordversuch ans den Fürst prim as u n ternommen, nicht weil er, d er Attentäter, ein Werkzeug der Juden, sodann weil angeblich Cardinal Vaszary derFreundund Schützer der Juden ist. Und wenn wir dem „Deutschen Volksblatt" nie geglaubt haben, diesmal glauben wir ihm. Hören wir den Graner Gewährsmann des antisemitischen Hetzblattes; derselbe weift zunächst auf die väterliche Fürsorge hin, welche der verstorbene Fürstprimas S imor allen seinen Beamten und Dienern hatte angedeihen lassen und betont, daß sich diese Sachlage mit einem Schlage änderte, als der jetzige Primas sein Amt antrat. Derselbe hat als Mitglied des Benedictinerordens für die wichtigste Stelle, so insbesondere für jene des Güterdirectors,Ordenspriester ernannt. Der neue Güterdirector L o s k a y hat langjährige Diener ohne Grund mit einer geringfügigen Pension außer Dienst gesetzt. „Jetzt

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