Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 292 Oestrrreichischr Wochrnschrifl Nr. 16 Die Vlutlüge in Lolin — mit andern Partei- und Vrreinslügen. Belgrad, Brüssel und Kolm — das sind die drei europäischen Städte, die in der letzten Woche die Aufmerksamkeit festgehalten haben. Es ist nicht der Ausfluß eines einseitigen Standpunktes, wenn wir behaupten, daß Kolin den Vorrang verdient, daß die Judenexcesse in dieser böhmischen Stadt eine überaus ernste Bedeutung haben und daß hier das Anwachsen eines Uebels constatirt werden muß, das hinsichtlich der Zukunft zu den düstersten Befürchtungen Anlaß bietet. In Brüssel braucht man das Bild Egmonts, des Blutzeugen der Freiheit, nicht zu verhüllen, es kämpfen auf dem historisch revolutionären Boden die Arbeiter um ihr Recht gegen die oberen Gesellschaftsschichten, in Belgrad hat der Enkel des Schweinehändlers Milosch bewiesen, daß er trotz seiner jungen Jahre den gordischen Knoten so gut zu zerhauen verstand, wie der Sohn Philipps des Macedoniers, in Kolin aber jagt das düstere Nachtgevögel des Mittelalters durch die Lust und Blut ist die Lüge und Blut ist die Losung. Die Blutlüge, das ist nichts Neues, Judenhetze ist nichts Ueberraschendes, Judenexcesse, die Ordnung wird wieder hergestellt, man muß nicht durch local begrenzte Störungen sich in Aufregung versetzen lassen, — so reden diejenigen, welche in der Oberflächlichkeit des Urtheils das Glück des Daseins finden und die nur einen Vorwand suchen, um in chrem Jndifferentismus beharren zu können. Aber in den Spiegel der Wahrheit dürfen sie nicht schauen, sonst würden sie den häßlichen Fleck am strahlenden Antlitze der Zeit erkennen, welcher die den ganzen Organismus vernichtende Krankheit ankündigt. Etwas ganz anderes ist es, wenn irgend in einem Erdenwinkel der Fanatismus auffiammt, oder wenn eine Petroleumquelle sich plötzlich entzündet und etwas ganz Anderes sind die Judenexcesse in unseren Tagen, nachdem sie im Zusammenhänge mit einer Bewegung stehen, die über hochcivilisirte Gebiete Europas sich ausdehnt. Hier sind mit einer schweren Verantwortlichkeit Alle belastet, die seit langen Jahren nichts gethan haben, um diese Bewegung zu unterdrücken und eine Schuld so schwer, daß sie nicht getilgt werden kann, drückt auch Jene, welche das Werk der Brandstiftung üben Tag für Tag und welche den Aberglauben aus seinem Schlummer geweckt und ihn zur schamlosen Kundgebung seiner Existenz ermuthigt haben. In Wien, da sind die Antisemiten wenigstens reactionär, sie sind die Werkzeuge des Prinzen Liechtenstein, des Feudalismus, der zwei Göttern zu dienen versteht, der mit beiden Händen das Gold einstreicht, welches Industrie und Capitalismus ihm darbieten und dabei das Mittelalter heuchelt, weil er den ganzen Staat unter seine Gewalt bringen möchte; die Jungczechen abersind eine aufgeklärte Partei und Kolin gehört den Jungczechen. Ein Führer dieser Partei hat vor mehreren Jahren in einer berühmten Rede äußerst wirkungsvoll gegen den Prinzen Liechtenstein gesprochen. Und dennoch sind sie die Werkzeuge des Prinzen Liechtenstein und dennoch hat der jungczechische Vertreter von Kolin den Antisemitismus als eine Wicht der Czechen erklärt und dennoch sind die Verehrer des Huß den christlich Socialen verbündet. Da windet sich wie Schlangen durcheinander ein Knäuel von scheußlichen Lügen. Nicht nur von der Blutlüge ist die Rede, sondern auch von der Fortschritts¬ und Freiheilslüge der jungczechischen Partei und von den Lügen, durch welche die antisemitischen Vereine das Vertrauen des Volkes erschleichen und einen Theil des niedern Clerus zu täuschen wissen. Es wird im Vereine, es wird genossenschaftlich und wird unter der Fahne des Parteiverbandes gelogen; fort mit der Maske, Ihr Jungczechen, euer Freiheitsglaube ist Lüge, euer Fortschrittsbekenntniß ist Lüge und Eure Behauptung des nationalen Rechtes erscheint als widerliche Heuchelei, nachdem ihr die natürlichsten Rechte Eurer Mitbürger verleugnet. Das aufgeklärte Böhmen, es hat denselben Aberglauben, wie die dunkelsten Thäler schularmer Gegenden ltnb es nährt sich mit Tiroler Märchen. Was soll euch die Verehrung des Huß? Auch sie ist Lüge. Nur die Schmach ist Wahrheit. Wie das „Mädchen aus der Fremde" mit jedem Jahre wieder kommt, so erleben wir jetzt von Jahr zu Jahr eine neue Auflage der Blutlüge. Wie erklärt sich diese Erscheinung? Katholische und protestantische Geistliche warnten die Menge von Kolin vor dem blöden Aberglauben, und Sie wurden dafür als Geheimjuden und Ketzer ausgeschrien und verdächtigt. Und man darf sich nicht wundern, wenn ungebildete Volkselemente sich derart benehmen; hat doch ein in nächster Nähe des Brunner Bischofs Dr. Bauer wirkender Mann, der Professor der Theologie Pater Neuschel, in einer öffentlichen Versammlung das Märchen vom rituellen Morde aufgetischt in einer Versammlung, in welcher das Jubiläum des Papstes Leo Xlll. gefeiert wurde, und nach der Rede des Pater Neuschel waren die Anwesenden, darunter die czechischen Landtagsabgeordneten Dr. Ottokar Baron Prazak, Dr. Koudela u. A. niedergekniet und haben sich von Pater Neuschel segnen lassen. Dazu kommen die zahlreichen Blutschriften, welche geistliche Herren in allen Theilen der Monarchie fabriciren — in volksthümlicher Sprache, mit aufreizenden Photographien versehen — und in alle Provinzen ausstreuen. Wir haben in unserer vorletzten Nummer das Deckert'sche Buch über den Knaben „Simon von Trient" besprochen. Und nun fragen wir in Hinblick auf die blutige Sprache dieses Buches: wer ist verantwortlich für die' Ruhestörungen in Kolin; wer trägt die Schuld? Wenn in unserer Zeit solche Lügen Boden fassen können, wie leicht muß das erst in einer Zeit gewesen sein, welche Alles zu glauben und nichts zu prüfen sich zum Grundsätze gemachl und wo der Epheu des Aberglaubens alle Zweige der Wissenschaft umrankte. Die Blutlüge ist entstanden wie das Negermärchen, daß die Weißen die Schwarzen näch Europa schicken, um kannibalische Gelüste zu befriedigen, oder das chinesische Märchen, daß die Missionäre die Kinder in ihre Schulen locken, um ihnen die Augen auszustechen und um mir diesen Augen in Europa die Blinden zu heilen. Angesichts des Hasses, der Unwissenheit und des Fanatismus des Mittelalters erregt es kein Staunen, daß der Blutlüge Denkmäler errichtet wurden; vielmehr erscheint es als eine wunderbare Fügung, daß in der christlichen Welt noch immer hervorragende Persönlichkeiten sich fanden, welche die Blutlügen bekämpften. Die Wernerkirche beiBacharach ist in Ruinen zerfallen. Mit dieser Legende in Verbindung steht die Erzählung von dem Knaben Werner, den die Juden im Jahre 1287 in Oberwesel ermordet haben sollten. Im Jahre 1288 verhielt Kaiser Rudolf den Erzbischof von Mainz nach dem fontes rerum gern, von der Kanzel feierlich zu verkündigen, daß die Christen den Juden das größte Unrecht tl äten und daß der gute Knabe Werner, welcher gemeiniglich als von den Juden ermordet ausgegeben und von einigen einfältigen Christen als göttlich verehrt werde, in Feuer verbrannt und dessen Asche in den Wind gestreut und in Nichts aufgelöst werde. Was den Knaben Simon betrifft, dessen Schicksal der Weinhauser Pater zu erzählen vorgibt, so ist die Einleitung und der Gang des ganzen gegen die .Juden in Trient durchgeführten Processes ein actenmäßiges Zeugniß dafür, daß eine Anzahl von Justizmorden an den Juden begangen wurden, daß aber die Juden an der Ermordung des Knaben Simon keinen Theil hatten. In diesem Sinne spricht sich der Judenfeind Wagen seil aus: „Es braucht aber keines Nachsinnens / die Sach ligt am Hellen Tag. Außer / daß man die reichen Juden ihres Gelds und Guts berauben wollen / war damals / als dieses fürgieng / eine Zeit.da Mönche und Pfaffen / .mit allerley lügenhaften Kräften und Zeichen / und Wundern und mit allerley Verführung / die Gemüther der Menschen einzunehmen / sie um das Geld zu bringen / und einen Zulauf zu erwecken.Es kam immer was neues herfür / die Leute an sich zu locken / und mußte jedes Orth ein besonders großes Heiligthum / miraculoses Bild wunderthätiger Heiligen / oder andere dergleichen äsvotion haben / damit sich die Leute nicht anderstwohin verlieffeu / und das Geld abtrügen / sondern vielmehr noch andere von fernen angelocket würden. Nachdem es nun zu Trident an einem solchen Lockvogel und illicio mangelte / hat