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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-21 · 16 (21.4.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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«r. 16 Jtyinl 1898. X* IgHkguu A» Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. Eigrnthümer: Kerchsralhs-Airgeordneter vr. Kloch. -- Msn «domrirt bri «Urn V»st«»stattrn des In- »yd Anslsmdrs. Bezugspreis: Halbjährig L fl. Einzelexemplare 2S kr. Aazeigen: Die 4mal gespaltete Petttzeile 12 kr. L. K. Poflsprniajstnamt Clearingverkehr Nr. 81V.V76. Dedarlion rmd Administration: Franz Josefs-Lnai Nr. 8. Telephon-Nr. 6535. Inhalt: Seitartifei: Die Inden in Böhmen. — Die Blntlnge in Kolin mit anderen Partei- und Bereinslügen.. — Wer ist Michael Csolics? — Eine ritterliche Fehde des Herrn Dr. Pattai. — Kaiser Friedrich und der Antisemitismus. — Liebknecht über den Antisemitismus. — Fischhof in Kremsier. — Zur Frage der Ueberwackung des Religions- und hebräischen Unkerrichtes an den Volksschulen. — Correspondenzen: Wien, Graz, Bukarest, Rußland, London, New-2)ork. — Vermischtes: Wien, Hered a. d. Waag, Holleschau, Triest, Petersburg. — Feuilleton Fürstenguust III. — Eine Emigration. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. — Beilage: Ein neunzehn hundert Jahre altes Lehrbuch für den israelitischen Religionsunterricht. Die Juden in Böhmen. Von hochverehrter Seite erhalten wir nachstehende Zuschrift: Prag 18. April. Ich entlaste mein beschwertes Herz, wenn ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen lenke, welche bei uns zu Tage treten. Die Vorgänge in Kolin zwingen zur Abwehr, wenn auch der Wahnsinn des Verdachtes, der dort die Aufregung erzeugte, offenkundig nachgewiesen ist. Diese Dinge wollen nicht nur als Thatsache beurtheilt werden, sondern auch als Symptom. Die Wähler des freisinnigen' Dr. Engel stehen in Kolin an der Spitze der fluchwürdigen Agitation gegen die Juden; Dr. S il, der als Arzt den Selbstmord der Marie Kawlina bezeugen mußte und damit die von einer verbrecherischen Agitation erzeugten Gerüchte auf Nichts znrückführte, ist als Politiker ein Antisemit von reinstem Wasser. . Die jüdischen Dichter des Mittelalters, welche an der italienischen Küste oder/in Spanien lebten, klagen laut über die Ungerechtigkeiten, welche von zwei Nationen verübt werden. Die Araber auf Sicilien und die Christen auf der italienische» Halbinsel, die Mauren in den von ihnen beherrschten spanischen Landstrichen und die Christen in ihren Königreichen, sie wetteifern in der Grausamkeit gegen die Juden und prophetisch sagt Jehuda Halevi den Mauren den Tag des Unterganges voraus, und daß sie, die Verfolger, die Geißel unbarmherziger Verfolgung fehlen werden. W:r in Oesterreich könnten fast die Klagen der alten Dichter wiederholen. Wir haben den Antisemitismus bei den Czechen und den Antisemitismus bei den Deutschen. Wie im Mittelalter den Glauben, so will man in Böhmen die politische Gesinnung bei den Juden erzwingen und für jeden Wählzettel, den ein einzelner Jude abgibt, wird das ganze Judenthum verantwortlich gemacht. In früheren Jahrhunderten empfanden die Juden wenigstens die Nothwendigkeit ihrer Solidarität; jetzt vertraut man dem Geiste der Zeit und glaubt durch Schweigen und Passivität allen Uebeln entrinnen zu können. Der Geist der Zeit, seine Offenbarungen in den böhmischen Zeitungen, machen keinen ermuthigenden Eindruck. Rieger's Blatt „HlasNäroda“ hält sich am Besten nnd läßt den Mann erkennen, dem die großen Ideen des Jahrhunderts sich noch nicht verflüchtigt haben. Aber das Blatt hat keinen Einfluß und nur einen kleinen Leserkreis. Das maßgebendste böhmische Blatt, die „Närodni Listy“ äußert wohl keine Parteinahme für den Frevel; aber das Blatt hat auch kein entschiedenes, vom Herzen kommendes Wort gegen die Blutlüge und gegen Diejenigen, welche die Unruhen in Kolin angestiftet haben. Die Stellung der „Politik" ist eine zweideutige, sie hat in ihrer czechischen Ausgabe zu keinem Worte Raum für die armen gep.'inigten Juden, sie hat nur Worte des Mitleids für die verhafteten Ruhestörer, die doch Arges im Schilde führten, die aus Plünderung und Todlschlag ausgingen. Was die localen Blätter betrifft, so erinnere ich nur an die Haltung d's „Koliner Localbl ttes", welches den Ritualmord als erwiesene Sache hinstellte und darnach den Fall der Marie Kawlina beurth eilte. Die Lage ist eine solche, daß die Juden aus ihrer Passivität heraustreten müssen. Seit Wochen hat es in Kolin an Warnungen nicht gefehlt; aber man gab zur Antwort, daß man der Sache gar keine Bedeutung beilege. Mit Ausnahme des „Eingesendet" des Dr. Kisch, das auch in christlichen Kreisen Beifall gefunden hat, ist auch heute noch nichts geschehen, weder von der israelitischen Cultusgemeinde noch von der israelitischen Landesjudenschaft. Wie, wenn heute in Podebrad, wo auch eine lebhafte Agitation herrscht, eine bei Juden bedienftete Magd ausgleitet und im Falle sich blutig schlägt, muß man dann nicht fürchten, daß Unruhen entstehen, welche das Einschreiten von Militär nothwendig machen? Sollen die Juden sich fortgesetzt solchen Zufälligkeiten ansgesetzt fühlen? Das ist eine unerträgliche Lage; so darf es nicht fortgehen. Alle Illusionen der Gleichberechtigung verschwinden, wenn der Jude von denselben Fehden, denselben Verfolgungen, denselben Attentaten bedroht ist, wie im Mittelalter. Die Juden stehen in den verschiedenen Parteilagern uud entwickeln da einen rühmlichen Eifer; ihre Dienste werden von den Parteien angenommen, aber sie werden von den Parteien nicht beschützt. Die Ereignisse zwingen den Juden dazu, sich auch seiner Stellung als Jude zu erinnern. Fort mit den Illusionen der Gleichberechtigung und fort auch mit der verderblichen Anschauung, daß Schweigen und Passivität die besten Mittel gegen den Antisemitismus sind. Wir dürfen nicht ruhen und rasten, bis die Gesetze, welche uns Gleichberechtigung gewähren, wieder zur Wahrheit geworden. Wir haben den Rechtsboden für uns, während die Antisemiten durch ihre Agitation das öffentliche Recht verhöhnen und das Gesetz in ein Gegentheil verwandeln. Der Jude kämpft ja nicht nur für sein eigenes Interesse, sondern auch für die allgemeine Gerechtigkeit und für die Principien der Civilisation und der Antisemitismus ist allerdings eine Drohung für die Juden, zugleich aber auch eine Verunehrung jedes Volksstammes. Ich kann nur Anregungen bieten; ist der ernste Wille einmal vorhanden, so wird er auch zur erfolgreichen That sich gestalten. Wer nicht für uns ist, der ist wider uns — das muß unser Grundsatz sein.

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