Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 15 (14.4.1893)
- Date
- 1893-04-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 15 Oestrrrrichischr Wochenschrift Seite 285 „Pfui Teixel, Prinz! — So empfangen S'mi? Dös i 1 aber nöt a Bisserl galant! .... Aber gehn's mit Jhna bösen G'sichtl, dös paßt jo gar nöt zu Ihren edlen Zügen, zu Ihrem edlen Wesen! ... i bin ja nöt allein herkumma, i Gott phüt! Meine Aya, die Gräfin Pallavicini ist mit mir hergefahren, die treue Seele sitzt unten, dicht verschleiert, im Wagen. Gleich sans wieder gut, Prinz und mochen wieder Ihr gutmüthiges G'sichtl! .... Noo? Wird's bold?" Sie reichte dem Prinzen die Hand, welche dieser zwar ehrerbietig an seine Lippen führte, aber doch in ernstem Tone fortfuhr: „Kaiserliche Hoheit wußten schon als kleines Mädchen, daß Sie mich durch Ihre Anmuth, Ihre neckische Schelmerei beherrschten; — höchst Sie sind, wenn möglich noch liebenswürdiger, anmuthiger, neckischer geworden und ich muß alle Kraft aufbieten, um nicht dem holden Zauber, der höchst Sie umschwebt, zu erliegen, aber ich fühle mich verpflichtet, es eindringlichst zu wiederholen, c’etait bien etourdi, altesse imperiale! wenn Sie mich zu sprechen wünschten, hätten Sie mich gnädigst zu sich befehlen lassen sollen! Madame,*) Sie dürfen nie vergessen daß Sie eine Kaiserstochter sind!" Wie mit einem Zauberschlage veränderte sich plötzlich die Haltung der jungen Erzherzogin. Ein konvulsivisches Zittern durchflog ihren schlanken Körper, sie ward brennend roth, ihre Augen füllten sich mit Thränen, ihr jungfräulicher Busen hob und senkte sich und sie rief im gewähltesten Hochdeutsch leidenschaftlich : „Q! ich bin eine arme, unglückliche Kaiserstochter und ein hungerndes, frierendes Bettlermädchen erscheint mir beneidenswerth. . . . Ich bin ein von aller Welt verlassenes Geschöpf! Mein Vater starb als ich acht Jahre alt war — und meine Mutter ist durch den Tod meines seligen Papas so melancholisch und menschenscheu geworden, daß sie sich von der Welt zurückgezogen und in ein Kloster gegangen ist. Sie kümmert sich nur um ihrer Seele nicht um ihrer verwaisten Kinder irdisch Heil, sie will für unseren Vater das Himmelreich erflehen und sich dasselbe durch fromme Werke gewinnen; ihr Blick ist nur auf das Jenseits gerichtet, ob ihre Töchter hier auf Erden unglücklich werden oder nicht, das berührt unsere Mutter nicht; wir sind von aller Welt verlassen und verstoßen, daß es einen harten Stein erbarmen muß! . . . Auch Sie Prinz haben sich nicht viel um mich gekümmert; — aber wahrhaftig, ich habe Sie aus voller Seele und ganzem Herzen entschuldigt; Sie waren oft abwesend von Wien und hatten Großes zu vollführen. Sie hatten die hohe Aufgabe. Oesterreich, das in Gefahr stand, von äußeren und inneren Feinden vernichtet zu werden, vor dem gänz.ichen Verfalle zu retten, die Macht meines Oberms, Kaiser Karl VI., in vollstem Umfange wiederherzustellen, Ihren gefeierten Namen mit der Spitze ihres Schwertes in die ehernen Tafeln der Geschichte einzugraben! Da hatten Sie eben nicht Zeit, an eine arme Prinzessin, an die Tochter Ihres edelsten, besten, Ihres brüderlichen Freundes zu denken; — aber ich hatte gehofft, nachdem Sie lorbeergekrönt heimgekebrt, nachdem Sie alle Ihre hohen Ziele erreicht hatten, dann würden Sie —" das herrliche Mädchen erglühte purpurn und preßte die vollen Lippen übereinander, die stolze Kaiserstochter mußte sich schweren Zwang anthun, das dehmüthigende Wort auszusprechen — „dem Flehen einer schutzlosen Waise gütiges Gehör leihen. — Ich war glücklich, als die Kunde nach Wien gelangte, Sie hätten die Türken aufs Haupt geschlagen, sie zum Frieden gezwungen, Sie würden nun bald ruhmgekrönt nach der Residenz zurückkehren. Ich habe es vor verzehrender Ungeduld nicht erwarten können, täglich habe ich zu dem „schönen Lorle" der verwitweten Frau Gräfin Batthiany-Strattmann wollte ich sagen — geschickt, um zu erfahren, ob Sie ihr Ihre Rückkehr angezeigt haben. Wie der verschmachtende Hirsch nach frischem Wasser, hatte ich mich darnach gesehnt, Sie endlich wiederzusel en, zu sprechen. Als mir gestern die Gräfin, vor ihrer Abreise nach ihren ungarischen Gütern mittheilte, Sie würden heute hier anlangen, da fühlte ich mich überglücklich, die ganze Nacht habe ich vor Hoffungsseligkeit kein Auge schließen können; — und jetzt da ich mich — eine liebevolle, väterliche Aufnahme von Ihnen erwartend, mit einer heißen Bitte an Sie wenden will, empfangen Sie mich kalt, lieblos, überhäufen mich mit Vorwürfen, weil ich mich nicht nach den strengen Regeln der spanischen Etikette, die seit meines allergnädigsten Oheims Regierungsantritte hier am Hofe herrscht, richtete, weil ich statt Sie zu mir bitten zu lasten, mit kind¬ *) So lautete der Titel einer französischen Königstochter, wenn sie vor dem Dauphin geboren wurde. Nach französischem Gebrauche konnte der Prinz daher die älteste Tochter des ohne Hinterlaffung männlicher Erben verstorbenen Kaiser Josef I. so ansprechen. lichem Vertrauen zu Ihnen geeilt. Alle Menschen taugen nichts, alle sind undankbar und" — es zuckte um ihre Lippen, als wenn sie in Schluchzen ausbrechen wollte —" der berühmte, vielbelobte, allverehrte Prinz Eugen der edle Ritter ohne Furcht und Tadel, ist um keines Haaresbreite besser als alle Andern! Ah!" — der Zorn schien Maria Josefa zu übermannen — „ich will von der ganzen elenden Welt und auch von Ihnen Prinz, nichts wissen, ich geh' nach Hause und werde zu Gott flehen, daß er mich gnädigst aus dieser Welt abruft in der ich ganz verlassen und schutzlos bin, in der mich Niemand liebt, Jeder verstößt. . . . Der Allbarmherzige wird das Gebet einer vaterlosen Waise erhören!.Adieu. auf Nimmerwiedersehen!" Die Erzherzogin wollte der Thüre zu eilen. Prinz Eugen erfaßte Ihre Hand und spracheindringlichst: „Kaiserliche Hoheit, bei meinem Fürstenworte, bei meiner Feldherrnehre, Sie thun mir und Anderen Unrecht. Sie sind nicht verlassen. Sie sind nicht schutzlos, auch höchst dero Vormund, Kaiser Karl VI." „Durchlaucht," erwiderte die Erzherzogin den Kopf stolz erhebend und den Generalissimus mit ihren flammenden Blicken durchbohrend, „ich bin nicht mehr das kleine, leichtgläubigeKmd, das sich mit Märchen abspeisen läßt, ich weiß die volle Wahrheit, mon prinee: Ich bin des allgeliebten, allverehrten Kaiser Josef I. älteste Tochter und wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, wenn nicht Gewalt und Egoismus die Welt beherrschten, wäre ich die zukünftige Kaiserin! — Mein Großvater, Kaiser Leopold hat einen Familienpakt errichtet, nach welchem natürlich .nein Vater als erstgeborener Sohn, wenn er ohne Hinterlassung von Söhnen stürbe, zunächst meines Vaters Töchter, den Kaiserthron besteigen sollten; — aber mein kaiserlicher Oheim hat das Familiengesetz umgestoßen, und will seine Reiche, auch wenn ihm nicht noch ein Sohn beschieden sein sollte, auf seine leiblichen Nachkommen, auf meine Cousine, das herzige, schöne Kind, die jetzt noch nicht zweijährige Maria Theresia vererben." S o schützt mein kaiserlicher Oheim und Vormund meine Rechte! Widersprechen Sie mir, sagen Sie „nein", Prinz, wenn Sie den Muth und das Gewissen dazu haben!" Eugen hatte die fulminante Rede der reizenden Prinzessin mit steigendem Schrecken angehört. Maria Josefa hatte sich während der Zeit in welcher er sie nicht gesehen, gar wundersam entfaltet; das war nicht die Sprache eines Kindes, das war die Sprache eines denkenden Menschen, welcher diese Angelegenheit von seinem Standpunkte aus geistesscharf beurlheilt — und der Prinz erwiderte: „Kaiserliche Hoheit, es wäre ebenso unhöflich als unwahr, wenn ich es ausspräche, daß mich die geistreiche und energische Weise, in welcher höchst Sie von höchst Ihren vermeintl i ch verletzten Rechten sprechen in Verwunderung setzt; höchst Sie, gnädige Frau Erzherzogin, haben gehalten, was Sie als kleines Mädchen versprachen. Höchst Sie waren das klügste, geistreichste und anmuthigste Kind, das ich je gesehen und sind eine kluge, geistreiche, hohe Dame geworden; — aber über eine Staatsangelegenheit von höchster Importante, über welche von den berühmtesten Juristen und Staatsmännern Rechtsgutachten abgegeben wurden; — allein, ohne Rathgeber von hervorragenden Fachwissen befragt zu haben, selbstständig ein Urtheil zu fällen, kann ich höchst Ihnen um so weniger einräumen, als höchst Sie in dieser Affaire als Betheiligte erscheinen. Euere kaiserliche Hoheit sind durch unberufene Zwischenträger, übereine Angelegenheit unterrichtet worden, deren zukünftige Gestaltung noch in volles Dunkel gehüllt ist. Meinem allergnädigsten Herrn und Kaiser ist ein kleiner Prinz gestorben, die Erzherzogin Maria Theresia ist kaum zwei Jahre alt und wenn die Kaiserin ihren hohen Gemahl mir einem Prinzen beschenkt, dann kann nicht einmal von einem vermeintlichen Rechtsansprüche Ihrerseits, kaiserliche Hoheit, die Rede sein. Uebrigens hat seine Majestät der Kaiser, wie höchst Sie wohl auch schon von Ihren Zwischenträgern gehört haben werden, am 19. April 1713, noch lange vor der Geburt der Erzherzogin Maria Theresia, die sogenannte pragmatische Sanction in einer Versammlung von Ministern, Generalen und Präsidenten proclamirt und es ist von keiner Seite Einwendung erhoben worden und auch ich, der ich der ergebenste, treueste Diener Mailand höchst Ihres Vaters gewesen, halte diese Bestimmung für unanfechtbar. Diese Angelegenheit ist reiflich erwogen und erörtert worden; auch mi ß ich mir unterthänigst zu bemerken erlauben, daß bei politischen Actionen auch Gründe der Staatsraison maßgebend sind und die Opportunität und die Ausführbarkeit derselben e ns > schlaggebend sind. Kaiserliche Hoheit, wenn höchst diescllnu .beabsichtigen, mich aufzufordern, höchst Ihnen zu einem ver-