Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 15 (14.4.1893)
- Date
- 1893-04-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Oesterreiitzifchr Wochenschrift Seite 377 kommen, aber sterben — war officiell nock» immer verboten. Die Behörde verweigerte den Juden den Friedhof. Sie waren lange gezwungen ihre Leichen nach Szent-Marton (Oedenb rrger-Com.) Eisenstadt, Wien und Baden zu führen. Nach vielen Anstrengungen endlich gelang es der Gemeinde, ihre gerechten Fcrderungen durchzusetzen und der Friedhof wurde bewilligt. Man gründete eine „Chewra Kadischa" und im October 1889 wurde der Friedhof feiner Bestimmung übergeben. Unter den ersten Bestatteten befindet sich die im Jahre 1889 verstorbene Mathilde Christ, geborene Deutsch. Die noch junge, ungefähr 400 Seelen zählende Gemeinde von Wr.-Neustadt, nunmehr die vierte, ist erst jetzt im Stadium des Wachsthums. 8. K. Hori'LMNäeMM. Wien. (Antisemitische Rasse.) Aus Brünn wird gemeldet: Se. Majestät der Kaiser hat.die Theresia Beier, Schwester des Landtags-Abgeordneten Wundarzt Türk, welche wegen Verbrechens des Betruges in mehrmonatlicher Haft beim Landesgerichte in Troppau internirt war, begnadigt und ihr den Rest der Strafe nachgesehen. Ebenso wurde ihrem Gatten Anton Beier, welcher sich in der Strafanstalt Mürau befand, der Rest der Strafe erlassen. Also man erfährt jetzt, was bis nun wohlweislich verschwiegen worden, daß die Schwester und der Schwager de« großen Anticorruptionisten Türk bei Gericht wegen Betruges ein kleines Malheur gehabt haben. Wir wollen uns das merken. Des Weiteren wird gemeldet: Der Bezirksrichter von Mattighofen, Dr. Hugo Bürger, wurde wegen verschiedener Malversationen, die ihm zur Last gelegt werden, verhaftet. Das Antisemitenblatt von der Linken Bahngasse fällt nun über ihn als „jüdischen" Bezirksrichter her. Hugo Bürger war aber Christ, überdies eifriger Antisemit und fanatischer Anticorruptionist. Man sieht, daß die antisemitische Rasse sich nirgends vereugnet und überall mit den gleichen Qualitäten zum Durchbruch gelangt. Das „verjudete Ungarn" und das verdummte „Volksblatt." Wenn irgendwo in der Welt eine Dummheit niedergeschrieben wird, so wird das „Deutsche Bolksblatt" von gelbem Neid erfaßt und es sucht sich durch Nachdruck zu helfen. Wörtlich nach der Berliner „Staatsbürger-Zeitung" erfahren wir. daß die Minister Wekerle und Baron Fejervary Schuld tragen an der Verjudung Ungarns. Denn Baron Fejervary hat. so wird ungenirt berichtet, eine Enkelin Bleickwöders zur Frau, wobei von der Hypotese ausgegangen wird, daß jenes eine halbe Stunde vor der Hochzeit getaufte Fräulein Biedermann, welches angeblich identisch ist mit Frau Baronin Fejervary, auch die Tochter des Herrn von Biedermann sei, der Herrn Bleichröder zum Schwiegervater hatte. Ein Wiener Blatt schämt sich nicht, diesen haarsträubenden Unsinn nachzudrucken und hat nicht einmal so viel Urtheil, um zu erkennen, daß hier ganz unmögliche Familienverhältnisse dem Volk vorgelogen werden. Und richtig ist auch der alte Bleichröder Schuld daran, daß Baron Fejervary so rasch Carriere machte. Zwar war es die Tochter des Honvedministers, welche dafür agitirte, daß die Schulen des ungarischen Frauenvereines, der Leitung geistlicher weiblicher Orden übergeben wurden. Das weiß Jedermann; nur das „Deutsche Bolksblatt" nicht, dafür aber ist es genug unterrichtet, daß Frau Baronin Fejervary eine Enkelin Bleichröder's ist. Noch merkwürdiger ist der Fall des Ministerpräsidenten W ekerle; er ist nur aus dem Grunde Finanzminister und Ministerpräsident geworden, weil seine Frau die Enkelin des alten verstorbenen Molnar ist und dieser alte Molnar war ein Jude. Abgesehen, daß der alte Molnar, von dem hier die Rede ist, das ihm angedichtete Judenthum ziemlich komisch finden würde, müßten die Juden ein eigenthümliches Volk sein, wenn es bei ihnen ins Gewicht fiele, daß die Frau eines Staatsmannes einen Juden zum Großvater hatte. Er hieß wenigstens Molnar nnd nicht Schmul Leeb Kohn. Und Fejervary und Wekerle sollen Schuld sein an der Verjudung Ungarns, während die Juden angeblich schon früher Einfluß genug besessen hätten, um die beiden Staatsmänner in die Höhe zu bringen. Solche Dinge würden jedem Kinde auffallen und der Blödsinn des „Deutschen Volksblatt" kennt keine Grenzen. Aus Judenhaß werden christliche Staatsmänner angegriffen, deren hervorragende Eigenschaften und Verdienste von Niemanden in Zweifel gezogen werden, werden die Verhältnisse des verbündeten Ungarn in niederträchtigster Weise beurtheilt und ein Wiener Blatt schämt sich nicht der schmachvollen Unwifsenheit der Berliner „Staatsbürger-Zeitung" weitere Verbreitung zu geben. Jede Wucherpflanze ist nur dort gefährlich, wo sie wächst. So entspricht es gleichsam einem Naturgesetz, daß der Antisemitismus für die Christen weit belästigender wirkt als für die Juden. Der „Budweiser Stadlchronist." Es war noch in der guten alten Zeit von 1848 wo die Nachtwächter und Stadtschreiber von Budweis viel bedeuteten. Ein Stadtschreiber in Budweis schrieb damals eine Chronik seiner Gemeinde nieder, um das historische Recht von Budweis, das heißt seine Judenprivilegien zu erweisen. Es gelang dem Stadtschreiber nicht, einen Drucker für seine Chronik zu finden; das Geschreibsel des bornirten Kopfes eignete sich nicht für die Bücherwelt; Grund genug für das „Deutsche Bolksblatt" einen Theil des abstrusen Zeugs abzudrucken. Und nun erfahren wir, daß vom Jahre 1494 angefangen bis zum Jahre 1506, also in der Zeit zwischen der Entdeckung Amerikas und dem Beginne der Reformation in Wittenberg die Budweiser damit beschäftigt waren, jedes Jahr die Blutanklage gegen die Juden zu erneuern, mit den lächerlichsten Lügen hervorzutreten, bis ihnen endlich die Ausweisung der Juden gestattet wurde, wobei die löblichen Bürger einige Juden ermordeten. Die Chronik zeigt deutlich, daß das Blutmärchen ausgenützt wurde, um Hab und Gut der Juden zu plündern, Die Budweiser waren vor vierhundert Jahren so ehrlich, wie die heutigen Antisemiten und der Professor im „Deutschen Bolksblatt", der aus dem Budweiser Manuscript ein Feuilleton fabricirt, ist genan so geistig beschränkt, wie der Budweiser Stadtschreiber aus den Vierziger Jahren. Diese Budweiser Chronik enthält auch wiederholte Erzählungen von verbrannten Christen und Christinnen, welche der Zauberei und Hexerei angeklagt worden und bei einem „peinlichen" Verhöre ihre Missethaten mit derselben Offenheit „einbekannten", wie die Juden. Die Anzahl solcher unglücklicher christlicher Familien war keine" geringe. Ihr Hab und Gut verfiel zum Theil der Obrigkeit, zum Theil den Richtern und das war bei den Ariern des Mittelalters eben so wichtig, wie bei denen von heute. O studirt nur eifrig diese alten Chroniken, Ihr könnt Euch darin spiegeln. Wien. Ein Familienereignist bei den ,.Vereinigten Christen." Die Vorgänge, welche sich vor Jahren in einer Versammlung bei der „schönen Schäferin" inGumpendorf abspielten, wo die verschiedenen antisemitischen Secten einander mit Messerstichen von der besonderen Qualität ihrer Parteibestrebungen zu überzeugen suchten, haben eine Erneuerung gefunden, in einer Wählerversammlung in Margarethen vom 8. April, in welcher Herr Lueger einen Vortrag hielt und antisemitische Gemeinderathscandidaten sich ihren Wählern vorstellten und die damit endete, daß ein Mitglied der Versammlung, ein antisemitischer Raufbold, namens Seewald, welcher im Bezirke Margarethen als stehende Figur in antisemitischen Versammlungen allgemein berüchtigt ist, zwei andere „vereinigte Christen" namens Werner und Böhm, mit einem Messer derart tractirte, daß sie schwerverletzt in das Krankenhaus gebracht werden mußten und der Zustand des Letzteren nahezu ein hoffnungsloser ist. Es war eine jener Versammlungen, in denen die Verhetzung des Volkes systematisch betrieben wird, in denen, der Haß und die Gemüthsroheit Orgien feiern. „Hängen oder köpfen!" das ist ein geflügeltes Wort, das in einer derartigen Versammlung einmal gefallen ist. Das war freilich nur eine Redefigur, eine kühne Metapher; aber ungebildete Menschen haben wenig Vecständniß für sinnige Vergleiche, sie halten sich naturgemäß lieber an den buchstäblichen Sinn der Phrase, und die Atmosphäre der Verfolgung und der Feindseligkeit wirkt betäubend und erhitzend auf die leidenschaftlich erregten Gemüther einer fanatisirten Menge. „Hängen oder köpfen!" das war nur em drastisches Gleichniß; aber das Messer, welches von einem „Redner" ans jener Versammlung einem Menschen in den Unterleib gestoßen wurde, daß die Eingeweide herausquollen, das war keine Phrase und kein Gleichniß. In jenen Versammlungen,, da wird gar scharf gesprochen, da soll jedes Wort wirken wie ein Messerstich, der tief verwundet; und nun hat es sich ereignet, daß auch dieses Gleichniß sich zur entsetzlichen Wirklichkeit gestaltete — ein „Redner", der in der Versammlung gesprochen