Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 15 (14.4.1893)
- Date
- 1893-04-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 276 Oesterreichifrhe WochrnfchrM Nr. 15 zu Bruck ihre Vertreibung kund. Die Gründe? Darin war man nicht allzu wählerisch. Ohne auch nur ein einziges Factum gegen sie Vorbringen zu können, wurden sie im Allgemeinen als Räuber, Mörder von Christenkindern, Betrüger und Fälscher gebrandmarkt und vertrieben. Man legte ihnen auch Siegelfälschungen zur Last, wo doch der Gebrauch von Siegeln — wie wir bereits dargethan — um diese Zeit den Juden längst verboten war. Natürlich, ob die Beschuldigung auch wahr sei, daran ist nichts gelegen. Der Kaiser erließ den Befehl, daß nach Dreikönigen in Wiener-Neustadt, in Neunkirchen und in ganz Steiermark sich kein einziger Jude aufhalten darf. Was die Christen an Geldforderungen haben, das sollte hie dazu einberufene Commission von Fronleiten (Steiermark) erledigen. Die Häuser der Juden in Wiener-Neustadt, die Schule, das Badhaus, werden vom Kaiser verkauft. Die Synagoge schenkt er der Stadt; im nächstfolgenden Jahre wird sie zu einer kath. Kirche mit drei Altären umgewandelt. Das Krankenhaus, welches sich neben der Synagoge befand und welches mittlerweile abgebrannt war, nebst vier jüdischen Häusern wurden vom Kaiser großmüthig der Stadt überlaffen. Schon damals ließen sich Stimmen vernehmen, wonach dieselben den Juden eigentlich abzukaufen wären. Aber trotz des strengen Ausweisungsbefehles blieben in Wiener-Neustadt dennoch Juden zurück. Denn noch nach zwei Jahren kauft die Stadt von der jüdischen Gemeinde — welche jedenfalls sehr klein gewesen sein muß — achtHäuser, welche die sogenannte „Rafelzeile" gebildet hatten. Der Kaiser selbst bringt den am Neunkirchner Thor gelegenen jüdischen Friedhof sammt einem angrenzenden Garten käuflich an sich. Alsbald zeigten sich jedoch die üblen Folgen der Vertreibung der Juden. In Wiener-Neustadt, wo der kaiserliche Hof den größten Theil des Jahres zu residiren Pflegte, in dieser großen, lebhaften Stadt, war bald ein auffallender Mangel an Bewohnern eingetreten. Im Jahre 1504 befiehlt der Kaiser dem Magistrat, daß die Stadt Niemand verlaffen dürfte. Er entsendet eine Commission, welche untersuchen sollte, warum sich die Einwohnerschaft eigentlich vermindert und wie dem Uebel abznhelfen wäre. Es scheint nun, daß man in Wiener-Neustadt die Juden wieder duldet. Nur unter Ferdinand I. wird (1543) abermals der Befehl erlaffen, daß kein Jude in Wiener-Neustadt übernachten dürfe. Dies beweist jedenfalls soviel, daß ihnen bei Tag der Aufenthalt allerdings gestattet war. Die Erstarkung der Wohlfahrt, welche man sich von der Vertreibung der Juden versprochen hatte, wollte sich durchaus nicht zeigen. Die von Wiener-Neustadt schulden noch immer Erfurter und ungarischen Juden. Und dennoch sind es bereits 160 Jahre, seit man die Juden vertrieb. Die Wohlfahrt hatte dermaßen zugenommen, daß dieselbe Stadt, welche im 15. Jahrhunderte den Hesperidengärten verglichen wurde, im Jahre 1675 es soweit gebracht hatte, daß sie nach einem officiellen Berichte an Leopold I. 30.000 Gulden Schulden hatte, für die damalige Zeit eine riesige Summe; 80Häuserstanden leerund nur acht Bürger hatten ein ehrliches Einkommen, die übrigen hatten kaum Brot zu essen. Der Erlaß vom 16. September 1670, der die allgemeine Vertreibung der Juden aus ganz Nieder-Oesterreich decretirte, konnte in Wiener-Neustadt selbst, wo er proclamirt wurde, schwerlich eine große Bedeutung haben, da höchstens nur ein paar Juden ihr elendes Dasein daselbst fristen mochten. Doch die Freude der Wiener-Neustädter sollte nicht lange dauern. Der humane Kaiser Josef I. siedelte in Wr.-Neustadt — wie sich der Chronist ausdrückt — „die von den Rebellen aus Ungarn vertriebenen Juden an, theils aus Gutherzigkeit, Heils auch mit der politischen Absicht, sie den Unzufriedenen zu entreißen." Unter der humanen Regierung Kaiser Josefs vermehrte sich ihre Zahl. Im Jahre 1708 zählte man bereits 535 jüdische Seelen in Wr.-Neustadt und bildeten sie fast die Hälfte der Gesammtbevölkerung. Doch konnten sich die ungarischen Juden, die — wenn wir anders richtig vermuthen — zum großen Theile aus Preßburg und Oedenburg gekommen waren, ihrer Zuflucht in Wr. Neustadt nicht lange ungestört erfreuen. Am 22. April und 24. Mai 1706 waren auf den verschiedenen Ecken der Stadt Aufrufe angeklebt, in welchen besonders die Studenten zum Angriff auf die Juden ermuntert wurden. Niemand wußte es, woher diese Aufrufe stammen. Aber die nun folgenden Ereigniffe zeigten zur Genüge, wo die Urheber zu suchen feien. Eben damals hatte ein bischöflicher Lakai auf offener Straße einen Juden insultirt und um jeden Preis einen Bolksauflauf zu verursachen gesucht. Die Störenfriede werden jedoch verhaftet und der Magistrat stellt die Ordnung wieder her. Aber nur auf kurze Zeit. Am 5. Februar 1708 hetzt nämlich der Prediger von Wr.-Neustadt, Pater Fieger, von der Kanzel herab auf die Juden und fordert die Gläubigen zur Demolirung der Judenhäuser und zu ihrer gänzlichen Vertreibung auf. Er beruft sich auf das. Privilegium der Stadt und den Erlaß des Kaisers Maximilian vom Jahre 1496. Der Rector veranlaßt ihn zwar die Kanzel zu verlassen und bestraft ihn auch, aber mit der Ruhe der Juden ist's aus. Die „jennes86 äoree" macht einen Lärm und rummelt, die Weiber zetern und verlangen die Vertreibung der Juden. Einzelne Juden, deren man habhaftig wurde, werden ergriffen und arg zugerichtet. Der Rabbiner konnte sich nur retten, indem er sich in das Haus des Amtsverwesers Johann Ohrleim flüchtete. Schon schickte man sich an, das Haus des Bürgermeisters Schwingheimb und andere Häuser, in denen Juden wohnten, zu stürmen, als die Behörde die Besatzung und die Stadtmiliz zu Hilfe rief, Patrouillen entsendete und die Juden in einem besonderen Stadttheil in Sicherheit brachte. Den folgenden Tag (6. Februar) schon erstattet der Bürgermeister Bericht an Josef, in welchem Fiegers Agitation auseinandergesetzt wird. Nach zehn Tagen (16. Februar) verbietet die Regierung Fieger die Kanzel und ertheilt den Geistlichen die Weisung, die Freiheit der Kanzel nicht zu mißbrauchen. Doch erreichte man damit eben das Entgegengesetzte. Die Pfaffen fingen auf der Kanzel gegen den Erlaß selbst zu Hetzen an. Im folgenden Monat (8. März) erscheint sodann aus Wien eine Commission und maßregelt die unbändigen Hetzer. Doch wollen diese noch immer nicht nachgeben. Endlich langt am 30. März eine Cabinetsordre an, gerichtet an den Bischof von Wr.-Neustadt, wie auch au die Provinzmarschälle, an die kirchlichen Behörden von Wien und Passau, an den Pfarrer des Kirchen - fprengels von Wr.-Neustadt, an den Probst von Glocknitz, an alle Prälaten und Priore geistlicher Orden unter der Enns, worin gesagt wird, daß man zwar von der Kanzel herab, selbst die höchstgestellten ermahnen, und auf die Bahn der Moral und der Buße leiten dürfe, es sei aber verboten, das Volk durch „ungebührliche Dummheit" zum Aufstande zu reizen. Sollte es sich irgend ein Prediger dennoch erlauben, so müsse man ihn „auffangen und in Kerker werfen". Aber Buchheim, der Bischof von Wr.-Neustadt, will es noch immer nicht einsehen, daß die Juden zu etwas anderem da seien, als verfolgt zu werden. Der Erlaß gefällt ihm nicht und erwidersetzt sich ihm insoferne, als er die Processionen einstellen läßt, die letzte Oelung versagt, solange in Wr.-Neustadt auch nur ein Jude wohnt. Die städtische Behörde wendet sich an den Kaiser um Abhilfe. So muß denn der Kaiser den Bischof lehren, daß „sein Verhalten mit der christlichen Tendenz der Bekehrung im Widerspruche sei" und zugleich mache er ihm zu wissen, daß er nicht nach Gutdünken verfahren könne und daß er auch Uebergeordnete habe." — Man behauptet, daß aus der Zeit dieser Verfolgung eine Säule stamme, welche ein Schwein darstellt, das einen Juden säugt. Die Ruhe wurde zwar einstweilen wieder hergestellt, es scheint aber, daß sie keine dauernde war. Die ungarischen Juden konnten in Wr.-Neustadt nicht verweilen. Wir haben zwar für die nun folgende Zeit keine Quellen, doch scheint soviel gewiß zu sein, daß in den Jahren vor 1848 kein einziger Jude in Wr.-Neustadt wohnte. Wir müssen voraussetzen, daß man sie noch einmal, also das dritte Mal vertrieben hat. Es ist nämlich undenkbar, daß eine Gemeinde von 535 Mitgliedern aus freien Stücken, bis zum letzten Manne auswandert. In den 40er Jahren unseres Jahrhunderts durfte —nach mündlichen Mittheilungen — kein Jude in Wr.-Neustadt übernachten. Bei Tag jedoch gingen welche von ihnen in die Stadt und für die Nacht verließen sie Oesterreich und gingen nach — Ungarn. An der Grenze, eine halbe Stunde von Wr.-Neustadt, liegt ein Dorf Lajta-Szent-Miklos. Dorthin begaben sie sich allabendlich, ihr müdes Haupt zur Ruhe zu legen. Noch heute steht in jenem Dorfe das kleine, ebenerdige Häuschen, in welchem sie Zuflucht gefunden; man nennt es noch heute „das Judenhäuschcn". Das Jahr 1848 brachte auch für Oesterreich dieMorgenröthe der Freiheit. Ein kleiner Strahl fiel auch auf Wr.-Neustadt. Alsbald durste sich der Jude ständig daselbst niederlassen; der erste war ein vor 14 Jahren Verstorbener, namens Friedenthal. Nach ihm kamen einzeln Leopold Hilfreich, Isaak Breitner u. s. w. Im Jahre 1864 hat die Gemeinde bereits eine Matrikel. So wars denn erlaubt, wenigstens auf die Welt zu