Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 15 (14.4.1893)
- Date
- 1893-04-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 272 Oesterrrichifchr Wochenschrift Nr. 15 Welt anders vorgestellt — auf dem Platz, auf dem ich stehe, muß ich zum Pessimisten werden, denn ich fehe die Menschen nur von ihrer unangenehmsten Seite. Es kommt tagelang niemand Anderer zum Primas, als Leute, die etwas von ihm wollen. O, wie sehne ich mich zurück nach meinem Martinsberg, nach meinen Schülern und meinen Büchern!" Diese zudringlichen Bettler und Stellenjäger sit'd selbstverständlich weder Juden, noch Liberale, noch Demokraten, sondern solche fromme Arier, die mit Herrn Lueger „eines Sinnes und eines Stammes" sind. Rechnet der Volkstribun von Margarethen dieses characterlose Gesindel zu seinen Brüdern oder zu den Schakalen und Hyänen? Michael Csolics wäre in Wien ein Bundesgenosse der Parte: Lueger und Liechtenstein. Die Versammlung, vor welcher Prinz Liechtenstein das Andenken Sir Moses Montefjores beschimpfte, bestand aus Hausherren. Auch diese bislang so vielbeneidete Classe von Bürgern ist an ihrer schwachen Stelle gepackt, auch in ihr ist der Jnstinct des Eigennutzes geweckt worden. Der fürstliche Hetzer schilderte das Los der Wiener Hausbesitzer in düsteren Farben, er sprach von dem gänzlichen Ruine, dem der Wiener Hausherrenstand entgegengeht. Die zunehmende Entwerthung des Realbesitzes in Wien ist eine schaurige Thatsache — nur sind die Ursachen dieser Erscheinung andere, als sie der Prinz Liechtenstein darstellt. Der Zuzug aus der Provinz und aus dem Auslande hat erheblich abgenommen, auch der Zuzug solcher wohlhabender Judenfamilien, die noch in den Siebziger Jahren ihren Wohnsitz in Preßburg, Brünn, Prag, Krakau, Lemberg, Warschau rc. mit der Metropole vertauschten. Der Antisemitismus hält nicht blos die armen, er hält mehr noch die reichen Juden, ja selbst die handeltreibenden Christen aus Wien fern. In der „Deutschen Zeitung" vom 11. April 1893 erzählt ein österreichischer Techniker von seinen Reiseerlebnissen im Ausland. „Ich erkundigte mich bei einem sehr angesehenen Bürger Nürnberg's, wieso es kommt, daß Nürnberg sich immer mehr von Wien entfernt und daß die commerciellen und persönlichen Beziehungen sich schwächen, statt zuzunehmen. Er antwortete mir darauf ungefähr Folgendes: .Erstens beruht Alles in der Welt auf Gegenseitigkeit. Wir sehen sehr wenig Wiener hier und von Jahr zu Jahr weniger, sowohl von der Classe der Touristen als auch von jener der Ein- und Verkäufer. Wir haben also keine Gegenbesuche, zu machen. Und dann schreckt uns der wüste, a nt iseinitische L ä r m a b." Ein Nürnberger Kaufmann wurde vor einigen Jahren in einem Wiener Cassee als Jude insultirt; auch erzählt er uns, d a ß m a n an allen Ecken und Enden über die Juden schimpfen hört: das ist uns ungemüthlich, und da gehen wir auch nicht mehr hin, wenn wir nicht absolut müssen'. Ich mußte diese Antwort einstecken. Draußen erfährt man er st, tvie unser Wien durch die antisemitische Tollheit comp r o m i tt i r t worden i st, und der „Verein für den Fremdenverkehr" müßte also zunächst den Antisemitismus beseitigen. Das ist aber vereinsmäßig kaum zu erreichen. Wie wäre es denn, wenn man eine Collecte machte, um die Wiener Antisemiten ans Reisen zu schicken oder ganz zu expatriiren, nach Afrika oder Ostindien oder sonstwohin!" — Das ist freilich ein Lied, das der Prinz Liechtenstein den Wiener Hausherren nicht vorsingt, e.s würde in seine Symphonie des Haffes nicht passen. Vielleicht würden es seine Zuhörer auch nicht verstehen. Die Lüge ist ja viel dankbarer als die Wahrheit, und es ist leichter, die Tobten zu verunglimpfen, als den Lebendigen ihr Recht zu lassen. Iran; Liszt und der Antisemitismus. Unseren verehrlichen Antisemiten ist meistens in ihrer eigenen Umgebung gar nicht so recht wohl zu Muthe. Sie suchen daher krampfhaft in eine bessere Gesellschaft zu kommen. Das sicherste Mittel, zu diesem so heiß erstrebten Ziele zu gelangen, ist für sie einfach das, daß sie jeden irgendwie hervorragenden Mann, der einmal eine abfällige Aeußerung über die Juden gethan, ganz ohne Weiteres für ihre Bestrebungen reclamiren, ihn zu ihrem Gesinnungsgenossen stempeln. Auch Franz Liszt, einem der edelmüthigsten und hilfsbereitesten Menschen, ist es nicht anders ergangen. Da hat Einer das Buch Liszt's über die Musik der Zigeuner durchgeblättert, einige auf Juden und Judenthum bezügliche Stellen ohne Verständniß überflogen und aus dem Zusammenhang gerissen, veröffentlicht und sofort war aus dem edlen Menschenfreund Liszt ein in der Wolle gefärbter Judenhetzer geworden. Ihm selber war die ihm angeschwärzte Unthat des Antisemitismus sehr ärgerlich. Wie er in Wahrheit über diese schmachvolle Bewegung unserer Zeit dachte, das ergibt sich unzweideutig aus zwei Briefen, die in einer soeben veröffentlichten Sammlung (Leipzig bei Breitkopf und Härtl) abgedruckt sind. Der eine ist an den Redacteur der „Gazette de Hongrie" gerichtet und lautet in wortgetreuer Uebersetzung: „Nur mit Bedauern richte ich diese Zeilen an Sie, allein da sich hier in Pest das Gerücht von meiner augeblichen Feindseligkeit gegen die Israeliten verbreitet hat, muß ich den Jrrthum dieses falschen Gerüchtes aufhellen. Menschen von allgemein anerkannter Bedeutung iit der musikalischen Welt, Meyerbeer an der Spitze, haben mich mit ihrer Achtung und Freundschaft beehrt, ebenso wie Heine und andere Berühmtheiten aus der literarischen Welt. Es scheint mir überflüssig, die vielen Beweise meiner thatkräftigen wohlwollenden Gesinnung aufzuzählen, welche ich während fünfzig Jahre gegen talentvolle und begabte Israeliten an den Tag gelegt, ebenso enthalte ich mich, von meinen freiwilligen Beiträgen zu den Wohlthätigkeitseinrichtungen des Judenthums in den verschiedenen Ländern zu reden. Die Losung meines Schutzpatrons, des heiligen Franciscus von Paula, Caritas! Ihr werde ich mein Leben lang treu bleiben! Wenn man aus Grund einiger aus meinem Buche über die Zigeuner herausgerissenen Stellen mit mir Händel gesucht und daraus etwas gemacht hat, was man auf französisch eine „querelle d’Allemand“ nennt, so kann ich mit gutem Gewissen versichern, daß ich mich keines anderen Vergehens schuldig gemacht habe, als schüchtern die These von dem Königreich Jerusalem zu wiederholen, welche vorher, schon von Disraeli. von der George Elliot und von Cremieux, drei Israeliten von hohem Ansehen, erörtert worden war." Noch schärfer weist er die ihm zugefügte Kränkung in einem Briefe an Herrn Otto Leßmann zurück: „Herzlichen Dank, verehrter Freund, für Ihre zutreffende, wahrheitsgemäße Berichtigung meiner keineswegs anzuzweifelnden noch furchtsamen Stellung in der Semitenfrage. Losung und Lösung derselben ist Sache der Beharrlichkeit der Israeliten und der allwaltenden göttlichen Vorsehung." Das klingt freilich ein wenig anders, als den antisemitischen Schreiern zu hören lieb sein kann. Allein es ist ein einfaches Gebot der Gerechtigkeit, das Andenken eines so theuren Menschen wie Franz Liszt nicht verunglimpfen zu lassen. In die Reihe der Liebermann. Böckel, Stöcker, Ahlwardt gehört. Gott sei Dank ein Franz Liszt nicht. „Magdeb. Ztg." Theodor MomMsen über den Antisemitismus. In der „Deutschen Zeitung" von Sonntag, den 9. April 1893 publicirt der Schriftsteller Hermann Bahr eine! Unterredung mit dem berühmten Historiker Theodor Mommsen über den Antisemitismus und die Auslassungen des großen Gelehrten sind wichtig genug, um sie wörtlich zu reproduciren. Theodor Mommsen sagte: „Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich da was richten kann. Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestirt, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist Alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, daß. sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichsten Jnstincte. Alles Andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub. Man kann nicht auf sie wirken. Was soll man auch Einem sagen, der dem „Rector aller Deutschen" folgt? Der ist nicht mehr zu retten. Gegen den Pöbel gibt es keinen Schutz — ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied: Canaille bleibt Canaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille. Er ist wie eine schauerliche Epioemie, wie die Cholera — man kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber auslobt und seine Kraft verliert. Und das kann jetzt nicht mehr so fern sein. Endlich muß sich die Pest ja doch einmal erschöpfen, und über Ahlwardt hinaus, noch weiter, kann sie doch nicht mehr steigen. Vrelleicht kommt jetzt langsam die Wendung zur allmäligen Besserung, Befreiung und Gesundung. Vielleicht verschwindet der Wahn, der so viele Gemüther bethört und unsere ganze Culmr um hundert Jahre zurückgeworfen hat. Aber alle Gründe und die besten Argumente helfen da nichts. Wer Gründen und Argumenten zugänglich ist, der kann ja überhaupt gar nicht Antisemit sein. Wer aber nur seinem wilden Hasse gegen Bildung, Freiheit und Menschlichkeit folgt, den werden Beweise nicht bekehren. Der Antisemitismus ist nicht zu widerlegen,