Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 15 (14.4.1893)
- Date
- 1893-04-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 15 Wien. 14. April 1893. X. Jahrgang. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. ^-s K. ft. Popstimiastrttsmt Clrsringvrrftrhr Dr. 810.1)76. Nrdsrtion und Administration: Wir« I. Fratrx Jofrss-Dnai Dr. 3. Telephon-Nr. 6535. -.#- j Eigrnthürner: Reichsraths-Abgeordrrrler Dr. Hloch. j I -- | Erscheint jeden Freitag. 1 i- -ä Man adonnirt der allen >> Pofianstalten I des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. E . g i it* : S Inhalt: Leitartikel: Prinz Liechtenstein und Sir Moses Montesivre. — Franz Liszt und der Antisemitismlls. — Theodor Mommsen über den Antisemitismus. — Arische Moral. — Jahresbericht der Pester israelitischen Religionsgemeinde. — Tie Juden in 'Wiener- Neustadt. — Corresp ondenzen: Wien, Budapest, Berlin, Karlsruhe, Bombap, New-Bork, Washington. — Vermischtes: Wien, Graz, Prag, Brody, Temesvar, Luk, Neu-Raußnitz, Czernowih, Brünn, Krakau, S tanislau, Dortmund, Pisek, Raudnip a. E., Paris. — Feuilleton Fürstengunst II. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Prin; Liechtenstein und Sir Moses Montcstore. In einer Wählerversammlung in Hernals sprach Prinz Alois Liechtenstein vor wenigen Tagen über Communal- Berhältnisse. Der fürstliche Hetzer berührte hiebei die Gasfrage und erklärte, die englische Gasgesellschaft mit — Sir Moses Montesivre an der Spitze werde im Jahre 1899 die Stadt Wien vergewaltigen. Moses Montefiore! Der Name klingt wie das Hohelied der reinsten Menschenliebe und auf dem ganzen Erdball beugen sich Ne Völker aller Zungen und aller Bekenntnisse in Ehrfurcht vor seiner Größe. Selbst Kaiser Nicolaus von Rußland bezeugte ihm Ehrerbietung. Dem Wtener Anlisenritlsmus aber, der alles Edle und Heilige just darum besudelt, weil es edel und heilig ist, war es Vorbehalten, auch diesen herrlichen Namen in den Schlamm seiner Gemeinheit herabzuziehen. Die stupide Masse der antisemitischen Wähler hat von Moses Montefiore gehört; sie weiß, daß Moses Montefiore ein über das Richtmaß der Alltäglichkeit hoch hinausragende Persönlichkeit des Judenthums gewesen ist, auf welche seine Glaubensgenossen in aller Welt stolz sind. Sein Wirken und Schaffen aber ist ihnen unbekannt und darum hat in diesem Kreise die Verleumdung leichtes Spiel, selbst den Namen eines Montefiore für' ihre schamlose Zwecke auszunützen. Seine bloße Nennung aus dem Munde eines Alois Liechtenstein ist eine Besudelung! Wenn der Zeitungsbericht, nach welchen wir diese Zeilen schreiben, richtig ist, danu ist Prinz Liechtenstein auf dieselbe moralische Stufe herabgestiegen, wie sein Freund, der Ritter Stampiglius, dann ist der Träger eines der erlauchtesten Adelsgeschlechter Oesterreichs und des Ehrenkleides eines kaiserlichen Officiers ein erbärmlich er Lügner! Sir Moses Montefiore steht nicht an der Spitze der englischen Gasgesellschaft, denn er ist seit langen Jahren tobt, er hat aber auch bei Lebzeiten mit diesem industriellen Unternehmen nie etwas zu thun gehabt. Mit unsäglichem Widerwillen gehen wir daran, die Schandthat zurückzuweisen, welche — die Wahrheit des erwähnten Zeitungs - Berichtes immer vorausgesetzt, — an dem Andenken eines der größten und erhabensten Menschen verübt wurde. Die deutsche Sprache besitzt kein Wort, eine solche Büberei gebührend zu brandmarken. Der „dumme Kerl von Wien" hat keine Ahnung davon, was uns Moses Montefiore ist und was er der ganzen Menschheit war. Er weiß es nicht, daß das ganze Leben dieses hingebungsvollen Apostels der Nächstenliebe, der uneigennützigsten Wohlthätigkeit geweiht war, daß jede Regung seiner Seele, jeder Schlag seines Herzens nur den Verfolgten und Unterdrückten gehörte. Er weiß es nicht, daß von diesem Manne ein Strom von Liebe ausging, welcher die ganze Erde erfüllte. Der Prinz Liechtenstein aber weiß es und darum muß es doppelt und dreifach gebrandmarkt werden, wenn er den Todten aus seinem Grabe zerrt und sein Leichentuch als Fahne schwenkt, mit welcher die Gemüther ausgereizt werden solle:', zu wildem Hasse gegen die Glaubensgenossen Moses Montesiores. Es gibt kein Verbrechen, das mit solcher Leichenschändung verglichen werden könnte. Wir würden uns einer unerhörten Blasphemie schuldig machen, wollten wir Moses Montefiore irgendwie in Vergleich stellen mit einrm Alois Liechtenstein. Dort die verkörperte Liebe, hier der verkörperte Haß, dort die Wahrheit und das Recht, hier die Lüge und das Unrecht, dort ein Opfermuth sondergleichen, hier die schrankenloseste Selbstsucht. _ Moses Montefiore trat vor die Großen und Mächtigen dieser Erde und forderte von ihrer Weisheit und Barmherzigkeit, daß sie das Loos der Geknechteten mildern. Der Prinz Liechtenstein aber tritt vor die blöde Menge und avellirt an ihre Dummheit und Raubsucht, daß sie die Schwachen und Ohnmächtigen noch mehr mit Füßen trete. Sir Moses Montefiore hat die Roth der Armen gelindert, er hat mit seinen reichen Mitteln jedem Dürftigen geholfen, Prinz Liechtenstein sucht diese Unglücklichen zum Hasse und zu wahnwitzigen Handlungen aufzureizen. Das Leben Montefiores war eine einzige Kette von Wohlthaten, jenes des Prinzen Liechtenstein ist der Hetze gegen die Aermsten und Bedürftigsten gewidmet. Die Humanitäts-Chronik unserer Stadt und unseres Reiches weiß auch nicht einen einzigen Act der Mild Herzigkeit dieses fürstlichen Volksbeglückers zu verzeichnen. Dieser angebliche Feind des Kapitals, der die bestialischesten Jnstincte der Massen gegen den Besitz aufstachelt, weiß selbst die Vortheile des Besitzes so sehr zu schätzen, daß er von seinen reichen Einkünften nicht einen blanken Heller für öffentliche oder wohlthätige Zwecke opfert. Seine gefährliche Lehre aber findet gefährliche Bekenner. Der Geist, der von ihm ausgeht, verwandelt sich stets in den Köpfen des niederen Volkes zum verbrecherischen Wahne und das entsetzliche Verbrechen, welches soeben an dem Fürstprimas von Ungarn versucht wurde, zeigt, welche Früchte die Hetze des Prinzen Liechtenstein zeitigt und wie die einmal angestachelte Habsucht sich nicht blos gegen die Juden, sondern auch gegen die Häupter der kirchlichen und staatlichen Gewalt richtet. Sobald die verbrecherischen Instinkte gereizt sind, dann kehren sie sich gegen Alle, denen das Geschick ein besseres Loos beschicken, und die ihre Erwartungen nicht befriedigen. Dr. Lueger hat in einer Versammlung der Josefstädter Wähler erklärt: „W i r wollen die Brüderlichkeit mit Denjenigen, die mit uns eines Sinnes und Stammes sind, nicht aber die Brüderlichkeit mit den Schakalen und Hyänen." Der unglückliche Secretär des Cardinal-Vrimas von Ungarn, Dr. M. K o h l, der der Wuth des entlassenen Kellermeisters von Gran zum Opfer fiel, äußerte über das Treiben in der Umgebung des Primas: „Dem Ansturm der Bettler und Stellenjäger muß ich mich vom frühen Morgen bis späten Abend entgegenstellen. Ich stehe zwischen dem Primas und diesem aufdringlichen Geschlecht. Ich hatte mir die