Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Orsterreichifchr Wochenschrift Seite 259 Z.) Durch den zu erwartenden bedeutenden Absatz, den hebr. Schriftstellern die Möglichkeit zu schaffen, ihre literarische Thätigkeit als einzigen Beruf auszuüben, damit sie nicht wie bisher gezwungen werden, aus Existenzsorgen entweder diese Thätigkeit ganz auszugeben, oder ihr nur einen ganz kleinen Theil ihrer anderweitig beanspruchten Zeit zu widmen. Und Herr Ben-Avigdor hat in kurzer Zeit recht Vieles erreicht. Die große Masse des Publikums, die hebr. Schriften zwar stets gerne las, aber nie gerne kaufte, wurde, durch die nie dagewesene Wohlfeilheit der „Groschen-Bibliothek", zu kauflustigen Abnehmern der hebr. Literatur. Die kleinen Büchelchen fanden reißenden Absatz und — was die Hauptsache ist — der Verleger war im Stande, seine Mitarbeiter ziemlich anständig zu honoriren. Und das gute Honorar lockte die guten Schriftsteller an und unter den 25 Büchelchen die Herr Ben-Avigdor bis jetzt herausgegeben hat, finden sich ausgezeichnete belletristische Producte von Frischmann, Peretz, Brainin, S. L. Gordon — alles Namen von gutem Klange. Auch der Verleger selbst ist recht productiv gewesen: Zehn Büchelchen sind seine eigenen Geisteskinder, und wahrlich sie gehören zu den besten Productionen der hebr. Belletristik der Neuzeit. Seine kleine Erzählung „Liebe und Pflicht" ist eine wahre Seelenanalyse; der Erzähler dringt in die Untiefen des menschlichen Herzens, und zergliedert die Gefühle mit dem Secirmeffer der Psychologie. Als tief eindringender Psycholog zeigt er sich uns auch m der längeren Erzählung „Vor 400 Zähren", welche die Ausweisung der Juden aus Spanien zum Sujet hat. Man könnte an Ben-Avigdor nur das aussetzen, daß sein Styl manchmal z u ungekünstelt ist . . . Dies läßt sich von den obengenannten Herrn Frischmann durchaus nicht sagen; dieser ist ein Meister des Styls, so daß er manchmal des Guten zu viel thut. Wer ihn aber liest muß ihn liebgewinnen, er ist ein Dichter in Prosa, wie unter anderem auch eine, blos 9 Sedez-Seiten umfassende Skizze „Drei Esser" beweist; das ist ein wahres Cabinetstück. . . Die genannten Herren Peretz und Brainin sind sehr talentvolle Novellisten und ihre Schilderungen des traurigen Lebens der jüd. ärmeren Elasten ist tieferschütternd durch die drastische Natürlichkeit. — Der genannte Herr G o r d o n ist zwar nur ein Namensvetter des verewigten berühmten hebr. Dichters, aber die zwei Bändchen Gedichte, die von ihm in der „wohlfeilen Bibliothek erschienen sind, zeigen, daß er nicht unwürdig ist, diesen gefeierten Namen zu tragen; er ist ein gottbegnadeter Dichter, wenn auch v o r l ä u f i g kein zweiter Gordon. — L’appetit vient en mangeant. Herr Ben-Avigdor scheint am „Verlegen" Gefallen zu finden und deswegen sucht er seine Thätigkeit zu erweitern. Im Verein mit ein paar Gleichgesinnten hat er vor Kurzem eine Verlagsgesellschaft gegründet, die nichts geringeres bezweckt, als eine Art „Reclam'sche Universal- Bibliothek" in hebr. Sprache zu schaffen. Diese Gesellschaft, genannt „Achiassaf" beabsichtigt, hebr. Claffiker, wissenschaftliche Werke, Belletristik, Jugendschriften rc. rc. in billigen Ausgaben zu liefern und hat sich zu diesem Behufs mit den bedeutendsten Literaten und Gelehrten in Verbindung gesetzt. Dieses vielversprechende Unternehmen verdient eine ausführlichere Besprechung, die im nächsten Artikel Plak finden wird. — Riga, 5./17. März 1893. I. T a w j e w. Zum Capitel der jüdischen und arischen WohlthAigkeik. Wir Juden sind leicht bereit, jedem Appel an die öffentliche Wohlthätigkeit rasch und opferfreudig zu entsprechen, ohne zu fragen, ob diejenigen, welche mit einer berechtigten Toleranz an alle Wohlthäter ohne Unterschied der Confession sich wenden, im Geiste derselben Toleranz die gesammelten Gelder verbrauchen und vertheilen. Und doch wäre ein wenig Wachsamkeit hier wohl am Platze. Wir erinnern z. B. an die Sammlungen, welche vor wenigen Wochen in den öffentlichen Blättern zu Gunsten der unglücklichen von wiederholten Erdbeben heimgesuchten Bewohner von Zante veranstaltet worden. Wer den Spendenausweis täglich durchgesehen, konnte der Wahrnehmung sich nicht entziehen, daß nahezu zwei Drittel der Beiträge von jüdischen Wohlthätern herrühren. Unterdessen leiden die jüdischen Bewohner von Zante unsägliche Noth. Von den überall gesammelten Spenden scheinen sie sehr wenig — gelinde ausgedrückt zu erhalten. Ein Privatschreiben aus Griechenland schildert die Lage der schwergeprüften Juden in Zante als eine sehr trostlose und bittet dringend um Hilfe. In diesem Schreiben heißt es wörtlich: „Offen gestanden, ich bin keiner jener Juden, die strenge an den althergebrachten Satzungen halten, aber der Jammer der armen Menschen, die ich kurz nach der Katastrophe selbst an Ort und Stelle anhörte, weckte in mir wieder Gefühle für meine leidenden Mitbrüder, die mich zur Bitte drängen: Veröffentlichen Sie, ehrwürdiger Herr, einige Zeilen in ihrem geschätzten Blatte, lenken Sie die Blicke auf den bejammernswerthen Stand der schwergeprüften zantiotischen Juden damit dieselben sehen, daß sie von ihren Mitbürgern nicht ganz vergessen werden." Zweifellos wird es in Wien zahlreiche Firmen geben, welche eine zuverlässige Vermittlung wären, den Unglücklichen Hilfe zu übermitteln. Herr Dr. I. Babad in Greifswald schreibt in ähnlicher Angelegenheit in der „Allgem. Zeitung d. I.": Im „Berliner Tageblatt" vom 14. März d. I. Nr. 134 (3. S. unter dem Strich) war Folgendes zu lesen: „Eine neue Stipendienstiftung wird an der Berliner Universität demnächst in Kraft treten. Es handelt sich um das Legat des am 12. Mai 1867 verstorbenen Alterthumssorschers Eduard Gerhard. Derselbe hatte mit seiner Gattin in einem wechselseitigen Testamente bestimmt, daß nach dem Tode der Frau Geheimrath Gerhard ein Capital von 22.500 Mark der Universität als Legat zufallen solle. Die Witwe des Gelehrten ist nunmehr gestorben, so daß die Eduard Gerhard-Stiftung jetzt in's Leben tritt. Sie soll dazu dienen, den in Preußen studirenden jungen Männern christlichen Glaubens, welche dem philosophischen oder archäologischen Fache — Aegyptologen und Orientalisten nicht ausgeschlossen — sich widmen, eine Unterstützung während ihrer Studienzeit zu gewähren". Dieses Legat nun ist. wie man sieht, zu einer Zeit gestiftet worden, als das Wort „Antisemitismus" noch gar nicht geprägt war, als so manches damals „antiliberale" Blatt, das seit fünfzehn Jahren mit vollen Backen in die Posaunen der Antisemiten bläst, wie z. B. die „Schlesische Zeitung" in Breslau und die „Kölnische", nicht höher schwuren als auf Lasker. Ich weiß nun nicht, ob der „Reichsbote" die obige Nachricht gebracht hat. Ich bin aber fest überzeugt, daß, wenn es geschieht, ec diesen rührenden Beweis „christlicher Liebe" völlig in Ordnung finden wird, während ihm die Stiftung des kürzlich verstorbenen Geheimen Medicinalrathes Dr. W. Cohn zur Ausbildung jüdischer Handwerkslehrlinge ein Beweis ist. daß „das Judenthum nicht bloß eine Religion, sondern eine Nationalität ist". Wenn die Herren, die gar nicht genug ihre „christliche Liebe" rühmen können, auf deutschen Universitäten und anderen Lehranstalten doch Nachfragen wollten, wie viele von Nichtjuden ausgehende Stipendien die Bestimmung enthalten „ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung"! Die Zahl dieser ist verschwindend gering im Vergleiche zu denen jüdischer Stipendien, die jenen Zusatz enthalten. .Und doch triefen die Herren Antisemiten sowohl strenger als leichter Observanz nur so von „christlicher Liebe". Hier ein Beispiel einer solchen aus meiner eigenen Erfahrung. Bor drei Jahren herrschte in einem, unweit von hier gelegenen, stark bevölkerten, aber armen Dorfe mehrere Monate hindurch eine furchtbare Typhusepidemie, die viele Frauen und Kinder ihrer Ernährer beraubte. Die Noth war groß, und da bat mich — es war kurz vor Weihnachten — ein mir befreundeter christlicher Arzt, der allein die Kranken dort behandelt hatte, in seinem und im Namen des mir wohlbekannten, streng orthodoxen, dortigen Pastors,SuperintendentenH., in meinem Bekanntenkreise an der hiesigen Universität eine Sammlung von Geld, Kleidungsstücken, Wäsche rc. zu veranstalten, zur Bescheerung von Armen und Nothleidenden des Dorfes, wozu ich mich natürlich sofort bereitwilligst erklärte. Ich brachte auch,, ohne mich irgendwie rühmen zu wollen, eine ganz artige Summe zusammen, die der gleich war, die der Arzt in seinem Bekanntenkreise gesammelt hatte; der Pastor dankte mir zwar in einem sehr freundlichen Schreiben, was ich übrigens gar nicht für nöthig Hielt, denn ich bin erst Mensch und dann Jude, er hielt es aber — charakteristisch genug — nicht für nöthig, mich, wohl aber den christlichen Arzt, zur feierlichen Bescheerung einzuladen. Da war ich natürlich doch der Jude! Ungefähr ein Jahr darauf war in allen Zeitungen die Bitte ergangen, für unsere, aus Rußland vertriebenen Glaubensgenossen Gelder beizusteuern und zu sammeln. Ich wandte mich nun, freilich, mit zagem Herzen, an einige mir bekannte, sehr