Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 258 Orsterreichifche Woitzenschrist Nr. 14 derblichen Eigenschaften ergießen sich heute ftei und erschreckend, wohin ihnen beliebt, nachdem Fürst Bismarck gegangen ist, der vorher die Canalisation für seine Zwecke besorgt hatte." Das ist die Wahrheit. Die Verleumdung waltet schrankenlos und ihr trüber Schlamm ergießt sich dorthin wieder zurück, woher er seinen Ausgang genommen. Die wildgewordene Bestie kennt ihren eigenen Herrn nicht mehr, der sie einst an der Koppel geführt. Am 29. März hat Ahlwardt im Wahlkreise des Führers der sächsischen Conservativen, Freiher v. Friesen, eine Versammlung abgehalten, in welcher er sagte, die Mutter des Centrums, d. h. die katholische Kircye, sei eine Judentochter und sämmtliche. Conservativen seien doch nur Juden oder stammen von solchen ab. Fürst Bismarck habe seinen Platz verlassen müffen, weil er eingesehen hatte, daß das deutsche Reich nur durch die Hilfe des Antisemitismus gedeihen könne, und jetzt sei er, Ahlwardt, berufen, an seiner Stelle das Werk Bismarcks fortzusetzen. In einer Berliner Versammlung tischte ein Genosse Ahlwardts folgende Entschuldigungen auf: Ende der Sechziger Jahre hat sich eine geheime Nebenregierung aus Juden und Judengenossen gebildet, die es verstanden hat, sich in das Civil- und Militärcab inet des Kaisers zu drängen, und Einfluß auf die Besetzung der Ministerposten zu gewinnen. Diese Nebenregierung hat aus den Juden Hansemann, Bleichröder, Rothschild und dem portugiesischen Juden Miguel, richtiger Miguel (dem jetzigen Finanzminister) bestanden. Die Juden und Judengenoffen seien bemüht, in der königlichen und Reichstagsbibliothek alles Materiale zu vernichten, das über ihre verderbliche Thätigkeit Aufschluß geben könnte. Der Jude Falk hat Bismarck in den Cnlturkampf hineingehetzt. Die Juden Hansemann und Bleichröder hatten zahlreiche Beamte bestochen, 80 Abgeordnete, darunter die Conservativen v. Kardorff, v. Bonin, v. Wedell-Malchow, der Herzog v. Ratibor rc. seien als Gründer entlarvt worden. Caprivi ist ein Italiener, steht mit den Juden im Bunde. Diesen Enthüllungen folgte ein unbeschreibliches Beifallsgejohle. Sie sehen, der Antisemitismus steht auf dem Gipfel seiner Erfolge. Es fehlt aber noch der Nachweis, daß auch der Träger der Krone ein Judenstämmling ist und sich an dem „Schweiße des Volkes" bereichert hat. Und auch dieser „Beweis" wird vielleicht noch erbracht werden, wenn Herr Ahlwardt, Reichskanzler geworden sein - wird. Gewiß, das ist der pure Wahnsinn, aber auch in diesem Wahnsinne liegt Methode, und der Mann,der sie erdachte, sitzt droben im Sachsenwalde. Es ist ein schauriges Verhängniß, das über 'das deutsche Volk hereingebrochen ist. Der Antisemitismus schwingt seine Geißel, aber nicht mehr über die Juden, sondern über Alles, was ehrlich und anständig ist, auch über die christlichsten Christen, über Kirche und Staat und über das legitime Königthum. Bismarck und Ahlwardt, Ahlwardt und Bismarck, sie sind die Helden des Tages — sie gehören zusammen wie Ursache und Wirkung, wie Allah und sein Prophet. Die Pflege der hebräischen Sprache in der Gegenwart. II. In der guten, alten Zeit, und zum Theil auch in der schlechten Neuzeit, war und ist's Sitte, daß die hebräischen Schriftsteller (^Mechabrim") mit ihren gedruckten Geistesproductionen von Haus zu Haus und von Stadt zu Stadt höchst eigenfüßig wanderten, uni ihre „Werke" dem nicht sonderlich kauflustigen Publicum, höchst eigenhändig aufzudringen. Dieser „schöne" Minhag wurde von dem orthodoxen, in langem Talar einherschreitenden Verfasser religiöser, rituell-casuistischer Schriften, wie vom freigeistigen, kurzröckigen, Cylinder und Handschuhe tragenden Autor „civilisatorischer" Bücher — mit gleicher Pietät ausgeübt. Der Grund zu dieser sonderbaren Art von „Buchhandel" war und ist das Nichtvorhandensein von Verlegern für hebräische Schriften. Der arme Schriftsteller, der sein „gesammtes Vermögen" auf die Druckkosten seines Opus verausgabt hat und keinen Buchhändler fand, der es ihm gegen baar abnahm, hatte die Alternative, entweder zu sitzen und zu warten, bis die einzelnen Käufer zu ihm kommen werden, was für seine Geduld und für seinen Magen eine zu barte Probe wäre, oder als Auteur-voyageur sein Werk selbst an den Käufer zu bringen; und der arme Mann wählte von zwei Uebeln das kleinere — und Mohammed ging zum Berge. Daß dieser „directe Verkehr" zwischen dem Schriftsteller und den Lesern nicht geeignet war, das Ansehen der ohnehin übel beleumundeten „Mechabrim" zu heben, ist ja ganz natürlich; ebenso natürlich ist's, daß mancher tüchtige Hebraist, dem die Wahrung seiner Menschenwürde wichtiger schien, als das Einheimsen von „Lorbeeren" zweifelhaften Werthes, es vorgezogen hat, seine Feder „in die Scheide zu stecken" als zu den so scheel angesehenen „Schreiberchen" zugezählt zu werden. Dieser Zustand dauerte aber nur so lange, als man in dem hebr. Schriftsteller nur den AManres" (Epikuräer) sah, der durch sein Büchelchen Gift und Verderben unter die talmudstudirende Jugend verbreitete, der durch seine Apologetik der Ctvilisation (und das war in der Regel das Alpha und Omega aller sogenannten Uaskolah-Büchelchen), die unreifen Jünglinge vom gottgefälligen Wandel der Alten ablenkte. Dieses tief eingewurzelte und zum Theil nicht ganz unbegründete Vorurtheil des Volkes gegen die Schreiberchen, zwang die sonst unternehmenden jüdischen Verleger und Buchhändler, ihre Thätigkeit auf die Herausgabe von Sidurim, Machsorim rc. zu übertragen, da für hebräische Literaturproductionen damals fast gar kein Lesepublicum exiftirte. Denn auch die intelligenteren Classen der Juden jener Zeit, die die culturelle Mission der „Mechabrim“ sehr hoch schätzten, waren durchaus nicht allzu kauflustige Leser-der Büchelchen, die doch nicht für sie, die ohnehin Gebildeten, sondern ausschließlich zum Nutzen der im Dunkeln Wandelnden geschrieben wurden — und nur den persönlich erscheinenden Autoren gelang es — nicht immer ohne Mühe — von den intelligenten Gönnern eine klingende Anerkennung ihrer Culturträgerei herauszulocken. — Nun, Gottlob, die Zeiten haben sich geändert. Die allgemeine Bildung ist schon so weit unter unseren (russischen) Juden verbreitet, daß sie der Fürsprache der hebräischen Literaten durchaus nicht mehr benöthigt ist. Unsere Jünglinge strömen schaarenweise in die öffentlichen Lehranstalten, ohne oazu durch UasLolah-Büchelchen angespornt zu werden. Die Beweisführung, daß Bildung und Alheismus nicht etwa identische Begriffe sind, sowie die obligaten Citate aus Talmud rc. als Belege für die Nothwendigkeit der Erlernung eines Handwerkes — dieses stehende unveränderliche Thema der hebr. Literatur früherer Zeit, wird von den neuesten hebr. Literaten, als längst überwundener Standpunkt, fast gar nicht mehr berührt. Neue Zeiten, neue Ereignisse haben neue Themata geschaffen . . . Und die hebr. Sprache, die in Rußland, ebenso wie in der nachmendelssohn'schen Epoche in Deutschland, anfänglich als Canal gebraucht wurde, durch welchen „Bildung" zu den der europäischen Sprachen unkundigen Talmudjüngern hinübergeleitet ward, — hat bei uns nicht dasselbe traurige Schicksal erlebt wie dort. Die Berliner Schule sagte dann: Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen — bei uns aber heißt's gegenwärtig: Was wir früher als Mittel gebrauchten, sei für uns jetzt Zweck. — Das Bedürfniß nach hebräischer Lectüre macht sich bei unseren Juden immer bemerkbarer, unsere gebildete Jugend genirt sich nicht die hebr. Sprache als ihre nationale Literatur-(Schrift-) Sprache zu proclamiren, und die hebr. Schriftsteller — deren Zahl sich immer vergrößert — sind nicht mehr gezwungen als bettelnde Mechabrim umherzuziehen, denn der große Leserkreis hat hebr. Verleger geschaffen, die den Autoren ihre Werke unter für diese ziemlich günstigen Bedingungen abkaufen und wahrlich nicht blos der „Mizwah" wegen. Verleger für hebr. Schriften giebt's eigentlich seit längerer Zeit; da sie aber meist ihr eigenes Interesse und nicht das der Literatur im Auge hatten, so waren sie durchaus nicht geeignet, derselben einen wesentlichen Nutzen zu bringen. Erst in jüngster Zeit (vor ca. 1 */8 Jahren) trat ein Reformator des hebr. Verlagswesens auf, der um so geeigneter für diese Rolle ist, als er mit Rührigkeit, Findigkeit und Tüchtigkeit, ein recht bedeutendes, schriftstellerisches Talent und einen gebildeten, geläuterten Geschmack vereinigt-. Dieser junge Schriftsteller-Verleger, Namens Ben-Avigdor, kam auf die glückliche Idee, hebr. Belletristik in kleinen Lieferungen zu äußerst billigen Preisen (5 Kop. ----- (? kr. die Lieferung) herauszugeben. Durch dieses ' Unternehmen sollte ein dreifacher Zweck erreicht werden: 1.) den unbemittelten Lesern eine billige und doch geschmackvolle Lectüre, aus der Feder der besten neuesten hebr. Autoren, zu bieten. 2.) Die große Masse durch die Billigkeit anzulocken und dadurch ein nach Zehntausenden zählendes Lesepublicum zu schaffen.