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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-07 · 14 (7.4.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
14 (7.4.1893)
Date
1893-04-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Oesterreichifche Wochenfchrist Seite 257 Nr. 14 essen, ohne es vielleicht zu wissen." Eine so urkomische Behauptung haben wir schon lange nicht gelesen; daß ist blunzendumm, wie man in Wien zu sagen pflegt. Und dem fügen Sie hinzu: „Die rabbinische Blutlehre hat als Geheimnißlehre existirt, der Trienter-Prozeß gibt Zeügniß hiefür; sie existirt wohl auch heute noch. Es hat jüdische Ritualmorde gegeben; der an dem Christenkind Simon Gerber verübte ist gerichtlich (!!!) erwiesen; es gibt solche Morde wohl auch in neuerer Zeit, nur sind sie schwerer greifbar. Uns Christen ist doppelte Wachsamkeit nothwendig und festesZusammenhalten gegen den Uebermnth des jüdischen Fanatismus." Herr Pfarrer Dr. I o s e f D e ck e r t, vor einem Jahre wurde im Domhof am Stefansplatzein Wien ein alter Diener der jungen studirenden Geistlichen ermordet, ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, die Spuren des Mörders zu finden. Es war kein Raubmord, denn es wurde nichts vermißt, Geld und Geldeswerth wurden nicht berührt. Die That geschah am Hellen Tage und konnte blos von einem mit den Einrichtungen und Verhältnissen des Hauses vollkommen Vertrauten vollbracht werden. Hätte sich das Ereigniß abgespielt in einem Jnstitutshause, in welchem junge Rabbinen erzogen werden, was wäre geschehen? Welche Schrift hätten sie publicirt? Wie viele Rabbinen hätte man eingesperrt? Wie oft hätte man die Juden im Reichsrath, Landtag und Gemeinderath aufgefordert, den Mörder des unglücklichen Dieners zur Stelle zu bringen. Noch eins! Es existirt ein sehr berühmtes Kirchenschreiben eines Bischof Ulrich von Augsburg an den Papst Nicolaus I., welches in zahlreichen Sammlungen kirchenhistorisch er Documente Aufnahme fand und in der That ein merkwürdiges Schriftstück ist. In diesem seinen Schreiben erzählt Bischof Ulrich, daß Papst Gregor in seinem eigenen Teiche einmal eine große Anzahl abgeschlagener Köpfe von ermordeten Kindern zu seinem Entsetzen bemerkte. Später hat man natürlich allen Scharfsinn angestrengt, um das Schreiben für apogryph zu erklären — wir begreifen das vollkommen. Daß Juden die Urheber der angeblichen Fälschung gewesen wären, wagte man nicht zu behaupten, wohl aber schlechte Christen. Wie wäre es nun, wenn man dieses fatale Geschehniß, welHes frommen Gemüthern mancherlei Unbequemlichkeiten verursacht, mit dem rituellen Morde der Juden in irgend einem Zusammenhänge brächte? Ist es nicht denkbar, daß die Judenschaft Europas auf den boshaften Gedanken kam, ihren Bedarf an Blut von Christenkindern speciell in der Hauptstadt der Christenheit besorgen zu lassen? Es würde sich solcher Art auch die große Zahl — die Lesart des Schreibens schwankt zwischen 600 und 6000 — ermordeter Kinder leichter erklären und das Geschehniß wäre aufgehellt ohne Nachtheil für das Ansehen der Kirche. Wenn Sie Spuren einer „rabbinischen Blutlehre" treffen wollen, — ich will sie Ihnen finden Helsen — lesen Sie nur die Moraltheologen der Jesuiten z. B. Antonius de Escobar, geb. 1589, über theologiae moralis, 42. Auflage, pag. 11, num 27: „Ich-- frage aber, ob man von dem Fleische des Ermordeten essen darf? Ja, weil der Fleischgenuß weder durch das Naturrecht noch bei Lebensgefahr verboten ist." Johannes de Alloza, flores snmmarum: Pag. 126: „—- „Und es ist keine Sünde, Blut zu saugen aus der Ader eines jungen Menschen und es zu trin.ken, um die Kräfte eines Kranken zu stärken." Mit zwei solcher Texte, und man fände sie in Schriften jüdischer Theologen, würden Sie und Ihre Genossen eine Welt in Brand setzen, und unter den Juden ein Blutbad anrichten, wie in den guten Zeiten der frommen Väter! Leider sind diese Autoren keine Rabbinen! Ja, Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert. In den Mazzes' ist kein Blut; in Ihrer Schrift aber, da ist Blut und Gift. Von Bismarck bis Ahlwardt. Man schreibt uns aus Berlin: Herr Ahlwardt ist der Held des Tages. Sein Name klingt auf allen Straßen, dröhnt in den Versammlungen, rauscht durch alle Zeitungen. Das deutsche Volk ist von einem förmlichen Ahlwardt-Taumel erfaßt. Die Nation, die einen Kant, einen Goethe, einen Humboldt hervorgebracht hat, steht unter dem Banne einer Creatur, deren geistige und sittliche Verkommenheit selbst jene eines Herostrates und eines Catilina übertrifit. Die Wenigen welche in dieser allgemeinen Verwirrung der Sinne und Begriffe ihre Vernunft noch bewahrt haben, sind geneigt, in Ahlwardt einen Wahnsinnigen zu sehen. Aber man verhehlt sich nicht, daß sein Wahnsinn von ganz besonderer Art, daß er nicht persönlicher Natur ist. Es ist der Wahnsinn einer ganzen Epoche, der Wahnsinn, der eine ganze Generation erfaßt hat, und dessen unheimliche Fittige sich über ganz Europa ausbreiten. Es ist ein Wahnsinn, der durch Jahrzehnte künstlich herangezüchtet und dessen Keime durch den Größten und Gewaltigsten unseres Volkes von lange her in seine Seele gepflanzt wurde. Der Ahlwardt- Taumel ist eine natürliche Fortsetzung des Bismarck-Taumels, die selbstverständliche Folge eines politischen Systemes, welches mit den edelsten Empfindungen des Menschen Fangball spielte und die gemeinsten Jnstincte der Menge zum Kampfe aufrief gegen die erhabensten Bestrebungen der geistigen Blüthe des deutschen Volkes. Der Antisemitismus ist längst über sich selbst, über seinen Ursprung und seine eigentlichen Ziele hinausgewachsen. Er ist zu einer Demüthigung des deutschen Volkes, zur Z u ch t r u t h e der ganzen bürgerlichen Gesellschaft, zur Geißel des Staates und all seiner bestimmten Factoren geworden. Er hat alles Menschliche und Vernünftige von sich abgestreift, er ist die entfesselte Bestie, die sich gegen jede Errungenschaft der Cultur, der Gesittung und des Geistes zähnefletschend auflehnt. Und diese Bestie heult und tobt heute in Hunderttausenden und Millionen, sie verlangt ihre Nahrung, ja mehr noch, sie verlangt als Götze an die Stelle all dessen zu treten, was uns bisher als göttlich gegolten. Wie ist solch eine Verkehrtheit des Sinnens, Denkens und Urtheilens in einem großen Volke möglich geworden? Wie konnte es geschehen, daß die „Nation der Dichter und Denker" ihre ganze herrliche Vergangenheit verläugnet und sich hinter einem toll gewordenen Fleischklumpen einherwälzt, dessen Lippen nur von Unflath und Gemeinheit triefen? Der Mann, der dieses furchtbare Unheil verschuldet, ist in diesen Tagen schwer gestraft worden. Am 1. April hat Fürst Bismarck seinen 78. Geburtstag gefeiert und er mußte die Schmach erleben, daß sich ein Ahlwardt in seine Popularität theilt, daß ein gerichtlich überwiesener Dieb. Betrüger, Fälscher und Berläumder von demselben Jubelgeschrei umjohlt wurde, das in den Sachsenwald hinübertönte. Bismarck und Ahlwardt — Beide umrauscht jetzt die Volksgunst in gleichem Maße, Beide werden als Helden gepriesen, von denen die Wiedergeburt des deutschen Volkes ausgeht. Den Einsiedler von Friedrichsruh mag in solcher Gemeinschaft ein Schauer des Entsetzens gepackt haben, die geistige Verwandtschaft aber, die ihn mit dem „Rector aller Deutschen" verbindet, wird er nimmer von sich abschütteln. Wie das gekommen? Hören wir eine ehrliche und unbefangene Stimme, welche zurückweist aus den Terrorismus des Bismarck'schen Regimentes. „Damals", schreibt die „Nation" „wurde gegen jeden Freisinnigen die gesammte officielle und officiöse Meute losgelassen. Weder die Characterreinheit eines Laster, noch der wissenschaftliche Weltruhm eines Mommsen und Virchow schützten diese davor, daß sie wie die ersten besten Einfaltspinsel, Charlatane und gemeine Jntriguanten öffentlich von irgend einem namenlosen Subject an den Pranger gestellt wurden. Nachdem derartige Proceduren Jahre hindurch als Acte des höchsten Patriotismus öffentlich gefeiert worden waren, trat ein, was eintreten mußte. Die Achtung vor geistrger Bedeutung und vor unantastbaren Charactereigenschaften war breiten Volksmassen durch ein solches Regiment gründlich ausgetrieben worden; und wenn es Patriotismus gewesen war, die liberalen Gegner wider besseres Wissen als Baterlandsverräther zu brandmarken, warum sollte es weniger patriotisch sein, zu behaupten, daß die Liberalen im Judensolde st ehe n, Börsenknechte sind und vom Cobdenclub b ezahlt werden. Zum Sturm aus die Berliner Communal-Verwaltung gab Fürst Bismarck das Zeichen und Herr Stö cker, gefördert vom Bismarck'schem Wohlwollen, leitete den Angriff auf das rothe Haus; diese Angriffe setzte Herr Ahlwardt fort, so sieht man mit aller Deutlichkeit, wie sich Glied an Glied fügt. Systematisch ist seit dem Ende der siebziger Jahre das öffentliche Leben in Deutschland depravirt worden; verleumdet wird nicht erst seit gestern, sondern seit vielen Jahren; das ist man heute fast zu vergessen geneigt. So wuchs die öffentliche Verkommenheit, die sich Patriotismus nennen durfte, beständig, und es gibt jetzt gegen früher nur einen Unterschied. Die ver-

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