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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-04-07 · 14 (7.4.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
14 (7.4.1893)
Date
1893-04-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 256 Orsterreichisrtze Wochrnschrist Nr. 14 verdächtig; aber unter allen jüdischen Gebräuchen, welche das Edict namhaft macht, findet sich auch nicht ein Wort, welches darauf Hinweisen würde, daß die Juden Blut genießen könnten, oder daß das Passahfest mit einem Blutritual in Verbindung gebracht werden könnte. Glaubt man vielleicht, der Großinquisitor habe die Juden schonen wollen? Aber das heilige Tribunal war eben doch vor vierhundert Jahren über jüdische Gebräuche und Vorschriften besser unterrichtet als der Pfarrer, Josef Deckert, der eine alte abgedroschene Geschichte von Neuem unter seinen Dreschflegel nimmt. Der Herr Pfarrer Josef Deckert setzt seinen Bestrebungen dadurch die Krone auf, daß er die Vorzüge der alten Proceßordnung hervorhebt; das heißt, er findet es überaus zweckmäßig, daß die Tortur hiezu verwendet wurde, um Geständnisse zu erpressen. Er sieht sogar einen Mangel unserer Proceßordnung darin, daß sie kein Mittel haben, Geständnisse hinsichtlich des Ritualmordes zu erzwingen. Er verweilt mit sichtlichem Behagen bei den Schilderungen der Tortur; wir können dem Herrn Pfarrer die Versicherung ertheilen, daß die Opfer der Tortur dabei weniger Vergnügen empfanden. Es sind ja Verhöre ausgezeichnet von Solchen, welche der peinlichen Frage unterworfen wurden; man hört ja noch die Schreckenslaute, welche Schmerz, Verzweiflung und Angst den Gemarterten erpreßten. Und schließlich gestand der Klumpen Fleisch, der noch stammeln konnte, Alles was man haben wollte. In einer Stunde des peinlichen Verhörs hatte man einen starken gesunden Mann zum Krüppel gemacht. Mit einem Seitenblick auf Tanten scheint der Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert es zu bedauern, daß wir nicht mehr das Auskunftsmittel der Tortur haben. Da hätte der Buschhoff wahrscheinlich ein Geständniß abgelegt. Ganz richtig, die Tortur ergiebt Geständnisse und zwar Geständnisse wie der Wahnsinn der Verdammten sie hervorzubringen vermag. Aber nicht nur Juden waren der Tortur ausgesetzt, sondern auch -Christen und der Bauernbursche in Tirol gestand, daß er von der Alm eine Stunde weit aus einer Wetterwolke in's Thal hinabgeritten und mit seinen Teusclskünsten den Hagelschlag erzeugt habe. Durch die Milde des Innsbrucker Obergerichtes, die Geschichte ereignete sich gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wurde der durch' Schönheit und Kraft ausgezeichnete junge Bauer einfach gehenkt und blieb von anderen Zuthaten verschont. Das ist auch actenmäßig nachgewiesen, Herr Pfarrer Dr. Deckert, und es gab Zeugen, welche mit eigenen Augen sahen, wie der Bauer während des Unwetters auf der Wolke herabkam. Die Geschichte, die Sie abgeschrieben haben, Herr Pfarrer Dr. Jos. Deckert, die Geschichte von dem Ritualmord in Trient, die ist wirklich sehr lehrreich. Wer diese Geschichte liest und nicht absolut geistig blind ist, der muß sich überzeugen, daß der ganze Proceß vom Anfang bis zum Ende ein Act grausamer Willkür war, daß Raubsuchtund Blutdurst Gerechtigkeit spielten, daß das Kind Simon Gerber allerdings ermordet und daß dieLeiche in den Graben geworfen wurde, um den Juden eine Schuld andichten zu können, daß die zahlreichen Opfer des Processes ohne jede Schuld waren. Man lese nur die Erzählung, wie Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert sie neuerdings mit seinen Randglossen in die Welt schickt und man erlangt dann eine actenmäßige Kenntniß von sämmtlichen Processen, welche das Blutmärchen erzeugt. Actenmäßig ist das Sinnlose der Anklage, actenmäßig die Werthlosigkeit der von den grausam Gemarterten erpreßten Geständnisse. Vieles erinnert an den Proceß in Tanten; eine Zeugin erzählt eine Geschichte, die ihr vor vielen Jahren ein altes Weib übermittelt hat, das sie wieder von einem alten Weib gehört hat. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat sich wiederholt mit der Geschichte des Knaben Simon aus Trient beschäftigt. Wir müssen aber sagen, die beste Kritik findet sich in dem Proceß in seiner eigenen actenmäßigen Darstellung und selten hat eine Schrift die Selbstbrandmarkung so deutlich an der Stirne getragen, wie die Schrift des Herrn Pfarrers Dr. Joses Deckert, Da ist es kein Wunder, wenn selbst der Judenfeind Professor Wagenseil diesen Proceß zum Gegenstände seines Spottes machte, weil ihn die brutale Verlogenheit der Anklage empörte, daß Papst Sixtus IV. eingeschritten ist und daß der Doge von Venedig Herzog Pietro in einem Edicte die Anschuldigung gegen die Juden „als eine Lüge" erklärte. Als die Leiche des Kindes vor dem Fürstbischof gebracht, rief er sofort aus: „Dies Verbrechen kann nur ein Feind des christlichen Glaubens begangen haben. Ich rufe Dich zum Zeugen an, Herr Jesu Christi, dessen glorreiche Auferstehung wir heute feiern, daß diese Schandthat nicht ungesühnt bleiben wird". Damit war ausgesprochen, daß die Sache abgekartet war, daß man eben, wie ein mittelalterlicher Geschichtschreiber sich ausdrückt, wieder einmal ein Judenbrennen veranstalten wollte. Die Mörder des Kindes waren die Schergen Derjenigen, welche eine Schuld auf die Juden wälzen wollten, Und doch dauerte der Proceß ein Jahr lang und nur mit Hilfe der Tortur kam man zum Ziele. Und wenn Professor Rohling-tausend Meineide schwören wollte, und wenn er die Geschichte des Knaben auch lateinisch herausgegeben hat, das Blutmärchen ist auf seine Richtigkeit zurückgeführt und der deutsche Deckert und der lateinische Rohling können daran nichts ändern. Ueber das Ereigniß in Trient sind die Jahrhunderte hinweggegangen, aber nicht über Sie Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert, und das ist uns viel interessanter als die Geschichte aus Trient, daß in Wien zu Ostern 1893 ein Pfarrer functionirt, der eine solche Schrift veröffentlichen konnte. Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert, Sie haben doch Gelegenheit, in Wien hie und da einen Juden kennen zu lernen. Ist es Ihnen da gar nicht möglich, die Sitten, Gebräuche und Anschauungen dieser Juden kennen zu lernen? Denken Sie einmal nach, ,Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert, das Mittelalter hatte bis in's achtzehnte Jahrhundert hinein, seine Strafproceßordnung, wie Sie sich auszudrücken belieben und merkwürdigerweise wurde die Tortur nirgends und zu keiner Zeit mit so grausamen Raffinement ausgebildet, wie bei den europäischen Völkern des Mittelalters. Erklären Sie gefälligst den kausalen Zusammenhang, Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert. Das Mittelalter hatte seine schrecklichsten Todesstrafen, hatte seine Judenverfolgungen, deren Opfer nicht zu zählen sind. Das Mittelalter hatte seine Inquisition und die Liste der Opfer des Torquemada allein erreicht die Höhe von Einhundertzehntausend. Denken Sie Herr Pfarrer an die Vorgias, an die sicilianische Vesper, an die Bartholomäusnacht, an die Grausamkeiten die Pizarro in Peru verübte, denken Sie an die Bürgerkriege in den verschiedenen Ländern, denken Sie an die Königin Urraka von Castilien, an Iwan den Schrecklichen und aus diesem Meere von Blut, starrt Ihnen die Grausamkeit entgegen, wie ein gefräßiger Hai. lErklären Sie doch, Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert, den causalen Zusammenhang dieser Erscheinungen und wenn Sie den Muth der Wahrheit finden, dann haben Sie das Recht auch, über die Juden zu sprechen. Was können Sie denn gegen die Juden Vorbringen. Was erzählt denn Ihnen die Chronik des Mittelalters. Man hat falsche Anklagen gegen sie ersonnen, um sie zu berauben, hat sie verfolgt auch ohne jeden Vorwand und schleppte sie vor Richtern von denen ihnen das Urtheil ohne Mcksicht auf Gesetz und Recht ge- ' sprachen wurde. Sie befleißigen sich einer merkwürdigen Schlußfolgerung Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert. Sie schreiben: „Bedenkt man, daß die jüdische Tradition das unschuldige Blut des Messias als Rettungsmittel der Welt bekennt;" hier ist von einem christlichen Märtyrer die Rede, von einer christli ch e n Lehre, nicht von einer jüdischen Tradition und es dünkt uns vom christlichen Standpunkte aus eine Profanation, dieses Dogma zu dem Zwecke zu citiren, wie Sie es gethan haben. Die Voraussetzung hinsichtlich der jüdischen Tradition ist falsch und daran knüpfen Sie die widersinnige Schlußfolgerung, daß die Rabbiner von Babylon auf den Gedanken gekommen seien, das Blut der Christen, die übrigens in Babylon kaum gekannt waren, könne dem Seelenheile der Juden nützen. Sie selber bezeichnen das als Wahnsinn und Sie sind dessen Erzeuger. Sie kennen, Herr Pfarrer Dr. Josef Deckert, die blutige Chronik der Zeit, und die Juden erscheinen als die Einzigen, deren Herzen frei blieben von Grausamkeit und deren Hände rein blieben von Blut. Sie aber haben actenmäßig die Geschichte des Processes abgeschrieben, der ein Denkmal der Schande ist, eine furchtbare Anklage für diejenigen, welche den Prozeß angestiftet, mit den gewaltsamsten Mitteln durchgeführt, mit dem ungerechtesten Urtheile abgeschlossen haben. Sogar die angeblichen hebräischen Worte in diesem Processe sind das Helle Kauderwälsch. Sie, Herr Pfarrer Dr Josef Deckert, schließen Ihr Pamphlet, das nach dem Blutrechte ■ der Tortur duftet, mit einem Citat aus der Zeitung eines angeblichen Reformjuden, wonach Männer und Frauen getrennt die Vorbereitungen fiir das Pessachfest zu treffen hätten. Davon weiß das ganze Judenthum nichts, die Frauen sind überall dabei, beim Mazzesbacken und beim Seder. Auch Christen werden beim Mazzesbacken herbeigezogen und können' auch zum Seder geladen werden. Die Reformjuden aber, kümmern sich zuweilen gar nicht um die Pessachgebräuche. Sie aber schreiben: „Es ist möglich, daß auch heutzutage noch manche Juden Christenblut in ihren Mazzes

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