Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. 14 Wien, 7. April 1893. X. Jahrgang Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums Eigenihümer: Reichsraths-Abgeordrrrter vr. KLoch -HUH- K. ft. Postsxmiassrnamt Elrarkrrgvrrkrhr Lr. 810.V76. Dedarlion und Adniinistrsllon: l. Ärsnx Ivfefs-Nnsi Ar. 8. Telephon-Nr. 6535. Man adonnirt bet allen Pofisnflatten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete -I Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Eine Schandschrift. — Von Bismarck bis Ahlwardt. — Die Pflege der hebräischen Sprache in der Gegenwart. — Zum Capitel der jüdischen und arischen Wohlthätigkeit. — Lesesrüchte. — Correspondenzen: Wien, Brünn, Prag, Oldenburg, Budapest, Preßburg, Bukarest, Braunschweig, Petersburg, Rom, Florenz, Padua, Genua. — Vermischtes: Wien, Budapest, Raab, Graz, Olmütz, Sniatyn, Berlin, London. — Feuilleton: Fürstengunst. — Literatur. — Wochenkalender. — Inserate. Unser neuer Roman. Wir beginnen in der vorliegenden Nummer mit der Veröffentlichung von „Fürstcilgunst" erzähü von S. Kshn, Oerfcisser von „Gabriel". Wir können unbedenklich die neueste Erzählung des gefeierten Verfassers als eines der spannendsten Erzählungsstücke, welches die moderne Literatur hervorgebracht hat, bezeichnen und unsere gesch. Leser werden schon nach wenigen Kapiteln erkennen, daß wir nicht zu viel behauptet haben. Den Mittelpunkt derselben bildet der kaiserl. Oberhof¬ und Oberkriegsfactor Samson Wertheimer, der noch jetzt in dankbarer Erinnerung seiner Glaubensgenossen und in einer zahlreichen Nachkommenschaft fortlebt. Alle Träger des illustren Namens (Wertheimer, Wertheimber, Edle von Wertheimstein) in Oesterreich, Ungarn, Deutschland sind diesem edlen Stamme entsprossen. Die Handlung des Romans ist eng mit den großen welterschütternden Ereignissen verknüpft, welche das Schicksal der Welt beeinflußen. Das Auftreten historischer Personen: Kaiser Karls VI.,' Prinz Eugens von Savoyen, Erzherzogin Josefa u.A., die Schilderung der diplomatischen Kabalen und politischen Kämpfe am Wiener Hose verleihen dem Werke das höchste Interesse und unschildbaren Reiz. Es ist überreich an erschütternden Scenen, von höchster dramatischer Wirkung, die Lösung des wundersamen Räthsels, welches den Knoten der Erzählung bildet, ist ebenso überraschend als befriedigend. Der berühmte Verfasser hat mit seiner bestrickenden Erzählungskunst, scheinbar Ungleichartiges zu einem harmonisch schönem Ganzen verschmolzen. Die Red. der „Oesterr. Wochenschrift" Eine Schandschrist. Es war im Jahre 1893. Das jüdische Osterfest fiel in . jenem Jahre in die christliche Charwoche, und zwar auf den Charsamstag, den 1. April. Zu Wien, einer Stadt an der Donau, wo Vieles möglich war, was man für unmöglich^ halten sollte, lebte damals ein Pfarrer, namens Dr. Josef Deckert. Da aber im selbigen Jahre jede sonstige Gelegenheit fehlte, um das Blutmärchen aufzuwärmen, so gab sich besagter Pfarrer die Mühe, die bis zum Eckel wiederholte Geschichte des Knaben Simon Gerber in Trient von Neuem zu erzählen. So entstand die Schandschrist: „Ein Ritualmord. Actenmäßig nachgewiesen von Pfarrer Dr. Josef Deckert" und es ist die Prosa dieser Schandschrist, die wir hier nachzuahmen versuchten. Bevor man sich mit dem unfläthigen Pamphlete beschäftigt, bitten wir den. Umschlag, den Verlagsort und die Verlagsfirma zu berücksichtigen. Der Herr Pfarrer befindet sich in sauberer Gesellschaft. Ein Ahlwarvt, ein Max Bewer, ein Plack- Podgorskr, — das sind seine Collegen im Berlage und die löbliche Firma in Dresden kündigt es schamlos an, daß Druck und Verschleiß der schmutzigsten, frechsten Lügenschriften ihr Geschäft ist. Braucht man da noch weiter zu lesen und ist es da noch nothwendig, etwas über den Herrn Pfarrer zu sagen? Selbst der ehemalige Hofprediger Dr. Stöcker hat eine solche Genossenschaft abgelehnt. Eine verrufene Berlagsfirma, ein Auslagekasten mit Pasquillen gegen die Ehre des deutschen Reiches, die deutsche Wehrkraft, die deutsche Staatsleitung, die deutsche Rechtspflege, die deutsche Verwaltung, — allerdings auch gegen die Juden, da liest man ja das Gesinnungsbekenntniß und die Characterphotographie auf den Umschlagseiten. Hier wird Gift verkauft, — die Verlagsfirma macht kein Hehl daraus und sie sagt die volle Wahrheit. Was nun die Deckert'sche Arbeit betrifft, so ist sie mit absichtlicher oder unabsichtlicher Verleugnung jeder Urtheilsschrift niedergeschrieben. Wer diese Erzählung liest, der wird den Eindruck empfangen, daß im Jahre 1475 die Juden in Trient das Opfer eines schändlichen Attentates gewesen sind. Derartige Attentate waren bis auf die neueste Zeit, zahlreich genug. Man erhebt eine falsche Anklage gegen die Juden, um sie berauben zu können oder, was in neuester Zeit der Zweck, um den Pöbel in Auflegung zu versetzen. Bei mehrfachen Hausdurchsuchungen wurde bei den Juden in Trient nichts gefunden, was als Anhaltspunkt für die Anklage hätte dienen können. Die gelieferten Beweise bestanden ausschließlich in den durch die Torturen erpreßten Geständnissen. Wir wollen Den Herrn Pfarrer Deckert in Weinhaus einen Zeugen vorführen aus dem Jahre 1481, nämlich den Großinquisitor Torquemada. In dem Edicte des Großinquisitors wider die zum Christenthume übergetretenen Juden werden als verdächtig bezeichnet Diejenigen, welche das Fleisch waschen, um das Blut zu entfernen und Diejenigen, welche zur Zeit des Mazzafestes (Osterfestes) Lattich auf ihrem Tisch hatten. Man fand also bei den Neujuden die Scheu vor dem Blut