Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-31 · 13 (31.3.1893) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020967--02284-3026365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

* Seile 250 Oesterrrichifchr Wochenschrist Nr. 13 Branntwein vorgebracht wurden und auf die männliche, noch mehr aber weibliche Zuhörerschaft eine Wirkung übte, deren Folgen von unabsehbarer Tragweite werden konnten. Die Ankunft eines Mannes, welcher den alten Naftalie, der oft die Functionen eines Arztes verrichtete, dringend bat, ihn zu seiner kranken Frau zu begleiten, unterbrach das unerquickliche Gespräch und nach einigen Aufträgen, die der Alte seinem Kinde ertheilte, und welche den Sederabend betrafen, trennten sie sich mit einem kurzen Lebewohl. Sie ahnten nicht, daß für immer. Jacob vertiefte sich noch eine zeitlang in die Lectüre eines Buches, bis er, von lautem Kinderweinen und einer scheltenden, keifenden Stimme unsanft berührt, eu porfuhr. Unwillig wollte er, wie das oft geschah, zu Gunsten des von der rohen Mutter mißhandelten Kindes einschreiten, als der Lärm verstummte. — Mitleidig dachte er an die kleine Marysia, die vor der mütterlichen Gewalt oft schutzflehend zu ihm kam und seine eigene fteudenreiche Kindheit tauchte vor ihm auf. In Träumereien versunken, hörte er nicht, wie das furchtbare Unheil auf leisen Sohlen in's Haus schlich, in der Gestalt der schluchzenden Marysia, welche vor der trunkenen Mutter, auf den für dieselbe unerreichbaren Boden flüchtete. Das arme geistig und körperlich verkommene Kind fand die Zimmerthür offen und trat behutsam ein, in der Meinung, daß es von den Bewohnern verlassen und deshalb ihrer sie gewiß suchenden Mutter zugänglicher ist. — D das schöne Spielzeug! Das Kind griff mit beiden Händen nach dem glänzenden Taschenmesser, das am Tische lag und welches es oft in der Hand Jacob's gesehen und immer verweigert, ihrer kindlichen Phantasie unerreichbar schien. Die blanken Stahtklingen wurden alle aufgemacht^ dann nach der Reihe zugeklappt, und das Spiel fieng wieder vom Neuen an. Plötzlich ertönten Schritte, das erschrockene Kind, in der Meinung es sei die Mutter, sah sich nach einem sicheren Versteck um, bemerkte den halb offenen Kleiderkasten, wollte dahin eilen, stolperte aber unterwegs, fiel, und eine Messerklinge bohrte sich leicht in den kleinen Hals. Schon hörte das Mädchen eine Thür aufgehen, sie raffte sich wieder auf und sprang in den Kasten hinein, denselben fest hinter sich zudrückend. Einige Blutstropfen verriethen ihre Spur. Aber nicht die Mütter trat herein, Jacob' wollte, bevor er die ihm gewordenen Aufträge besorgte, das Haus ordnen, warf einen zerstreuten Blick umher, fand alles am Platze, gieng auf den Kleiderschrank zu, welcher, da er einige kostbare Werthe enthielt, seiner besonderen Fürsorge sich erfreute, sperrte ihn ab und steckte den Schlüssel zu sich. Drinnen aber gab das Kind keinen Laut von sich. Die drückende Luft im Kasten und der Blutverlust hatten ihm die Besinnung geraubt; das Blut färbte die kostbaren Werke, den Stolz Jacobs ganz roth und sein schönes Taschenmesser entfiel der kleinen Hand des Mädchens. Es bedurfte schon keines Spielzeugs mehr. Nach Kampf und Krampf war es dem Erstickungstode erlegen. Rüstig schritt Jacob seinem Ziele entgegen, nicht ahnend, daß seine stille Klause der Schauplatz einer Tragödie geworden ist, deren Heldenrolle von dem großen Weltenregiffeur ihm zugetheilt wurde; er fteute sich an dem frisch erwachenden Leben um ihn her, sein klares, intelligentes Auge strahlte, die ganze, schlanke, jugendlich kräftige Gestalt, reckte sich im Bewußtsein der eigenen körperlichen nnd geistigen Stärke und das prächtige Haupt hielt er stolz empor. O du herrliche, gebenedeite Frühlingszeit, du schöne weite Welt! Oben an der Anhöhe angelangt, blickte er in's Dorf hinunter; dort lag sein liebes Häuschen von der untergehenden Sonne blutroth gefärbt, roth die kleinen Scheiben, das Dach, dio Wände, sogar die Bäume im Garten, alles blutgetränkt. Ein kühler Windstoß machte ihn erschauern, er wendete sich ab, drückte den Hut in's Gesicht und ließ das gedankenschwere Haupt wie eine reife Aehre sinken. Ein wüster Lärm, der von der am Wege liegenden Schenke kam, erschreckte ihn. Es war heute Sonntag und die Dorfbewohner öereintgten sich alle daselbst, um bei dem von den ftemden Männern gespendeten Branntwein den aufwieglerischen Reden zu lauschen. „Da schaut's den Juden an," schrie Jemand, als er des Jünglings ansichtig wurde, und „Jud, Jud "tönte es von allen Seiten, — die Bauernphantasie vermochte sich zu keinem anderen Schimpfworte aufzuschwingen. — Ein Blitz fiel von den Augen des jungen Mannes auf die betrunkene Bande, wortlos gieng er weiter, denn er wußte, daß Worte hier nichts vermöchten. Mittlerweile verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Kunde» daß die kleine Marysie im Hause Naftalies ermordet anfgefunden wurde. Die Mutter des Kindes erinnerte sich uach einiger Zeit an die Existenz ihrer Tochter, begab sich auf deren Suche und wollte sich auch an ihrem Nachbar Naftalie wenden, mit der Anfrage, ob das Kind nicht bei ihm sei, fand das Haus leer, gieng aber von weiblicher N.ugierde getrieben in's Zimmer hinein, bemerkte die Blutspuren, die zum Kasten führten, schlug sofort Lärm, es drangen Leute in's Haus hinein und den vereinigten Kräften gelang es, den Kasten zu erbrechen, wo sich ihnen der furchtbare Anblick des todten, blutigen Kindes darbot. Eine entsetzliche, ohnehin schon lang genährte Aufregung bemächtigte sich der Dorfbewohner. Da die Schuldigen nicht da waren, ließen sie ihre bestialische Wnth an dem Häuschen aus. Im Nu wurde alles vernichtet, und ließen sie sich in ihrem Zerstörungswerke erst durch ein von draußen kommendes Geheul, das sie hinauslockte, unterbrechen. Der alte Naftalie war ahnungslos vom Krankenbesuche zurückgekehrt und wurde von der Menge furchtbar empfangen. Sie stürzten sich über ihn, schlugen, würgten und rissen, sie lechzten nach seinem Blut, das ohnehin aus allen Wunden floß und erst die herbeigekommene Gendarmen entrissen ihn der Lynchjustiz und verbargen ihn in ein Haus, wo er den letzten Athem aushauchte. Du armer verwaister Jacob. Unverzüglich begaben sich die Männer des Gesetzes auf die Suche nach dem laut der Ansicht des Volkes einzigen Schuldigen und griffen den Jüngling auf, als cr nach geschehenen Besorgungen fröhlich den Heimweg antrat. Er ließ sich's ruhig gefallen, daß sie ihn fesselten und in's nächste Bezirksgericht brachten, sie war m seinen Augen so unsinnig die Beschuldigung, die sie gegen ihn erhoben. Nur der Großvater that ihm leid, der heute den Sederabend allein feiern mußte. Eine lange minutiöse Untersuchung erfolgte. Der Proceß wurde seiner religiösen Tendenz wegen ein sensationeller, und viele Sachverständige wurden befragt, ob der Talmud ein Gesetz, betreffs des österlichen Blutopfers enthält. Sie verneinten es zwar alle, aber sehr reservirt und einer von den gelehrten Herren behauptete, daß ein solches Gesetz existirt, und schwur sogar darauf auf seinen Erlöser Die lange. Reihe der Zeugen bekräftigten nur die schweren Anklagen, und darauf wurde das Schuldverdict gefällt und lebenslänglicher Kerker war die Strafe des unschuldig Berurtheilten. Das Jnquisitenspital nahm den Unglücklichen auf, der unter dem gräßlichen Schlag zusammenbrach und eine schwere Gehirnentzündung entzog ihn dem Bewußtsein. Wohl genaß er von der Krankheit, aber nur, um in eine tiefe Melancholie zu fallen, welche dann in fürchterliche Tobsucht ausartete, worin der Kranke Gott und die Menschen verfluchte, und wahnsinnige Blasphemien ausstieß. Doch erbarmte sich Gott seiner und senkte mitleidig einen Schleier auf die traurige Vergangenheit. Er verwirrte seine Sinne, daß auch nicht eine Erinnerung in dem dunklen Chaos seiner Gedanken Platz hatte. Jahrelang beherbergte der Kerker den verrückten, sanften immer lächelnden Juden, bis ihm auf Vorschlag der Wärter die Freiheit geschenkt wurde, durch den edlen Monarchen, der, um dem Himmel seine Dankbarkeit für ein fröhliches Ereigniß, das sein kaiserliches Haus betraf, darzubringen — einige Verbrecher auf freien Fuß setzte. Auf Verlangen der heimatlichen-jüdischen Gemeinde, die für ihn aus Mitleid sorgen wollte, wurde der Verrückte per Schub dahin geschickt. Mit dem ewigen kindischen Lächeln aus den Lippen, verließ er den Ort, wo sein schöner Geist begraben lag und ebenso begrüßte er die heimatlichen Berge und die vor Neugierde herbeigeeilten Menschen, die bösen, schlechten, deren unglückliches und unschuldiges Opfer er geworden. Math i ld e Klein. Das Iudenfihlotz. (Schluß.) „Vor zwei Monaten traf an mich aus Neko-Iork dieser Brief ein", und dabei zog er aus seiner Rocktasche ein Packet Papiere heraus, dem er ein in Briefform gefaltetes Schriftstück entnahm und' mir zum Lesen bot. Es stand darin, sichtbar mit schwacher zitternder Hand geschrieben:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.