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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-31 · 13 (31.3.1893) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 13 Veflerreichifchr Wochenschrift Seite 349 Es sind die alten starken Worte, Durch die der Gottesathem weht, Viel Zeiten sind ins Grab gestiegen, Der Geist des Seders siegend steht. Verklungen sind die Eingangssätze, Der jüngste Knabe hat gefragt: Was ungesäuert Brod bedeute? Der Vater lesend hat's gesagt. Er liest jetzt mit Triumphes-Stimme Das Lied vom Auszug aus Mizraim, Wie Gott sein Volk heraus geführt, Ihm Heil gab in Jeruschalaim. Und meerdurchrauscht der Sang ertönet Vom Zug durch inäHt'ge Wasserfluth, Es schallt die wundersame Weise Vom Weg erhellt durch Feuersgluth. Und jetzt erhebt er sich vom Pfuhle In stiller Freude Schimin Leib, Um ihn geschaart sind alle Seinen, Am Arm er führt das treue Weib. Er schnallt ein Linnen um die Schultern Darin gepackt das Mazzebrot, Und manchen Sack und Pack er bindet Wie einst die Väter in der Noth. Der Kinder Schaar mit vollen Kannen Nach allen Ecken Wasser trägt, Bald ist die Stube überfluthet, Als Stege Bretter sind gelegt. Und feierlich in langem Zuge, Mit Sack und Pack und Bündeln schwer, Und Lust im frohen Angesichte Zieht Israels Volk dnrch's rothe Meer. vr. Heinrich Gottlieb. Blutmärchen. Was hat o Schicksal, dieser Mensch gethan. Daß mit des Wahnsinns bangen Finsternissen, Du ihm verschüttet hast die Lebensbahn, Aus seiner Seele seinen Gott gerissen? Lenau. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick." Wohl haben die Schwalben noch nicht durch ihre Ankunft den Frühling verkündet, aber man konnte schon getrost zum Empfange seiner lieblichen blumenspendenden Hohheit, Thür und Thor öffnen. Denn unfehlbarer als die geflügelten Frühlingsboten selbst, wußte es die liebe Dorfjugend, daß der Winter die längste Zeit die Menschheit tyrannisirt hat und sie konnten dem rauhen Gesellen nicht deutlicher ihre Ungnade zeigen, als indem sie den alten Winterspielplatz, gegen den kleinen, von noch kahlen Bäumen umsäumten Platz vor dem einzigen Einkehrhause des Dörfchens vertauschten; welcher Platz, seit Jahren, seines kühlen Schattens und hauptsächlich des fanduild steinreichen Bodens wegen, von der Jugend zur Sommerresidenz erkoren wurde. — Das war ein Jagen, Tollen, Jubeln und Schreien; die Spatzen auf den Bäumen steuerten ihr Möglichstes im Zwitschern bei und dazu schlug ein kleines schwarzes Mädchen, ihrer weiblichen Würde vergessend, aus Leibeskräften auf ein altes, löcheriges Blechgeschirr, welche kriegerische Musik zum Zwecke hatte, das Regiment kleiner Soldaten zum Kampfe anzufeuern. — Plötzlich ein großes und allgemeines Aufsehen, wie eine Bombe fiel der Ruf „der verrückte Jud'" in die fröhliche Schaar und eine unbeschreibliche Panique erfolgte. Einige von den tapferen Soldaten suchten das Weite, die Uebrigen rotteten sich zu einem kleinen Haufen zusammen und blickten niit großen, erschrockenen Angen die wohlbekannte Persönlichkeit an, die mit langsamen, unsicheren Schritten vom Gasthofgarten daherkam. „Der verrückte Jud'". So nannte man ihn im ganzen Dorfe. Unter diesem Namen, an welchen sich viele schauerliche Märchen von Blut, Kindesmord, Gefängniß, raffelnden Ketten, schauerlichen, feuchten Kellern rc. knüpften — kannten und fürchteten ihn die Kinder, obzwar sie aus Erfahrung wußten, daß der arme blödsinnige Mann durchaus harmlos war und niemals sogar gegen die heftigsten Angriffe sich wehrte. Armer Jud! Auch er ist heute zum erstenmal nach langen Wintermonaten, aus dem Zimmerarrest, in welchem er zu seinem Wohle, von seinen Glaubensgenossen, dem barmherzigen Gastwirth gehalten worden ist, entlassen. — Doch sein verwirrter Geist konnte sich nicht an dem neuen, frischen, knospenden Leben erfreuen, er wußte es nicht, daß Frühling gekommen und daß seine Stammesgenossen morgen das schöne Fest der Befreiung aus dem egyptischen Sclavenjoche feiern. — Und daß heute vor 25 Jahren das fürchterliche Unglück über ihn gekommen ist. Er wußte gar nichts. In ihm war ein dunkles, wirres, chaotisches Durcheinander. Er konnte das Bewußtsein nicht finden und wohl ihm, daß er es verlor im schrecklichsten Augenblicke feines Lebens. Die Kinderschaar hatte sich vom ersten Schrecken erholt und sie folgte in discreter Entfernung den Spuren des Verrückten, welcher auf einem dicken Stock gestützt, vorwärts schritt. Die hagere, stark gebeugte Gestalt in dem schäbigen, schwarzen, viel zu kurzen und engen Kaftan, in kurzem Beinkleid, die nackten Füße in zu großen zerrissenen Schuhen steckend, auf dem von wirren schwarzen Haar umgebenen Haupte ein alter, eingedrückter Cylinder. Die ganze Erscheinung, für den ersten Eindruck wild und grauenhaft, mußte beim näheren Betrachten nur unendliches Erbarmen Hervorrufen. Aber Erbarmen fühlten die Kinder nicht mit dem Manne, den die Ellern für einen Verbrecher erklärt haben, grausame, spöttische Reden folgten ihm und gelegentlich traf auch ein wohlgezielter Stein schmerzlich einen Körpertheil. Er aber schritt ruhig weiter, den stieren Blick vor sich gekehrt, die höhnischen Reden verstand er wohl nicht, aber er zuckte zusammen, wenn ihn ein Stein unsanft berührte und eine zeitlang lag ein hilfloser Schreck auf den mageren, einstmals schönen, jetzt ganz verwüsteten und abgestumpften Gesichte, dann aber legte sich wieder das eigenthümliche, kindliche, nichtssagende und doch so herzbewegende Lächeln um seinen Mund. Er zürnte niemals, er lächelte Alle gleich an und doch haben ihm die Menschen so viel Böses gethan, das Höchste was er besaß, baben sie ihm roh und brutal entrissen, seinen schönen, klaren Verstand, seinen gewaltigen, forschenden Geist, sein freies edles Seelenleben. Armer verrückter Jud'". Vor 25 Jahren stand auf dem Platze, welchen jetzt das Gasthaus occupirt, ein kleines weißes Häuschen in Mitten eines Gartens. Diese freundliche Behausung gehörte dem alten Naftalie — wie er von den Dorfbewohnern genannt wurde — seinen Familiennamen kannten die Wenigsten, einem sowohl von den jüdischen Genossen, als auch von der christlichen Bevölkerung hoch angesehenen Manne. Derselbe hatte, aus Rußland kommend, die kleine Besitzung erworben, welche er nun mit feinem Enkelkinde bewohnte. Man erzählte, daß er eine zeitlang als Rabbiner einer großen Gemeinde vorgestanden ist, zog sich dann aber aus unbekannten Gründen zurück und lebte hier in dem galizischen Dorfe einzig und allein seinen talmudischen Studien, sich manchmal auch profanem Wissen zuwendend und manche anonyme Flugschrift, welche die gelehrte Welt in Streit und Hader versetzte, flatterte aus dem kleinen, weißen Hguschen in die weite Welt hinaus. Darüber aber waren die Dorfkoryphäen einig, daß ein gelehrterer Mann niemals unter ihnen gewandelt hat; desgleichen behaupteten sie auch von dem 2vjährigen Jacob, dem Enkelkinde Naftalie's, welcher der Fama zu Folge, die hohen Schulen in Rußland absolvirt hat und jetzt gemeinsam mit dem Großvater an einem großen Werke arbeitet, welches die Einwendungen, die gegen den Talmud öfters erhoben wurden, schlagend widerlegen soll und von dessen Erfolge sich die jüdischen Genossen beiläufig so viel versprachen, wie von dem Erscheinen des heißersehnten Messias. An einem wunderbar lauen Frühlingsnachmittage konnte man Großvater und Enkelkind in dem kleinen Garten, der hinter dem Häuschen lag, lustwandelnd sehen. Wie immer, drehte sich das Gespräch um ein talmudisches Thema und heute als am 6re>v-?e3SLebtag gedachten sie in würdigen Worten des großen Mannes, den Gott erkoren hat, sein erwähltes Volk aus Tyrannenhanv zu befreien. Allmählig wendete man sich alltäglichen Dingen zu und namentlich wurden die dunklen Blutmärcken besprochen, die wie alljährlich um diese Zeit, von judenfeindlichen Elementen zerstreut werden und in dem ungebildeten, Volk so schnell und unausrottbar sich einpflanzen. Auch iu das stille Dorf drangen diese giftigen Gerüchte und riefen unter dem, phantastischen und unglaublichen Dingen leicht zugänglichen polnischen Bauernvolk eine große Erregung und Erbitterung gegen ihre jüdischen Landsleute hervor. Fremde Männer weilten seit einigen Tagen im Dorfe und nährten diese Stimmung durch allerlei grauenhafte Erzählungen, welche Abends im Wirthshaus bei reichlich gespendetem und von ihnen bezahltem Meth und

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