Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 13 Orsterreichische Wochenschrift Seite 251 „Lieber Josef! Mit diesem Briefe wirst Du gleichzeitig eine amtliche Bescheinigung meines Todes erhalten, denn ich habe durch den Rest meines Geldes die Verfügung getroffen, daß die Direction des Spitales, in welchem ich liege, sofort nach meinem letzten Athemzuge dieses Schreiben und den Todtenschein an Deine Adresse nach Europa sende. Angesichts des Todes bitte ich um Deine Verzeihung. Ich will mein Verbrechen nicht verkleinern, aber zu Deiner Beruhigung schwöre ich Dir bei Gott, dem ich bald — vielleicht in wenigen Stunden — Rechenschaft ablegen werde, daß ich außer Dir keinem Manne angehörte. Der Nichtswürdige, mit dem ich entflohen, sollte mich nur nach einer legalen Verbindung besitzen und dazu kam es nicht. Der Pfarrer zu Cl . . ., den Du selbst in's Haus gezogen, war die Schlange, die unser Paradies zerstörte. Er hat mein Gewissen beschwert, indem er mich beredete, daß ich trotz meines Uebertrittes zum Judenthume nicht aufgehört habe, Christin zu sein, in Ungarn auch nach den Landesgesetzen, nur als solche betrachtet werde und meine Ehe mit Dir nur als Concubinat gelte, sowie daß mein Kind getauft werden müsse. In diesen Gewissensqualen munterte ich meinen Verführer aus. Ich suchte durch ihn Rettung, und der fanatische Priester nährte unser sträfliches Vorhaben, ja er versprach dem Manne Absolution, wenn er Dich bei seiner Flucht um eine große Sunuue bestehle. Das aber verhinderte ich dadurch, daß ich ihn glauben machte, ich selbst habe Deine Casse geplündert; indeß ich nichts mitnahm, als die paar hundert Gulden, die ich mir als Mädchen im Dienste erwarb. Schon am Tage der Flucht war ich leidend. Die Reue, die Sehnsucht nach meinem Kinde begannen ihr Zerstörungswerk an meinem Körper bereits außer- . halb Deiner Gutsgemarkung. Auf dem Schiffe wurde mein Zustand bedenklich. Im Hotel in New-Uork, wo ich nach meiner Ankunft schwer erkrankte, verließ mich der Elende, ich mußte alle meine Kräfte zusammenraffen, um mir einen Lebensunterhalt zu suchen. Ich schleppte mich von Gasse zu Gasse, tage-, wochenlang. Ich fing an, aus U eb erzeugung Jüdin zu sein, denn nur bei Juden fand ich Mitleid und Erbarmen und als Jüdin wurde ich endlich in dem jüdischen Spital untergebracht, wo ich meiner Auflösung entgegensehe. Bewahre mir ein treues Andenken bei meinem Kinde. Lasse ihn, wenn er größer wird, an meinem Jahrzeittag ein Kaddisch für mich beten. Grüsse mir Deine Mutter, sie soll als Weib aus Erbarmen mir vergeben, daß ich sie als Mutter so unglücklich gemacht habe. Ich umfange Dich noch einmal im Geiste. Deine sterbende Ella". Nachdem ich ihm bewegt den Brief zurückgegeben hatte, sagte er, wie ein Kind weinend: „Sie starb nach dem mir amtlich zugeschickten Todtenscheine am 21. Jänner. Ich habe schon nachgerechnet, es war nach dem jüdischen Kalender der 25. Tebbeth, und ihr erster Jahrzeittag fällt am 3. Jänner. Dieser Brief hat mich noch mehr niedergebeugt, denn ich hatte nicht aufgehört, mein Weib zu lieben. Der Brief kam in den Tagen, da das Lebenslicht meines Kindes fast nur mehr glimmte, das mir in so viel Unglück den einzigen Halt im Leben bot. Als aber damals der Arzt nach langer, langer Krankenvisite langsam und zögernd sagte: „Machen Sie sich auf's Aeußerste gefaßt!"— da war es zu Ende mit all' meiner Kraft. Ich hatte rasch fertig gerechnet mit Allem. Hier — er riß eine Tischlade auf — hier hatte ich ja die kleine Schußwaffe blank und geladen,- müßig liegen. Auf Religion gab ich nichts. Ein Knall und aus ist's mit dem öden Leben. In dem Augenblicke, als ich die Waffe gegen die Schläfe hob, schrie eine angstgepreßte Stimme in unbeschreiblichem Tone: „Josef!" Zwei Arme umschlangen mich, wie eiserne Klammern und meine Mutter sank an meinem Körper herab auf die Knie. Dabei starrte aus 'ihrem alten Auge soviel Entsetzen, so viel wahnsinniger Schmerz, daß ich mir in diesem Augenblicke, da der Revolver zu Boden fiel, heilig zuschtvur, lieber das Allerschwerste zu dulden, als dieser alten Frau solches Weh zuzufügen. Und von dieser Stunde an gewann ich wieder meinen Glauben. Wie ein Kind brachte sie mich zu Bette, wie bei einem kranken Kinde lauschte sie auch meinen Athemzügen, wie einem kleinen Kinde sang sie mir fromme Wiegenlieder. Seit dieser meiner qualvollsten Stunde ist sie so — wie Du sie eben gesehen hast. Das Kind blieb. Gott sei Dank, am Leben, aber Gott soll ihn mir nicht nehmen! Ich fühle, daß, wenn er erstarkte, auch ich mit gesunde und in diesem Glück das alte Unglück vergessen — nein — verschmerzen würde!" Es war Abend geworden! Der in allen Wohnungen Israel so trauliche Szeder-Abend. In dem Speisezimmer stand der Szeder auf dem Tische, wie in jedem jüdischen Hause.Der Doctor kam etwas spät. Sein erster Gang war zu dem kranken Kinde. Er fand es etwas besser aussehend. Dann setzten sie sich zum Szeder. Auch die Mutter war da und hatte die Hagada vor sich. Es wurden alle Bräuche des Abends genau absolvirt, nur daß die Mutter inzwischen mehrere Mal in das Krankenzimmer ging und nach Tische sich ganz absentirte. Wir Männer blieben unter uns, vertieft in den eifrigsten Gesprächen über Juden und Judenthum. Auch der Docter hatte jüdisches Wissen, nur war er Sceptiker, wenn auch aus Pietät gegen seine verstorbenen Eltern treu der Tradition. Es fiel Niemanden von uns ein, zu Bette zu gehen, als wollte Eines das Andere nicht allein lassen, damit es nicht von der Wucht der Erinnerung unheilvoll gepackt werde. Ich hatte unbemerkt ein halbes Fenster geöffnet. Schon sah man draußen einen blassen Streifen am Firmamente. Der Morgen graute. Man hörte allmälig auch zu sprechen auf. Der Doctor hatte die Beine auf das Sopha gezogen und war rauchend entschlummert. Josef starrte auf das Tischtuch und beschrieb mit dem Finger Figuren darauf und ich gab meinen Gedanken über die sonderbare Gesellschaft dieses Szederabends Audienz; ein zerrütteter Freund, eine halb irre Frau, ein Doctor und — ein Lehrer. Und zu diesen in einem Nebenzimmer ein todtkranker Knabe. Ich mußte unwillkürlich an alle Glücklichen denken und im Herzen beten: Herr sende Deine Gnade in den schweren Jammer dieses Hauses! ~ Josef und ich mußten dann doch auch auf unseren Fauteuils eingeschlafen sein, denn als wir durch ein Geräusch erwachten, fiel der helle Morgenscheiu durch die Scheiben. Eine festtäglich gekleidete Magd hatte ein Tablette mit Caffeeschalen und Mazzas auf den Tisch gesetzt und machte sich eben an den Fenstern zu schaffen. Josef saß in derselben Stellung wie früher mit halbgeschloffenen Augen. Der Doctor fuhr in die Höhe, erweckt durch das Geräusch, das die Magd hervorbrachte. Als ob er von einer Catastrofe geträumt oder sie befürchtet hätte, eilte er, ohne uns zu beachten, in das Krankenzimmer. Wir folgten ihm! ' Hier saß die alte Frau mit ihrem ewig lächelnden Gesichte, das kranke Kind auf ihrem Schooße. Der Doctor trat aufmerksam zu dem Kleinen und untersuchte ihn. Alle Blicke folgten seinen Mienen und Bewegungen Das Kind sah nicht mehr so fahlbleich aus wie gestern, ein blaßrosiger Schimmer färbte sein zartes Gesichtchen wunderschön, und es lächelte und griff nach dem Schnurbarte des Doctors. Es lächelte — vielleicht zum ersten Male in seinem Leben! ein unschuldiges, süßes Lächeln! Der Arzt ließ endlich ab von seinen Untersuchungen und seine schroffe Stimme klang sonderbar bewegt, als er sagte: „Na, sehen Sie, Herr . . . , eine Bescheerung hat Ihnen Eliah Hanobi in dieser Nacht gebracht. Ich glaube jetzt bestimmt annehmen zu können, daß der Kleine da für's Leben gerettet ist und — wenn auch langsam — gesunden wird". Das Gesicht dieses Arztes, dessen Züge hart und unsympathisch waren, hat gewiß in seinem ganzen Leben nicht so mild und schön ausgesehen, als bei diesen Worten. Die alte Frau lächelte nicht mehr, sondern Thräne auf Thräne entstürzten ihren Augen, wie aufgelöstes hinwegschmelzendes Weh, das bis jetzt starr wie Eis auf dem Herzen gelegen. Josef hatte das Kind mit einem sonderbaren Schrei von dem Schooße der Mutter an sich gerissen, an seinen Kopf heraufgehoben und so lief er mit ihm im Zimmer auf und ab. Die Magd stand mit gefalteten Hände an der Thür, betend, dankend, daß Gott endlich Hilfe gesendet. Die Frühlingssonne drang zu den Fenstern herein, die halb geöffnet waren, und die blendend weißen Vorhänge wallten wie Banner stolz auf, über die Goldleisten der Bilder, über die Blumen der Teppiche hüpften neckische goldene Lichter und die Messingbeschläge an den Kästen schimmerten und blinkten, daß