Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020967--02279-3026360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13 Oestcrrrichischr Wochenschrift Seite 245 ren und zumeist bei freudigen Anlässen der Nothleidenden zu gedenken. Nachdem die Versammlung die Resultate der Geschäftsgebahrung mit Befriedigung zur Kenntniß genommen und auch dem Rechnungsausweise ihre Genehmigung ertheilt hatte, dankte Herr Siegmund Mauthner unter lebhaftem Beifalle in ebenso herzlicher wie beredter Weise dem Gesammt-Vorstande und insbesondere dessen Obmanne H. Dr. Bendiener für dessen aufreibende Thätigkeit und ersuchte die Anwesenden, sich zum Zeichen die Ehrung von den Sitzen zu erheben. Dr. Bendiener lehnte die ihm gezollte Dankeskundgebung bescheiden ab und übertrug sie auf die übrigen Vorstandsmitglieder, die ihn in seiner Thätigkeit als Director des Vereines in opferwilligster Weise unterstützten. Bei den zum Schlüsse vorgenommenen Wahlen wurde die ausscheidenden Directionsmitglieder Herren Alfred Bondy, Hermann Grab, Moritz Hahn, Philipp Lichtenstadt, Emauuel Podiebrad, JUDr. Sigmund Schneider und Med. Dr. Karl Saar einstimmig wiedergewählt. Pilsen. Die hiesige israel. Cultusgemeinde ist die zweitgrößte in Böhmen; ihr Vereinswesen ist hochentwickelt, ihre Humanitätsanstalten sind musterhaft, ihr ueuer Tempel ist eins der schönsten jüdischen Gotteshäuser der Monarchie und Gefühl füc's Judenthum ist hier wie in den ältesten Gemeinden zu Hause, und doch findet man so selten einen Bericht von hier in den jüdischen Blättern! Es ist dies ein erfreulicher Beweis, daß hier das Verhältnis zwischen Juden und Christen ein ausgezeichnet friedliches ist, denn leider sind jetzt fast sämmtliche Berichte aus den jüdischen Gemeinden nur Klagen über den herrschenden Antisemitismus. Der confessionelle Friede zeigte sich hier am Schönsten bei Gelegenheit des Tempelbaues, zu dessen Kosten (300.000 fl.) ein Anlehen ausgenommen werden mußte, an dem sich nun auch christliche Firmen betheiligten, wie z. B. C. T. Petzolt n. Comp, in Wien mit 1000 fl., Max Hopfengarten, Besitzer der Zbirower Eisenwerke, mit 500 fl., Haardt u. Comp, in Wien mit einer Spende von 50 fl. und das bürgert. Brauhaus in Pilsen ebenfalls mit einer Spende von 1000 fl. Bis auf einige verschwindende Ausnahmen ist hier Alles den Juden freundlich gesinnt und dieses harmonische Zusammenleben und Zusammenwirken der Confessionen ist die Ursache des Aufblühens unserer Stadt. Fiume. Am 16. d. M. wurde ich nach Abbazia gerufen, um einen dort verstorbenen Glaubensgenossen rituell zu bestatten. Zu der traurigen Function bei den Todten — einem jungen Manne, an dessen Sarge eine Mutter in Thränen aufgelöst stand — war ich diesmal besonders wehmütig gestimmt durch den Schmerz, zu sehen, wie der Jude auch aus einem Kurplatze mißachtet wird, wo doch die Gleichheit der Menschen an ihrem Gebrechen sichtbar ist und die Gleichheit auch gewahrt werden sollte. Ich fand bei meiner Ankunft die Leiche schon in der Leichenkammer, wohin sie aus dem Hotel „Stefanie", wo der Verstorbene mit seiner Mutter wohnte, noch in der Nacht nach seinem Ableben geschafft wurde, aber wie man mir sagte, so pietätlos, wie ein Thier, welches verendete. Nach der vorgenommenen ceremoniellen Einsargung trugen wir, ich und meine von Fiume mitgenommenen Leute, unter Führung eines dort angestellten Mannes den Sarg zu der Grabesstelle. Wie empörte sich mein jüdisches Gefühl! Dieses Grab lag in einem Winkel des Friedhofes, umgeben von einigen christlichen Gräbern, zwischen zwei großen Kreuzen. Auf meine Frage, ob denn kein anderer Platz da sei, bekam ich zur Antwort, daß der Herr Rath (?) befohlen hat, dieses Grab hier zu machen, da Protestanten, Griechen und Juden beisammen begraben werden müssen, weil der eigentliche Friedhof ein römisch-katholischer ist. Die Mutter des Verstorbenen, eine fromme Witwe aus Komorn, geberdete sich wiewahnsinnig vor Verzweiflung, daß ihr Sohn in dieses Grab gebettet werden , mußte! Erwähnt muß werden, daß ein großer Theil der Curgäste in Abbazia Juden sind und. nicht jeder jüdische Curgast ist so bemittelt, daß er im Todesfälle in seine Heimat überführt werden kann. Warum sollte also nicht auf dem Friedhöfe ein Stuck als jüdischer Begräbuisplatz abgeschieden werden? Die Kosten dürfen und können nicht in Betracht kommen, weil auch das in Rede stehende Grab horrend bezahlt werden mußte. Und es ist in dem oberen Theile des Friedhofes noch ein großer, ganz leerer Grund vorhanden, von welchem ein Theil als jüdischer Begräbnißplatz abgesondert werden könnte.- Daß dies bis jetzt unterlassen wurde, kann nur auf Rechnung des modernen Antisemitismus kommen, von welchem auch die Direction dieses jungen Curortes angesteckt sein mutz. Ich möchte, daß diese Zeilen der Verwaltung der Süd- > bahn, der Abbazia gehört, zu Gesichte kämen, vielleicht, daß sie, wenn schon nicht ans Humanität, so doch im Interesse des Curortes, dem es sicher nicht zuträglich wäre, wenn er von Juden gemieden würde, diesen Unterlassungsfehler gut machte, und, was Gott lange, verhüten möge, bei eineni neuerlichen Todesfälle eines jüdischen Curgastes in Abbazia und der Bestattung desselben dort das jüdisch-religiöse Gefühl sich dabei nicht mehr zu empören brauchte, wie bis jetzt. M. A. G o l d st e i n, Rabbiner. Berlin. Der Angriffsplan auf den Jnvalidenfonds, schreibt im Namen des deutsch-socialen Vereins Berlin W. Herr Schwennhagen, dem Abg. Richter, ist „unsererseits" längst fertig gestellt. Nur Herr Ahlwardt hat die Sache noch nicht genügend durchgearbeitet, weshalb wir sein vorzeitiges Auftreten bedauern." — Mit diesem Schreiben ladet Herr Schwennhagen zugleich den Abg. Richter ein, vor der antisemitischen Versammlung in den Germaniasälen am Sonnabend Abend zu erscheinen. Dieselbe Einladung hat nach dem Ahlwardt-Moniteur Schwennhagen an den Finanzminister Miquel und den Staatssecretär v. Maltzahn gerichtet. Hierzu bemerkt die „Freis. Ztg.": Was Herr Schwennhagen in dieser Versammlung Vorbringen wird, wissen wir bereits ans Reden, welche Schwennhagen seit längerer Zeit in der Provinz gehalten hat. Sv hat Schwennhagen, wie in der „Fnrstenwalder Ztg." Prediger L Wolfs am 24. März unter Namensunterschrift berichtet, schon iru October 1892 in Fürstenwalde folgenden Unsinn ansgesührt: „Von den 500 Millionen des Jnvalidenfonds sind 200—300 Millionen durch Beiheiligungen an sanken Gründungen verloren gegangen, so daß heute die Invaliden, die ihre Pension fordern, von Pontius zu Pilatus laufen müssen, nin ihre kärgliche Pension zu erhalten."' Wer ist aber Schwennhagen? Darüber berichtet L. Wolfs in der „Fürstenwalder Ztg.", daß dieser Schriftsteller Schwennhagen in Wirklichkeit Schweinhagen heißt. Er war nacheinander: 1s „Socialdemokratisch-r Wanderredner, und als er bei dieser Partei abgewirtschaftet batte, wurde er 2) freireligiöser Wanderprediger. 2b die freireligiösen Gemeinden ihn nicht mehr hören oder sein ehrliches Gemüth christlicher wurde; ich weiß es nicht, genug, wir sehen ihn bald darauf in Berlin als 3s Polizei-Spion im Dienste des Polizeiraths Krüger. Als solcher gab er nicht nur socialdemokraiische Freunde für Geld heimlich an, sondern er wirkte geradezu als Lockspitzel, indem er Vereine gründete, deren Statut mit dem Landesgesetz in Widerspruch stand, um die Mitglieder nachher der Polizei anzuzeigen. Unter anderem unterhielt er in der Stralanerstraße ein Bureau, von wo aus Answanderungsgelegenheiten in gesetzwidriger Weise verschafit wurden; er selbst brachte dann seine Agenten zur Anzeige." Ferner berichtet Prediger Woisf über Schwennhagen noch Folgendes: Eine jüdische Erzieherin wurde von ihm in das Garn gelockt und er, der sittenreine Ehemann und Vater von zwei Kindern, schmeichelte der jüdischen Geliebten alle Ersparnisse ab, dann erst kam sein Teutonen-Stolz wieder zum Vorschein und verachtnngsvoll wandte Schwennhagen der jüdischen Geliebten den Rücken. Als die „Jüdische Presse in Nr. 40 und 41 v. I. und Nr. 2 und 4 d. I. diese Thatsachen andentete, forderte die Redaction der „Kreuzztg." Schwennhagen ans, entweder gegen den Chefredacteur der „Jüdischen Presse" Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer die Klage wegen Verleumdung einzuleiten oder aus der Redaction der „Krruzzeitung" anszuscheiden. Herr Schwennhagen wählte das Letztere. Dieser selbige Bursche also, ist es, d.r die Frechheit hat, den Abg. Richter, den Staatssecretärv. Maltzahn und den Finanzministcr Miquel vor sein und seiner Spießgesellen Forum in die „Germaniasäle" in Berlin einzuladen. Nürnberg. An demselben Tage, an welchem der deutsche Reichstag über Herrn Ahlwardt zu Gericht faß, wurde hier ein Antisemitenproceß verhandelt, den der frühere Schriftleiter der „Deutsch-socialen Blätter", jetzige Redacteur der „Neuen Deutschen Zeitung", Herr G. Erdmannsdörffer gegen den Redacteur des „Fränkischen Couriers", Dr. Eberhard in Nürnberg, angestrengt hatte. Den Vorsitz führte Amtsrichter Alzheimer (Deutscher). Bei der Klagesache handelt es sich um Folgendes: In den vom Kläger damals verantwortlich redigirten „Deutsch-socialen Blättern" erschien zur Zeit des Buschhoff- Proceffes ein vom Kläger verfaßter Artikel, worin es hieß: „Eine mehr komische Rolle in dem Proceß spielte der Professor der orientalischen Sprachen in Straßburg, Nöldeke, der darüber befragt wurde, ob sich im Talmud Stellen fänden, die auf den Ritualmord hindeuteten. Er beantwortete diese Frage dahin, daß er zwar den ganzen Talmud nicht gelesen habe, aber solche Stellen kämen nicht darin vor. Jedenfalls eine ungemein „wissenschaftliche" Beantwortung. Im klebrigen war schon die Fragestellung verkehrt, denn daß im Talmud der Ritualmord