Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oesterreichische Wochenschrift Seite 341 Nr. 13 zu leisten vermag, wenn es begeistert wird von den höchsten Gefühlen der Menschheit." „Der erste constituirende Reichstag, in dem Du Dein geliebtes Wien als Abgeordneter vertreten, wurde durch Militär- ^gewalt gesprengt; die kaum errungene Freiheit Oesterreichs war vernichtet, ihre Kämpfer wurden getödtet, in die Kerker vergraben, in die Verbannung getrieben. Erst nach schwerem Unglücke, welches unser Vaterland erduldet, durften sich die Geister wieder freier regen; gar bald aber verkümmerte der zwischen den verschiedenen Nationalitäten unseres Vaterlandes um nationale Bortheile entbrennende Kampf uns den Genuß der ohnedem in so bescheidenem Maße gewährten Freiheit und jeder auf nationalem Gebiete erzielte Erfolg eines kleinen Theiles der Bürger kostete der Gesammtheit den Verlust einer freiheitlichen Errungenschaft." „Dein edler Geist aber erkannte gar bald, was Noth thut. Soll unser spärliches Maß von Freiheit in Oesterreich nicht wieder verloren werden, so müssen die Völker Oesterreichs miteinander in Frieden leben. Versöhnung der Nationalitäten auf einer gerechten Grundlage, ist die einzige Bürgschaft der Freiheit in Oesterreich." Um dieses erhabene Ziel zu erreichen, tratest Du nochmals hinaus in die Arena des öffentlichen Lebens. Du eiltest aus Deiner ländlichen Stille nach Wien, um thatkräftig Deine Gedanken zu verwirklichen, unterstützt von der leider nur kleinen Schaar gleichgesinnter Wiener Demokraten. Umsonst lvar Dein Beginnen. Verkannt, verfolgt, tief gekränkt zogst Du wieder in Deine Einsamkeit. In der letzten Zeit Deines Lebens aber hattest Du die Genugthuung, wie nach länger als durch ein Jahrzehnt geführten sterilem Kanipfe, die einzelnen Nationalitäten Oesterreichs nach und nach erkennen, daß die erste Bedingung freiheitlichen und wirthschaftlichen Fortschrittes, die endliche Beilegung des Nationalitätenhaders sei und wie der nationale Friede allseits auf der von Dir gegebenen Grundlage gesucht wird. In dieser weihevollen Stunde sei nicht vergessen, daß Du, Adolf Fischhof, der Erste in Oesterreich warst, welcher seine Stimme für eine allgemeine Abrüstung der europäischen Heere und für die Entscheidung nationaler Streitigkeiten, durch völkerrechtliche Schiedsgerichte erhob. In Wort und Schrift tratest Du mit der Begeisterung eines Propheten fiir diesen Gedanken unermüdet ein und die Organisation der österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde geschah nach dem von Dir gegebenen Plane. Wie oft wurde Dein Idealismus, dein felsenfester Glaube an den endlichen Sieg alles Rechten, Guten, Schönen und Erhabenen unter der Menschheit belächelt! Und doch! Ein Volk, welches seiner Ideale beraubt wurde, ist der fruchtbarste Nährboden für die niedrigsten Leidenschaften der Menschen! Wie tief sind doch große Massen unserer Bevölkerung gesunken. Ehrgeizige Streber im Bunde mit den finsteren Mächten der Reaction versuchen es, dem Volke seine Ideale zu entreißen und verheißen den Massen dafür Befriedigung ihrer Habgier und ein Theil unserer Mitbürger wird seitdem mit mittelalterlichem Fanatismus verfolgt, angeblich weil er das höchste Wesen in anderen Formen verehrt Und einer anderen Menschenrasse angehvrt. Auch Du, Adolf Fischhof, bist als Jude gewiß von solchen Kränkungen nicht verschont geblieben. Und Du? In selbstloser Liebe für die Menschheit hast Du nie Gleiches mit Gleichem vergolten. Hunderte von Menschen, welche Deine Glaubensgenossen nicht sind, verdanken Dir das theuerste irdische Gut, welches sie besitzen, ihre Gesundheit, ihr Leben, die Gesundheit und das Leben ihrer Eltern, ihrer Kinder, ihrer Verwandten, ihrer Freunde. Ohne Entgelt, um Gotteslohn hast Du Deine ärztliche Wissenschaft mit Opferwilligkeit und Hingebung in den Dienst Deiner leidenden Mitmenschen gestellt und keinen der Deiner Hilfe bedurfte, gefragt, welcher Confeffion oder Raffe er angehöre. So hast Du den Verfolgern .Deiner Glaubensgenossen ein leuchtendes Beispiel gegeben, wie ein edler Mensch Christi Lehre befolgt: „Liebet Eure Feinde, thut denen Gutes, die Euch Haffen." Adolf Fischhos, Du hast Dein Wien geliebt mit aller Kraft Deiner reinen Seele; unter uns Wienern wolltest Du die ewige Ruhe genießen, nach einem mühe- und ehrenvollen, dem Dienste der Menschheit geweihten Leben. Aber auch wir Wiener vergessen Deiner nie; müssen wir auch der Erde geben, was an Dir vergänglich ist, Dein Geist wird allen, in deren Brust noch ein Gedanke von Recht und Freiheit lebt, niemals weichen, im Streite für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, im Kampfe für die Rechte der Menschheit wirst Du insbesondere den Demokraten Wiens immerdar ein leuchtendes Vorbild bleiben. Adolf Fischhof — Ruhe sanft!" Hierauf ergriff Professor Warhanek das Wort, um als Präsident des Wiener Journalisten und Schriftsteller-Vereines „Concordia" im Namen desselben, einem dahingeschiedenen, langjährigen und verehrten Genoffen die letzten Grüße zu überbringen, und sagte: „Was vergangen, kehrt nicht wieder; Ging es aber strahlend nieder, Leuchtet's lange noch zurück." Mit diesen schönen Dichterworten Karl Försters ist es ausgesprochen, wie die lichtvolle Erscheinung Adolf Fischhofs auch mit seinem Tode nicht verschwunden ist, wie die im Sonnenglanze geistiger Klarheit und sittlicher Wahrheit strahlende Gestalt des außergewöhnlichen Menschen und seltenen Mannes nicht nur für die folgenden Geschlechter, sondern auch für immer auf die Geschichte Oesterreichs zuruckleuchten wird, in welcher er in einem Momente, der nicht mehr zum zweiten Male eintreten kann, in entscheidender Weise und nachhaltig eingegriffen hat. Das was er vor 45 Jahren überhaupt der Erste rednerisch zum öffentlichen Ausdrucke gebracht hat, ist zur bleibenden Errungenschaft geworden, denn daran wird sich erfüllen, was der Auge- und Ohrenzeuge Ferdinand Kürnberger ein Jahr, später aus dem Exil seinen Angehörigen geschrieben hat: Muth Ihr armen Belagerten! Was wir kleine Schaar am heiligen Morgen des 13. März im Ständehause zu Wien vom Himmel herabriesen, das kann Euch kein Feldmarschall und kein Minister mehr rauben!" Nachdem aber ein hervorragender Abgeordneter, welcher gleichfalls ein Zeitgenosse aus jenen Tagen ist, den Verstorbenen in ausgezeichneter Weise nach seiner politischen Bedeutung characterisirt hat und da ein zweiter bewährter Volksvertreter Fischhof's Bestrebungen und Leistungen für das Bolkswohl, nicht minder vorzüglich gewürdigt hat, Wesen und Character des Verstorbenen in erhebendster Weise aus priesterlichem Munde geschildert worden ist, so muß ich mich darauf beschränken, den verehrten Todten als Schriftsteller und Publicisten zu characterisiren. Er hat im Lanfe von drei Jahrzehnten häufig zur Feder gegriffen und dieselbe stets mit Geschick, Kraft und Würde geführt. Alle seine schriftstellerischen Schöpfungen erfüllt ein edler und freier Geist. Er zählte zu den Publicisten ersten Ranges, sowohl wegen der hohen Ideen, welche ihn beseelten, als auch wegen der klaren und fesselnden Darstellung, der ihrer Natur nach oft sehr spröden und schwer zu bearbeitenden Stoffe. Der Redner besprach dann die bedeutendsten Schriststellerleistungen Fischhofs aus den Sechziger Jahren, in denen ihm, der ein „vir iutsAkr et strsnnn3 der Staatswiffenschaft und Staatskunst" ist, als das Wichtigste die Lösung der nationalen Frage erscheint und schließt mit folgenden Worten: „Adolf Fischhof war auch als Publicift ein echter Freiheitsmann im edelsten Sinne des Wortes. Wenn er auch kein Parteiführer geworden ist und ins politische Leben während der letzten Jahre nicht mehr practisch eingegriffen hat, so hat er doch vor 15 Jahren durch die von ihm angeregte Emmersdorfer Vereinbarung noch eine politische That vollführt, deren Nachwirkungen kaum jemals mehr ganz aus den Bewegungen des öffentlichen Lebens in Oesterreich verschwinden dürften. Der Publicift hinterläßt zwar in der Regel keine Werke, welche für die Nachwelt bestimmt sind, denn es ist Alles, was er schreibt, zu eng verwachsen mit den Fragen, welche seine Zeit bewegen, er vermag aber dennoch in den Acker des Geisteslebens seines Volkes manches Samenkorn zu legen, das später aufgehen und Früchte tragen kann. Dies ist Adolf Fischhof gelungen. Dafür spricht schon genug die Thatsache, daß sein Ausgleichsgedanke, trotz aller Versuche, ihn in Vergessenheit zu bringen, doch allmälig wenigstens theilweise zu Ehren kommt. Seine sonstigen Bestrebungen aber werden, ungeachtet sie nicht selten von idealer Schwärmerei getragen sind, gleichfalls bei aller Nüchternheit der Zeitauffaffung stets geschätzt werden. Weiß doch die Bevölkerung, daß der Mann, welcher zu ihrem Besten diese Forderungen aussprach, niemals ein Streber war, sondern immer ein Muster von Selbstlosigkeit. Und wenn auch in der Politik der Erfolg der letzte Richter ist, so beurtheilt doch das Volk den Werth desjenigen, welcher ihn herbeigefiihrt hat, nicht nach den Bortheilen, welche er dabei für sich erreicht, sondern nach den Opfern, die er für die Sache gebracht hat.