Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020967--02273-3026354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13 Oefterreichifchr Wochenschrift Seite 239 Das Leichenbegängllitz Fisthhufs. Vom Dachgiebel des Tempelgebäudes, in dessen kleinem Betsaale die Leiche des Dr. Adolph Fisch Hof in einfacher Weise aufgebahrt war, wehte eine schwarze Fahne. Und zu Hunderten strönite das Publicum in den kleinen Saal, um in stiller Andacht dem Dahingeschiedenen seine Achtung zu bezeugen. Kränze, Blumengewinde und Bouquets wurden in großer Anzahl theils ans dem Sarge niedergelegt, theils längs der schwarzverhängten Wände befestigt. Ein Kranz aus Lorbeer, Theerofen und Hyacintheu kam von dem Präsidenten des Reichsgerichtes, Dr. Joses Nnger, und trägt die Schleifenwidmung: „In alter treuer Freundschaft". Ein Kranz mit roth-weißen Bändern kam von der Reichs- Haupt-'und Residenzstadt Wien; ein anderer vom Journalisten- und Schriftstellerverein „Concordia". Im Namen des Israelitischen Wählervereines überbrachten die Vorstands-Mitglieder Dr. Alfred Skrein, Mcriz Schey und Fried einen prachtvollen Kranz mit der Inschrift: „Dem großen Patrioten, dem edlen Apostel des Friedensgedankens". Der Vorstand der österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde übersandte einen prächtigen Kranz mit den Worten auf der Schleife: „Dem edlen Vorkämpfer der Friedensidee". Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung der Wiener Bevölkerung. Von der Tempelgasse in der Leopoldstadt bis zum Schwarzenbergplah standen in dichter Reihe die Theilnehmer, die Dr. Fischhof. die letzte Ehre, den letzten Gruß geben wollten. Ein großer Theil der Leidtragenden hatte sich auf den Friedhof begeben, um dort den Leichenzug zu erwarten, während der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde, an der Spitze Präsident G. Simon und die nächsten Verwandten, die Freunde des Verblichenen und die Deputationen, sowie eine große Zahl von angesehenen Männern im Hofe des israelitischen Tempels in der Leopoldstadt sich versammelten, um von dort aus, dem Leichenwagen zu Fuße folgend, Dr. Fischhof das letzte Geleite zu geben. Der Präsident des Reichsgerichtes Dr. Unger, der Abgeordnete Dr. Bloch, Stadtrath R. v. Goldschmidt, die Gemeinderäthe Stiaßny, Dr. Stern, Dr. Friedjung und Tagleicht, General-Director Regierungsraty R. v. Hahn, Director R. v. Taussig, R. v. Gutmann, Schulrath S. Heit, kaiserlicher Rath Dr. Wölfler, Sanitätsrath Professor Oser, Dr. Wahrmann, Professor Politzer, die Bethausvorstände der Tempelgemeinden, ferner Polizeirath Dr. Wachler, Regimentsarzt Dr. Kosak, die Vorsteher der Gemeinde Klagenfurt und Kremsier, Vorsteher und Rabbiner von Floridsdorf, Vorsteher der Wiener Chewra-Kadifcha, (Dr. M. Spitzer), der Oesterr. isr. Union (Wilhelm Freyberg und Ad. Rosenbaum) schlossen sich an, als der Bruder des Dr. Fischhof und sein Neffe, Dr. Jacques Fischer an die Bahre traten. Unter den Anwesenden bemerkte man ferner eine Deputation der Aerzte des zweiten Bezirkes, Deputationen des slavischen Vereines, des politischen Vereines „Gewerbeb tnd", eine Deputation des deutsch-fortschrittlichen Vereines im 13. Bezirke bestehend aus dem Obmann Bezirks-Ausschuß Gedliczka, Bezirks-Ausschuß Vogelreut her, Bezirks-Schulrath Beer, dem Obmann des Ortsschulrathes Kreibig und Oberlehrer Weißt, eine Deputation der Cultusgemeinde Lehndorf bei Emmersdorf, geführt von I. Kövesdy, Dr. Josef Groß, Namens der deutsch-liberalen Partei in Klagenfurt, Deputationen ärztlicher Vereine. Zwei Wagen mit Kränzen schwer beladen fuhren voran. Hinter dem Leichenwagen schritten die Angehörigen und der Vorstand, dann die Trauergäste in langer Reihe. Bei der Radetzkybrücke schlossen sich die Mitglieder der demokratischen Vereine dem Zuge an, der über die Ringstraße seinen Weg nahm. Auf Anordnung des Bürgermeisters brannten längs der Straße die Gasflammen. Vor der Radetzkybrucke hatten die Abordnungen der demokratischen Vereine Aufstellung genommen und schlossen sich hier mit ihrem übervollen Blumenwagen dem Zuge an. Zu Tausenden stand das Publicum in mehrfacher Kette zu beiden Seiten der Straße auf dem Stuben-, Park- und Kolowratring und erwies überall den Manen des tobten Volksmannes durch Lüften des Hutes seine Verehrung. Auch die Feilster und Balcone der Ringstraßenhäuser waren dicht besetzt. Um halb drei Uhr war der Zug vor dem Friedhossthore angelangt, der Sarg wurde vom Wagen gehoben und in die Ceremonienhalle gebracht.- In diese hatten nur jene Trauergäste Zutritt, die mit. eigens ausgegebenen Karten versehen waren. Die Halle war' schon gegen zwei Uhr von Publikum gefüllt. In der Trauer gemeinde bemerkte man: Die Vorstandsmitglieder der Vereinigt ten deutschen Linken Dr. Edler von Plen er und Se. Excel' lenz den Senatspräsidenten Graf Kuenburg mit den Reichsrathsabgeordneten Auspitz, Hofrath Beer, Jaksch, Dr. I a q u e s, Dr. K r o n a w e t t e r, Professor M a r ch e l, Baron Sommarug a und Graf S türgkh; Bice-Bürgermeister Dr. Grübl. die Stadträthe Matzenaner und Noske, die Gemeinderüthe Gfrorner, Lang, Schlechta und Vaugoin, R ö h r l, Seiler und Simon, den Präsidenten des Journalisten. und Schriftstellervereines „Concordia" Professor W ahanek mit den Vorstandsmitgliedern Regierungsrath Wintern i tz und Wilhelm Frey, Professor Dr. Georg I el l i ne k, den Componisten Carl Goldmark, Professor Gomperz, Adolf Ritter von Nassau, Landesgerichtsrath Heranek, Director Porges, den Generaldirektor der Westbahn Böhm, den Polizeibezirksleiter von Simmering Obercommissär Rathay, den Präsidenten der Productenbörse kaiserl. Rath Nasch au er und deren Genera lstcretär Le in kauf, Dr. Hermann Rollet aus Baden, Frau Negine Friedländer, Frau Kolchelt, Architekt Fränkl, Deputationen des deutsch-liberalen Vereines in Rtldolfsheim, des politischen Vereines „Gewerbebund" im 18. Bezirke, des politischen Volksvereincs im 19. Bezirke, des Exportvereines, den gesammten Ausschuß des democratischen Centralvereines, den Wienerverein, die democratischen Vereine in der Leopoldstadt, Mariahilf, Neubau, Josefstadt, Alsergrund, den democratlschen Wählerverein Margarethen, den politischen Volksverein Mariahilf rc. rc. Nach Jntonirnng der Trauerpsalmen durch den Obercantor Goldst ein. trat Dr. Güdemanu, der Oberrabiner der israelitischen Cultusgemeinde vor und hielt folgende tief empfundene Rede: Es ist wenigen Menschen beschieden, in einem bedeutsamen geschichtlichen Augenblick für das, was Alle bewegt, das rechte Wort zu finden und dadurch mit einem Schlage bekannt, ja berühmt zu werden. Vollends den Wenigsten ist es vergönnt, eine große Idee, welche plötzlich eines Zeitalters sich bemächtigt, in der eigenen Persönlichkeit während eines langen Lebens auszugestalten und gleichsam zu verkörpern. Beides ist dem seltenen Manne vergönnt gewesen, an dessen Bahre wir stehen. Er war unbekannt, als er in jenem denkwürdigen Jahre, in welchem die Begeisterung für Recht und Freiheit einen allgemeinen Völkerfrühling hervorzauberte, eines Tages das zündende Wort in die Menge schleuderte: „Wer in diesen Tagen keinen Muth besitzt, der gehört in die Kinderstube." Durch dieses Wort, das aus Kindern Männer machte, ward er mit einem Schlage zum Helden des Tages, zu einem Helden der Freiheit. Dennoch möchte ich den glücklichen Einfall nicht zu hoch anschlagen. Ein Wort löst sich leicht von der Persönlichkeit ab, wie die Schale vom Kern, es ist trotz seines augenblicklichen Erfolges oft nur oberflächlich empfunden, denn nicht immer ist „ein Mann ein Wort" und mancher Urheber eines .treffenden und wahren Ausspruchs hat ihn hinterher verläugnet und verrathen. Aber bei ihm war es anders. Was er damals sagte, das zeigt bereits den ganzen Mann, wie er nachmals sich entfaltete, das Wort war er selbst, es kam ihm vom Herzen, und was er Anderen damit empfahl, die mannhafte Betätigung und Verteidigung des Rechtes und der Freiheit, das hat er selbst in seinem langen Leben aufs Glänzendste verwirklicht. Er war ein Märtyrer seiner Ueberzeugung, ohne jedoch den betrübenden Eindruck eines solchen zu machen. Wie er die letzten 25 Jahre still und zurückgezogen auf einer Anhöhe zubrachte, so blickte er von der Höhe seiner unerschütterlichen Ueberzeugung und seiner gereiften Erkenntniß ohne Groll auf die Gegenwart, die doch in so vielen Dingen die glorreiche Vergangenheit verläugnet. Er sah den Baum der Freiheit, den er mit gepflanzt, welken und sich entblättern, ohne daß ihn diese Wahrnehmung verbittert hätte. Als ein Weiser und Menschenfreund, Allen zugänglich und Vie-en ein stets bereiter Helfer, uneigennützig und von seltener Enthaltsamkeit, ohne Anspruch an die Menschheit und doch immer in ihrem Dienste thätig, ist er sich selbst treu geblieben, hat er an seinen Idealen festgehalten und in Wort und Schrift dafür gekämpft, ohne daß die Fahnenflucht so vieler ihn hätte beirren und seine Heiterkeit trüben können. So fest war sein Vertrauen, sein Glaube an den endlichen Sieg des Rechtes und der Freiheit. In der Geschichte von der Befreiung Israels aus Egypten berichtet die heilige Schrift, daß Gott die siebzig Aeltesten des Volkes aufforderte, zu Pharao zu gehen und die Entlassung des Volkes von ihm zu heischen. Es fanden sich aber nur Moses und Aron bei Pharao ein. Unsere alten Lehrer fragen