Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 13 Oesterreichische Wochenschrift Seite 387 thusiasmus wie ein Frühlingstraum. Fischhof blieb sich selber treu und mit den wachsenden Jahren verklärte sich nur sein Idealismus und waren es die größten und würdigsten Ziele, denen er begeisterungsvoll zustrebte. Der Muth und di? Begeisterung, die ihn erfüllten, als er am 13. März 1848 die erste Rede an das Volk hielt, sie verließen ihn nicht bis zum letzten Athemzuge. Es ist eine Genugthuung für alle Anhänger der Freiheit, daß der erste Herold der 1848er Bewegung, der Erste der zum Volke gesprochen hat, durch eine solche Ueberzeugungstreue sich auszeichnete. So ist die erste Offenbarung der Freiheit in unserer Mitte vor Entweihung bewahrt geblieben. Suchen wir nun nach der Erklärung für diese seltene Einheit des Characters, für diesen aufrichtigen Enthusiasmus, für diesen wahrheitsvollen Idealismus, so müssen wir sagen, auch diese hohen Eigenschaften waren von den Vätern ererbt und di-e Lehren und Beispiele der Vorfahren gelangten hier neuerdings zur Verwirklichung. Die Juden sind denn doch im Rechte; nicht mit einem Male wird Buddha geboren, nicht urplötzlich und unvermittelt tritt er lichtvoll in die Erscheinung; er entwickelt sich aus zahlreichen Inkarnationen. Die Treue gegen die eigene Ueberzeugung, sie entspricht der Unerschütterlichkeit, mit welcher die Juden an ihrem Glauben festhalten. Sein Enthusiasmus und Idealismus war die Erbschaft des Geschlechtes Abrahams, das den traditionellen Idealen stets alles Irdische opferte. Seine Barmherzigkeit und seine Wohlthätigkeit, so ist der Jude wohlthätig, so lehrt es das Judenthum. Seine Selbstlosigkeit, wer dächte nicht an Spinoza? So schien er nur zur Verherrlichung des Gottesgedankens auf Erden zu wandeln und er war, wie Göthe es vorschreibt, hilfreich, edel und gut. Sucht ihr aber die Begründung für diese Erscheinung, dann gibt es nur eine Antwort : — denn e r war Jude. Vor uns taucht eine Gestalt auf, aus zweitausendjähriger Vergangenheit: die Riesengestalt eines Talmudisten, welcher mit flammenden Worten auf die Einheit des Menschengeschlechtes, auf die gemeinsame Abstammung und die Blutgemeinschast aller Völker hinweist, die zu gegenseitiger Förderung und Belehrung, nicht zu gegenseitiger Schädigung und Vertilgung berufen sind. Derselbe Gedanke durchdringt das Leben Fischhof's. Soll Europa ewig den Verheerungen des Krieges ausgesetzt sein, sollen civilisirte Nationen stets von Neuem ihre Kraft in Rüstungen erschöpfen, um sich im gegebenen Momente gegenseitig zu zerfleischen? Soll statt der Vernunft das blinde Würfelspiel des Krieges die Entscheidung bringen? Ist es sittlich gut, die Rechtsfragen in Machtfragen zu verwandeln? Ein halbes Jahrtausend vor Jesus hören wir die Stimme des Propheten Jesaias, der das messianische Reich verkündigte, als das Reich des Völkerfriedens, so daß die Nationen ihre Schwerter in Pflugscharen, in Culturwerkzeuge umschmieden. Und diese messianische Idee finden wir wieder in dem Bestreben Fischhof's, daß die Streitfragen zwischen den Staaten durch internationale Schiedsgerichte entschieden werden sollen. Von Zion - geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem. F i s ch h o f hat das Wort zu unserer Zeit gesprochen: denn er war Jude. Derselbe Friedensgedanke lebt auf in dem Ideale, dem F i s ch h o f bei der Gestaltung Oesterreichs nachstrebtc. War er nicht des deutschen Geistes und des deutschen Wissens voll? Gewiß in höherem Grade als viele Deutschnationale der Gegenwart. Er studirte ja zu einer Zeit, wo man noch bei den Classikern in die Schule ging, wo man Göthe und Schiller sich näher fühlte als in der Gegenwart, wo aus dem Munde österreichischer und ungarischer Dichter deutsche Lieder erklangen, stark, rein und schön, wie sie selten gehört werden. Fischhof aber ersehnte, daß der Friede sich der Freiheit gesellen solle, er wollte ein Oesterreich des Völkerfriedens zur sicheren Begründung der Freiheit und der Staatswohlfahrt. Sein Ideal war ein österreichischer Völkerbund, geeinigt durch die Liebe zu Oesterreich, gefestigt durch die europäischen Gedanken. Was man aus dieser Idee machen wollte, aus welchen Gründen sie bekämpft wurde, aus welchen Gründen sie Schiffbruch gelitten hat, das kann hier nicht erörtert werden. Es war aber gewiß keine Beleidigung des deutschen Volksthums in Oesterreich, wenn man ihm die Mission der Einigung und der Friedensstiftung anvertrauen wollte. Das Große in den Gedanken Fischhof's läßt sich doch nicht Hinwegläugnen, und sie sind umso denkwürdiger, als die Vertreter des deutschen Volkes in Oesterreich die ehemals verketzerten Gedanken in das Centrum ihres Programmes einger".ckt haben. Die Punktationen des deutsch-böhmischen Ausgleiches sind dem reichen Gedankenschatze Fischhofs entnommen und wofür heute die deutschen Parteiführer muthig kämpfen, das hatte er einst gegen sie oertheidigen müssen. Damals war das Ziel noch erreichbar. Fischhof dachte nur an Oesterreich. Er erstrebte nicht den Beifall der Parteien und fürchtete ihre Anfeindungen nicht. Er wollte Oesterreich groß und glücklich sehen. In seinem Gedanken steckte doch mehr Patriotismus als in allen Parteiprogrammen zusammen. Der Friedensgedanke ist das Testament, das Fischhof zurückgelassen, unvergleichlich in seiner Vaterlands- und Friedensliebe; denn er war Jude. Ein halbes Jahrhundert ist fast dahingegangen, seitdem Fischhof als Volksredner sich selber dem Volke vorstellte. Damals schien die volle Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Bürger des Staates kein leerer Traum zu sein. Damals konnte der Jude iu der politischen Arena sich mit voller Freiheit wie jeder Andere bewegen und man fragte nicht nach der Religion. Seitdem, wir reden nicht von offenem Antisemitismus, seitdem hat ein versteckter Gegensatz zum Juden auch bei Vielen Boden gewonnen, die ihrem Parteibekenntnisse nach zur liberalen Fahne stehen. Der Antisemitismus hätte niemals solche Macht gewonnen, wenn ihm nicht die verschiedensten Factoren Duldung und sogar Ermuthigung geweiht hätten. Ohne diese Zweideutigkeit in der Gesinnung und im Verhalten hätte man vielleicht Fischhof so hoch gestellt, wie er es verdiente. Man hätte vielleicht eingesehen, welchen Nutzen es hat, einen Mann zu besitzen, der außerhalb der Parteien und unabhängig von denselben, in edelster Gesinnung nur das Beste erstrebt. Die Saar wäre vielleicht voller aufgeblüht, die er zum Besten des Vaterlandes ausstreute Der Wiener Gemeinderath hätte es vielleicht dock nicht gewagt, einem Manne, der als Mitglied des Sicherheits- Ausschusses im Jahre 1848 um Wien sich die größten Verdienste erworben hat, zu seinem siebzigsten Geburtstage den Glückwunsch zu verweigern. Der Staat und die Parteien hätten einen solchen Mann geehrt wie man in England, Frankreich und Nordamerika die edelsten Repräsentanten der Nation ehren versteht. Wir sind doch sonst freigebig in Ehrenbezeugungen gegen Solche, die es halb oder gar nicht verdienen. Bon Fischhof gilt das Wort: „Was streust Du 'Weihrauch Deinem Todten? Hättest Du ihm im Leben mehr geboten:'' — denn er war Jude. An diesem Grabe ist Manches abzubitten und durch ein solennes Leichenbegängnis ist die Sünde nicht gesühnt, die wir durch Verkennen unserer besten Bürger und durch Verkennen unseres eigenen Werthes an uns selber begehen. Das Volk allerdings findet in seinem Herzen zuletzt wieder das richtige Gefühl, trotz aller Verwirrung und Entweihung, die in das Volksleben hineingetragen wird. Das Volk kniete nieder vor seinem Todtenbette, um zu beten und weinte laut in den Straßen, denn cs war der Vater der Armen gestorben, llnd der Ar beiter an seinem Grabe rief ihm die Klage nach, als dem „Vater der Arbeiter". Sie beteten das Vaterunser im jüdischen Bethause und sie schluchzten auf den Straßen. Es war eine aufrichtige und tiefe Trauer, obwohl der Mann im Sarge von den jüdischen Sterbekleidern umhüllt war und vom jüdischen Betmantel. Das Volk hatte den Antisemitismus zum Schweigen vcrurtheilt; dem Volk tvar Fischhof ein Mensch, wie es ihn ivünscht und wie er ihm selten erscheint. Im 'Volke triumpbirle die wahre Religion mit ihrem idealen Gehalte über allen Haß und der Ruhm des Todten ist es, daß er selbst den Haß zu