Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 236 ° Oesterreichtsrhe Wochrnfchrist Nr. 13 Herr des Hauses wird hier fast gänzlich bei Seite geschoben, nur die Frau allein waltet im Hause. Endlich am Vorabend des Festes, da alles schon in Ordnung ist, legt sie.einige Brodkrumen nieder, damit doch der Vater des Hauses das Räumungswerk des Chamez beschließe. Geradezu komisch nimmt er sich aus, wie er mit einem winzigen Lichtlein, und nach altem Brauche noch dazu mit einem unbrauchbaren hölzemen Kochlöffel und einem Federwisch ausgerüstet, diese niedcrgelegten Krümchen zusammenscharrt, um „Kol chamiro, wachmio“ sagen zu können, llnb die Kindlein gucken erstaunt und sehen dies so gerne. Und erst wenn der Seder-Abend hergerichtet wird. Die drei Mazzoth, Grünwerk, Salzwasser, Charosseth, die Sroa und das Ei — nicht müde werden die Kleinen, jedes Einzelne zu betrachten, und harren mit Ungeduld der Feier des Abends entgegen. Patriarchalisch nimmt jetzt der Hausvater seinen Sitz bei Tische ein, sie, die Hausfrau, sitzt wie eine Königin an demselben. Jetzt Krauskops, frage den Papa deine vielen Fragen, und der Kleine beginnt: Nak-vi8ehtauok? So verstand es Moses, die Frauen zu ehren und die Kinder zu belehren. Die religiösen Festdichter schmückten in ihren frommen Dichtungen die jüdische Frau zur Passahzeit, indem sie die Reize der Sulamith des Hohen Liedes zum Motive ihrer Allegorie benützten. Das semitische Familienfest, und mit ihm der häusliche Familiensinn hat auch unter den Ariern seine Verbreitung gefunden, die Welt ist verjudet. Alles spricht von der Religion der Liebe, alles führt im Munde: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Ist die Menschheit durch di.ses Erlösungswort schon erlöst? Ist die Welt wirklich verjudet? Ach, über diesen Satz gibt es des Gezankes und Streites genug und im Namen dieses Satzes ist schon viel Unheil verbreitet worden. Nein, dieser Satz hat die Welt nicht erlöst; die Arier sind noch immer beim Luxusmahle Pessimisten und der Jude würgt noch immer das Moror hinab. Erst wenn die Kruste des Welteies, die Herrschaft des Muthwillens, durch die warme Sonne einer allgemeinen und wahren Freiheit des Leibes und des Geistes bersten wird, dann wird aus demselben die Menschheit sich emporschwingen- und das Ebenbild Gottes im Menschen wird erwachen und auferstehen. Die Menschen werden menschlich sein, und in un geheuchelter Liebe gemeinsam ein S’man cherutlienu, ein Fest der Frecheit feiern. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang werden die Völkerchöre aller Nassen und Klassen ein Loblied der Freiheit anstimmen: Hallelujah! Wir sind erlöst! Hallelujah! M. Fried mann. Adolf Fischhof als Jude. Die Märzsonne hatte den Hellen Frühling gebracht und es schien, als ob dieser in Eile gekommen wäre, um den Vollem Europa's eine neue Zeit zu verkünden, die Zeit der Freiheit, die Zeit einer neuen das Vorurtheil und das Unrecht vernichtenden Gesellschaftsordnung. Es war im Jahre 1848, das Wetter war schön und mild, wie es zu dem Volksjubel auf der Straße stimmte und zu den Illuminationen, mit denen die Bürger ihre Freude und Dankbarkeit ausdrückten. Der Freihkitsgedanke, der soweit geschichtliche Erinnerungen reichen, als Protest gegen die Tyrannei, zum ersten Male an den Ufern des Nils erwachte, der Geist, der das Freiheits- und Frühlingsfest der Juden erfüllt, war wieder einmal Wahrheit geworden. Unter den Männern, die in jenem denkwürdigen Jahre in Wien sich hervorthaten, befand sich auch Dr. Ad o l f Fischhof. Wieder ist der März gekommen und wieder grüßt das Freiheits- und Frühlingsfest und nun haben sie einen stillen Mann hinausgetragen zur ewigen Ruhe, dessen Leben vollkommen, und tadellos war vom - Anfang bis zum Ende. Keine Wappenträger schritten neben dem Sarg, kein Sammtpolster mit Orden wurde nachgetragen. Die Glocken wurden nicht geläutet und Trauerfahnen wehten nicht von den Hausern der Ringstraße. Es fehlten alle jene Symbole, durch . welche Stadt und Gesellschaft es aussprechen, daß der Todte mehr als ein gewöhnlicher Mensch gewesen ist. Aber man sagt es sich in ganz Oesterreich, daß ein Großer, ein Einziger, ein Unersetzlicher gestorben ist. Adolf Fischhof — da ist kein Ritter aus dem ältesten Geschlecht, der ihn an Vaterlandsliebe überragt, da ist kein Zweiter zu nennen, der ihn an Menschenliebe und Keiner, der ihn an Selbstlosigkeit übertroffen hätte. Sein Leben ist ein großes Beispiel und der Gegenwart und Zukunft wird es Heil bringen, wenn die Herzen sich diesem Beispiele empfänglich erweisen. Sein Leben ist ein Zeugnis für sein Volk und seine Religion: denn er war Jude. Er stand im Dienste der Freiheit und erbegeisterte sich für den Völkcrfrieden Er that das Seinige, damit der Gedanke der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrheit werde. Sein Ideal für Oesterreich war die Versöhnung der Völker und das Auslöschen des nationalen Zwistes. Er war empfindungslos gegen die Reize der Eitelkeit, gegen die Lockungen des Reichthums und gegen äußerliche Ehren. Er suchte und verlangte keinen andern Lohn, als den, den ihm das eigene Bewußtsein zu gewähren vermochte. Die Reinheit seines Lebens, sein edles Denken, seine edle Handlungsweise, sie ei klären sich aus einem Worte — denn er war Jude. Im Jahre 1846 erglänzten viele Namen, denen die Geschichte die gerechte Auerkennung nicht verweigern darf. Neben den Märtyrern der Freiheit, den Märtyrern ihrer Ueberzeugung sind viele verdienstvolle Männer, die im Staate und in der Gesellschaft Ersprießliches leisteten, aus dem Jahre 1848 hervorgegangen. Aber Adolf F i s ch h o f repräsentirt eine Eigenart, wie wir sie bei keinem anderen Achtundvierziger wiedersinden. Wie bei Andern der Egoismus mächtig ist, so bei ihm die Selbstlosigkeit und er bethätigtc sein Ich nur in dem Bestreben, das Los Aller zu verbessern. Das öffentliche Leben ist für Viele ein Theater und sie suchen ans dieser Bühne ihre Würde zu bewahren. Im alltäglichen Verkehr jedoch wird diese Würde abgestreift und da zeigt es sich, daß der Held auch seine Schwächen hat. Adolf Fischhof war im Privatleben genau Derselbe, wie er dort erscheint, wo er Staats¬ und Völkerfragen behandelt. Seine Hand war den Armen geöffnet, so weit nur immer seine Mittel reichten. Als practischer Arzt beschenkte er die mittellosen Kranken oft mit Beträgen, die einem ansehnlichen Honorar gleichkamen. In Emmersdorf war er der freiwillige Arzt der Armen und er nahm von Niemandem ein Entgeld für die Ausübung der ärztlichen Kunst. Es wird schon darin ein Ruhm gesehen, wenn die Hände rein bleiben vor Bestechung und wenn ein Mann eine Vertrauensstellung nicht in gemeiner Weise ausbeutet. Damit ist auch eine ehrliche Verwaltung gesichert und es wäre ungerecht und vernunftswidrig, wenn man die Forderungen höher spannen wollte. Und doch sind mit jeder höheren Stellung zahllose Vortheile verbunden, die Niemanden zum Vorwurf gemacht werden können. Amt, Titel und Orden geben Einfluß und Gewicht, das Glück ist.immer servil gewesen und fühlte sich stets von glänzenden Acußerlichkeiten angezogen. Die jüdische Legende hat eine sinnige Parabel. Ein Rabbi, seiner Armuth müde, erfleht vom Himmel sich Reichthum. Die Erfüllung der Bitte wird ihm zugesagt; aber des Nachts träumt ihm, der goldene Tisch, der für ihn im Paradiese bereit steht, habe einen Fuß weniger, als der Tisch der andern Gerechten und als er sich nach der Ursache erkundigt, so erklärt man ihm, der fehlende Fuß, das sei der Reichthum, den er für diese Welt verlangt habe. Der Rabbi will lieber arm bleiben, um im Jenseits sich eine Beschämung zu ersparen. Und das ist der Fall bei den meisten verdienstvollen Männern und auch bei den meisten Achtundvierzigern. An den goldenen Tischen, welche die Zukunft für sie in Bereitschaft hält, fehlt ein Fuß oder es fehlen auch mehr Füße. Sie haben eben den Lohn ihrer Werke schon auf Erden empfangen. Am goldenen Tische unseres Adolf Fischhof fehlt kein Fuß; nicht nur den unrechtmäßigen Vortheil wies Fischhof zurück, sondern jeden Vortheil überhaupt und er haßte die Gelegenheit, wenn sie Vortheil bringen' konnte. Bei vielen Achtundvierzigern verflog der En-