Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 234 OesterreichisAre Wochenschrift Nr. 13 die Herren „Conservativen" nicht, wenn sie nur neuen Agitationsstoff zur Aufreizung der Bolksmaffen erlangen. Das Psffsh-Frst und die Frauen. Die Christen feiern das Passahfest Zugleich mit den jüdischen Kindern, Und trotz der Stöcker und Ahlwardt läßt Sich leider das nicht hindern. Auf allen Nasen, ob g'rad ob krumm, Scheint Lenzmond in allen Ländern! Des schwarzen Loisl's Brumborium Kann solches auch nicht ändern. Die Sonne des Osterfestes erglüht Sie lächelt, als ob sie sage: Ich wünsch' Euch Allen, so Christ als Jüd' Vergnügte Feiertage. Die Welt wird nicht verjudei, sondern sie ist verjudel. Juden und Christen feiern das Fest des Auszuges aus Mizrajim und Heuer beinahe gleichzeitig. Juden und Christen benützen das Ei als Symbol an diesem Feste. Allerdings unterscheiden sie sich bezüglich des Osterbrodes. Das Osterbrod der Christen, „Paßka" oder „Paßcha" genannt, ist ein seines Luxusgebäck, denn für sie ist der Messias schon gekommen, er starb für sie und sei wieder auferstanden. Das jüdische Osterbrod aber, „Mazzah", ist noch immer das Brod des Elends „lechem oni“; die Juden warten noch aus den Erlöser und seiner Auferstehung sehen sie in der Zukunft entgegen. Die Bittern Kräuter „Maror" überließen die Christen den Juden gänzlich. Das Ei jedoch bleibt Ei für Jud' und Christ, beiden ist es Symbol der Auferstehung. Geheimnisvoll schlummert im Ei ein Leben. Die Wärme tritt hinzu als Erlöser von diesem Zauberbanne und das Wunder vollzieht sich vor unseren blöden, ungläubigen Augen: die Schale berstet und flatternd entspringt aus dem Banne ein Vogel, der kühn sich zum Himmel emporschwingt. Deshalb ist's auch jüdischer Brauch, den Leidtragenden beim Todtenmahle ein Ei zu verabreichen; es soll dies sagen: den ihr zur Erde gebettet, er ist nicht für ewig todt, er schlummert nur, er wird einst wieder auserstehen. Es mag wohl sein, daß wir mit dem' Gebrauche des Eies an diesem Feste Erben eines uralten Heidenthums sind. Wir gestehen es uns ja in unserm Festbuche „Haggadah" ein: „Mith chiluh obhdi abhodah sarali haju abhothenu4', daß unsere Vorfahren ursprünglich Heiden gewesen. Diese unsere Vorfahren mögen am Frühling das Erwachen, die Auferstehung der Natur gefeiert haben und durch das Ei symbolisirt, wie das Weltei, von der Mutter Sonne gebrütet, zum Leben erwacht. Die Agadisten lehren — und unsere Festdichter bemächtigten sich ihrer Lehre, — daß schon zur Zeit der Patriarchen, also lange vor dem egyptischen Exile, dieses Fest als Frühlingsfest gefeiert wurde. Abraham sowohl, wie auch sein Neffe Lot, bewirthen die himmlischen Gäste mit Mazzoth, weil diese eben Festgäfte waren. Der rituelle Gebrauch der Mazzah mag damals zur Erinnerung an das primitive Brod bestanden haben. Bei der Erlösung aus Egypten, die im Frühling stattgefunden, hat die Thora dieses Frühlingsfest mit manchen Bräuchen unter veränderter Gestalt und Bedeutung als Gedenkfest der Befreiung beibehalten. Alles deutet aus die rasche Wendung in der Geschichte Israel, wie das Volk in Eile aus Egypten gezogen und wie aus „Adlersflügeln" Gott es hat zu sich gebracht: Das Brod muß ein rasch angefertigtes sein, Mazzah; auch mit dem Fleische soll nicht lange Mche gemacht werden, rasch werde es in der Glut gebraten, man brate es mürbe, weil es in Eile gegessen werden muß, kein Knochen darf am Opferlamm zerbrochen werden,- denn mit dein Genüsse des Knochenmarkes wird Zeit vergeudet und wie leicht könnte beim eiligen Essen durch einen Knochensplitter Gefahr verursacht werden. Nur rasch, rasch, es gilt, frei zu werden! Wer unabhängig und frei sein will, darf nicht daran denken, beim Fleischtops zu sitzen, und sich nach egyptischen Fischen, den Zwiebeln und Lauchen, den Gurken und Melonen sehnen; er muß vorlieb nehmen mit Mazzah und Maror. So gestaltete sich aus dem Frühlingsfeste ein Fest der Freiheit „8'rnan chsmthenu." Mit dem Frühling, mit der Sonne mögen Thier und Pflanze sich freuen, doch des Menschen Sonne ist die Freiheit. Die Unfreiheit macht ihn starr wie der Frost des Winters die Pflanze, sie umdüstert sein Gemüth und verdunkelt seinen Geist wie eine Winternacht. Ohne Freiheit ist er ein animalisches Wesen, aber kein Mensch. Zum Begriffe Mensch, lehren die Rabbinen, gehört die Freiheit. Nur der freie Mensch, für den nur die Gesetze der Vernunft in jeder Beziehung des Lebens maßgebend sind, ist ein Wesen im Ebenbilde Gottes. Wer dem Willen eines anderen Wesens außer Gott unterworfen ist, hat die Würde des Menschen eingebüßt. Er hat neben Gott ein anderes Wesen, dem er, der selbst als vernünftiges Wesen im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, sich unterworfen hat. Deshalb wird bei den Rabbinen Sclaverei als Dienst fremder Götter angesehen. (Vgl. Mechilta edit. Friedmann 77a, Note 35). Dasselbe gilt von den Fesseln der Sinnlichkeit, gleichviel ob es die Fesseln einer Delilah oder die goldenen und silbernen Ketten des Mammons oder ob es die Schlingen irgend einer anderen Leidenschaft sind. (Talmud Sabbath 105b.) Mensch sein heißt phisisch und moralisch frei sein. Unser Festbuch behandelt die Befreiung aus Egypten in seinem einleitenden Theile von diesem Standpunkte. Abhadim Chajimi u. s. w. MithchiJoli obhde abhodah sorah u. s. w. Dies ist die eigentliche Bedeuürng des Freiheitsfestes. „Wenn Du das Volk geführt hast aus Mizrajim, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge". (Exodus 3, le). Deßhalb beginnt der Dekalog mit den Worten: „Ich I H W H bin dein Gott, der ich Dich herauszog aus dem Lande Mizrajim von der Stätte der Sclaven. Erreicht haben unsere Väter ihre Freiheit mit dem Auszuge von Mizrajim, eingebüßt haben sie diese wieder mit dem Auszuge von Jeruscholajim. Und merkwürdig, der neunte Ab, der Tag der Zerstörung Jerusalems fällt immer am gleichen Wochentage mit dem des Passahfestes. Deshalb nimmt der Jude am Festabend das Ei, er tröstet sich: Die Freiheit ist nicht todt, sie schlummert nur, sie wird wieder auferstehen. Am- Sabbath in der Passahwoche wird aus dem Propheten Ezechiel gelesen, da er die nationale Auferstehung mit der Auferstehung der Todten vergleicht. Die Welt ist verjudet. Die Arier haben das Ei und das Osterbrot vom Juden übernommen, das Bitterkraut haben sie dem Judenthum zurückgelassen, und dennoch ist das Christenthum pessimistisch, während das Judenthum optimistisch ist. Dies hat seinen tiefen Grund in der Entstehungsperiode des Christenthums. Der Pessimismus war die Wiege dieser Neugeburt. Rassen- und Classenhass durchwühlten den kleinen Boden Palästinas. Es ging zu, gerade wie bei uns in der verjudeten Welt. Jdumäer und Samaritaner, Galiläer und Judäer, neben kleinen Fractionen aus Babylon und Alexandrien haßten sich gegenseitig. Nun kamen religiöse und politische Parteiungen hinzu, als religiöse Hauptsecten: Pharisäer, Sadducäer und Essäer, neben der Klufl zwischen der Gelehrten-Aristokratie und dem gemeinen Landvolke, „ Ame—ha—arez" welches gesellschaftlich geradezu aus skrupulösen religiösen Motiven verachtet und beeinträchtigt wurde. Politisch gab es Römlinge Herodia.'.er, verschiedene Anhänger der makkabäischen Sprößlinge und eine Partei, welche die alte Republik, wie sie zu Zeiten der Richter bestand, hergestellt wissen wollte. Das ganze gesellschaftliche Leben war in Fäulniß gerathen. Der Talmud zeichnet die Situation mit einem Federstriche; Jerusalem ging zu Grunde des grundlosen Hasses wegen, der geherrscht hat — inipne sinath chinam. Der sanfte Hillel glaubte, das Columbus-Ei entdeckt zu haben, wie alle Wunden geheilt werden sollten. Die Vorschrift des dritten Buches Moses „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" proclamirte er als Grundgebot, alles übrige erklärte er für Ausführung