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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-31 · 13 (31.3.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Orsterreichische Wochenschrift Seite 233 „Wir finden das Auftreten Ahlwardts beispiellos und unerhört und nehmen nicht den mindesten Anstand, ihn den „schlimmsten Verleumdern" zuzuzählen. Sogar das Organ des Herrn Stöcker, das „Bol?" vernrtheilt den Schützling des entlassenen Hospredigers nunmehr, indem es sagt: „Wer sich so politisch unklug und unwürdig benimmt wie Ahlwardt, gehört nicht dahin, denn er ist seiner Aufgabe nicht gewachsen." Das „Deutsche Volksblatt" vom Donnerstag den 23. März 1893 schreibt: „Ahlwardt gehört weder der conservativeu, noch der deutschsocialen, noch der antisemitischen Bolkspartei an, im Gegentheile, von allen diesen Parteien liegen bereits ans den Jatiren 1891—92 datirende Erklärungen vor, in denen ausdrücklich sestgestellt wird, daß Ahlwardt diesen Parteien n'cht angehört. Die Bemühungen der Judenpresse, die antisemitischen Parteien in den Fall Ahlwardt zu verwickeln, sind Angesichts dieser Thatsachen vergebliche Manöver." Die Welt hat aber nicht vergessen, wie Herr Bergani und die übrigen Antisemitenführer Oesterreichs den Rector Ahlwardt gelegentlich seiner Anwesenheit in Wien als den Heros des Antisemitismus feierten. Damals wurde Ahlwardt in Wien gegen Entree gezeigt; Bergani, Schneider rc. feierten ihn in begeisterten Reden, man brachte ihm Ovationen dar und auch an Lorbeerkränzen fehlte es nicht. Dagegen lesen wir in dem Hauptorgane der Antisemiten in Deutschland, der „Neuen Deutschen Zeitung" in Leipzig: „— Wie verlautet wird Ahlwardt sich demnächst in Dresden niederlassen. Die Frage, wie er sich in dem erwähnten Falle zu dem Führer der „Reformpartei", Z i m m erm a n n, zu stellen gedenkt, hat sich dadurch ge!ö>t, daß Ahlwardt der antisemitischen Bolksvartei beigetreten . ist. Er wird zudem auch nitr die zweite Stelle in der Reformpartei in Sachsen beanspruchen und die eigentliche Leitung ihrem langjährigen Führer überlassen." In Bezug auf die Vorgänge im deutschen Reichstage erklärt das genannte Blatt sämmtliche Parteien, selbst katholisches Centrum und Conservative, als „Leute Groß-Jerusalems". Da heißt es wörtlich: Halten wir diese Aufgabe fest, so wird uns das Gepläukel, das jetzt im Reichstage vor sich geht, nicht viel wichtiger erscheinen als eine Episode in einem langwierigen Feldzuge, lind die Beschimpfungen, denen unsre Plänkler seitens der Leute auf den Mauern Groß-Jerusalem's ausgesetzt sind, verlieren vollends ihre Bedeutung. Herr Ahlwardt feiert gerade jetzt die höchsten Triumphe in seinem Wahlorte. Er sprach dieser Tage in mehreren Städten des Wahlkreises unter stürmischem Beifall und wurde überall festlich empfangen, theilweise von den Stadtverordnetencollegien in earpare. Die Leute erklärten, jetzt erst recht nicht von ihrem Vertreter lassen zu wollen; im Reichstage sei ein schändliches „Complot" gegen Ahlwardt geschmiedet worden. Gegen Caprivi nnd andere Minister fallen in den Versammlungen wilde Drohungen und unfläthige Beschimpfungen. Ja als er die Reichstagshallen mit dem B r a nd m a l an seiner Stirn verließ, wurde ihm in einer Volksversammlung ein Lorbeerkra nz überreicht, mit folgendem Widmnngsspruch: Sei, was du bist, und werde, was Du kannst; Entzieht der Neid der Gegenwart Dir Glanz, Die Zukunft reicht Dir hold den Lorbeerkran;. Das Hamburger Organ des Fürsten Bis mark ergeht sich in eine elegische Betrachtung: »Ein lange nicht mehr gesehenes Bild war es, welches die Leipzigerstraße in der Nähe des Reichstagsgebäudes h:ute darbot. So hatte man es in der Erinnerung aus den letzten Jahren der Amtsführung des Fürsten Bismarck, wenn die Kunde vom Erscheinen des großen Kanzlers im Reichstage vorher in's Publikum gedrungen war. Dasselbe Drängen und Stürmen wie damals, das Stocken des Wagenverkehres in der großen Verkehrsader Berlins; selbst die Hochrufe fehlten nicht! Aber während dieselben vor wenigen Jahren noch den Gründer des Reiches begrüßten, galten sie heute Herrn Ahlwardt. Es gibt keine grausamere Kennzeichnung für den „Wandel der Zeiten". In Wahrheit sind es doch dieselben. Leute, die ehedem dem großen Kanzler als Gründer des Reiches zujubelten, und die heute den großen Ahlwardt als Retter Deutschlands anhochen! Auf der „Triumphreise" des Herzogs von Lauenburg waren es in Dresden wie in Wien wie anderswo die Antisemiten, die sich mit ihrem urleutonischen Ungestüm hurrahrufend an den Herzog aufdringlich heranmachten: die ihn frenetisch anbrüllten. Also nicht von einem Wandel der Zeiten darf man sprechen, wenn heute eine johlende Volksmenge einen Ahlwardt vergöttert, wo ihr ehedem ein Bismarck zur Verfügung stand, sondern es handelt sich um die „grausame Kennzeichnung" einer logischen Entwicklung, deren Saat in der glorreichen Epoche Bismarck ausgestreut wurde, und deren Frucht heute als Ahlwardtischer Radau-Antisemitismus auch von den „unentwegtesten" Verehrern Bismarcks mit süßsaurer Miene hinuntergewürgt werden nmß. Aus gleicher Höhe mit der unter dem Druck der Nothwendigkeit improvisirten sittlichen Entrüstung der conservativen Freunde des Ahlwardt über diesen ihren gefeierten Liebling steht das „tiefempfundene" Gewinsel über die Verrohung des Tones in der politischen Polemik wenn die reactionären Organe verschiedensten Kalibers das allgemeine Wahlrecht für das Austauchen eines Ahlwardt im Reichstag verantwortlich machen. Oe st erreich hat kein allgemeines Stimmrecht sondern ein künstliches Wahlsystem und die Schneider, Lueger und Geßmann waren die Vorbilder Ahlwardt's Wenn in einem Wahlkreise, in welchem das preußische Junkerthum das große Wort führt, zehntausend Männer, um mit der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zu reden, so „verwahrlost" sind, einen Ahlwardt zu einem Reichstagsmandat zu verhelfen, so gehört dieser Mann in's Parlament als sichtbarer Ausdruck der politischen Unreife, der die antisemitischreactionäre Verbrüderung einzig und allein ihre Erfolge verdankt. Gerade in der Zeit, in welcher im Reichstage die aufregendsten Scenen sich vollzogen, überwies das Herrenhaus der Regierung eine Petition, „die jüdischen Geheimgesetze einer staatlichen Prüfung zu unterziehen". Man kann die Regierung ebenso gut auffordern, von Staatswegen sestzustellen, was an dem Kaspar-Hauser-Mythus, an den Ansprüchen des Uhrmachers Naundorf an dem französischen Königsthron und an den isidorischen Decretalen Wahres sei. Solche Beschlüsse sind neues Oel in das Feuer. Da die Petition der Regierung überwiesen ist, so folgert das Volk: Es gibt mithin jüdische Geheimgesetze; schreckliche Dinge stehen sicher tn solchen Gesetzen, denn sonst wäret! sie nicht geheim. Und diesen Scheußlichkeiten will die Regierung nicht auf den Grund kommen. Man weiß auch warum, denn in Deutschland gibt es zwei Regierungen; die offene des Kaisers und die geheime der Juden, ohne die auch der Kaiser nicht den Finger rühren kann. So sind wir denn den schrecklichen Geheimgesetzen die auch das edle preußische Herrenhaus untersucht zu sehen wünscht, schutzlos preisgegeben. Die Juden schlachten zu Ostern unsere Kinder, wie es ihre Geheimgesetze verlangen, und wir bringen es höchstens so weit, daß wir einen armen Teufel, wie den Buschhoff, ins Gefängniß und bis in die Nähe des Schaffots schleifen, aber leider nicht auf das Schaffst selbst. Und das nennt man Justiz und Gerechtigkeit. Unser Richterstand ist verjudet, so sagt Herr Ahlwardt. Auf derselben Höhe steht der von Stöcker und Genossen beim Reichstag eingebrachte Antrag, der von der Regierung einen Gesetzentwurf verlangt, „nach welchem Israeliten, die nicht Reichsangehörige sind, die Einwanderung über die Grenzen des Reichs untersagt wird". Es steht nämlich fest, daß die israelitische Bevölkerung in Deutschland nicht unerheblich abnimmt, und zwar durch Auswanderung; also eine Gefahr der Ueberschwemmung unseres Vaterlandes durch jüdische Einwanderer besteht gar nicht. Es steht ferner fest, daß die Regierungen von ihrem Rechte, die Naturalisation fremden Einwanderern zu ertheilen, nur in ganz seltenen Ausnahmefällen gegenüber den Juden Gebrauch macht; dagegen haben die Regierungen sehr reichlichen Gebrauch von dem Rechte gemacht, Juden fremder Nationalität über die Grenzen abzuschieben. Es steht endlich fest, daß die Regierung über das hinaus, was sie heute thut, auch wenn Herr Stöcker selbst Reichskanzler wäre, nichts Wesentliches zu thun in der Lage wäre. Es gibt nämlich Länder, die des Vorzuges noch nicht theilhaftig sind, Politiker von der Art der Stöcker und Hammerstein, als Führer einflußreicher Parteien zu besitzen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß England, daß Frankreich, daß Italien, daß Oesterreich, daß die Vereinigten Staaten es sich gefallen lassen würden, wenn ein Theil ihrer Bürger an Deutschlands Grenze eine schlechtere Behandlung zu erdulden hätte, als ein anderer Theil. Die Folge wäre zweifellos, daß man Deutschland entweder direct für den Vertragsbruch verantwortlich machen würde, oder daß die Repressalien, im Falle ein Vertrag nicht besteht, darin beständen, alle deutschen Staatsbürger, seien es nun Schützlinge des Herrn Stöcker oder Juden, mit interconfessioneller Gerechtigkeit “ gleichmäßig schlecht zu tractiren. Die Schädigung der Deutschen im Auslande genirt

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