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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-24 · 12 (24.3.1893) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 226 . Oeflerreichifttze Wochenschrift Nr. 12 mit mir allein war, fand er noch immer, kein Wort für das, was er mir klagen wollte. Endlich, nm ihn gewaltsam darauf zu bringen, erzählte ich ihm das Ereigniß der letzten Nacht. Er erschrack ein wenig, dann sagte er: „Habe keine Sorge! Meine Mutter ist nicht wahnsinnig, sondern nur Zemüthsleidend, und dadurch etwas im Denken geschwächt. Aber sie weiß genau, was sie thut und was sie thun soll. Sie besorgt fast das ganze Hauswesen und hat Pessach gemacht, wie sie es rigoroser nicht vor zwanzig Jahren in meiner Heimathsgasse gemacht h t. Die Arme, sie hat zu viel gelitten. Sie ist es gewohnt, sich allnächlich zu überzeugen, ob ich ruhig schlafe; so ist sie auch heute Nacht in dein Zimmer gekommen, in der Meinung, daß ich darin schlafe. Und hat sie nicht die Hand auf deinen Kopf gelegt und dabei ein Gebet gelispelt? Das thut sie seit—". Er verstummte wieder. „Seit?" flug ich, und legte meinen Arm in den seinen. Er seufzte tief auf — dann — mit einem raschen Entschlüsse begann er: „Höre also unser Unglück! Mein nicht unbedeutendes Vermögen vom Hause aus, das meine Mutter mir ganz überließ, vermehrte ich in Wien in wenigen Jahren um das drei- und vierfache. Ich war Gesellschafter einer Bauunternehmer-Firma, die in dem Umwandlungsprocesse von dem alten in das neue Wien thätig mitarbeitete und sich auf reellste Weise Reichthümer schaffte. Man redete mir Partien mit Hunderttausenden Mitgift ein. Aber ich verliebte mich in ein armes Mädchen, das als Verkäuferin in einer Tabak-Trafik stand. Ihre Armuth wäre kein weiteres Hinderniß weder bei mir noch bei meiner Mutter gewesen. Aber das Mädchen war Christin. Ich allerdings hätte auch dieses Hinderniß bald übersprungen, denn ich war trotz meines Vorlebens so lax in der Religion geworden, daß es mich nicht viel Ueberwindung gekostet hätte, die Taufe zu nehmen. Aber ich wußte, daß dieser Schritt meine Mutter in's Grab bringen würde und schrack davor zurück. In diesem schrecklichen Kampfe zwischen Kindesliebe und der Liebe zu diesem Mädchen brachte ich länger als ein Jahr zu und mehr als einmal trug ich mich mit Selbstmordgedanken. Endlich kündigte mir das Mädchen ihren Entschluß an, sie wolle zum Judenthume übertreten. Ich löste alle meine geschäftlichen Verbindungen. Wir reisten ins Ausland, wo Ella Jüdin und meine Frau wurde. Unser Glück war vollkommen, als ivir einen Knäben bekamen. Meine Mutter liebte ihre Schwiegertochter, unterwies sie in allen Pflichten einer Jüdin, aber mit überschwänglicherLiebe und Zärtlichkeit hieng sie an dem Enkelkinde. Nach einem dreijährigen Aufenthalte im Auslande erfaßte mich wieder die Sehnsucht nach der Heimat, und durch Vermittlung eines Güteragenten erstand ich dieses Gut. Es ist etwas über ein Jahr her, daß wir glücklich und zufrieden und von flohen Hoffnungen für die. Zukunft geschwellt in dieses Schloß einzogen, nachdem meine Mutter uud meine Frau vorher darin alles nach ihrem Geschmack und Comfort arrangirt hatten. Ich verstand zwar von der Oeconomie nur wenig, aber ich acceptirte auf veilseitige Empfehlungen einen jungen Beamten, dem ich es auch überließ, sich sein Hilfspersonal selbst zu wählen! Meine ganze religiöse Voruktheilslosigkeit diesem christlichen jungen Manne zu zeigen, behandelte ich chn im Umgänge.wie einen Freund und Hausgenossen, nicht wie einen Untergebenen. Ebenso suchte ich, um den Juden an mir vergessen zu.machen, die Gutsbesitzer der Umgebung durch Einladungen mir freundlich zu stimmen. Fast jeden Sonntag und oft auch unter der Woche war der katholische Pfarrer des nächsten Orles bei mir zu Gaste, und ich hatte nicht die geringsten Bedenken, ihn uttt meiner Frau allein zu lassen, wenn ich gerade Geschäfte hatte. So lebten wir ein halbes Jahr herrschaftlich auf diesem Gute, bis eines Tages der junge Beamte mit meiner Frau durchgieng. Und seitdem ist'meine Mutter in diesem Zustande. Ich brauchte drei Tage, fuhr er nach einer kleinen Pause heiser vor Erregung fort, wollte ich diralles genau erzählen. Nur so viel: Es war mir anfangs unfaßbar, und ich glaubte es sei nur irgend eine Täuschung, daß meine Frau, die mir doch aus Liebe ihre Religion geopfert und unser Kind so zärtlich liebte, uns, so schändlich verlassen konnte. Ich war bis zum Ende der Geschichte ganz ahnungslos. Ich war in die Geschäfte vertieft und liebte Ella viel zu sehr.. Aber meine Mutter wußte Alles, wie ich später erfuhr. Sie bemerkte mit scharfen Augen die ersten mehr als freundschaftlichen Blicke und Worte, , die heimlich zugesteckten Zettel, sie war unbemerkte Zeugin versteckter Zusammenkünfte im Garten und Wald. Und sie verrieth mir nicht eine Silbe davon. Sie kannte mich zu. gut und hatte Furcht vor meinem Jähzorn. Ich Hätte nach der Entdeckung Ella und wahrscheinlich auch ihren Galan einfach erschlagen. Allerdings bemerkte ich inletztererZeiteinegewisseSpannung zwischen den Beiden und meiner Mutier, doch schrieb ich das häuslichen Dingen zu. Ich konnte ja nicht ahnen, daß es-die Folge einer furchtbaren Scene war zwischen der Mutter und meiner Frau, in welcher diese schwur, Paß sie bis jetzt die Ehe noch nicht gebrochen und. reuig g' lobte, selbst die bösen Gedanken zu ersticken. Was meine arme Mutter damals durchgemacht haben mag! Ich mußte einmal — zwischen den Herbstfeiertagen war's — in Geschäften ans zwei Tage nach Pest reisen. Für diese Zeit war die Flucht verabredet. Trotz aller Geheimthuerei war die Mutter von allem unterrichtet und als sie sah, daß hier nichts mehr gutzumachen sei, war sie merkwürdig ruhig. Sie sagte sich eben in ihrer einfachen Art: Nur zu! ehe es Mord und Todschlag giebt, und meinem Josef lieber den Verlust als den Besitz eines ehrlosen Weibes. Am Abend der Fluchtnacht schlich meine Mutter selbst gegen den Wald und überzeugte sich, daß ein Wagen des Pärchens harrte, wie sie es durch ihre Spione erfahren. Sie blieb aber gefaßt. Ella wollte aber auch unser Kind mitnehmen. Im Finstern harrte der Galan im Garten, bis Ella mit dem Kinde kam. Meine Mutter lauerte in einem Strauche. Sie wußte, daß mit dem Kinde mein Lebenshalt genommen worden wäre. Wie eine Tigerin sprang sie hervor, als sie des Kindes ansichtig wurde und es entspann sich ein schrecklicher Kampf. „Es ist mein Kind", schrie das Weib, „ich bin Christin und das Kind muß Christ werden'? Meine Mutter riß Ella an den Haaren zu Boden, nahm das Kind, und mit einem letzten entsetzlichen Worte eilte sie dem Hause zu. Der Galan mußte eigentlich floh gewesen sein, daß er diese Last nicht mitnehmen mußte, denn er eilte seiner Geliebten nicht Lu Hilfe. Des Morgens waren die Beiden fort — — '—. Als ich am anderen Tage änkam und die Mutter mir, blaß wie eine Leiche, entgegentrat — — — —" Der Erzähler erschauerte am ganzen Körper und setzte sich, die Hände vor den Augen, auf einen Sessel nieder. Es war eine fürchterliche Pause. Josef ließ sich langsam von mir emporziehssn und zurückführen in's Wohnzimmer. Auf der Treppe frug ich: .,Und dein Kind es lebt?" — Er sah mich unendlich traurig an. „Ja", seufzte er, „noch lebtes, aber — wie lange noch? Kränklich war es seit seiner Geburt und gar so schwächlich. Sein junges Leben zittert zwischen Aufflackern und Verlöschen. Der Doctor kommt jeden Tag. Heute kommt er Abends, er ist Jude und ledig geblieben und will den Seder bei uns halten." Wir waren vor dem Zimmer, wo das Kind lag und traten leise ein. An dem kleinen Bettchen saß Joses's Mutter, ein Gebet murmelnd. Sie erhob sich und reichte mir lächelnd die Hand entgegen. Sie hatte mich erkannt. Der kleine'Engel in den Kissen sah freilich nicht aus, als sollte" er wieder gesund werden. Die durchsichtige, zarte Haut, die schwachen Glieder, die blau umränderten geschlossenen Augen gaben ein gar wehthuendes Bild. Und ein herber Leidenszug um den kleinen Mund sagte deutlich,. daß dieser Knabe wohl noch selten oder gar nie floh gelächelt habe. Josef sah mich forschend an, als wäre ich ein Arzt, und flug beklommen: „Sag, findest du ihn sehr schlecht aussehend?" — „O nein", beeilte Ich mich zu erwidern— „aber- „Siehst du", meinte Josef eifrig, schmerzlich, „der Doctor glaubt, es wäre etwas Hoffnung, wenn der Kleine nur etwas mehr essen und nicht so viel schlafen würde. Er nimmt nicht mehr zn sich, als ein Vögelchen. Gott Zoll mir nur das Kind lassen, denn, siehst du, das Bischen Haut und Knochen, das Bischen Athem und Herzschlag hier ist mein Alles auf der Welt." Und der große Mann sank wie ein kleiner Junge vor dem Bettchen nieder und vergrub seinen Kopf in die kleinen Kissen. Die Mutter hob seinen Kopf auf und streichelte ihn und dabei _ sah sie mich wie hilfesuchend an. Josef küßte ihr die Hand und sagte begütigend zu ihr: „Ja, ja, Mama — auch du, auch du!" Wir gingen zurück auf sein Zimmer. „Siehst du", erzählte er weiter, „ich bedenke nicht, wie wehe ich meiner Mutter mit meinem Gebühren thue, trotzdem ich glaube, daß sie Freude wie Schmerz nicht so tief, wie früher fühlt, trotzdem ich weiß, daß ich eigentlich Schuld habe, wenn sie jetzt empfindungsärmer geworden ist." Ich versuchte, ihn von diesem Gedanken abzubringen. „Ach, du weißt noch nicht Alles!", fuhr er fort und sein Gesicht überzog jetzt eine tiefe Röthe. (Schluß folgt.)

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