Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-24 · 12 (24.3.1893) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020966--02255-3026335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Serk 222 Oesterreützifitze Wochrnsrtzrist Nr. 12 gang, den selbst die großartige Wohlthätigkeit des wunderbaren Philanthropen kaum aufzuhalten im Stande sein wird. — In Rzeszow hat die- „Baron Hirsch-Stiftung" eine Fachschule fir Kunstschlossern eröffnet. Die Frequenz derselben und das Wohlwollen, welches die jüdische Bevölkerung dem jungen Institut entgegenbringt, übertrifft alle Erwartungen. Berlin, den 20. März 1893. Im Reichstag begann am Montag die dritte Lesung des Etats. Die Generaldiskufsion gestaltete sich zu einer Abrechnung mit dem Antisemitismus und seinen Hauptvertretern im Reichstag, Ahlwardt sowie dem geistesverwandten Liebermann von Sonnenberg. Ahlwardt bestieg die Tribüne mit einem Notizbüchlein in der Hand, in dem er sich sein Konzept fein säuberlich zurecht gemacht hatte. Dennoch wirbelte alles bunt durcheinander in den von entsetzlicher Geistesarmut und rhetorischem Ungeschick zeugenden Auslassungen des Rektors aller Deutschen. Sorgfältig durchstrich der Redner, dem das ziemlich gut besetzte Haus mit großer Geduld zuhörte, Seite aus Seite in seinem Merkbüchlein, so oft er mit dem betreffenden Erguß fertig war. Sachliche Grundlagen vermißte man natürlich in dieser heruntergeredeten Broschüre durchgehends, dafür aber wimmelte sie von saftigen Schimpfereien auf die Justiz- und Militärbehörden, auf die Juden im Allgemeinen und Löwe in Besonderem. Der Reichskanzler, der bedauerte, mit Rücksicht auf Ahlwardt's Qualität als Reichstagsabgeordneter ihm nicht nach Gebühr antworten zu können, der Kriegsminister und später der sächsische Bevollmächtigte von Schlieben thaten sofort das haltlose der Ahlwardt'schen Verdächtigungen dar, und als gar Richter an der Hand des stenographischen Berichtes über den Prozeß vernichtende Keulenschläge auf das Haupt des ehrenwerthen Auserkorenen von Friedeberg-Arnswalde nicdersausen ließ, war es um den würdige,: Helden geschehen. Seine Erwiderungen aus dem Stegreif boten das Bild kläglichster Hilflosigkeit. Das Urtheil erklärte: „Der Angeklagte will nicht die Sache treffen, er will die Personen treffen, und dabei begnügt er sich nicht bei seinem Judenhaß, nur bei seiner Verfolgung den Juden zu treffen. Es kommt ihm nicht darauf an, daß er neben dem einen Juden Hunderte von Christen trifft." Der Gerichtshof faßte sein Urtheil wie folgt zusammen: „Der Angeklagte scheut vor Beleidigungen nicht zurück und wenn man daher sagt, der Angeklagte beleidigt durch Verbreitung falscher Thatsachen gewissermasien gewerbsmäßig, so sagt man etwas, was nicht zu viel ist." Das sagt ein preußischer Gerichtshof. (Hört, hört!) Es heißt weiter: Wenn es in einem Staate viele solcher Ahlwardt's gäbe, dann würde alles aufhören. Es würde eine Verhetzung der Leute stattfinden, die jetzt friedlich neben einander leben, und wenn wir Hunderte von Ahlwardt's in Berlin hätten, könnte sich kein Mensch mehr auf die Straße getrauen. Es würde eine absolute Unsicherheit ent-' stehen." Tags darauf brachte Richter eine zweite Verläumdung Ahlwardt's zur Sprache und forderte den ehrenwerthen Antisemistling auf, seine Beweise vorzulegen. „Man müsse solche Leute bis in ih-e Schlupfwinkel verfolgen", und als Ahlwardt erklärte, die Aktenstücke nicht bei sich zu haben, beschloß der Reichstag zu unterbrechen und am nächsten Tage fortzusetzen, um Herrn Ahlwardt Gelegenheit zu geben, seine Beweismaterialien inzwischen herbeizuschaffen. Berlin, 15. März. An die Mittheilung, daß der jüngst hier verstorbene Geheime Medicinalrath Dr. W. Cohn sein auf ca. 400.000 Mark geschätztes Vermögen letztwillig zur Ausbildung jüdischer Handwerkslehrlinge bestimmt habe, knüpft die „Volkszeitung" das folgende Raisonnement: „Da der Verstorbene, so viel uns mitqctheilt wird, als höchst freisinniger Mann keineswegs Anschauungen huldigte, die ihn in den Bann einer engherzigen Confessionalität hätten schlagen können, so erregt diese Bestimmung seiner gemeinnützigen Stiftung bei seinen Freunden ein gewisses Äufsehen. Man erklärt sich aber die Beschränkung der Wohlthaten der Stiftung auf israelitische Handwerkslehrlinge durch die antisemitischen Verhetzungen, durch d:e sich der Verstorbene angewidert fühlte, und infolge deren er die Lust verlor, Andersgläubigen, in deren Mitte sich solche Verhetzung breit macht, noch Beneficien angedeihen zu lassen. Das ist zu beklagen, aber auch einigermaßen zu begreifen. Zu ähnlichen Consequenzen werden wahrscheinlich zahlreiche andere jüdische Männer von gemeinnützigem Sinne dank dem schamlosen Treiben der Antisemiten gedrängt werden. Berlin. (Antisemitische Scherze.) Der „Voss. Ztg." wird geschrieben: „In letzter Zeit haben antisemitische Straßenjungen sich das Vergnügen gemacht, in der Friedrichstraße in Berlin „Fahrkarten nach Jerusalem, aber nicht zurück" in ärgernißerregender Weise feilbieten zu lassen, ohne daß dagegen eingeschritten worden wäre. Von privater Seite ist man vor drei Tagen dagegen beim Kaiser vorstellig geworden und schon am Freitag Nachmittag'soll den Händlern das Handwerk gelegt worden fein. Wie ich mich persönlich am Freitag Abend überzeugte, waren in der That jene widerwärtigen Rufe nicht mehr zu hören". Berlin. (Antisemitische Lügen.) Ueber den bekannten Romancier Leopold v. Sacher-Masoch ließ sich neulich das „Voll" in der bekannten Manier aus. Das Blättchen schrieb: „Wie alle Literaturjuden behauptet auch dieser Muster-Pornograph zunächst wieder, kein Jude zu sein. Diese modernen Juden glauben in der Thal, schon Christen zu sein, wenn der Vater oder Großvater aus Zweckmäßigkeilsgründen äußerlich einen Hebertritt vollzog, durch den sich ihre Kinder und Kindeskinder hinterher auch nicht im geringsten für verpflichtet halten, mit der bisherigen Tradition ihrer jüdischen Denk- und Lebensweise zu brechen. Sacher-Masoch hat den Juden weder in seiner Lebensführung noch in seiner Schriftstellerei oblegen können. Alle unangenehmen Rasseneigenthümlichkeiten ünden sich bei ihm in virtuoser Weise ausgebildet, zügellose orientalische Fantasie, echt jüdische Eitelkeit uno Selbstüberhebung. Demgegenüber schreibt nun Leop. v. Sacher-Masoch : „Ich glaube nicht, daß es etwas geben kön, 1e, wodurch das zu gleicher Zeit unmenschliche und unchristliche Streben der Antisemiten besser bezeichnet werden könnte als durch die Thalsache, daß dieselben mich, der ich aus einer mindestens seit 1517 unzweifelhaft christlichen Familie stamme, zum Juden gemacht haben, nur weil ich die Juden ehrlich und energisch gegen ebenso unsinnige als niederträchtige Angriffe vertheidigt habe." Quid nunc? Wäre Sacher-Masoch wi.klich Alles das, was ihm hier nacbgesagt wird, dann hätte das „Volk" den Nachweis geliefert, daß auch Arier „unangenehme Rasseneigenthümlichkeiten", eine „orientalische Fantasie", „echt jüdische Eitelkeit und Selbstüberhebung" haben können. Armes „Volk"! Landsberg a. W., 9. März. Nachspiel zur Ahlwardt- Wahl. Heute hatte sich ein junger Mann aus Charlottenburg, der Arbeiter Franz Richard Walsch, wegen versuchten Todtschlags vor dem hiesigen Schwurgericht zu verantworten. Aus der Verhandlung hinüber ist Folgendes zu berichten: Der Angeklagte wurde von Charlottenburg nach Neuwedell (Wahlkreis Arnswalde-Friedeberg) geschickt, um in der dortigen Gegend für die Wahl Draves zu wirken und Stimmzettel zu vertheilen. Am Sonntag, den 4. December, also am Tage vor der Stichwahl, traf Walsch mit zwei Begleitern auf seiner Agitatationsreise in Spechtsdorf, einem Orte von etwa 400 Einwohnern, per Schlitten ein. Der Schlitten hielt vor dem Marquardt'schen Kruge. Obgleich Walsch kein Jude ist, verbreitete sich im Dorf das Gerücht, „die Juden seien wieder da". Administrator Szagunn schickte zum Gastwirth Marquardt und ließ ihm sagen, daß er die „Juden" nicht aufnehmen dürfe, „sonst würde ihm der Kriegerverein abgenommen". Walsch, dem dieß mitgetheilt wurde, zog es daher vor, zum Gastwirth Jacobi zu gehen und diesen um Nachtquartier zu bitten. Jacobi, der anfänglich darauf einging, zog jedoch auch sofort seine Zusage wieder zurück, als ein Bote ihn ersuchte, Walsch kein Nachtquartier zu gewähren. Der Angeklagte ging nun zwar noch einmal zu Marquardt zurück, er war jedoch so vorsichtig, nicht mehr in das Local zu gehen, sondern ließ sich Marquardt heransrufen, um mit ihm auf dem Hofe zu verhandeln. Das Local hatte sich während der Abwesenheit des Walsch sehr gefüllt, da der Administrator Szagunn zu den Leuten auf dem Gute gesagt hatte, sie sollten nach dem Marquardt'schen Kruge gehen und sich dort zu trinken geben lassen. Die Juden sind da. Sie müssen alle vom Hofe gekehrt werden. Der Tapezierer Hoffmann bekam von Szagunn den Auftrag, den Leuten Schnaps und Bier geben zu lassen. Und in der That hat Szagunn auch anderen Tages 10 Mark dafür bezahlt. Hoffmann fügte hinzu, Szagunn hätte dieß gethan, damit die „Juden", wie dieß schon einmal geschehen, nicht wieder zur Wahl Freibier geben könnten. Hoffmann hielt eine Rede und ließ Ahlwardt hoch leben. Marquardt hat bekundet, daß Walsch sich durchaus anständig in seinem Local betragen hat. Trotzdem ereigneten sich nach dem Gespräch mit dem Wirth folgende Vorfälle: Der Kutscher Krüger, der den Walsch nach Spechtsdorf gefahren hatte, hörte, wie der inzwischen auch in dem Locale erschienene Administrator rief: „Die Juden müssen Wamse, Schläge müssen sie haben." Alles lief auf diesen Zuruf dem Hofe zu, so zwar, daß sich gleichzeitig zwei bis drei Personen durch die Hofthür hindurchzwängten. Hoffmann, der neben Walsch stand, sagte: „Nun soll auch dieser Mann (Walsch) hoch leben" (oder auch: „Ich will ihn hoch heben"). Hoffmann hob auch das eine Bein des Walsch auf, so daß Walsch zur Erde gefallen wäre, wenn er sich nicht an dem Thorpfosten gehalten hätte. Kaum befand sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.