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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-24 · 12 (24.3.1893) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 218 Oestcrreichische Wochenschrift Nr. 12 Nach Erstattung des Rechenschafts-Berichtes erbittet sich Herr Baurath Stiaßnv das Wort und spricht dem Herrn Obmanne Dank und Anerkennung für seine besondere Mühewaltung aus. Er hebt es insbesondere hervor, daß der Rechenschafts- Bericht schon wenige Wochen nach Ablauf des Verwaltungsjahres fertig gestellt vorlag, wofür auch dem Beamtenkörper Anerkennung gezollt werden müsse.. Der Rechenschafts-Bericht wird sohin einstimmig genehmigt. Gin englischer Prediger über das Nusharren im Iudenthum. Ans der Predigisanunlung des Nev. Morris Joseph ^London 1893) übersetzt von Ignatz Kaufmann, Kojetein. Durch einen Zufall trat ich kürzlich in eine Kirche ein, als gerade ein Kind getauft wurde, und von der Betrachtung dieser Ceremonie führten mich meine Gedanken zir den Anschauungen hinweg, in denen das Judenthum vom Christen thume sich abtrennt. Die Taufe hat aus der Theorie der Erbsünde ihren Ursprung genommen, wonach jedes menschliche Wesen, mit der Sünde Adams und Evas behaftet, von ihren Folgen nur durch die Selbstaufopferung am Kreuze befreit werden kann, wozu jedoch der Glaube an die Göttlichkeit des Gründers der Lehre gehört, von dem diese Selbstaufopferung ausgegangen ist. Es muß mit anderen Worten jedes menschliche Wesen, um von der Erbsünde befreit zu werden, ein strenggläubiger Christ sei l und in den Schoß der Kirche ausgenommen werden. Die Taufe ist das sichtbare Symbol dieser Aufnahme und als solches das nothwendige Gnadenmittel für den Ablaß der Sünde. Wenn nun entgegengehalten wird, daß ein neugeborenes Kind, das nur schreien, aber nicht sprechen kann und nur den einzigen Jnstinct hat, durch den es zur Mutterbrust gedrängt wird, doch nicht glauben, aber auch nicht das Gegentheil dessen thun könne, so wird uns geantwortet, dies könne durch Vermittlung geschehen, dadurch, daß Pathe undPathin ein feierliches Glaubensbekenntnis für den Neugeborenen ablegen und im Anhänge zum Taufgottesdienste wird in dem allgemeinen Kirchengebetbuche bezeichnend genug für den Geist des Ritus folgende Anmerkung gemacht: „Es ist gewiß" — so lautet es hier — „nach den Worten des Herrn, daß diejenigen Kinder, welche getauft sind und sterben, ehe sie eine sündhafte That begangen, unzweifelhaft der Seligkeit theilhast werden", woraus nothwendig zu folgern, daß Kinder, welche nicht gesündigt haben, aber sterben, ehe sie getauft wurden, nicht ohne Zweifel der Seligkeit theilhast werden. Der „alte Adam" kann in der kommenden Welt sie zu Grunde richten, obzwar sie in engelgleicher Unschuld dahin gekommen. indeß den Kindern, für die eine Bürgschaft des Glaubens hienieden geleistet wurde, ehe sie gestorben, das Erbe des ewigen Königreichs zu Theil wird. Dies ist nur e i n Beispiel, aber ein solches, worin die Lehre der Kirche fast vollständig zu überblicken ist und ich empfehle es jener glaubensbrüderlichen Jugend, die das Christenthum mehr als das Judenthum zu bewundern sich versucht fühlt, zu einer ernsten Betrachtung. Ich weiß aus Fällen, die ich persönlich wabrzunehmen in die Lage gekommen bin, daß der blendende Apparat der Kirche so manchen unserer Jünglinge, vornehmlich aber unsere weibliche Jugend zu der Klage hingerissen hat, wie schön es wäre, wenn auch die Riten der Synagoge nicht durch eine so strenge Einfachheit gekennzeichnet wären. Sie haben den christlichen Gottesdienst mit seinem eindrucksvollen Rituale, seinen ergreifend melodischen Hymnen und das herrlich hohe Charakterbild des Helden der Evangelien in's Herz geschloffen und sehen mitleidsvoll herab auf den eigenen Gottesdienst mit seinen schmuckloseren Formen und auf die Geschichte ihrer Religion, die an persönlichem Reize ihnen so viel ärmer erscheint, und da bleibt es auch vielfach nicht aus, daß dieses Bedauern schließlich eine greifbare Gestalt annimmt und die heimatliche Religion abgeschworen wird für eine romantischere. Wie oft hier Enttäuschung nachfolgt, wer kann es ermessen? Verbergen ja die Bekehrten — wenn sie nicht etwa zur Classe der Gewerbsapostaten gehören und für das schnöde Geld gar öfters den Glauben wechseln — gerade am ängstlichsten jedes Mißbehagen vor der Welt, ja vor sich selber. Aber es sei dem, wie ihm wolle, so sollte doch die Jugend, die, an die Religion ihrer christlichen Gespielen und Schulgenossen denkend, mit Begeisterung „Wie herrlich" ausruft, ehe sie eine entschiedene Meinung ausspricht, den Inhalt des Ganzen der christlichen Lehre zu ergründen, die Mühe nicht scheuen. Eine Religion, deren Außenseite so gleißend, kann auf den Grund geprüft vielleicht weit weniger befriedigend sich erweisen. Denn nicht durch Musik und Weihrauch und noch so begeisternde Religionsgeschichten kommt eine Religion zu Stande, sondern erst durch gewisse Hauptwahrheiten, nach denen man leben soll, und die. um darnach zu leben, als Wahrheiten empfunden werden müssen. Wenn es Leute gibt, und es gibt solche, die ehrlich an das Dogma der Erbsünde, der Buße und Reinigung, durch den Glauben und ähnliche Fundamentalsätze der christlichen Lehre zu glauben und nach diesem Glauben besser zu leben vermögen, dann, sage ich, störe Niemand ihr Gewissen, denn ihr Glaube ist durch ihre Rechtschaffenheit gerechtfertigt. Wenn aber 'der Tempel des Glaubens für uns erst umgebaut werden soll, dann freilich ist die Sache eine ganz andere. Dann muß es unsere Sorge sein, der Wichtigkeit und dem Ernst unserer Absicht angemessen, Werkzeug und Stoffe so vollkommen dazu beizustellen, daß nicht nur der Ueberbau schön, sondern auch standhältig, vor Allem aber der Grund sicher und stark sei. Einen schwungvollen Hymnengesang zu begleiten oder den Helden einer religiösen Erzählung zu bewundern, das trifft so ziemlich Jeder. Aber das Christenthum zu verstehen, ist darum micht ebenso leicht. Es fordert von seinen Bekennern ein unbedingtes Fürwahrhalten jedes Wortes der Evangelien, der Erzählungen sowohl als der göttlichen Offenbarungen, ja selbst ein bedingloses Beipflichten zu jenen Lehren, die, von Mysticismus gesättigt, in ewigem Gegensätze zur Vernunft stehen und den Glauben bis zum -Bersten anstrengen. Gewiß, wer sich die Nüchternheit des Denkens zu bewahren strebt, .muß lange zaudern, ehe er einer so drückenden Forderung willfahren kann. Doch wozu ich alles dies bemerke? Einzig damit Euch die außerordentliche, von keiner anderen Religion zu. übertreffende Vorzüglichkeit unseres eigenen Glaubens verständnißvoller klar werde. Ich habe Euch schon in einer früheren Rede daran erinnert, daß einen Reiz zur Veredelung des Daseins, wie ihn der Christ unzweifelhaft aus der Betrachtung der bewunderungswerthen Tugenden seines Herrn und Meisters schöpft/ auch der Jude in seinem eigenen Glauben zu finden vermag, wenn er nur will. Es ist dies der in beispiellosen Martern bewährte Heldensinn Israels für eine Idee, für die zu dulden — denn was war das Leben eines Juden Anderes?— noch rühmlicher war als zu sterben. Gibt es ein zündenderes Beispiel als dieses, das die zerstörende Kritik noch obendrein nicht wie die Geschichte des Neuen Testaments in seiner geschichtlichen Wahrheit erschüttern kann? Und ein lebendiges Beispiel ist es obendrein leider auch noch, wir sehen es mit eigenen Augen. Die Geduld, mit der die Juden in Rußland ihre Leiden ertragen, in grenzenloser Liebe für den Glauben ertragen, sie erfüllt die nüchternsten Beobachter der Christenheit, die diese Barbarei für eine Schändung ihres Bekenntnisses ansehen, mit Staunen und Bewunderung.- .Und der Jude sähe in all' dem keinen Ansporn, die religiöse Idee in Ehren zu halten? Doch das sind nur, wenn Ihr wollt, unwesentliche Gründe. Was aber das Judenthum wesentlich auszeichnet, das ist die Einfachheit seiner theologischen Principien. Wie leicht, dem Verständnisse eines Kindes genügend, entwickeln sich da aus der Sprach», der hebräischen Schriftdenkmäler die wenigen Theorieen, ich möchte sagen, von selber, weil die Bibel nicht direct von dem Motiv des Glaubens, sondern der Lebensführung ausgeht, weil sie von vornherein nicht sagt: „Glaube dies", sondern „Thue dies". Ohne Glauben natürlich kann man auch hier nicht auskommen; denn wenn uns gelehrt wird, Gott zu dienen, so müssen wir doch der Voraussetzung, daß Gott vorhanden ist, beistitnmen. Aber in keinem Falle formulirt uns die Bibel unsere Glaubensartikel, wovor auch die Rabbinen in der Regel zurückschreckten. So oft es unerschrockene Geister dennoch unternommen haben, waren sie. unter einander im Widerspruch und die Zielscheibeheftigsten Parteihaders, und ihr Lehrgebäude trug nicht den Stempel autoritärer Kirchenlehre,sondern nur persönlicher Auffassung. Und so haben zwar mancherlei Synoden über die jüdische Praxis Bestimmungen ausgestellt, niemals aber war ein die Gesammtheit des Judenthums vertretendes Concil oder Conclave über jüdische Giaubensformen zu entscheiden bevollmächtigt. Und hier eben liegt der Hauptgegensatz zwischen Judenthum und Christenthum. Die Kirche braucht das Dogma, wie den Athem ihres Lebens; es ist ihr Kette und Einschlag, ein einziger heransgerissener Faden vermag das ganze System in Gesaffr zu bringen, indeß der Jude an Nichts zu glauben ge-

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