Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020966--02249-3026329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 216 Oestrrreichische Wochenschrift Nr. 12 dem eine officielle Anerkermung seiner Humanitären'Leistungen in Aussicht gestellt war, als solche nur die Begünstigung erbeten und auch erlangt, ein Haus für die israelitische Kinder- ' bewahranstalt erbauen zu dürfen. Das aus mehreren vornehmen Damen, von welchen heute nur noch Frau Baronin Sophie von To desco segensreich wirkt, bestehende Comite benützte den günstigen Moment, um den zur Ergänzung des bis dahin angesammelten Fonds noch fehlenden bedeutenden Geldbedarf durch persönliche Verwendung bei den wohlhabenderen Gemeindemitgliedern aufzubringen. Die Aufgabe, die umso schwieriger war, als gleichzeitig eine Sammlung zur Aufführung eines Gebäudes für das israelitische Taubstumm en-Jnstitut eingeleitet worden war, wurde durch den Eifer der Vorstandsdamen glücklich gelost, und so war es möglich, das Anstaltsgebäude in der Schiffamtsgasse am 16. Mai 1858 feierlich einzuweihen und bald darauf seiner Bestimmung zu übergeben. Nun konnte einer größeren Anzahl von Kindern Aufnahme gewährt, aber auch in Bezug auf die innere Organisation den neueren pädagogischen Anforderungen Rechnung getragen werden. Unsere Kinder-Bewahranstalt war die erste in der Monarchie, welche, durch große, lichte Räume und eine zweckmäßige Gartenanlage begünstigt, die Fröbel'schen Spiele und Beschäftigungen, jedoch durch hygienische Rücksichten modificiert, die im allgemeinen an Kindergärten erst in jüngster Zeit zur Geltung kommen, eingeführt hat. Bei Gelegenheit der im Februar 1868 begangenen Jubelfeier des fünsundzwanzigjährigen Bestandes der Anstalt regte ich in einer Broschüre die Verbindung eines Curses für Kindergärtnerinnen mit derselben an. Hatte mich schon früher eine mehrjährige Wirksamkeit an Schulen davon überzeugt, wie viel von Müttern und Erzieherinnen trotz der vielgepriesenen natürlichen Begabung an der physischen und intellectuellen Entwicklung der Kinder in den ersten Lebensjahren gesündigt wird, so ward ich in meiner Ueberzeugung noch mehr bestärkt, als ich und meine Frau in dem im Jahre 1863 hier übernommenen I Amte bei der inzwischen enorm angewachsenen Anzahl der Anstaltszöglinge der Hilfe bedurften und uns mit der Acquisition bloß anständiger statt verständiger Mädchen begnügen mußten, deren praktische Heranbildung uns nur mit Mühe gelang. Die gegebene Anregung, begegnete keiner zu freundlichen Aufnahme; es wurden von mancher Seite Zweifel an jedem Erfolge laut, und nur der tieferen Einsicht Wertheim er's und seinem Edelsinn sowie dem wohlwollenden Entgegenkommen der hohen Unterrichts-Verwaltung war es zu danken, daß überhaupt der Versuch gewagt werden durfte. Nachdem Herr v. Wertheimer — derselbe hatte im April 1868 den Orden der eisernen Krone erhalten, während er schon früher im Besitze des Ritterkreuzes des Franz-Josefs-Ordens war — sich während des Sommers einen Einblick in das Institut des Directors Aug. Köhler in Gotha verschafft hatte, und das der hohen n.-ö. Statthalterei vorgelegte Programm der „ersten Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen -in Oesterreich" genehmigt war, wurde der Lehrcurs am 1. October 1868 mit acht jungen Mädchen eröffnet. Mit jedem Jahre, besonders aber seitdem durch die unter meiner bescheidenen Mitwirkung entstandene Ministerial- Verordnung vom 22. Juni,1872 die Kindergärten und Bewahranstalten sowie die Bildungscurse für Kindergärtnerinnen gesetzlich geregelt wurden und unserer Bildungsunstalt das Oeffentlichkeitsrecht verliehen ward,. steigerte sich die Frequenz derselben derart, daß, wir in den abgelaufenen 24 Jahren 630 Frauen und Mädchen mit staatsgiltigen Zeugniffen versehen und einem ehrenhaften Berufe zuführen konnten. Wohl haben infolge der beklagenswerthen Strömung in unserem Väterlande während der letzten Jahre nur wenige unserer Schülerinnen Stellen an Kindergärten erlangt; hingegen wirkte und wirkt noch der größte Theil derselben in Familien nicht nur in allen Ländern Oesterreichs, sondern auch in Ungarn, Belgien, Frankreich und Rußland, mehrere sogar in Amerika. Es war mir Herzensbedürfniß, in diesem Vereine, in dem wiederholt in dankbarer Pietät hochverdienter Zeit- und Glaubensgenossen gedacht wurde, die Erinnerung an den Mann aufzufrischen, der in seiner weitumfassenden Thätigkeit auch der Aermsten nicht vergaß, der, selbst kinderlos, tausenden von Kindern ein Asyl erschlossen und sich noch im hohen Greifenalter ein warmes Herz für seine Schützlinge bewahrt hat, so daß sein sanftes Auge im hellsten Glanze erstrahlte, wenn es sie in ihrem kindlichen Spiele heiter und glücklich sah. Eine warme Verehrerin und langjährige Freundin Wertheimer's, die in unseren Mauern lebende hochgeschätzte Dichterin Frau Betti Paoli konnte mit Recht von ihm rühmen: „Er wußte, daß, wer diese Welt erneuen. Den Weg bereiten will dem Licht, dem Recht, Jn's Kindesherz des Guten Saat muß streuen, Beginnen muß beim werdenden Geschlecht. Des war er unablässig treu beflissen Mit seines Geistes, seiner Seele Schwung, Und Tausende hat er dem Fluch entrissen Des Unterganges in Verwilderung. Ich muß mir es versagen, auf die Verdienste Wertheimer's um seine Glaubensgenossen, die er noch als Greis durch seine Schöpfung „die israelitische Allianz" krönte, näher einzugehen. Im Jahre 1883 erschien die Schrift: „Jüdische Lehre und jüdisches Leben." Als Zweck derselben bezeichnet der Verfasser, den „Angriffen aus Lehren, die nicht gelehrt werden, und auf ein Leben, «das nicht gelebt wird, in bündigster Weise eine Rechtfertigung der Lehre, welche gelehrt wird, des Lebens, welches gelebt wird, entgegenzustellen". Im Jahre 1886 endlich, also im letzten Jahre seines Lebens, trat Wertheimer noch mit einer Schrift unter dem Titel: „Gesinnungstüchtigkeit des jüdischen Stammes in humaner und staatlicher Beziehung" für seine Glaubensgenossen in die Schranken. Im Vorworte beleuchtet er ausführlich die Genesis seiner Lebensrichtung. Nach einem Rückblicke auf seine -Kindheit, in welcher sich schon an das Vaters Lehre und Beispiel das Mitgefühl für die gedrückten Stammesgenossen ent- I zündet habe, fährt er fort: „Das Martyrium der inneren Wahrhaftigkeit, welche sich über die ungerechte Verschließung der meisten Existenzquellen, über die Beeinträchtigung jeder socialen Stellung eher hinaussetzte, als sich zum Ausdrucke einer bewußten Lüge bestimmen zu lassen, war es, was das jugendliche Herz rührte und bewegte." Und gegen den Schluß seiner Apologie rechtfertigt er dieselbe mit folgenden Worten: „Je merklicher die über das Ziel hinausgerückte Lebensdauer, zuletzt aber die damit verbundene Abspannung mir sagte, daß ein Schlußwort kaum länger auszuschieben sei, desto mehr fühlte ich mich zu einem solchen gedrängt." Das aufopfernde, gemeinnützige Wirken Wertheimer's, fand bei seinen Mitbürgern die vollste Anerkennung und Würdigung. Die Stadt Wien widmete ihm zu seinem 70. Geburtstage das schönste bürgerliche Angebinde, das Ehrenbürgerdiplom der Reichshauptstadt, und die angesehenste Jsraelitengemeinde der Monarchie zollte ihm den Tribut ihrer Verehrung und Dankbarkeit während seines Lebens und bewahrte ihm diese Gefühle über das Grab hinaus. Damit, wie mit dem prächtigen Denkstein, den sie ihm gesetzt, hat aber die Gemeinde sich mehr geehrt, als den allem Ehrgeize, aller irdischen Eitelkeit entrückten hehren Geist. „Der Fromme kann des Denkmals wohl entrathen, Ihm sichern ewigen Nachruhm seine Thaten." Und diese Thaten nachzueifern und die daraus hervorgegangenen Schöpfungen zu fördern, ist die Pflicht der Ueberlebenden. In wenigen Wochen wird die hiesige israel. Kinderbewahranstalt das fünfzigste Jahr ihres Bestandes abschließen. Schon im dem Jahresberichte für 1883 klagt Wertheimer, dem Schwarzseherei und Pessimismus niemals zum Vorwurf gemacht werden konnte: „Vieizig Jahre unseres Bestandes, das ist gleichbedeutend mit vierzig Jahren unseres Kampfes; leicht gesprochen, schwer durchlebt. Denn wenn uns auch Liebesgaben in Schenkungen und Vermächtnissen während dieses langen Zeitraumes fortwährend zugingen, so blieben sie doch unzureichend, um uns des Kampfes um das Dasein zu entheben.