Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12 Veflrrreichifche Wochenschrift ©eite 215 welche nichts von Pflicht, sondern nur von Vergnügen hören wollen, etwa sagen, es liege keines in der Betrachtung: „Diese unschuldigen Kinder wären der Verwahrlosung preisgegeben, frühzeitig dem Tode heimgefallen, Hütten nicht ich und Gleichgesinnte sie gerettet! Sie wären des versöhnenden Glaubens entblößt, in Elend und im Siechlhum ausgewachsen, wären Bettler, vielleicht Straßenräuber geworden; daß sie nun auf Gottes Erde stehen als wackere Handwerker, Künstler oder Landleute, die treu am Spruche halten: Bete, und arbeite, daran habe ich auch theil, und wenn heißes Dankgesühl für ihre Rettung sie zu Gott führt, gedenken sie auch meiner". Wie muß ein solcher Gedanke stärken in der ©tunk, in welcher aller irdische Tand verschwindet und nur die Geister unserer guten und bösen Handlungen uns umkreisen!" Wie sehr der unvergeßliche Philanthrop von der Ueberzeugung durchdrungen war, daß es kein beseligenderes Bewußtsein gebe als dasjenige, Mitmenschen der Verworfenheit entrissen und in ihnen das Gefühl ihrer höheren Würde geweckt zu haben, davon hat das ganze Leben Wertheimers Zeugniß gegeben. Wie sich aber^ die am Schlüsse seines Appells prophezeite Wirkung eines solchen Bewußtseins an ihm selbst bewährte, wissen nur diejenigen, die am 16. März 1887 sein Sterbelager umstanden. Seit dem Morgen dieses Tages sah er mit der Ruhe und.Heiterkeit eines Weifen und Frommen seinem Ende entgegen, und wenige Stunden vor dem am späten Abende erfolgten Hinscheiden gedachte er noch seiner Lieblingsschöpfungen: des Mädchenwaisenhauses und der Kinderbewahranstalt. Den ganzen Ertrag des früher erwähnten, auf eigene Kosten herausgegebenen Werkes „lieber frühzeitige Erziehung" widmete Wertheimer der ersten in Wien zu gründenden Kinderbewahranstalt. Gleichzeitig richtete er ein Promemoria an die kaiserliche Regierung, in welchem er die-Ersprießlichkeit solcher Anstalten für die arbeitenden Classen auseinandersetzte und die Einführung derselben beantragte. Die Regierung ließ die Druckschrift lithographiren und behufs Einholung von Gutachten bei allen Pfarrern und Gemeindevorstehern in Wien circuliren. Für den Werth des Werkes und dessen Zeitgemäßheit spricht der Umstand, daß die königliche preußische' Regierung nicht nur die Einführung von Kinderbewahranstalten, sondern auch zum Behufe der zweckmäßigen Einrichtung derselben die Anschaffung der Wertheimer'schen -Schrift aus öffentliche Kosten anordnete. Zn Wien hatten von sämmtli'chen 32 Pfarrern nur 2, in der Leopoldstadt und am Rennweg, zustimmende Gutachten abgegeben, während alle übrigen, aber auch Mitglieder der hohen Geistlichkeit, namentlich der Erzbischof von Seckau, die neue Institution für gefährlich erklärten, weil durch dieselbe die unteren Volksschichten „zu sehr gebildet" würden. Dennoch war es gerade ein katholischer Priester, dem Wien die erste Kinderbewahranstalt zu verdanken hatte. Der würdige Pfarrer am Rennweg, H. Johann Lindner, der schon früher sein Gutachten im zustimmenden Sinne abgegeben hatte, wurde in seiner Ansicht über die Rothwendigkeit der Bewahranstalten noch durch die in seinem Berufe gemachte traurige Wahrnehmung bestärkt, wie schwer es der arbeitenden Bevölkerung seines Pfarrbezirkes^ wurde, ihre zum Schulbesuche noch nicht reifen Kinder zu überwachen, und wie verwahrlost an Körper und Geist der größte Theil dieser armen Kleinen der Schule übergeben wurde. Sein Plan, eine derartige Anstalt in's Leben zu rufen, fand endlich bei der Behörde und bei dem erzbischöflichen Consistorium volle Billigung, und nachdem Wertheimer von der Regierung angewiesen worden war, in Gesellschaft mit dem menschenfreundlichen Seelsorger die nöthiaen Einleitungen zu treffen, schritten die beiden trefflichen Männer rasch an's Werk. Am 12. Februar 1830, am Geburtstage des Kaisers Franz, ward die erste Kinderbewahranstalt in Wien gegründet und am 14. Mai 1830 in der Steingasse am Rennweg eröffnet. Zur ersten Einrichtung diente der auf einige hundert Gulden sich belaufende Ertrag des von Wertheimer herausgegebenen Werkes. Noch in demselben Jahre entstanden ähnliche Anstalten auf der Wieden und in Margarethen. Die rege Theilnahme, welche sich bei der Errichtung dieser drei Anstalten aus die werkchätigste Weise kundgegeben hatte und das Aufblühen derselben veranlaßten die Gründung eines Eentralvereines, dessen Zwecke umso eifrigere Förderung, insbesondere von Seite der Geistlichkeit fanden, als die Kaiserin Caroline Auguste sich an die Spitze desselben stellte. Dieser Verein gründete nach und nach fast in allen Bezirken Anstalten. Der philanthropische Sinn Wertheimers bewährte sich auch in dessen thatkräftiger Mitwirkung bei der Gründung des allgemeinen Wiener Hilfsvereines, sowie des Schutzvereines für entlassene Sträflinge und für verwahrloste Kinder. Ern in den schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßtes, von dem ehemaligen Minister Pratobewera als Präsidenten unterzeichnetes Belobungsdecret rvürdigte die Verdienste Wertheimers als Directors des Vereines für das Wohl entlassener Sträflinge. Hatte so der Edle, getreu dem Spruche: „Nichts Menschliches halte ich mir frcrnd", seine materielle und moralische Kraft bis dahin dem Allgemeinen gewidmet, so wendete sich sein humaner Sinn vom Beginne der Vierziger Jahre an fast ausschließlich seiner Gemeinde, die ihn in ihren Vertretungskörper berufen hatte, und seinen Glaubensgenossen zu. Nachdem er im Jahre 1840 den „Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten", dessen fortdauernde segensreiche Wirksamkeit Sie alle kennen, in's Leben gerufen und 1842 sein zweibändiges Werk: „Die Juden in Oesterreich vom Standpunkte der Geschichte, des Rechtes und des Staatsvoltheils", unter dem Zwange der damaligen Verhältnisse im Auslände und anonym, herausgegeben hatte, gründete er im Jahre 1843 die israelitische Kinderbewahranstalt in der Leopoldstadt. Zwar hatten die in den verschiedenen Vorstädten errichteten Anstalten auch israelitischeKinder ausgenommen; aber abgesehen davon, daß in denselben specisisch confessionelle Stoffe zur Unterhaltung und Belehrung dienten, entbehrte gerade jeneVorstadt, für welche die jüdische Bevölkerung ein bedeutendes Eontingent lieferte, die Leopoldstadt, jede derartige Anstalt. In dem Busch'schen Jahrbuche für Israeliten, das in späteren Jahren (von 1854 bis 1864) von Wertheimer herausgegeben wurde, hatte dieser die Errichtung einer israelitischen Kinderbewahranstalt warm empfohlen, und die Genesung des Erzherzogs Franz Karl aus schwerer Krankheit bot ihm die Gelegenheit, den regen Wohlthätigkeitssinn der Mitglieder der hiesigen Cultusgemeinde in Anspruch zu nehmen. Bald waren die nöthigen Beiträge beisammen, um die Einrichtung und erste Erhaltung der neuen Anstalt bestreiten zu können. Zur definitiven Begründung wurde der 8. Februar 1843 als der Geburtstag der Kaiserin Karoline Auguste gewählt, und nachdem die behördliche Genehmigung erfolgt und alles Erforderliche veranlaßt war, wurde die Anstalt am 15. Mai 1843 in der Donaustraße 5 (jetzt obere Donaustraße 107) eröffnet. Zur Führung der Anstalt waren zuerst H. Hofmann und Frau Strauß bestellt. Im Jahre 1845 übernahm Herr A. Brandeis aus Prag die Leitung, dem aber schon 1852 das Ehepaar Leidesdorf folgte. Das Amt eines ärztlichen Jnspicienten übernahm der hochverdiente kars. Rath Dr. David Winternitz im Jahre 1844 und versah dasselbe bis zu seinem am 5. Jänner 1888 erfolgten Tode in der uneigennützigsten Weise. Schon in der Mitte der Fünfziger Jahre machte sich die Unangemessenheit der bisherigen, gemietheten Räumlichkeiten empfindlich fühlbar. Aber erst im Jahre 1856, das mit den Segnungen des Friedens eine Besserung der allgemeinen Verhältnisse herbeisührte, war es möglich, an die Errichtung eines eigenen Heimes für die Anstalt zu denken. Schon zur Zeit, als es den österreichischen Juden noch nicht gestattet war, Grundbesitz zu erwerben, hatte Wertheimer