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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-24 · 12 (24.3.1893) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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;<?swniragjaBjii W Seite 214 Oesterreichische Wochenschrift Nr. 12 Sind aber heute die häuslichen Verhältnisse, die ans das Wohl des Einzelnen, wie der Gesammtheit den mächtigsten Einfluß üben, vollkommen besriedigende? Wir wollen hier von den vornehmen Kreisen ganz absehen, in welchen das Gesellschaftsleben und die dadurch bedingten Gewohnheiten und Formen einen unmittelbaren Verkehr der Eltern mit ihren Kindern, zumal mit den kleineren, säst unmöglich machen, so daß diese beinahe ausschließlich der Obhut Fremder überlassen bleiben. Im Mittelstände, dessen Gliedern ein geordnetes Berufsleben jederzeit auch ein glückliches Familienleben gesichert, hat sich zum Glück noch ein tüchtiger Kern erhalten. Es gibt da noch genug Familien, in denen sich das Kind vom allerersten Aufdammern seines Bewußtseins an vom Geiste wahrer Liebe umweht fühlt und Eindrücke empfängt, die unverwischlich in ihm haften und ihm auch noch in späteren Jahren, wenn die Wogen des Lebens über ihm zusammenzuschlagen drohen, als Rettungsanker dienen. Aber auch hier wurde das Haus nur §11 häufig in seinem innersten Wesen und Zusammenhänge schwergetrosten. In vielen Fällen sind es die Erwerbsverhältnisse, welche beide Eltern völlig in Anspruch nehmen; häufiger aber ist es die Unnatur der geselligen Verhältnisse, welche den Kindern in der Periode, wo sie der liebevollen Einwirkung am meisten bedürfen, dieselbe entzieht. Wie viele opfern der Sucht, in die höheren Kreise zu gelangen oder doch durch ungemessenen Aufwand zur Geltung zu kommen, ihre eigene Ruhe und das Glück der Ihrigen. Wenn der Vater außer Hause Erholung von der Tagesarbeit sucht und die Mutter sich nur in ihren Cirkeln wohl fühlt, dann fehlt dem Lebeusfrühlinge ihrer Kinder der warme Sonnenstrahl, der die tiefsten und geheimsten Regungen des Herzens zeitigt; dann ist früh der Grund gelegt zu jener Blasiertheit, die für alles Schöne und Edle unempfänglich und unempfindlich macht. Am nachhaltigsten und nachtheiligsten wirkte der Umschwung der Zeitverhältnisse auf die Armen und Elenden. Der Kampf um das tägliche Brot zwingt' häufig die beste Mutter, in dem blutenden Herzen gewaltsam die zärtliche Sorge zurückzudrängen; sie muß den Wunsch, ihren Kindern zu leben, unterdrücken und mit dem schmerzlichen Bewußtsein, daß dieselben einsam eingeschlossen oder unter der unzureichenden Obhut unverständiger Geschwister oder indolenter Nachbarinnen leiblichen und sittlichen Gefahren ausgesetzt sind, ihrer Arbeit, ihren: Erwerbe nachgehen. Auch gibt es einen Grad der Noch, bei w.'lchem, wie aus unfruchtbarem Boden überhaupt kein Leben, so auch kein wahres Familienleben zur Blüte kommen kann. Ja, es tritt oft eine Rauhigkeit des Sinnes, eine Verwilderung der Gemüther bei den Eltern ein, daß sie die Kinder mehr als eine Last denn als eine Lust des Lebens betrachten. Solche traurige Erscheinungen veranlaßt:: schon zu Ende des vorigen und im eisten Decennium dieses Jahrhunderts Menschenfreunde, die Einrichtung von Kinderhäusern anzuregen, zum Theil auch auszuführen. Während aber diese ausschließlich aus humanen Motiven hervorgegangenen Nochanstalten als Schöpfungen einzelner edler Personen ihre Wirksamkeit auf enge Kreise beschränken mußten, gebührt den Engländern das Verdienst,' die heilsame Idee, die vielleicht im Drange der Zeitverhältnisse völlig untergegangen wäre, im großem Stile practisch verwirklicht zu haben. Die in der Weltstadt an der Themse, sowie in den englischen Fabriksstädten hervorgetretene Verderbtheit des gemeinen Volkes und die erschreckliche Anzahl jugendlicher Verbrecher ließen es weitblickenden Staatsmännern als Gebot der Nationalwohlfahrt erkennen, daß der um sich greifenden Corruption schon in der zarten Jugend durch zweckmäßig eingerichtete Asyle vorgebeugt werde. Lord Brougham suchte das Parlament für die Gründung solcher Anstalten zu gewinnen, und es gelang ihm, 1824 eine Gesellschaft edler Männer und Frauen, die „Inkant-selioolsociety“ um sich zu vereinigen, welche viele derartige Anstalten errichtete, in denen die Kinder beaufsichtigt, verpflegt und beschäftigt wurden. Bald zeigte sich auch qitf dem (Kontinente große Begeisterung für die Sache und ein warmer Eifer, dem von den Engländern gegebenen Beispiele zu folgen. In Frankreich, in der Dchweiz, in den Niederlanden, in Dänemark und Schweden verbreiteten sich die Bewahranstalten fast gleichzeitig. Deutschland und Oesterreich verdanken diese gemeinnützigen Institute einem Manne, der sich schon als Jüngling für alle höheren Interessen der Menschheit begeisterte, seine Ideale von Erhebung und Beglückung des Volkes durch Erziehung und Bildung im Mannesalter zum großen Theil zu verwirklichen das feierte Glück genoß und bis zu seinem im hohen Greiscnalter erfolgten Hintritte unablässig für die Förderung des Gemeinwohles thätig war. Ich brauche nur den Namen Josef Ritter v. Wertheimer zu nennen, und die meisten unter Ihnen werden sich in Verehrung des Mannes erinnern, der schon zu einer Zeit, als noch in Oesterreich das freie Wort verpönt war, kühn für die Rechte seiner Glaubensgenossen eingetreten ist und durch ein halbes Jahrhundert seine ganze Kraft unserer großen Gemeinde.gewidmet, um die er sich unvergängliche Verdienste erworben hat. Josef Wertheimer war zu Wien am 15 März 1800 geboren. Sein Vater, einer angesehenen Familie entsprossen, würdigte Kunst und Wissenschaft in hohen: Grade und hatte auch einen, diesen Neigungen entsprechenden Umgang. So unterhielt er unter anderem einen freundschaftlichen Verkehr mit Josef von Sonnenfels. Sein Charakter wird am besten durch das ihm gewidmete Epitaph gekennzeichnet, in welchem es heißt: „ . der vor Menschen nie, vor Gott allein sich beugte." In seinem 15. Jahre trat Wertheimer in das Comptoir des Freiherrn von Stistt, der später, in den Vierziger Jahren, als n.-ö. Landstand mit Schmerling, Doblhoff und anderen gleichgesinnten Männern für den constitutionellen Fortschritt wirkte und 1848 duich einige Zeit das Amt eines Staatssecretärs im Finanznünisterium bekleidete. Fünf Jahre läng verharrte Wertheimer in seiner Stellung, in der er sich trotz seiner Jugend das vollste Vertrauen seines Chefs erwarb; hierauf kam er in das Comptoir seines Vaters, dessen öffentlicher Gesellschafter er 1821 wurde. Obwohl er die Pflichten seines praktischen Berufes nüt strenger Pünktlichkeit erfüllte, fand er dennoch Muße, an seiner Fortbildung unausgesetzt zu arbeiten und sogar einen Curs über Pädagogik zu hören, worüber er ein glänzendes Zeugniß erhielt. Das eifrige Studium pädagogischer Schriften mag damals schon den Anstoß gegeben haben zu den erziehlichen Bestrebungen Wertheimers, die während seiner in den Jahren 1824, 1§26 und 1828 unternommenen Reisen durch Deutschland, Italien, Frankreich und England zur Reise gediehen. Während eines längeren Aufenthaltes in London machte er sich mit dem Wesen und der Einrichtung der Kleinkinderschulen bekannt und sofort nach seiner Rückkehr in bte Heimat übersetzte er eine von dem Vorsteher der Londoner Central - Kleinkinderschule, S. Wilderspin, herausgegebene Schrift: „Ueber frühzeitige Erziehung und englische Kleinkinderschulen" und bereicherte dieselbe mit Zusätzen, die durch tiefe philosophische Anschauung und eine ausgedehnte Kenntniß der damaligen pädagogischen Literatur das Originalwerk an Wert überwiegen, außerdem in jeder Zeile den tieffühlenden Menschenfreund vcrrathen. Das Werk e:schien 1826 bei C. Gerold in Wien, in 2. Auflage 1828. Eine einzige Stelle aus diesen Zusätzen mag Ihnen, m.-G. zeigen, welche Gesinnungen schon im Alter von 26 Jahren den Mann erfüllten, der durch seine späteren Schöpfungen zu den ersten Philanthropen dieses Jahrhunderts gezählt werden darf. Die Frage: „Ist es Pflicht, die Kinder der Armen zu erziehen?" beantwortet er unter anderem mit Folgendem: „Blicken wir auf die vielen verwahrlosten, kranken, unsittlichen, unverständigen und elenden Menschen, und wir werden bei näherer Untersuchung fast immer finden, daß die Erziehung die Quelle aller dieser Nebel ist. Sollte nicht jeder sein Scherflein beitragen, um diesem Elend--zu steuern? Oder könmn selbst -die,

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