Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Orsterreichifchr Wochenschrift Seite 213 kaum 24 Stunden wurde mir Gelegenheit geboten, mir von diesem Kinde ein solches Bild zu entwerfen, an dessen einzelne Züge ich mit heiliger Ueberzeugung glaubte, weil sie meine an der Gewißheit naturgeschichtlicher Forschung grenzenden Erfahrungen zeichneten. Ich spreche deshalb hier von mir, weil der Zufall gerade mich als Mittel dazu ausersehen hatte, daß auf die Art und Weise des ganzen processualen Vorganges und auf die Psychologie des Knaben auf einmal das hellste Licht falle — die Sache ist eigentlich belustigend und so sehr bekannt, daß es noch jetzt, zehn Jahre danach, fast überflüssig ist, sie zu erzählen. Einen Tag vor Beginn der Verhandlung kam ich nach Nyiregyhaza und diesen Tag wollte ich dazu bt nützen, um den einzigen und wichtigsten Zeugen des Mordes kennen zu lernen. Ich dachte meinem Blatte über ihn, auf den das Auge der ganzen Welt gerichtet ist, interessante Dinge schreiben zu können. Allein ein Zeitungsschreiber konnte sich dem wohlgehüteten Knaben nicht nähern. Einer meiner Nyiregyhazaer Bekannten rieth mir: das Beste wäre, mich an den katholischen Schulmeister zu wenden; dieser gehe jeden Tag zu dem Jungen ihn zu unterrichten, er kenne ihn ganz genau und kann mir über seine Fähigkeiten, Fortschritt u. s. w. treffliche Auskunft geben. Nachmittags 3 Uhr warf ich mich mit meinem Collegen in einen Wagen und fuhr zur Wohnung des Lehrers. Dieser war aber nicht zu Hause, 'bloß seine Frau. Ich sagte ihr, weshalb tvir kommen und ließ meine Bisitkarte mit dem Bemerken bei ihr, daß wir um 7 Uhr wieder kommen und mit dem Herrn Lehrer sprechen wollen. Um 7 Uhr empfing uns die Frau des Lehrers mit Brummen. Sie sagte uns rund heraus, daß wir ihren Mann heute nicht sprechen können. Demnach gaben wir die Absicht des Interview auf und gingen soupieren. Abends um 9 Uhr lief eine sensationelle Nachricht durch die ganze Stadt: die Juden wollten Moriz Scharf entführen, damit er bei der morgigen Verhandlung nicht mehr gegen die Angeklagten aussagen könne, doch wäre es gelungen, die Juden abzuschrecken. Jedermann staunte ob dieser unerhörten Verwegenheit; ich aber eilte schnurstracks in's Telegrafenamt, um diese hochwichtige Nachricht nach Budapest zu schicken. Tags darauf vor Beginn der Verhandlung erklärte der Präsident, daß Moriz Schars — obwohl nach logischer Folge der Sache erst später die Reihe an ihn komme — jetzt unverzüglich zu vernehmen sei, weil ein in der Nacht an ihm geplanter Entführnngsversuch, wovon der Stadthauptmann Protocoll ausgenommen, eine Vornahme außer Tour nothwendig erscheinen lasse. Karl Eötvös verlangte im Nanien der Bertheidigung, daß jene Protocolle vorgelegt werden. Dieß geschah auch am zweiten Berhandlungstag. Es wurden die Aussage einer Frau und dreier weiblichen Dienstboten verlesen. Sämmtliche gaben an und waren bereit, das eidlich zu bekräftigen, daß am vorhergehenden Abend zwei Juden in dem an der Feuermauer des Comitatshauses angrenzenden Hofe erschienen und sich erkundigt haben, auf welche Art man zu Moriz Scharf gelangen könnte; der eine war ein Jude, möglicherweise ein polnischer, denn er hatte Schläfenlocken, tnig Kaftan und Stiefelhosen, er maß die Höhe der Mauer und erkundigte sich auch, wie viel Ziegel dick die Mauer wäre; als er aber sah, daß er Verdacht errege, verduftete er mit seinem Genoffen. Uebrigens ließ er seine Bisitkarte bei der Frau und die Bisitkarte liege auch den Acten bei. Das Publicum lauschte mit verhaltenem Athem diesen Dingen und als der Präsident die Bisitkarte in die Hand nahm, um den darauf stehenden Namen zu verlesen, da hätte man in dem dichtgestopften Saale selbst den Flügelschlag einer Mücke vernehmen können. Endlich las der Präsident den Namen ab — und schallendes Gelächter erschütterte die Wände — denn jener Name war m e i n N a m e mit der Angabe meiner journalistischen Eigenschaft. In meinem Kopfe aber wurde es mit einem Male ganz licht: so wird zu Nyiregyhaza in Sensation gearbeitet. Wenn vier Zeugen es wagen auf mich, der ich Redäctions- Mitglied eines großen Pester Blattes bin und mit einer uralten Familie gerade des Szabolcser Comitates in Verwandtschaft stehe, unter Eid auszusagen, daß ich ein schläfenlockiger polnischer Jude bin und daß ich die Mauern des Comitatshauses ausgemessen, um Moriz zu rauben: was mag erst mit Menschen geschehen senr, die viel obskurer als ich waren, was mußte mit dem Jungen selbst geschehen sein, den mürrische Sicherheits- Commissäre und ihre fürchterlichen Satelliten in unheimlicher Nacht zum Geständniß brachten! Auf einmal durchschaute ich es, wie diese Geschichte inscenirt wurde und sah das furchtbare Dilemma, in welches dieses unglückselige Kind gerathen. Zuerst log es, weil es sich vor den Panduren fürchtete und jetzt klammerte es sich an seine Aussage, weil es sich vor den Juden fürchtete. Es zittert vor ihnen, besonders seitdem es einmal in der Nacht mit dem Rufe aufgescheucht wurde: „Junge, die Juden wollten dich rauben, wir geben dies aber nicht zu!" Und dann sagte dieser Knabe nach Befehl aus, bebend vor dem Gedanken, daß seine durch ihn in diese furchtbare Affaire verwickelten Glaubensgenossen sich an ihm wegen seiner Lügen rächen könnten, besonders fürchtend seinen Vater, den er auf die Anklagebank gebracht. Diese Furcht gab ihm die Kraft, jenem armen Juden, der ihn vor dem Gericht weinend fragte: „Kind, was habe ich Dir denn gethan, daß Du mit mir so verfahrest? die Anklage ins Gesicht zu lügen. Er klammerte sich an die Gewalt, die vorgab, ihn vor jenen zu schützen, gegen die er so arg gesündigt. Und er glaubte ihren Versprechungen, daß sie aus ihm einen großen Herrn erziehen werden. Er verläugnete die Seinigen. Im Vollgefühle seiner Sicherheit gefiel ihm diese Rolle und das fieberhafte Interesse, das ihn umgab, nahm ihn ganz ein. Er freute sich seiner Berühmtheit, wie ein eitler Schauspieler. Ich selbst sah es, wie er gelegentlich des Localaugenscheines m Tiszla-Eszlär den Neugierigen seine Namensunterschrift mit großer Gnade vertheilte. Und als sie ihn nach dem Processe seiner Familie auslieferten, weinte, jammerte und widersetzte er sich; er wollte aus seinem sichern und bequemen Zufluchtsort nicht herausgehen. Welcher Kampf mag in diesem 14jährigen Gehirn getobt haben, als der Budapester Janhagel hinter ihm her die Kerepeserstraße entlang johlte und er nicht wußte, was das bedeute? Weise Männer riethen, diese unglückselige Existenz vor der Welt in der Werkstätte einer Amsterdamer Diamantschleiferei abzuschließen, wo niemand seine Sprache versteht, niemand seine Vergangenheit aufrührt. Und nun ist der Knabe gestorben. Nur der einzige lebende Gott weiß es, was ihn zu seiner ersten Lüge veranlaßt, als er dort im Dorfe unter den Kindern seine Anklage plapperte. Wäre es nicht besser gewesen, ihn zum gebildeten Menschen zu erziehen, damit er einst im reifen Alter selbst Rechenschaft ablege von dem ganzeil psychologischen Proceß, den er durchlebt und dessen glaubwürdige pragmatische Geschichte nur e r hätte schreiben können? Der Fluch des Lügners ist es, daß man ihm selbst dann nicht glaubt, wenn er die Wahrheit spricht. Die heutige Seelenforschung ist aber schon fast positive Wissenschaft, sie betrachtet Erscheinungen, Thatsachen als Naturkräfte und Elemente, reiht sie aneinander und weist mit mathematischer Genauigkeit die in der psychologischen Mechanik geschehenden unmöglichen Fehler nach. (Laäapesli Hirlap) Bela Tüth. Geschichtliches über Kleinkinder- Ersiehung. Zur Erinnerung an Josef Ritter von Wertheimer. (Aus einem Vortrage, gehalten am 11. März im Vereine „Oesterr. isr. Union" von Herrn Director dl. S. F i s ch e r.) Auf jedem Blatte der Geschichte lernen wir den Zusammenlang des Zustandes der Erziehung eines Volkes mit dem jeweiligen Culturzustande desselben kennen, und wir machen die traurige Wahrnehmung, daß der Fortschritt in der Cultur gar oft einen Rückschritt in der Moral und somit auch im Familienleben und in der frühesten Erziehung bedeutet. Schon Juvenal klagt vor dem Zusammenbruche der römischen Republik: „Jetzt übergibt man das Kind einergriechischen Sclavin oder einem Sclaven, den man zu nichts anderem brauchen kann. Da werden der zarten Kindesseele sogleich Märchen und Jrrthümer eingeprägt. Auch erlauben sich diese Sclaven in Gegenwart des Kindes alles, was schlimme Eindrücke macht." Und im 17. Jahrhundert bl klagt es Fsnälon, der Erzbischof von Cambray, daß man die Behütung und Entwicklung jenes Alters, welches die tiefsten, auf das ganze weitere Leben wirkenden Eindrücke aufnimmt, meist ungeschickten und unordentlichen Weibern überläßt.