Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 212 Oesterreichische Wochenschrift Nr. 12 den Antisemitismus ködern, daß man die großen Geschäftshäuser beschimpft und verleumdet; im Grunde betreiben die Antisemiten nur ihr eigenes Geschäft und alles Andere ist etwa nur Agitationsmittel. Bald findet man die Maaren bei den Juden staunend billig und dann wird wieder von Schund gesprochen. Die Frauen wißen am Besten, daß das Verleumdung ist; allein man übt eine moralische Pression aus; die eine Frau will von der andern nicht deshalb schief angesehen werden, weil sie bei Juden kauft. Man etablirt eine Art von Jnqnisition und das Centrum dieser Inquisition ist der Verein „christliche Familie." Dieses Tribunal übt einen Zwang aus, damit die Frauen nur bei Christen kaufen. Entspricht es aber dem Geiste und dem Wortlaute unserer Gesetze, daß eine solche. Agitation geduldet wird? Würde man einen democratischen Verein dulden, der erklären würde, man dürfe mit Aristokraten nicht in Verkehr treten, ihnen keine Dienste leisten, man müsse sie so behandeln als ob sie sich in Acht und Bann befinden würden. Würde ein solcher Verein nicht mit Recht sofort aufgelöst werden? Es werden Bürger, welche sehr hohe Steuer zahlen, in ihren wesentlichen Rechten angegriffen und verletzt. Man kann in dem Versuche der gesellschaftlichen Absperrung auch noch viel weiter gehen. Wo bleibt denn da der Schutz, den uns die Gesetze gewähren? Es werden ja nicht nur die Juden bedroht, sondern es wird unser ganzes Erwerbsleben in den Wurzeln verwundet. Und doch wird das Alles geduldet und man läßt es geschehen, daß der Haß in das Innerste der Familien getragen, daß die Familie entweiht werde durch den Verein „Christliche Familie". Der Antisemitismus hat in den höheren Sphären des Lebens Schiffbruch erlitten; er kann, sich gegenüber einem klaren Denken nicht behaupten; nur tief unten, wo die geistige Energie gelähmt ist, kann er mit den gemeinsten Mitteln sein niedriges Handwerk betreiben. Es ist die Aufgabe, die gesetzliche Pflicht der staatlichen Executive, dieses Treiben zu stigmatisiren. Bald wird man wie den rauchenden Türken auf den Schildern der Tabaktrafiken den Lichtenstein, den Dr. Pattai und die Andern im Bilde an den antisemitischen Geschästslocalen prangen sehen. Sie verdienen dieses Denkmal als rücksichtslose Geschäftsagenten. Wir gestehen offen, nicht genug hinuntersteigen zu können, um die gebührende Bezeichnung für eine Atmosphäre zu finden, aus welcher mephitische Dünste aüfsteigen und welche jede bessere Regung zu ersticken scheint, den letzten Rest der Manneswürde und des Schamgefühls. Friedrich Mrtzschq über Juden und Antisemiten. Gewiß wird es unsere Leser lebhaft intereffiren, die-Ansichten eines der großartigsten Denker der Gegenwart über jene Fragen zu hören, deren Beantwortung diese Blätter sich zur Aufgabe gestellt haben. Nietzsche, der in Folge allzugewaltigen geistigen Ringens mit sich selbst unheilbar umnachtet dahinsiecht, hat Werke von monumentaler Grüß-, hingestellt, denen wir zwar öfters unsere Zustimmung, aber nie unsere Bewunderung versagen können. Seine moral-philosophischen Untersuchungen sind von einer Vornehmheit und Tiefe, denen blos ihre Rücksichtslosigkeit und Originalität gleich kommt. Dabei ist er einer der gewaltigsten Meister über die deutsche Sprache. Wohin er seinen Zauberstab senkt, dort rauschen alle Bronnen und erschließen die seltensten Blumen ihre Kelche. Seine Perioden erschillern und erglänzen in unerhörter Farbenglut. Man verlernt bei ihm, den tauben Beethoven zu beklagen. Tragisches Schicksal eines Denkers l Mit Ophelien möchte man ausrufen: „Weh! welch' ein edler Geist ward hier zerstört!" In seinem Werke: zur „Genealogie der Moral" heißt es: P. 35. „Die Römer waren ja die Starken und Vornehmen, wie sie stärker und vornehmer bisher auf Erden nie dagewesen, selbst niemals geträumt worden sind; jeder Ueberrest von chnen, jede Inschrift entzückt, gesetzt, daß man erräth, w a s da schreibt. Die Juden umgekehrt, waren jenes priesterliche Volk des Ressenttment par excellence, dem eine völksthümlich - moralische Genialität sondergleichen innewohnte: man vergleiche nur die verwandt-begabten Völker, etwa die Chinesen oder die Deuffchen, mit den Juden, um nachznfühlen, was ersten und was fünften Ranges ist." P. 133. „Ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals an jenen Berliner Rache-Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den unanständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bunr-Bum macht: Dühring, das erste Moral-Großmaul, das es gibt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten." P. 177. „Ich mag auch sie nicht, diese neuesten Speculauten in Idealismus, die Antisemiten, welche heute ihre Augen christlich-arisch-biedermännisch verdrehen und durch einen, jede Geduld erschöpfenden Mißbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittels, der moralischen Attitüde, alle Hornvieh-Elemente des Volkes aufzuregen suchen; — daß jede Art Schwindelgeisterei im heutigen Deutschland nicht ohne Erfolg bleibt, hängt mit der nachgerade unableugbaren und bereits handgreiflichen V e rö d u n g des deutschen Geistes zusammen, deren Ursache ich in einer allzuausschließlichen Ernährung mit Zeitungen, Politik, Bier und Wagnerischer Musik suche." Aus: „Jenseits von Gut und Böse." 250. Was Europa den Juden verdankt? — Vielerlei Gutes und Schlimmes; und vor allem eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den großen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten — und folglich gerade den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jener Farbenspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Cultur, ihr Abendhimmel, glüht — vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Juden — dankb ar. " Moritz Scharf. ii. Es bestätigt sich nicht die Nachricht, daß Moriz Scharf, der zur Weltberühmtheit gelangte Held des Tisza-Eszlaer Gerichtsdramas vom Schauplätze seines einst so jämmerlichen Daseins wirklich abberufen wurde. Herr Max Weiß aus Amsterdam, in dessen Hause Moritz Scharf seit Jahren verkehrt, dementirt diese Mittheilung in einer Zuschrift an die „Oesterr. Wochenschrift" und er stellt dem Kronzeugen von Tisza-Eszla ein verhältnißmäßig günstiges Attest aus. Derselbe erklärt offen, ein „blindes Werkzeug" in den Händen der Peiniger gewesen zu sein, deren Befehl er vollführen mußte. Nachgerade kann Moriz Scharf auf seine Berühmtheit stolz werden, denn es ergeht ihm, wie so vielen wirklichen Capazitäten: man schreibt noch bei Lebzeiten über ihn spaltenlange Necrologe. So beschäftigte sich außer vielen Tagesblättern auch das politische Journal „Budapesti Hirlap" am 14. d. M. in einem Feuilleton-Artikel mit diesem phänomenalen jungen Manne. Die darin von einem bedeutenden christlichen Publizisten geschilderte Reminiscenz aus dem Nyiregyhazaer Proceß ist so interessant, daß ich dieselbe nachfolgend wörtlich für Ihr geschätztes Blatt übersetze. Moriz Scharf, der Sohn des Tisza-Eszlarer Schächters, der aussagte, daß er durch's Schlüsselloch gesehen, wie die Juden in der Borhalle der am Theißufer gelegenen Synagoge der Ester Solymoffi das Blut abzapften, ist gestorben. Er starb in Amsterdam, wo ihm die Diamantenschleifer nach Abschluß des die Welt aufregenden Processes Arbeit und Zuflucht gewährten. Zur Zeit des Tisza-Eszlaer Processes war er 14 Jahre alt, ein dummaussehender Knabe mit aufgedunsenem Gesichte und unruhigen schwarzen Augen. Wer ihn vor' dem Gerichtshöfe stehen sah, in Gegenwart einiger hundert Zuhörer, wie er mit starrem Trotz und rascher Zungengeläufigkeit seinem Vater, jenem armen, rothbärtigeu Juden die Anklage in's Gesicht schleudert, daß er gemordet— der wird den Knaben Moriz, diese unheilvolle fürchterliche Gestalt, nie vergessen können. Daß er falsche Zengenschaft ablegte, das haben sämmtliche Foras der ungarischen Justiz ausgesprochen und das fühlten auch wir, das große stumme Geschwornengericht der Zuhörer, die wir bis zum vollständigen Abschluß des 52 Tage währenden schauderhaften Processes zugegen waren. Ich gestehe, daß ich damals, als ich in meiner Journalisten- Mission nach Nhiregyhaza fuhr, noch immer glaubte: wie, wenn der Knabe aber doch etwas gesehen hat. Ich war nicht im Stande so viel psychologische und faktische Unmöglichkeit zu combiniren, aus der ein solch Ungeheuer, wie dieser vierzehnjährige Bursche hervorgehen könnte, wenn er — nichts gesehen hätte. Und nach