Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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’Jfc. 10 Oesterreichifchr WochenschrM Seite 201 Len Kästchens, welches alle möglichen Utensilien enthält, die der Lehrer augenblicklich zur Hand haben muß, wenn er bei einem etwaigen plötzlichen Unwohlsein oder Unglücksfall mit Erfolg eingreifen soll. Der Vortragende leitete seine höchst interessanten Ausführungen, die für unsere Schuljugend von unberechenbarem Nutzen sein werden , mit folgenden Worten ein: „Es liegt mir selbstverständlich gänzlich ferne, aus den Lehrern Aerzte machen zu wollen, ich verfolge mit meinen Bestrebungen nur die Absicht, daß der Lehrer bei einem unglücklichen Zufall augenblicklich in der Lage ist, den ihm anvertrauten Kindern helfend beizuspringen, daß er in die Lage versetzt wird, die Symptome einer Jnfectionskrankheit, soweit dies bei Laien möglich ist, zu erkennen, und so Schirmer und Schützer der Gesundheit und des Lebens unserer Kinder werde." In einer nahezu zweistündigen Vorlesung erörterte der Vortragende die Symptome aller möglichen Jnfectionskrankheiten und alle jene Vorkehrungen, die seitens der Schule getroffen werden müssen, um die Verbreitung und Jnfection einzuschränken und zu verhindern; er besprach sodann alle möglichen Unglücksfälle, die im Schulzimmer, im Turnsaale, im Schulhause Vorkommen können und demonstrirt an der Hand des oben erwähnten Rettungskastens die erste Hilfe. Der Vortragende erweckte mit seinen Ausführungen bei den sehr zahlreich anwesenden Lehrern und Lehrerinnen das lebhafteste Interesse, und rauschender, nicht endenwollender Beifall bewies, wie sehr die Lehrer das Bedürfniß fühlen, die längst ersehnte und schon so oft besprochene Schulhygiene im Sinne des Vortragenden gelöst zu sehen. Lehrer Schulhof beantragt hierauf folgende Resolution, die auch einstimmig und mit großem Beifall angenommen wurde: „Der Lehrerverein im zweiten Bezirke begrüßt mit voller Genugthuung und uneingeschränktestem Danke die Belehrungen und zweckentsprechenden Rathschläge des Herrn Dr. S. Kohn und beschließt, seinen Ausschuß zu beauftragen, die Anregung der heutigen Vorlesung einer eingehenden Berathung zu unterziehen und alle jene Schritte einzuleiten, die zur möglichst vollständigen Realisirung aller jener Maßnahmen führen, die uns der Herr Vortragende heute im Interesse der uns anvertrauten Schuljugend vorzuführen die Güte hatte. Da die Ideen des Vortrages in Verbindung mit dem vorgeführten Rettungskasten thatsächlich den von der Lehrerschaft längst ersehnten Schlüssel zur schwierigen Frage der Schulhygiene liefern, möge der Ausschuß vor allem darauf bedacht sein, die nöthigen Schritte bei unserer Behörde einzuleiten, die geeignet wären, das oben Gehörte auch practisch durchzuführen und zu verwirklichen. Dem Vortrage wohnten außer den sehr zahlreich erschienenen Lehrern und Lehrerinnen auch viele Reichsraths-Abgeordnete, Gemeinde-, Ortsschul- und Armenräthe bei. Sch .... Wien. (Eine Studeutenversammlung) Zum Zwecke der Gründung einer Lese- und Redehalle jüdischer Studenten hatte der Verein „Kadimah" in Robitschek's Restaurant in der Wipplingerstraße eine Studentenversammlung einberufen, welche ungemein stürmisch verlief. Die Redner für das Project vertraten den Standpunkt, der zu gründende Verein solle der geistige Mittelpunkt der jüdischen Studentenschaft werden, welche heute fast von allen Studentenvereinen ausgeschlossen sei. Die opponirenden Redner machten geltend, das Judenthum repräsentire keine Nation und sei keine Rasse; der neue Verein würde nur dem Antisemitismus in die Hände arbeiten. „Hüten sie sich", rief ein Redner, „einen Separatismus zu fördern, welchen unsere Väter in der Schulsrage mit dem Aufgebote ihrer ganzen geistigen Kraft bekämpfen". Nichtsdestoweniger wurde ein sechsgliedriges Comite zur Ausarbeitung von Statuten für eine Lese- und Redehalle jüdischer Studenten eingesetzt. Betont wurde bei diesem Beschlüsse, daß der Verein einen freisinnigen Charakter haben solle. Wien. (Der „politische Tischler"). Donnerstag, am 9. März, Nachts, wurde der in Währing etablirte 42jährige verheirathete Tischlermeister Josef H a u d e k auf Anordnung des Polizeicommissariates Währing wegen Säuferwahnsinns auf der psychiatrischen Klinik im Allgemeinen Krankenhause internirt. Haudek, ehemals ein fleißiger Arbeiter, fehlte seit ein paar Jahren fast niemals in den Wirthshäusern, wo politische Versammlungen antisemitischer Observanz abgehalten wurden. Das Geschäft stockte schließlich vollständig und vor circa 3 Wochen verließ ihn seine Gattin Anna, die sich im 17. Bezirke, Wilhelmsgasse 24 eine bescheidene Wohnung miethete und für sich und ihre Kinder durch Arbeiten sorgte. Gestern Nachmittags drang der rabiate Mann in die Wohnung seiner Gattin, von der er ungestüm Geld verlangte und als er dasselbe nicht bekam, die Frau am Leben bedrohte. Frau Haudek ergriff die Flucht und erstattete die Anzeige dem Polizeicommissariat, welches, wie erwähnt, den Mann ms Irrenhaus transportiren ließ. Prag. (Wie es gemacht wird.) Da die Ostern herannahen, beeilen sich die Antisemiten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu Gewaltthätigkeiten anzuspornen. D'e Prager „Politik" vvm 9. d. M. giebt sich dazu her, nachstehende Mittheilung zu verbreiten: RäthselHaftes Verschwinden. In Kolin ist am 1. März ein 17jähriges Mädchen A. Kysilka aus Ovcar, bedienstet bei einer jüdischen Familie in der Kuttenberger Dorstadt in Kolin, verschwunden und es ist bis zu dieser Zeit kein einziges Zeichen, keine Spur zu ihrem Auffinden vorhanden. Die Verwandten ließen schon Sonntag öffentlich ausrufen, daß sie einem jedem, der die kleinste Spur andeuten könnte, 50 Gulden auszahlen werden, es yat sich aber Niemand gemeldet". Soweit die Prager „Politik", die sich gewiß einbildet gar schlau zu sein, wenn sie die abergläubische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Brünn, 7. März. (Einneues „Blutmärchen".) In H o ll esch au in Mähren ist jüngst durch die gerichtliche Untersuchung ein Fall böswilliger Mordbeschuldigung gegen Juden zum Abschlüsse gelangt, der gerade durch die Ergebnisse der gerichtlichen Untersuchung geeignet erscheint, die Gefährlichkeit des durch die antisemitische Agitation unter der ungebildeten Bevölkerung geweckten blinden Fanatismus recht deutlich zu beweisen. Wieder handelte es sich um ein mit gehässiger Verlogenheit erfundenes und verbreitetes Gerücht, das trotz seiner plumpen und handgreiflichen Unwahrheit doch die Bevölkerung von Holleschau und der Umgebung wochenlang in Aufregung erhielt und die fälschlich Beschuldigten in die gefährlichste Lage versetzt hat. Nachdem die gerichtliche Untersuchung die völlige Grundlosigkeit der ausgesprengten Gerüchte ergeben hat und deßhalb eingestellt worden ist, erfahren wir überden in seiner Art höchst bezeichnenden Fall Folgendes: „Am 19. November v. I. verbreitete sich in Holleschau das Gerücht, daß in dem Hause des Häute- und Schnittwaarenhändlers David Tandler eine drei Tage vorher dafelbst in den Dienst getretene Magd, Namens Caroline S t a n i e k, Nachts in ihrem Bette von mehreren, den jüdischen Jargon sprechenden unbekannten Männern überfallen, gebunden und in den Hof des Hauses geschleift worden sei, wo es ihr aber gelungen sei, zu entwischen. Die von der Behörde alsbald eingelerteten Erhebungen ergaben, daß die Magd allerdings in der betreffenden Nacht gegen 1 Uhr mit gebundenen und etwas zerkratzten Händen zu einer Dienstvermittlerin gekommen war und derselben die Geschichte von dem angeblichen Ueberfalle erzählt hatte; aber es stellten sich zugleich Umstände heraus, welche bewiesen, daß die ganze blöde Attentatsgeschichte erlogen und zu bestimmten Zwecken erfunden worden sei. Trotzdem wurde die Mär in der nächsten Zeit von antisemitischen czechischen Blättern als angeblich wahr und mit verschiedenen gehässigen und aufreizenden Beisätzen weiter verbreitet. So erzählte z. B. der Velehrad das Märchen unter dem Titel:„kanten inHolleschau". Die Moravska Orlice brachte in einem aus Holleschau datirten Artikel eine dem „Czech" entnommene Geschichte, daß im Jahre 1774 ein Dienstmädchen, Namens Trnka, von einem Juden zu rituellen Zwecken gemordet und der Mörder hingerichtet worden sei. Auch in dem antisemitischen „Znaimer Volksboten" wurde eine angeblich unaufgeklärte Geschichte erzählt, die sich vor zehn Jahren mit einer Victoria Blumenstein bei einer Frau Hertzka ereignet haben sollte, aber in diesem Falle mußte das Znaimer Antisemitenblatt von Frau Hertzka die Berichtigung aufnehmen, daß die Victoria Blumenstein nach Verübung eines großen Diebstahles flüchtig geworden, sich nach fünf Jahren freiwillig dem Holleschauer Gerichte gestellt hat und im Jnquisiten-Spitale in Ungarisch-Hradisch gestorben ist. Aber durch diese fortgesetzten Agitationen wurde in der Bevölkerung die Aufregung gegen David Tandler erhalten und genährt, und sieben bis acht Wochen nach dem 19. November kamen aus einem benachbarten Orte zwei Knechte eines als jungczechischen Agitator bekannten Brauers eines Morgens nach Holleschau und stießen vor dem Hause des Tandler gefährliche Drohungen gegen denselben aus. Ja, obwohl die behördliche Untersuchung die Unwahrheit der von der lügnerischen Magd erfundenen Geschichte klar dargethan hatte, wurde zu Ende Januar dieses Jahres gegen den bedauernswerthen Mann eine zweite ähnliche Beschuldigung erhoben, welche womöglich noch ungeheuerlicher als die erste war, aber trotzdem eine erneute