Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11 Oesterreichifche Wochenschrift Seite 193 Es waltet ein rächendes Schicksal über den Sternen und die göttliche Gerechtigkeit ist ewig und unbeugsam. Auch Moriz Schars ist nun von dem Verhängniß ereilt worden, das beinahe sämmlliche Acteure des Tisza-Eszlar er Prozesses betroffen hat. Der Staatsanwalt Both, welcher die folgenschwersten Ungesetzlichkeiten im Laufe der Untersuchung eingeleitet hat und für die Auslieferung des Knaben an den Häscher Peczely behufs dessen Abrichtung zur Zeugenaussage in erster Linie verantwortlich ist, erschoß sich noch während der Untersuchung wegen Unregelmäßigkeiten in seiner Handküsse. Ad am o v i c s, der katholische Geistliche von Tisza-Eszlar, der die dortige Blutlüge ersonnen, im Volke genährt und verbreitet hatte, starb in seinem 41. Lebensjahre 'an einer langen, qualvollen Krankheit. Der Sicherheits-Commissär Vay, der gelegentlich dieses Processes alle Schrecken mittelalterlicher Tortur heraufbeschworen hatte, insultirte den jüdischen Verlheidiger Dr. Neumann auf offener Straße und wurde in einem Duell von diesem so arg zugerichtet, daß er in einem Wagen vom Kampfplatz geführt werden mußte. Zwei Jahre später starb er an den erlittenen Verletzungen. Sein Spießgeselle, Sicherheitscommissär Andreas Recsky (Recsky-Bandi), der mit der Peitsche die Zeugen^präparirte, wurde vor sechs Jahren wahnsinnig und einige Monate nachher zum Selbstmörder. Peczely, der Präperator des kleinen Scharf, entleibte sich. Maurer, der damalige Redacteur des Nyiregyhazaer antisemitischen Hetzblattes, starb als sehr junger Mann Ende der 80er Jahre und Verhovay, der Redacteur des damals berüchtigten antisemitischen Tagblattes „Fügyetlenseg" wurde bald nach dem Processe wegen Defraudation der für die Csangomagyaren gesammelten Unterstützungsgelder verurtheilt und eingesperrt. Mit Moriz Scharf ist jene Persönlichkeit aus dem Leben geschieden, welche in der Lage gewesen wäre, stütz er oderspäter über das Verfahren des Untersuchungsrichters und seiner Helfershelfer unmittelbar nach dem ersten Auftauchen der Blutbeschuldigüng entscheidende Aufschlüsse zu geben. Diese Aufschlüsse hätten allerdings nur mehr Bekanntes bestätigen können. Tisza-Eszlar und der Antisemitismus in Ungarn gehören der Vergangenheit an. Moriz Scharf hat rm Grabe den Frieden gefunden, der seiner schwer beladenen Seele im Leben versagt geblieben ist. Nahida Remy?) Wir geben unseren Lesern heute die Selbstbiographie einer der merkwürdigsten Frauen unserer Zeit. Wie Bertha von Suttner es sich zur löblichen Aufgabe gemacht hat, den Bölkerfrieden zu predigen und den Krieg zu bekämpfen, so hat Nahida Remy als echte Christin und humaner Mensch es unternommen, das Judenthum und seine Lehren in der Ursprache zu studiren, um wirkungsvoll dem Antisemitismus entgegcnzutreten, dann aber auch die Juden, namentlich die Frauen, mit dem Inhalt der gelehrten Schriften, besonders des Talmuds bekannt zu machen, gegen dessen absichtliche Fälschungen durch den Antisemitismus, die, Unwissenheit sie hindert, vertheidigend aufzutreten. Es -ist nicht zu leugnen, daß von tausend Jüdinnen nicht eine den Talmud kennt, was auch gar nicht nothwendig ist, da das Glaubensbekenntnis nicht auf Lehren des Talmuds, sondern nur auf denen der Bibel beruht. Wir weisen auf die kürzlich erschienene Erklärung von 200 Rabbiner in Deutschland hin, die veranlaßt durch gehässige Schriften, amtlich zur Abwehr abgegeben wurde. In derselben heißt es: „Die heilige Schrift, welche Gemeingut der ganzen gesitteten Welt geworden ist, bildet die Grundlage für. die Lehre des Judenthums". Allgemein anerkannt und auch in Zeiten der Verfolgung festgehalten ist der Ausspruch des Talmuds: „Die Frommen aller Völker sind der 'ewigen Seligkeit theilhaftig" (Tosefta Sanhedrin 13, 2). Die Sittenlehre des Judenthums erkennt keinen Ausspruch und keine Anschauung an, die dem Nichtjuden gegenüber etwas erlaubt, was dem Juden gegenüber verboten ist. *) Vorstehende Biographie einer merkwürdigen unseren Lesern bereits bekannten protestantischen Pastorstochter entnehmen wir der trefflich redigirten „Deutschen Hausfrauen-Zeitung" von Frau Lina Morgenstern in Berlin. Die Sittenlehre des Judenthums, die seinen Bekennern heilig ist, die in den Schulen gelehrt und von den Kanzeln verkündet wird, gebietet: In jeden» Menschen das Ebenbild Gottes zu achten, in Handel und Wandel strengste Wahrhaftigkeit gegen Jedermann zu bethätigen, jedes Gelübde und Versprechen, welches irgend einem Menschen, sei er Jude oder Nichtjude, geleistet-wurde, als unauflöslich und unverbrüchlich treu zu erfüllen, Nächstenliebe gegen Jedermann ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens zu üben, die Gesetze des Vaterlandes in treuer Hingebung zu befolgen, das Wohl des Vaterlandes mit allen Kräften zu fördern und an der geistigen und sittlichen Vervollkommnung der Menschheit mitzuarbeiten." Berlin, im Februar 1893. Folgen 210 Unterschriften von Rabbinern jüdischer Gemeinden in Deutschland. — Wir lassen jetzt Nahida Remy selbst erzählen; wie es in nachfolgendem Briefe an die Herausgeberin gegeben ist. „Geboren bin ich in Berlin 1849. Der Bund zwischen meinen Eltern war sehr unglücklich: meiner geliebten Mutter leidender Zustand nöthigte sie, wenige Jahre nach meiner Geburt zu einer Uebersiedlung nach Italien; dort mußte sie sich wiederholt von mir trennen; sie gab mich, als ich etwa 7—8 Jahre alt war, zur Erziehung zu einer englischen Gräfin (St. Germain) in Pisa. Diese Dame war sehr fromm und streng; die Leidenschaftlichkeit dieser alten Frau und ihre Sonderbarkeiten haben mir die Heiterkeit und Harmlosigkeit meiner Kindheit geraubt. Nach drei Jahren etwa übergab mich meine Mutter, die in Palermo beim Herzog della Verdura Erzieherin war, einem hochangesehenen palermitanischen Kloster-Erziehungsinstitut. Ich war über mein Alter hinaus gereift und der mir ertherlte Religionsunterricht war in keiner Weise geeignet, überzeugend auf mich zu wirken. Ich war nun 12 Jahre alt, als meine Mütter mit mir nach Neapel übersiedelte und mich dem Religionsunterricht eines anglikanischen Priesters Rev. Douglas übergab. Ich hatte bereits das Bibel-Studium begonnen und meine selbstständigen Ansichten über Religion und Moral befestigten sich immer mehr. Ich grübelte über beides und liebte die Kirche, aber ich konnte zu ihren Dienern kein rechtes Vertrauen fassen. Da brachte mich meine Mutter zu dem Prediger der kleinen evangelischen Gemeinde in Neapel — er hieß Remy. Er war ein gütiger Lehrer. Eines Tages fällt ein Wort von seinen Lippen und es durchzuckte mich „das ist gut, das ist schön". Die Freude muß in meinem Gesicht aufgeleuchtet haben — aber der Prediger mißverstand mich, er glaubte, ich lächelte spöttisch — und gab mir eine Ohrfeige. — Ich ging nicht mehr zu seinem Religions-Unterricht; diese Ohrfeige kränkte nicht blos mein Gemüth, sondern erweckte auch sonderbare Zweifel, sie war eben das schlagendste Mittel, mich aus kindlich-religiöser Hingebung zu nachdenklicher Kritik zu führen. Dieser Characterzug blieb mir eigen. 1863.reiste meine Mutter mit mir nach Flatow (ihrem Geburtsort), einem westpreußischen Städtchen von 2000 Einwohnern,' zu einer erkrankten alten Tante. Dort übernahm Superintendent Dr. Tobold meinen Religions-Unterricht. Er war ein milder und doch eifriger Lehrer; auch ihm gelang es nicht, mir gewisse Formeln abzugewinnen; er worüber mein religiöses Verständnis und über meine Bibelkunde sehr erstaunt, aber er erklärte am Schluß des Unterrichts, daß er mich nicht einsegnen könne .... Dennoch sollte der Form genügt werden; nach einem Jahre etwa besuchte ich in Berlin den Religions-Unterricht des Mannes, der mich getauft hatte, General-Superintendent Karl Büchsel. In derselben Kirche St. Matthäi, in der ich über das Taufbecken gehalten worden war, fand meine Konfirmation statt.- Jahre vergingen, ich wünschte mich zur Malerin äuszubilden. Hatte ich doch schon nach der Natur gezeichnet, ehe ich schreiben lernte! Peter von Cornelius gab mir sogar allwöchentlich eine Unterrichtsstunde und Herr von Olfers, der damalige Direktor der Museen, hatte mir auf Grund meiner Studien den Besuch derselben eine Stunde vor Eröffnung gestattet, um ungestört nach der Antike zu zeichnen. Otto Knille ertheilte mir Unterricht, und dennoch mußte ich diesen Lebensplan aufgeben, weil die Mittel zu meiner Ausbildung fehlten. Meine Mutter glaubte an ein Talent für die Bühne und ich durchkostete einige Jahre hindurch die Leiden und Freuden der Theaterlaufbahn. Zu den Freuden gehörten das Studium und die Darstellung von Rollen wie Louise, (Kabale und Liebe), Klärchen, Lorle,