Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 192 Orstrrreichifchr Wochenschrift Nr. 11 oder endlich die Grenze des Antisemitismus zu erreichen bei der Ueberfahrt über den Karst. Freudig wie die Zehntausend Tenophons dürfen wir Juden das Meer begrüßen; dort, wo die Wellen der Adria rauschen, dort kennt man keinen Antisemitismus. In Basel haben sie den Panamascandal in einen Maskenzug verwerthet und eine französische illustrirte Zeitung bringt zum ewigen Gedächtniß getreue Abbildungen dieses Maskenzuges. Wäre es ganz undenkbar, unsere antisemitische Bewegung in ähnlicher Weise zur Darstellung zu bringen? Fürst Liechtenstein im mittelalterlichen Aufzuge mit einem Gefolge von Leibeigenen, Eulen, Raben und Hunden, der Mechaniker Schneider als gelehrter Talmudist, der Professor Schlesinger mit den Symbolen seines philosophischen Systems und seiner wirthschaftlichen Weisheit. Eine Locomotivc der Südbahn mit der Aufschrift: „Nur keine Juden", einige Südbahnbeamte als Kundschafter und Zwischenträger, Verleumdung und Lüge, auf einer Tribüne, mit Lorbeerkränzen geschmückt, die Südbahn von dem Antisemitismus auf den Pranger geschleppt, -er Strike im Gemeinderathe, die Versammlung der Hausherrn und so fort in endloser Reihe; ließe sich da nicht ein imposanter Maskenzug gestalten? Einen Panamascandal sucht ihr; welches Schauspiel bieten dann Diejenigen, die einem solchen Ideale zustreben? Einen Spiegel her, so groß wie das größte Auslagfenster und beschaut euer eigenes Treiben. Die Erscheinungen, welche der Antisemitismus bei uns bietet, stellen den Panamascandal tief in den Schalten. Der Schwindel findet seine Nemesis in den Thatsachen, die Corruption kann man bestrafen, Minister kann man absetzen und ein Parlament läßt sich reinigen. Wenn aber das Uebel in breiten Volksschichten wurzelt, wenn die Geister von der Krankheit ergriffen sind, dann ist es schwer, Heilung zu bringen. Das schwillt und wächst; die moralische Verkehrtheit hat eine derartige Ausdehnung erlangt, daß man nun nicht einmal eine Vorstellung davon hat, welches Bild wir dem Auslande bieten. Auf diese Art ist jeder Muth der Ueberzeugung, jede freie Gesinnung und jede gerade Richtung verloren gegangen. Matt und farblos schleicht unser öffenrliches Leben dahin wie in der Diebsluft von Panama, mitten zwischen den Sümpfen des Antisemitismus. Alle Anstrengungen des Staates werden ohne dauernden Erfolg bleiben, wenn es nicht zuerst gelingt, den Antisemitismus siegreich niederzukämpfen. Das ist das Alpha und Omega aller politischen Weisheit. Jene antisemitischen Beamten der Südbahn, welche es nicht verschmähten, als Spion und Verräther zu dienen, sind nur die Vorläufer Derjenigen, welche bereit sind, als Kundschafter dein Feinde Geheimnisse zuzutragen und Volk und Staat auf diesem Wege zu verrathen. Der Kronzeuge von Tisza-Esrlar. Eia halbvergessener Name ist in den jüngsten Tagen wieder aufgetaucht, um für immer aus der Reihe der Lebenden gestrichen zu werde::. In Amsterdam ist ein junger Edelsteinschleifer gestorben und die Nachricht von seinem Tode weckt die Erinnerung an eines der erschütterndsten Dramen des Jahrhunderts, an eine der furchtbarsten Ausgeburten menschlichen Wahnes. Moriz Sch a r f, der Kronzeuge im Processe T i s z a-E sz l a r, hat fem von der Heimat im fremden Lande und unter fremden Menschen, einsam und verlassen seinen letzten Seufzer ausgehaucht. Jene grauenhafte Scene, in welcher der Sohn gegen den Vater die entsetzliche Beschuldigung des Mordes erhebt, steht wieder lebendig vor unseren Augen. Ein zwölfjähriges Kind, das die furchtbare Tragweite seiner Aussage noch nicht zu ermessen vermag, tritt vor die Schranken des Gerichtes. Aus dem Gewahrsam, in welchem der kleine Zeuge gehalten worden war, sind dunkle Gerüchte in die Welt hinausgeflattert. Man sprach davon, daß Moriz Scharf durch unmenschliche Qualen, durch Schläge, Hunger und Schlaflosigkeit dazugebracht worden sei, wider seinen eigenen Vater zu zeugen. Das Auftreten des Kindes im Gerichtssaal scheint dieses Gerücht zu bestätigen. Schuldbewußt wendet er den Blick von der gebeugten Gestalt des Vaters ab, scheu unb angstvoll hängt sein Auge an dem Antlitz seines Wächters, und in gleichmäßigem Tonfalle, in eiligem Tempo leiert er seine Aussage wie etwas Eingelerntes herab. Was ist die Willenskraft eines zwölfjährigen Knaben gegen die teuflische Bosheit seiner Peiniger? Moriz Schars ist im Gerichtssaal nicht einen Augenblick beV ihm eingedrillten Rolle untreu geworden. Er hat sein Pensum aufgesagt und immer von Neuem mit denselben Worten, mit demselben monotonen Tonfalle wiederholt, wie das erstemal. — Erstaunt erst und dann unter den grauenvollsten Seelenqualen horchte der unglückliche Vater der Aussage seines Sohnes. Er bat und weinte, er drohte und fluchte — das Kind aber sah nur in das erbarmungslose Antlitz des Häschers, und beladen mit dem Fluche seines Erzeugers verließ es den Gerichtssaal. Neben den unerklärlichen und bis heute unausgehelllen Verschwinden der Esther Solymossy bildete die Zeugenaussage des kleinen Moriz Scharf das zweite ungeheuerliche Räthsel dieses Processcs. In der Geschichte des Glaubenshasses und der religiösen Verfolgungen steht freilich solche Unnatur nicht vereinzelt da. In den Annalen der Inquisition wimmelt es von solchen Beschuldigungen, welche Kindern gegen die Eltern, Eltern gegen die Kinder, Brüdern gegen Brüder mit der Folter abgepreßt wurden. Die Inquisition hatte damit nur dem römischen Heidenthume ein Verfahren abgelauscht, welches dieses gegen die Christen in Anwendung gebracht hatte. In seiner Schrift „Gegen die Griechen" constatirt Tatian bei'Besprechung der Hetzereien gegen die Christen, daßes auch an präparirten Zeugen nicht fehlte, die durch das Schlüsselloch gesehen haben wollen und welchen ihre Aussagen von Lehrmeistern einstudirt worden seien. (Cap. 4 und 25). Justin Martyr sApol. 12) ruft ebenfalls den heidnischen Anklägern zu: „Wenn ihr durch allerlei Qualen von unseren Frauen, Kindern und Sklaven Geständnisse erpresset, so sind das keine Beweise geg en uns." Man sieht, der Thürhüter des Comitatshofes von Nyiregyhaza, dessen Obhut der kleine Moriz Scharf während der ganzen Dauer des Processes anvertraut war, hat nach bewährten Rccepten gearbeitet. Der Mann wußte nichts von Tatian und Justin Martyr, er kannte vielleicht kaum die Geschichte der römischen Christen- und der christlichen Ketzerverfolgungen, aber seine antisemitischen Rathgeber und Gönner kannten sie desto genauer und sie waren auch gute Psychologen. Ihr teuflischer Jnstinct fand die Mittel, die kindlichen Gefühle in dem Gemüthe eines zwölfjährigen Knaben zu ersticken und die Furcht vor grausamen Mißhandlungen über die Wahrheitsliebe siegen zu lassen. Zehn Jahre sind seit jener grauenvollen Tragödie verstrichen, welche die ganze civilisirte Welt mit schaurigem Entsetzen, erfüllt hatte. Als der Proceß von Tiszo-Eszlar beendet war, wurde Moriz Scharf zu einem Diamantschleifer in Amsterdam, in die Lehre gebracht. Das Vaterherz hatte nur Mitleid, aber keinen Groll für das Kind, welches man ihm abspenstig gemacht hatte. Der alte Scharf selbst war es, der seinen Sohn in die Fremde führte und für seine Zukunft sorgte. Auf dem Haupte des Knaben aber lastete der Fluch, den ihm sein Vater, seiner selbst nicht mächtig, im Gerichtssaale zugeschleudert hatte. Es heißt, daß Moriz Scharf sich in den letzten Jahren sehr zu seinem Bortheil geändert und seinen Eltern gegenüber wahre kindliche Liebe zur Schau getragen hatte. Es heißt aber auch, daß das Vaterherz trüber Ahnungen voll war und sich ihm oft der Ruf entrang: „Wer in seinem Leben Schlechtes gethan hat, kann kein gutes Ende finden." Diese Ahnung ist in Erfüllung gegangen. Moriz Scharf ist in jungen Jahren das Opfer eines Unfalles geworden. Dem .Burschen ist bei seiner Arbeit ein Steinsplitter in das Auge geflogen und hatte eine Entzündung verursacht, welche sich auf das Gehirn schlug und seinen Tod herbeiführte. '