Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11 Oesterreichische Wochenschrift Seite 195 behufs Aufklärung des rechtlich denkenden Theiles der jüdischen und christlichen Bevölkerung ein Bild des Wirkens jüdischer Frauen in der Weltgeschichte zu geben. Ihr vor nicht langer Zeit erschienenes Werk „Das jüdische Weib" verschaffte ihr in weiteren Kreisen Beachtung. Angeregt durch diesen Erfolg, trat sie in Berlin zum erstenmal als Reduerin auf für die Ideen, die sie begeisterten. Ihre Vorträge, die den Zweck verfolgen, unter Christen und Juden Belehrung über das Wesen des Judenthums zu verbreiten, eingewurzelte Vorurtheile, die durch Entartungserscheinungen imnier wieder neu belebt werden, auszurotten, sammeln einen stets wachsenden Kreis von Zuhörern um sie. Die feine, unwiderstehliche, von weiblicher Anmuth durchwehte Art und Weise ihres Vortrages wirkt in höchstem Maße fesselnd. Durch ihren Vortrag in Köln hat Frau Remy ihren Ruf als bedeutende Rednerin in vollem Maße bestätigt. In dem Bericht über den Bortrag am 28. Dezember 1892 in Karlsruhe heißt es in der „Karlsruher Zeitung": (Verein für jüdische Geschichte und Literatur.) Mehrere Umstände trafen zusammen, um den gestrigen Vortragsabend dieses Vereines zu einem besonders anregenden zu machen. Es ist eine ungewöhnliche Erscheinung, in diesen Vereinsvorträgen Damen auf der Rednertribüne zu sehen. Das Ungewöhnliche dieser Erscheinung wurde noch dadurch gesteigert, das; es eine christliche Dame tvar, die einen Gegenstand aus Religion und Culturgeschichte des Judenthums für ihren Bortrag wählte. Der Bortrag behandelte nicht, wie es meistens in dem Verein der Fall zu sein pflegt, eine bestimmte Persönlichkeit oder einen genau begrenzten Geschichtsabschnitt, sondern verbreitete sich überein allgemeineres und in hohem Grade interessirendes Thema „Die Frau im Talmud". Als Rednerin aber trat die Witwe eines bekannten Dichters - und Publicisten auf, eine Dame, die selbst als Schriftstellerin einen geachteten Namen erworben hat: Frau Nahida Remy. Max Remy, ein außerordentlich kenntnisreicher und fein empfindender Mann, der nicht nur über Kunst und Künstler sehr lehrreich zu schreiben wußte, sondern selbst ein schönes dichterisches Talent besaß und dasselbe in recht achtbaren dramatischen Arbeiten an den Tag gelegt hat, erreichte leider nur ein Alter von 42 Jahren. Seine Gattin Nahida hat sich im Roman und in der Novelle, weniger im Drama,, als eine begabte Schriftstellerin erwiesen; sie besitzt aber auch einen ernsten und in die Tiefe dringenden Forsckiergeist, der sich als sein Gebiet Religion- und Geschichte der Juden auserkor. Wir bekamen am Mittwoch in Frau Remy eine gelehrte Dame zu hören, welche die Entwicklung des Judenthums nicht aus Ueber setzungen der Originalwerke kennt, sondern die Quellen ihrer Kenntnis in der Ursprache studirt hat, obgleich in dem Auftreten der Rednerin nichts an die traditionelle und ziemlich ungalante Vorstellung erinnerte, die man sich seit Moliere's Zeiten von gelehrten Frauen macht. Das Publicuni zeichnete Frau Remy am Schluffe ihres anregenden Vortrages durch lebhaften Beifall aus. Babylonische und hebräischeLiterakur. Bortrag, gehalten in der „Oesterr. ifraelit. Union." Bon Dr. D. Feuchtwang. Das Gebiet der Weltliteratur hat durch die Erschließung unbekannter Erdtheile ungeahnte Bereicherung erfahren. In ihrem Bjldersaale finden die Erscheinungen Platz, von welchen man viel ahnte, wenig ioußte. Seit der egyptischen Expedition Napoleons ist das Interesse für das Pharaonenland fortwährend gestiegen upd die Specialwissenschaft der Aegyptologie förderte Schätze zu Tage, die von gleicher Wichtigkeit wurden für die Weltgeschichte als für die Geschichte der Entwicklung des menschlichen Geistes. Seitdem die Culturstätten des Orients abgestorben sind und nur wie ausgebrannte Vulkane, von verloschenem innerem Feuer so von einstmaliger, weltgebietender Größe zeugen, haben die Ostländer Afrika, Arabien und das Zweistromland etwas fremdes, fast abenteuerliches für die Westländer bekommen. Die vielen, vielen morgenländischen Sagen trugen nicht wenig dazu bei, die Heimat der menschlichen Cultur in ein Fabelreich zu verwandeln, dessen Gestalten wie in den Märchen von „Tausend und Eine Nacht" in fremdländischem Gewände im Volke wandeln. Die heilige Scheu vor dem Orient rührt daher, daß dort die Keimstätte der monotheistischen Religionen liegt, daß jedes Kind das Paradies und die Patriarchengeschichten dorthin verlegt, dort die Geburtsstätte Jesus sucht- So sind diese Länder nahe gerückt' und doch wieder in mysteriöses Dunkel gehüllt. Der Wissenschaft blieb es Vorbehalten, deren Schleier zu lüften und zu zeigen, daß diese scheinbar räthselhasten Gebiete nicht anders sind, als andere auch, nur merkwürdig durch ihre im Erdenschvoß vergrabenen Kulturen. Die jüngsten Fundstätten jahrtausendalter Kulturdenkmäler sind außer Pergamon und Helion, welche durch Schliemanns Ausgrabungen der Welt wiedergegeben wurden, in Babylonien, dort, wo, wie die Bibel meldet, die Wiege des Menschengeschlechtes gestanden hat. Und in gewissem Sinne ist das auch richtig. Die lieblichste Darstellung von der Urgeschichte der Welt und des Menschengeschlechtes ist unstreitig die des Alten Testamentes; und noch immer wird sie. in allen Schulen der Welt dem Kinde gelehrt und noch immer leuchtet es dem kindlichen Sinne ein, daß der Herr in sechs Tagen die ganze große Welt erschaffen und am siebenten Tage vom Schöpsungswerke ausgeruht habe. Wir, die im Zeitalter des Darwinismus leben, lesen noch immer mit gewisser Vorliebe die Erzählungen von Adam und Eva, Kain und Abel, Jakob und Esau; aus oem Sturm und Drang der Frage nach dem Entstehen des Seins und des All's flüchtet selbst der philosophische Denker zu der kindlicheinfachen und doch so weitsichtigen, klaren Menschengeschichte der Bibel, wie aus wildschöner Bergschlucht in sonnige, blumenreiche Trist. Darum gibt es wohl kein B u ch, über das so viele Bücher geschrieben worden sind, als die Bibel, welche unstreitig die erste Geschichte der Kultur, die erste Universalgeschichte ist. Tausende Köpfe waren stets bemüht, dies Buch zu erklären, in hunderte Sprachen ist es übersetzt. Was man bis vor etwa hundert Jahren über Aegypten, Assyrien und Babylonien wußte, schöpfte man im Wesentlichen aus dem alten Testament. Da entdeckte Champollion den Schlüssel zur Lösung der Hieroglyphenschrift und wie durch einen Zauberschlag erstand aus Gräbern ein Volk, neugeboren. Rascher, als man es gedacht hätte, wurde der Schleier von dem Geheimnis ägyptischer Vergangenheit gelüstet und nach wenigen Jahren war die Gesammtgeschichte allerwärts bekannt. Heute sind die Räthsel der schweigsamen Sphynxe fast gelöst. Anders ging es mit den Landstrichen, welche angeblich das erste Menschenpaar beherbergten, mit Babylonien und Assyrien. Die Kenntniß dieser Länder ist zu jung, als daß sie weitverbreitet sein könnte und doch wird es immer klarer, daß an den Quellen des Eusrat und Tigris, die Heimat fast aller asiatischer und sogar eines beträchrlichen Theiles europäischer Cultur zu suchen sei. Der geschichtlichen Erforschung ist der Weg in diese Länder vor noch nicht hundert Jahren gebahnt worden. Grotef e n d 's Entzifferung der persischen Keilschrift, eine Geistesthat, die einzig in der Geschichte der Wissenschaften dasteht. hat ein für allemal den Grund zu allen weiteren Errungenschaften auf diesem Gebiete gelegt. Aber erst seit etwa vierzig Jahren ist die Assyriologie zu einer ausgebildeten Disciplin entwickelt. Rawliuson in England, Oppert in Frankreich, Schräder in Deutschland, bildeten Wegweiser ans dem großen Schaffensfelde. Seit dem Jahre 1880 sind zahlreiche Expeditionen in das Zweistroniland abgeschickt worden, deren Erfolge glänzende waren; die jahrtausendalten Schätze wurden der Erde enthoben. Denkmäler assyrisch-babylonischer Kultur, Geschichte, Kunst, Wissenschaft und Literatur wurden nach Europa gebracht und füllen nun stattliche Säle der Museen zu London, Paris und Berlin. Zahlreiche Gelehrte sind damit beschäftigt, das ungeheure Materiale änfzuarbeiten, denn ein großer Theil der aus Mesopotamien heimgeholten Lithogramme ist noch ungelesen und die gelesenen noch nicht sprachlich und geschichtlich ausgebeutet. Freilich gibt es heute schon große Werke über assyrisch-babylonische Historien; Specialwerke über Kosmologie und Kosmogonie, Mythologie, Astronomie und Rechtswissenschaft der Babylonier. Die überaus spärlichen Berichte der Griechen, ergänzt durch das alte Testament, sind nun weitaus überholt; denn die Originalnachrichten, die wir nun besitzen, können sich an Umfang mit den Literatur-Denkmälern der Griechen verhältnißmäßig messen. Die tausende von Thontaseln, Alabaster- und Marmortafeln, die in den gewaltigen Trümmern der Paläste babylonischer und assyrischer Könige gefunden worden sind, sprechen zu uns in verständlicher Sprache und erzählen uns eine Geschichte dieser Staaten, welche in allen ihren Theilen den Anforderungen entspricht, die zur genauen Kenntnis eines Landes und seiner Bewohner erforderlich sind. Man kennt heute die politische Geschichte der Babylonier und Assyrier so gut, tvie ihr gesummtes geistiges Leben. Die Werke, welche ihre Historien behandeln, füllen eine Bibliothek.