Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 194 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 11 Käthchcn von Heilbronn, Marianne in den Geschwistern u. s. w.; zu den Leiden der frivole, ja oft unanständige Umgangston der Schauspieler untereinander auf den Proben, in den Garderoben u. s. w.; da.ich mich zurückzog. hielt man mich für stolz und feindete mich an. Ich begrüßte es wie eine Erlösung, als ich im Jahre 1873 nach meiner Verlobung mit Dr. M. Remy, dem Neffen meines einstigen schlagfertigen Religionslehrers die Bühne verlassen durfte. Ich hatte mich bereits schriftstellerisch versucht und kurz vorher die Freude gehabt, ein anonym eingereichtes Lustspiel: „die Rechnung, ohne Wirth" am Burgtheater in Wien ein Dutzendmal mit großem Erfolg aufgeführt zu sehen. (Siehe Hinrichsen, Kürschner.) Meine Thätigkeit theilte sich zwischen der anstrengenden Pflege meines schwerleidenden (Sotten und seiner Vertretung in Kunst-, Buch- und Theaterkritik. Im Mai 1881 wurde er von seinen Leiden erlöst. Nach einigen sorgen- und arbeitsreichen Jahren widmete ich mich immmer eifriger dem Geschichtsstudium, besonders der Kirchen- und Kulturgeschichte. Meine alte Liebe zur Bibel führte mich zum Erlernen der hebräischen Sprache, um die heilige Schrift im Urtext lesen zu können. Der Antisemitismus, der meinem innersten Gefühl widerstrebte, veranlaßte mich zur Lektüre von Zeit- und Streitschriften für und wider Israel, und allmählich geriet ich immer tiefer in das Studium des Judenthums, d. h. der bezüglichen Werke von Jost, Grätz, Dessauer, Zunz rc., aber ich las auch eifrig die Werke christlicher Amoritäten, wie S. E track, Mommsen, E. Renan, Fr. Delitzsch u. A. Meine Bekanntschaft mit dem Verfasser des Werkes: „Das Leben der Seele", M. Lazarus, erschloß mir viele neue ungeahnte Quellen erhebender Geistesnrhcung! 1889 starb meine geliebte Mutter in dem Lande, das uns eine zweite Heimat geworden, in Italien, und nachdem ich den herben Schmer; allmählich überwunden, fand ich in immer ernsterem Studium den Trost in meiner zunehmenden Einsamkeit. Als ein christlicher Leipziger Verleger ein Werk über „das jüdische Weib" heransgeben wollte, wies ihn Lazarus an mich und dieses Werk erlebte in 6 Monaten drei Auflagen. Der Erfolg dieses Buches bestärkte mich, meinen Fleiß auf das Studium von Juden und Jndcnthum zu coucentriren, da ich damit den schmachwürdigen, inhumanen Anfeindungen des Volkes, dem wir die 10 Gebote, du Propheten^ die Psalmen verdanken, ein versöhnliches Gegengewicht zu leisten hoffte. Im Jahre 1892 wurde in Berlin von Dr. Karpeles ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur gegründet, dessen Vorstand mich ersuchte, Vorträge zu halten. Der Andrang zu diesem und den nachfolgenden Vorträgen war so groß (der erste Vortrag fand im „Brüderverein" Unter den Linden statt), daß Hunderte umkehren mußten; ein erfreuliches Zeichen des Interesses des Publikums für einen so ernsten Gegenstand! — Ein bemerkenswerther Beweis für dieses Jmeresse ist die Thatsache, daß nunmehr aus den verschiedensten Städten Einladungen zu Vorträgen an mich ergingen, sowohl von christlichen, wie von jüdischen Vereinen wissenschaftlichen oder wohlthätigen Charakters. So sprach ich in Prag, am 17. Dccember über „Nächstenliebe". Am 28. Dezember hielt ich in Karlsruhe im großen Rathhaussaal den Vortrag über: „Das Weib im Talmud"; unter dem histinguirten Publicum, das den Saal überfüllte (wie immer bisher mußten viele stehen), sollen viele christliche Glaubensgenossen gewesen sein. Baden ist ein Land, wo noch einigermaßen Frieden unter den Confeffionen herrscht, und die gebildeten Kreise sich gern auf dem gemeinschaftlichen Boden reiner Humanität begegnen. Der schöne Erfolg wurde in den ausführlichen und warm anerkennenden Berichten der maßgebenden Badischen Zeitungen bestätigt. — Lebhafter ging. es in Köln zu, wo ich von 10 Uhr Vorm, bis 3 Uhr Nachm, in meinem schönen Salon' des Hotel Disch einen Besuch nach dem anderen empfing: Professoren und Doctoren, Regierungsräthe und Hofräihe, Rabbiner und Dichter — mit oder ohne ffrauen; — ich muß dem Kellner, der in einer Wanderung mit den Visitenkarten blieb, gewaltig imponirt haben, trotz meines bescheidenen Köfferchens! Der Vortrag: „Die Nächstenliebe im Alten Testament" fand in der überfüllten „Walkenburg" statt. Der Erfolg war herzlichster Beifall, strahlende Gesichter, feuchte Augen, Händedrücke, Blumen u. s w., diesmal eine schöne, eigenartige Dankrede des Rabbiners Dr. Frank, die auch dann im Druck erschien. Auch eine Frau, die Gattin eines dort berühmten Frauenarztes, dichtete auf mein Thema und meine Wirksamkeit ein herrliches, wahrhaft werthvolles Gedicht; diese Frau — ein ganzer Character — und manchen anderen liebenswerthen Menschen kennen gelernt zu haben, gehört nicht zu den geringsten Errungenschaften meiner Rundreise, die mich noch nach Düsseldorf, Elberfeld, Bochum (wo der Rector am Vormittag meines Vortrages seine Schüler aufforderte hinzugehen, er würde auch hingehen"), Münster, Stettin u. s. w. führten. — Am 20. Februar fuhr ich nach Breslau, .wo ich am 21. und 23. die beiden sich ergänzenden Vorträge hielt: „die Nächstenliebe in der mosaischen Gesetzgebung" und „die Nächstenliebe in den prophetischen und poetischen Büchern". Am 27. sprach ich in Hamburg über: „Das Weib im Talmud", dasselbe Thema, das in Karlsruhe und hier in Berlin (am 18. Januar) in der Aula des Friedrichs-Gymnasium so ansprach. Im kommenden Herbst hoffe ich dann auch „die Makkabäer" zu wiederholen. Ueber den glänzenden Erfolg in Prag, wo im riesigen „Wintergarten" ca. 1500 Personen mich hörten, und über das dort unerhörte finanzielle Ergebnis (1200 Gulden Reingewinn für die Handwerkerabtheilung des „Centralvereines" nach Abzug aller Kosten!) berichtete ich Ihnen schon, aber meine Erwiderung auf die verschiedenen Reden auf mich, bei dem mir zu Ehren gegebenen Bankett (das ich nicht ablehnen zu dürfen glaubte, so wunderlich es mir war, daß man mich anspruchslose Frau so feiere), möchte ich Ihnen noch mit-. theilen, da sie zugleich die Antwort enthält, auf die von allen Seiten (auch von Ihnen!) an mich gerichtete Frage: „wie ich dazu komme, mich so für das Judenthum 31t' intereffiren?" „Nicht diese Thatsache, sondern die Frage sollte erstaunlich sein. Ich bin Christin. Wie sollte ich mich nicht für das Judenthum intereffi eu? Ist es nicht das Fundament meiner Religion? Hat es mir nicht die zehn Gebote, die Propheten,. Jesus und die Apostel gegeben? — Aber noch mehr! Durch das Studium der Geschichte des Judenthums bin ich ein besserer Mensch geworden, denn solche Beispiele an Religionstreue, Glaubensmuth, an Pietät für die Eltern, Opserwilligkeit für die Familie und treue Gattenliebe sind mir nirgends in solchem Maße begegnet, als in der Geschichte" der Juden und des Judenthums. Diese Beispiele sind nicht ohne tiefen sittlichen Einfluß auf meine geistige und gemüthlirbe Entwicklung geblieben. Füralles dieses bin ich dankbar, weiter nichts. Ich verwahre mich sogar ausdrücklich dagegen, daß nur Forschungstrieb und Wißbegierde — (io sehr auch sonst diese beiden mich anspornen) — mich zu dem immer eingehenderen Studium der Geschichte des Judenthums veranlassen, sondern nur Dankbarkeit, nur Verehrung! — — Wie Ruth, die Fremde, Eingewanderte stehe ich unter den Söhnen und Töchtern Israels, aber wie Ruth wurde ich liebevoll ausgenommen — zum Dank dafür, spreche ich eine Hoffnung ans: daß die Zeit kommen möge, .in der die Völker kundiger und darum gerechter, als heute, sich erinnern werden, daß sie die Lehre der Nächstenliebe Israel zu danken haben." — ' . Nachdem wir Nahida Nemys uns zur Veröffeutlichnng anvertraute Selbstbiographie gebracht haben, bringen wir einige Auszüge aus Zeitungsberichten, welche am Besten den Eindruck wiedergcben, den. diese seltene und bedeutende Frau durch ihre Vorträge in ganz fremden und unparteiischen Kreisen gemacht hat. Auszug aus der „Kölnischen Ztg." vom 4. Januar 1893;- — Wohl die eigenartigste Erscheinung, in der Bewegung, die sich seit einem Jahrzehnt für und wider das Judenthum erhoben hat, bildet die Schriftstellerin Frail Nahida Remy aus Berlin, welche dieser Tage im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Köln" vor einem dichtgedrängten Publicum einen. Vortrag über die Nächstenliebe im Alten Testament hielt. Die wahrhaft christliche Frau, welche aus ureigenstem Antrieb als Apostel der sittlichen Ideen des reinen Judenthums anftritt, um die Kenntnisse jener erhabenen Lehren unter Inden und Christen zu verbreiten, entstammt einer strenggläubigen christlichen Familie. Eine merkwürdige Frau, die christliche Schriftstellerin, welche durch ihr edles Herz, ihr Mitleid mit den Bedrohten dazu bewogen wird, in das hebräische Schriftthum einzudringen und sich mit dem Studium der lickleibigen Talmudbände zu befassen! Seit Jahren als Schriftstellerin außerordentlich thätig, Verfasserin mehrerer dramatischer Arbeiten, die in Wien und Berlin mit Erfolg öfters aufgeführt wurden, gab sie im Jahre 1890 einen cnltur- und kuchenhistorischen Roman . „Geheime Gewalten" heraus, der von den bekannten Historikern, den Professoren Maurenbrecher und Niepolt sympathisch gewürdigt wurde. In demselben befaßte sie sich zuerst mit der Darstellung jüdischer Charactere. Die seit ihrer frühesten Jugend ausgesprochene Begeisterung für die Bibel erweckte in ihr das Interesse für das jüdische Volksthum, die immer höher gehenden Wogen der. antisemitischen Ausschreitungen empörten ihr Gerechtigkeitsgefühl und brachten in ihr den Entschluß zur Reife,