Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 196 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 11 Die Beschäftigung mit jeglicher geschichtlicher Erscheinung hat an und für sich Werth, der Werth der geschichtlichen Erscheinung selbst wird in dem Maße gesteigert, in welchem diese mit der Entwicklung des Menschengeistes und menschlichen Fortschritts im Zusammenhänge steht. Die Assyriologie machte uns mit einem der ältesten Kulturvölker der Erde bekannt. Sie behandelt eine Völkergruppe, für die wir uns viertausend Jahre vor Christi Geburt bereits in völlig historischer Zeit befinden. Die Geschichte des Orients hat ihren Brennpunkt in der Geschichte der Staaten zu suchen, welche im Gebiete des Zweistromlandes lagen, denn von dort aus gingen die Wogen des Völkermeeres, das sich über ganz Vorderasien ausbreitete und von hier aus über Kleinasien einerseits. Aegypten andererseits, seine mächtigen Arme nach Europa streckte. Die Urgeschichte der Griechen kann nicht mehr ohne die gewünschte Kenntniß der orientalischen Nationen überhaupt, insbesondere der babylonischafiyrischen verstanden werden, und vollends deren gestaltenreicher Mythos nicht, weil er seine Wurzeln im vorderen Orient geschlagen hat. Die Heimat der Astronomie ist Chaldäa, die sieben Wochentage haben heute noch zum Theile die Namen, welche ihnen von den Babyloniern vor mehreren Jahrtausenden gegeben wurden. Die Kunst des klassischen Zeitalters hat nicht allein aus ägyptischen Bauwerken in manchen Zweigen der Architektur Meister geholt, sondern auch von den Babyloniern gelernt. Die Säule findet sich bereits in assyrischen Palästen; freilich ist überall der B a u m st a m m das Vorbild der Säule und da es Bäume überall gibt, braucht an eine Entlehnung im Grunde genommen nicht gedacht zu werden. Dieses Volk der Babylonier-Assyrier besitzt eine Literatur, in welcher mit Ausnahme des Dramas, alle Zweige derselben vertreten sind. - Der Urquell aller Babylonisch-Assyrischen Kultur ist Akkad-Sumir; das ist die älteste Bezeichnung für die älteste Wohnstätte der bekannten Völker Mesopotamiens. Die Akkadier waren, soweit wir blicken können, ein hochentwickeltes Volk, in Künsten des Friedens und des Krieges sind sie von den spätesten Nachkommen ihres Geschlechtes kaum übertroffen worden. . Sie waren bedeutende Strategen und tüchtige Bauherrn; ein großer Theil der Literatur der Babylonier-Affyrer geht auf diese ihre Ahnen zurück; man nennt diesen Theil gewöhnlich „altchaldäis ch". Es ist wohl nicht mit Sicherheit festzustellen, in welches vorchristliche Jahrtausend die Anfänge der akkadischen Geschichte zurückverlegt werden müssen, mindestens aber ist die erste Hälfte des vierten oder aber gar die zweite des fünften Jahrtausend als Grenze festzuhalten. Von einem entschiedenen Sinn für Literaturgeschichte kann man erst bei Asurbanipal, einem der letzten assyrischen Könige sprechen, welcher die gesammte aufzufindende Nationalliteratur sammeln, übersetzen, erweitern und ergänzen ließ. Diese große Nationalbibliothek ist zum Theile ausgegraben worden. Man ist gewöhnt, sich unter einer Bibliothek eine Büchersammlung vorzustellen, oder mindestens an Papyrusrollen zu denken; hier aberhaben wir es mit steinernen Büchern zu thun, denn beinahe die Gesammtliteratur der Babylonier ist auf Steinen in Keilschrift überliefert; auf Backstein, Marmor, Alabaster, Diorit; auf Obelisken, Statuen, Stiercoloßen, an Felsenwänden, hauptsächlich aber auf Platten. Von der kleinsten bis zur größten Form sind sie gefunden worden, von 12 cm. bis zu 2 Meter Höhe; demgemäß sind auch die Schriftzeichen bald so klein, daß sie nur mit dem Vergrößerungsglase gelesen werden können, bald wieder 10 cm. groß. Auch Inschriften auf Silber, Gold, Antimon, auf Achat, Onyx, Chalcedon, Jaspis sind erhalten. Das am meisten gebrauchte Schreibmaterial war der Thon; ihn fand man in den Anschwemmungen des Eufrat und Tigris maffenhaft. Mit einem dreikantigen Griffel wurden die Inschriften in den feuchten Thon gedrückt, dann entweder im Ofen gebacken, oder an der Luft getrocknet. Die Cylinder und Prismen mit den Königsannalen, die Bauurkunden, die zahllosen Verträge aller Art, die religiösen und wissenschaftlichen Texte sind zumeist auf Thontäfelchen geschrieben. Die historischen Inschriften führen uns bis in das Jahr 3800 v. Ehr. zurück, um welche Zeit Sargon I. in Babel regierte. Die Berichte tragen den Character geschichtlicher Treue. Es ist selbstverständlich, daß wir in der Reihe der Ueberlieferungen manche Lücke treffen. Ununterbrochen läuft die Kette durch fast 1200 Jahre. Hochbedeutend für die moderne Geschichtsschreibung sind die babylonischen Chroniken ind die synchronistischen Tafeln. Dies sind Geschichtsrarstellungen im strengsten Sinne; frei von allem schmückenden Beiwerke und den sonst üblichen Phrasen der Königsinschriften, von wechem wir Beispiele noch kennen lernen sollen. Der Styl dieser Tabellen und Chroniken ist folgender: Chronik: „Im Jahre 810 Ramannirraw, König von Assyrien. „ „ 809 Nergelmalik, Tartan, nach der Stadt Gagom. „ „ 808 Belnadil, Palastwacht-Hauptmann; nach dem Lande Man. „ „ 807 Zilbel; nach dem Lande Man. „ „ 806 Assurtakkil, Minister; nach dem Lande Arpad u. s. w. Man begreift, daß solche Listen für den Historiker von großer Bedeutung sind; etwas ausführlicher sind die Nachrichten der sogenannten babylonischen Chronik; sie erzählt folgendermaßen : „Tiglatpileser besteigt den Thron; im selben Jahre zieht er nach Babylonien, erobert die Städte Rabiku u"d Chemae und führt die Götter der Stadt Sazzaza fort. — In der Regierungszeit Nabonassars wurde Borsippe von Babylonien getrennt. Die Schlacht, welche Nabonassar gegen Borsippe kämpft, wird nicht erzählt. — Nabonassar wird im 14. Negierungsjahre von schwerer Krankheit befallen und stirbt. — Vierzehn Jahre regierte Nabonassar über Babylonien. — Sein Sohn Nadiun übernimmt in Babylonien die Regierung:" Von größter Bedeutung sind die ausführlichen geschichtlichen Berichte, welche die babyl.-assyrischen Könige von ihren Staatsschreibern anfertigen ließen; es sind dies theils die sogenannten Prunkinschriften, welche auf mächtigen Alabastertafeln, die gleichzeitig als Wandverzierungen der Paläste dienten, eingegraben waren, theils auf Prismen, die in das Fundament der Königspaläste gesenkt wurden. Diese Ueberlieferungen, welche etwa die Jahre 1500—600 v. Chr. umfassen, bilden eine äußerst genaue Originalgeschichte der beiden Reiche. Ein Beispiel gibt am besten eine Vorstellung von der Art dieser historischen Nachrichten: Sanherrb erzählt: „Auf meinem dritten Kriegszuge zog ich nach dem Lande Chutti. Elulaus, der König von Sidon, ihn überwältigte der Schrecken der Majestät meiner Herrschaft und er floh weithin mitten in's Meer, sein Land brachte ich in Botmäßigkeit; Groß-Sidon und Klein-Sidon, Beth-Zitti, Sarrepta Machallib Uschu, Ekdizza, Akko, seine festen Städte, die Burgen, die offenen und unbesetzten Ocrter, seine Truppenplätze (es hatte sie die Erhabenheit der Waffen Asurs, meines Herrn, überwältigt) unterwarfen sich mir. Den Ethobal setzte ich auf den königlichen Thron über sie und die Leistung des Tributs meiner Herrschaft legte ich als jährliche unabänderliche Abgabe ihm auf. Munahem von Samsimnruka rc. rc. die sämmtlichen Könige des Westlandes, die Küstengebiete insgesammt, brachten ihre reichen Geschenke und Geräthe mir dar und küßten meine Füsse." - Man ersieht aus diesen Proben, daß der Styl ein pathetischer, oft schwülstiger ist. Die Könige bestrebten sich aber, der Nachwelt möglichst große Vorstellungen von ihrem Wirken zu erwecken und sie scheuen sogar vor kleinen Uebertreibungen nicht zurück; mit besonderem Behagen verweilen sie bei den Schilderungen der Gräuelthaten, die an Feinden verübt werden und mit erschreckender Wahrheitsgetreue werden die Verstümmellungen, Schindungen, Verbrennungen beschrieben. Die Belagerungen von Städten, Flußüberschreitungen, Brückenbau, Märsche durch Wüsten und Gebirge, werden in's Kleinste dargestellt zum Ruhme und zur Ehre der Könige und Fürsten; es ist selbstverständlich, daß Schlappen weise verschwiegen worden; doch kann man gewöhnlich zwischen den Zeilen lesen. . Eine ganz eigenthümliche Quelle für die Culturgeschichte der Bab.-Affyrier sind die sogenannten Privaturkunden. Das sind ebenfalls auf Hunderten Thontafeln erhaltene Nachrichten über Handel, Verkehr, Cultus und h ä usliches Leben. Sie bilden eine treffliche Ergänzung zu den strenghistorischen Ueberlieferungen, denn aus ihnen lernen wir das sociale Leben kennen, das ausgebildete Nechtswesen, den Ackerbau und die Industrie. Diese sogenannten Privaturkunden sind in vielfacher Beziehung kostbarer und ergiebiger, als die osficiellen und deshalb häufig officiösen historischen Berichte; geradeso wie die Städten-